Berichte 10.11.2018 | 14:08von Colin McGourty

Carlsen-Caruana, R1: Magnus lässt Fabi entwischen

Magnus Carlsen war zu Beginn der Weltmeisterschaft 2018 in London nahe an einem brillanten Schwarzsieg. Aber gerade als das Glück Fabiano Caruana scheinbar verlassen hatte, zeigte der Weltmeister einige Wackler, die sein Spiel in den letzten Jahren mitunter kennzeichneten. Er vergab den Sieg und mit dem letzten Zug vor der Zeitkontrolle nahezu seinen gesamten Vorteil, nach 115 Zügen und 7 Stunden endete die Partie remis. "Magnus ist nicht mehr so unschlagbar wie früher", war der Kommentar von Zuschauer Garry Kasparov.


Vom ersten Tag des WM-Matches in London konnten wir nicht mehr erwarten, bis auf vielleicht das Geschehen vor der Partie. Wie bereits 2016 machte der amerikanische Schauspieler Woody Harrelson den zeremoniellen ersten Zug. Er erlaubte sich einige, im Nachhinein absichtliche, "Witze".

Wie kann man den einmaligen Woody Harrelson nicht mögen? Er stösst Caruanas König um und macht zwei zeremonielle Züge, nachdem er Fabianos Vorschlag falsch verstanden hatte. Urkomisch.

Zum Glück behielten beide Spieler die Fassung, und danach galt alle Aufmerksamkeit einem faszinierenden psychologischen und schachlichen Kampf. Du kannst die Partie hier mit Computeranalyse nachspielen. Falls du es live verpasst hattest, solltest Du Dir den 7-stündigen Marathonkommentar von Peter Svidler, Sopiko Guramishvili und Alexander Grischuk zumindest teilweise anhören – Grischuk war nur für die letzten sechs Stunden aus Moskau zugeschaltet!

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Ende der Reklame!


Magnus sagte später, dass er "nicht in der Stimmung für ein Remis" war, das zeigte bereits seine Eröffnungswahl Sizilianisch. Auf das Brett kam die Rossolimo-Variante 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5, und der weitere Verlauf der Partie war vielleicht ein schmerzhaftes ‌deja vu für Fabiano Caruana. Die erste Partie der Videoserie Carlsen vs. Caruana: 2015-2018 von Jan Gustafsson und Pepe Cuenca ist ein glatter Schwarzsieg für Magnus beim Tata Steel Masters 2015 in Wijk aan Zee:


Jan erwähnte, dass beide Spieler die Eröffnung dieser Partie seither nicht wiederholten, und damals  (mit Schwarz 7…b6 statt nun in London 7…Sd7) hatte Magnus etwas bei der Zugfolge verwechselt und im Prinzip einen Bauern eingestellt. Fabi profitierte davon jedoch nicht, und bald bekam der Weltmeister Königsangriff - mit einem Zug, den er auch nun in London spielte.

‌Carlsen will es mit 17...g5! wissen, Caruana schaut zu.

Nie zuvor sah ich jemanden mit so gelangweilter Miene g5 spielen!

Er bekam dann scheinbar aus dem Nichts heraus vernichtenden Angriff, noch vor der Zeitkontrolle musste Caruana aufgeben. Hintergrund war, dass Magnus nach Caruanas anfangs 7/7 einige Monate zuvor beim Sinquefield Cup 2014 (fast wurde es 8/8, darunter zwei Siege gegen Carlsen!) seine Dominanz in der Schachwelt wieder herstellte. Es war ein Teil von Carlsens eigener Serie von sechs Siegen nacheinander, Grundlage für den Turniersieg beim Tata Steel Masters.

Vier Jahre später in London begann die Partie unter anderen Vorzeichen. Diesmal spielte Magnus die Eröffnung fehlerfrei, Alexander Grischuk brachte reihenweise Einblicke zu einer Stellung, die für Caruana schnell kritisch wurde. Nach 13…h6! 14.Qd2:

‌Grischuk: Derlei Stellungen mit vielen beiderseitigen Möglichkeiten begünstigen Magnus etwas, da er viel schneller spielen wird als Fabiano". Er erwartet bereits spätere Zeitnot!

