Berichte 21.04.2021 | 11:36von Colin McGourty

Kandidatenturnier Runde 9: Giri zurück im Rennen

Anish Giri gewann in Runde 9 des FIDE Kandidatenturniers gegen Wang Hao in einer Partie, die Magnus Carlsen als „außerordentlich gut“ beschrieb. Damit hat er jetzt nur noch einen halben Punkt Rückstand auf den Führenden Ian Nepomniachtchi. Fabiano Caruana besaß gute Chancen, auf Nepo aufzuschließen, konnte gegen Kirill Alekseenko aber nur ein Remis erzielen. MVL liegt ebenfalls nur einen halben Punkt hinter Nepo, nachdem er einer zweiten Niederlage in Folge nur knapp entkam. Er befreite sich aus einer schwierigen Situation in einer 88 Züge dauernden Partie, die Magnus Carlsen als „Sargnagel“ für Ding Lirens Gewinnchancen beschrieb.

Giri verlor vor einem Jahr seine erste Partie im Kandidatenturnier, ist jetzt aber wieder im Rennen | Foto: Lennart Ootes, offizielle Website

Ihr könnt alle Partien des FIDE Kandidatenturniers mit der Auswahl unten nachspielen.

Das ist der Live-Kommentar, bei dem Tania Sachdev und David Howell erneut vom Schachweltmeister Magnus Carlsen unterstützt wurden.


Den deutschen Live-Kommentar mit Jan Gustafsson, Stefan Titze und Sonja Bluhm findet ihr hier.


Giri 1-0 Wang Hao

Die Kämpfer verlassen die Bühne | Foto: Lennart Ootes, offizielle Website

Anish Giri ging mit der Entschlossenheit in die Partie, etwas zu erreichen. Wie er nach der Partie, auf seine 14 Remis in Moskau 2016 bezogen, sagte:

Es war für mich sehr wichtig diese Partie zu gewinnen, um zumindest reelle Chancen im Turnier zu behalten - andernfalls wäre es sehr schwer geworden. Ich habe bereits die  Erfahrung im Kandidatenturnier gemacht, bei dem ich meine Chancen bis zum Ende behalten habe. Aber ich habe realisiert, dass man ab einem gewissen Punkt Partien gewinnen muss. Es reicht nicht aus, dass das Turnier gut läuft und niemand wirklich eine Nase vorn hat. Du musst irgendwann auch selbst Partien gewinnen, weshalb es gut ist, eine Partie gewonnen zu haben und wir werden sehen, wie es weitergeht.


Er besaß die weißen Figuren, allerdings sah seine Katalanische Eröffnung verglichen mit den extravaganten Eröffnungen aus anderen Partien eher zurückhaltend aus. Magnus Carlsen konnte sich einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen.

Als er später hinzufügte „Anish Giri bringt uns Schach bei!“, drückte dies eine gute Prise ehrlicher Bewunderung für das raffinierte 16.h3 aus. Der niederländische Star fuhr daraufhin damit fort, Wang Hao ruhig sämtlichen Spielraum aus seiner Stellung zu nehmen. Chinas Star hatte Schwierigkeiten, Züge zu finden und besaß sehr Wenig Zeit, als ihm 27...g6!? Probleme bereitete. Wenige Züge später bestand die Frage nur noch darin, wie Giri seinen Gegner zu Fall bringen würde.


37.Txf7+ war hier mehr als genug, indes betonte Giri, dass er Vertrauen in Festungen hat und, wie Magnus Carlsen festhielt, war 37.Ta7! Td5 38.Db7! wesentlich abgebrühter. 39.Sxf7! provozierte dann die Resignation.

Magnus fasste zusammen:

Eine außerordentlich gute Partie. Er hat es geschafft, alle seine Stärken in dieser Partie zu zeigen. Sowohl in dem Sinne, dass er eine kleine Idee in der Eröffnung mit h3 gefunden hat als auch dadurch, dass er einfach kleine Wege fand, seine Stellung zu verbessern, um sie dann mit Stil zu verwandeln. Alles in allem also eine ausgezeichnete Partie, bei der er Hao sehr schlecht aussehen ließ.

Wang Hao begleitete Giri bei der nachfolgenden Pressekonferenz und Magnus Carlsen sprach aus Erfahrung, als er davon erzählte, wie schwer solche Torturen nach einer Niederlage sein können. 

Wang Hao schien es aber würdevoll zu nehmen. In Jekaterinburg und darüber hinaus gab es Feiern für niederländische Schachspieler und Helfer von Anish.

Seht auch die vollständige Analyse des französischen GM Adrien Demuth an.

Hier ist die Pressekonferenz nach der Partie.

Der Sieg bedeutet für Anish, dass er jetzt Teil des Dreiergespanns ist, dass direkt auf Ian Nepomniachtchi folgt.


Grischuk ½-½ Nepomniachtchi

Zuschauer im Veranstaltungssaal sind streng limitiert.. | Foto: Lennart Ootes, offizielle Website

Diese Partie war ein weiteres Zeugnis dafür, wie schwer es sein kann Eröffnungen, auszuschöpfen. Alexander Grischuk schaffte es, im Grünfeld-Indisch bei Zug 9 eine Neuerung zu entfesseln, wenn davon beim zurückhaltenden 9.h3!? überhaupt die Rede sein kann.