Fabiano äusserte sich dann in der Pressekonferenz nach der Partie ähnlich:

Ich war mit dieser Variante einigermassen vertraut, aber es ist etwas verwirrend: Schwarz kann auf viele verschiedene Arten spielen, auch wenn die Züge mehr oder weniger dieselben sind. Ich konnte mich nicht wirklich daran erinnern, wie ich die Stellung genau behandeln sollte. Schon nach h6 suchte ich nach irgendeiner Idee, erfolglos.

In der obigen Stellung wählte Carlsen, wieder analog zu Wijk aan Zee 2015, 14…g5, und nach 15.Taf1 Dd6 entschied sich Fabi für 16.Sg4!? (“Mein Sg4 war etwas zu direkt. Direkt nachdem ich so spielte begann ich es zu bereuen"). 16…0-0-0! 17.Sf6!? und die Silikonmonster prognostizierten bereits einen Schwarzsieg!

‌Drama! Nach Caruanas 16. Zug Sg4 sowie 0-0-0 und Sf6 denkt der norwegische Supercomputer Sesse, dass Carlsen klar besser steht! In dieser Partie gibt es vielleicht eine Entscheidung.

Einige weitere Gedanken von Grischuk passen zu dieser Situation. Über einige Interviews des Weltmeisters vor dem Match:

Wenn Magnus sagt, dass Fabiano "mein schwierigster Gegner ist", bedeutet es, dass er vor ihm keine Angst hat - sonst würde er das nicht sagen!

Und ein Aphorismus zum Match:

Mein Gefühl sagt mir, dass Magnus Angst hat, das Match zu verlieren, aber er hat keine Angst vor Fabiano. Und Fabiano hat keine Angst, das Match zu verlieren, aber Angst vor Magnus! Das gleicht sich also aus. 

Fabianos Bedenkzeit schrumpfte schnell dahin. Ein Zeichen für Carlsens Selbstvertrauen war, dass er, statt auf einen langfristigen Vorteil zu setzen, zwecks Linienöffnung vor dem weissen König einen Bauern opferte:

‌Svidler über 21...Sf8!? "Die erste wirklich überraschende Entscheidung in dieser Partie"

Grischuk: "Ich hatte das sogar erwogen aber dachte, dafür gibt es rein gar keinen Grund. Ich erwähnte es nicht aber es ist wohl interessant ... wenn er so spielt!"

Grischuk ergänzte später:

Es zeigt, wie sehr er diese Partie gewinnen will! Nach dem Match gegen Sergey ist es verständlich - damals brauchte er 10 Partien, um endlich eine zu gewinnen!

Das war der Magnus, den wir damals in Wijk aan Zee erlebt hatten:

‌Der Teilzeit-Komiker in ihm tarnt oft den inneren Vollzeit-Mörder.

Für sein Gezocke wurde er reichlich belohnt, nach 34 Zügen dominierte Carlsen total:


Ohne Computerhilfe wiesen unsere Kommentatoren darauf hin, dass ein Schwenk der Dame zum Damenflügel vernichtend aussieht. Nach 34…De5 kann die schwarze Dame sich weissen Bauern am Damenflügel widmen, außerdem droht auch ...Tg3. Es schien für Weiß so hoffnungslos, dass Bedenkzeit keine Rolle mehr spielen würde - "wenn Caruana anderthalb Tage hätte, würde das nur sein Leiden verlängern" (Grischuk). Die einzige Frage schien, ob Weiß die Zeitkontrolle im 40. Zug erreicht oder nicht.

Plötzlich verlor Magnus allerdings den Faden (ab 34…h5!?), da er sich weiterhin nur dem Königsflügel widmete. Svidler gab Weiß nun "viel bessere Überlebenschancen". Fabiano meinte später “erst als Magnus 39…Dg7 spielte bekam ich das Gefühl, dass ich vielleicht entwischen kann". Objektiv stand Schwarz immer noch auf Gewinn - bis zum letzten Zug, bevor beide Spieler 50 zusätzliche Minuten bekommen:

‌Caruana machte gerade seinen 40. Zug mit noch 3 Sekunden auf der Uhr. Er steht auf Verlust.

Magnus selbst liess seine Uhr auf unter eine Minute ablaufen und spielte dann 40…Lxc3?, nach dem Bauerntausch 41.Qxf4 war Fabi definitiv entwischt. Reaktionen:

‌Diese Partie folgt dem diesjährigen Skript. Magnus scheint ein viel stärkerer und vielseitigerer Spieler als zu seinen besten Zeiten...aber das kam auf Kosten seiner Killer-Technik, und das ist ein MASSIVER Preis.

Eine lebende Legende:

‌Kasparov: "Wenn Magnus die Partie nicht gewinnt verrät es, dass er grosse Probleme hat, seine Nerven zu kontrollieren"

Auf den US-Herausforderer wartete jedoch weitere Arbeit, denn nach 41…Ld4 musste er das kleinere Übel wählen:

‌Grischuk: "Schwere Entscheidung - unangenehmes Mittelspiel oder unangenehmes Endspiel? Was soll er wählen?"

Grischuk erklärte, dass er - wenn er sicher wäre, dass es nicht forciert verliert - 42.Te2 spielen würde, dann könnte Weiß nämlich "durch ein Wunder" sogar gewinnen. Aber Caruana tauschte mit 42.Df7+ die Damen und musste sich danach noch lange verteidigen. Magnus meinte hinterher:

Natürlich werden es lange Partien - es ist eine Weltmeisterschaft. Ich werde es versuchen, auch wenn ich das Gefühl hatte, dass ich eine Chance verpasste. Ich werde versuchen, jeden kleinen Tropfen Wasser aus einem Stein heraus zu pressen. Wenn es nichts einbringt, dann eben nicht, aber so muss man spielen!

Nach 73 weiteren Zügen und 3 weiteren Stunden war die Partie im 115. Zug endlich vorbei, Caruanas Verteidigung schien so einfach wie unter den Umständen möglich:

‌Die erste Partie von Carlsen-Caruana endete nach 115 Zügen remis - eine grosse verpasste Chance für Magnus!

Grischuk: "Es waren 4 sehr aufregende Stunden, und dann 3 sehr langweilige Stunden!"

Niclas Huschenbeth hat diese Partie analysiert - in den meisten weiteren Runden wird Peter Svidler diese Videos produzieren, aber dieses Wochenende braucht Baden-Baden ihn in der Schachbundesliga:

Wer ist nach dieser Partie psychologisch im Vorteil? Nun, Caruana war nach der - wie er selbst einräumte - "glücklichen Rettung" erleichtert, aber es war eine weitere sehr schwere Partie gegen Carlsen. Grischuk:

Caruana hat sich ab einem gewissen Zeitpunkt gut verteidigt. Aber es ist ein etwas schlechtes Zeichen für ihn: Dieses Jahr ist es bereits die dritte oder vierte Partie, in der er von Carlsen komplett überspielt wurde. Alle Partien - die mit 2.Lc4 bei Norway Chess, Russisch in Saint Louis, und noch eine Partie bei GRENKE… und heute. Es könnte durchaus 4-0 stehen, andererseits: die Tatsache, dass er 3 dieser 4 Partien retten konnte, ist Grund für Optimismus.

Magnus sagte, dass ein Remis mit Schwarz in einem Match nie ein schlechtes Ergebnis ist:

Ich bin nicht allzu begeistert, aber dennoch: rein vom Stand im Match her ist es nun etwas besser als noch gestern, und das ist eine gute Nachricht.

Hier das Video der kompletten Pressekonferenz nach der Partie:

Fabiano hat am Samstag in der zweiten Partie Schwarz und wird wohl unter ernsthaften Druck kommen, andererseits: seine Erfolge 2018 beruhten oft auch auf Siegen mit den schwarzen Figuren. Du solltest das nicht verpassen. Peter Svidler sitzt anderswo selbst am Brett, aber Alexander Grischuk will Sopiko Guramishvili für die gesamte Show unterstützen... und danach noch Banter Blitz (Geschwätzblitz) spielen! Falls Du seine erste Serie verpasst hast, hast Du durchaus etwas verpasst. Aber Du kannst sie nun auf unserer Shows-Seite betrachten.

Die zweite Partie des WM-Matches mit Kommentar live hier auf chess24 ab 16:00 MEZ!

Siehe auch:


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