Wie Grischuk erklärte:

h3 ist, soweit ich weiß, ziemlich sicher eine Neuerung. Kein einziger fähiger Spieler hat das gespielt. Es gab ein paar Partien von absoluten Anfängern...

Die Überraschung zahlte sich aus, denn Ian Nepomniachtchi versank sofort in einer Tiefenanalyse. Grischuk ging davon aus, dass die folgende Variation 9...Sc6 10.d5 Lxc3+ einen gefährlichen Bauerngewinn für Schwarz darstelle. Was folgte, war eine angespannte Auseinandersetzung. Es wäre jedoch naiv anzunehmen, dass sich Grischuks gefundene Überraschung in der Eröffnung positiv auf seiner Zeit widerspiegeln würde. Als Magnus davon erfuhr, dass Sasha nur noch drei Minuten auf seiner Uhr besaß, feuerte der Weltmeister mit „Andere spannende Neuigkeit: Der Ozean besteht aus Wasser!“ zurück.

Es schien, als müsste sich Grischuk dem Unausweichlichen stellen und ein Remis annehmen, was seine Chancen auf einen Sieg im Kandidatenturnier verpuffen lassen würde. Er fand jedoch eine Möglichkeit, die er selbst als ein letztes Drehen des Roulette-Rads beschrieb.


26.Txf7!? war sicherlich nicht die Art von Zug, die Nepo gerne gesehen hätte...

...aber er hatte mehr als genug Zeit, sich hinzuhocken und einen Weg zu finden, den potenziellen Wahnsinn von so etwas wie 26...Lxf7 27.Txf7 a4! 28.Ld5! d3! zu vermeiden. Stattdessen erwies sich 26...Lxb3 als ein gradliniger Weg zu einem unentschiedenen Turmendspiel, bei dem das Ergebnis für Ian wesentlich zufriedenstellender war.

Grischuk beherrscht noch immer die Pressekonferenzen nach den Partien.

Er erklärte, dass er sich einen Finger gebrochen habe, lieferte jedoch keine Details. Als die Tatsache aufgebracht wurde, dass alle Spieler unterschiedliche Stühle benutzen, antwortete er:

Alles an diesem Turnier ist vollkommen absurd, also fügen wir einfach eine neue Dimension der Absurdität hinzu - jeder hat einen anderen Stuhl!

Als sich Anastasia Karlovich erkundigte, ob ein Film über das unterbrochene Kandidatenturnier ein Drama oder ein Thriller sei, antwortete er mit einem Wort - „Farce“.


Alekseenko ½-½ Caruana

Fabianos Stuhl schindet zweifellos Eindruck | Foto: Lennart Ootes, offizielle Website

Mit Kirill Alekseenkos Zug 11.a4, der Fabiano Caruana überraschte, war die Partie gleich zu Beginn faszinierend. 

Die kurze Antwort darauf war, dass der Bauer tatsächlich auf verschiedene Art und Weise geschlagen werden konnte, aber Weiß nach allen Variationen eine gute Kompensation erhielt. In der Partie wurde 11...a5 12.La2 exd4 gespielt.

Kirill bestätigte, dass er sich bis 13.Sc4 dxc3 14.Sxb6 c2!? noch in seiner Vorbereitung befand.

Ungeachtet der Skepsis des Weltmeisters und der Computer, erklärte Fabi später, dass dies der einzige Zug war, den er in Erwägung zog. Er wollte schlicht und ergreifend nicht zulassen, dass der weiße Bauer c3 besetzt und seinen Springer auf c6 behindert.

Magnus war ein großer Fan von Kirills Stellung und befeuerte ihn darin, seinen Positionsvorteil mit dem Läuferpaar zu behalten. Sogar wenn dies bedeutete solch komische Manöver, wie Lb1, Dd1 und darauffolgend Ta3 zu spielen. Sehr zu Carlsens Enttäuschung tauschte Kirill jedoch bald die weißfeldrigen Läufer ab und gewann einen Bauern auf b6 zurück.

Jetzt war es an Fabi, zu brillieren und er manövrierte geschickt, bis es so aussah, als würde er einen seiner charakteristischen Siege herausquetschen. Rückblickend dachte der US Star jedoch, dass seine besten Gewinnchancen in dem Moment verschwanden, als er nicht den Bauern auf a4 schlug.

Fabi erklärte später, dass er Weiß nicht erlauben wollte, seine Stellung mit 26...Sxa4 27.Sh2 zu koordinieren, weshalb er es mit 26...Taf8 verhinderte. Später erkannte er aber, dass es an Weiß gewesen wäre, seine Kompensation für den Bauern unter Beweis zu stellen, wenn er Sh2 einfach zugelassen und mit 27...Sc5 reagiert hätte.

Wie dem auch sein mag, Kirill Alekseenko bekam erneut die Chance, sein beeindruckendes positionelles Verständnis unter Beweis zu stellen, als er Bauern zugunsten von Figurenaktivität ignorierte. Er hielt das Remis mit ziemlicher Leichtigkeit - auch wenn die Art, die er zum Remisieren des folgenden Turmendspiels wählte, einige Fragen unter seinen professionellen Kollegen aufwarf.

Hier ist die Pressekonferenz mit Fabi und Kirill.

Ding Liren ½-½ MVL

Maxime ist scheinbar ein Fan überdimensionierter grüner Stuhle, die Anish schaffte, mit einem Kuchen zu vergleichen, der von seiner Frau gebacken und von einem Gast zugunsten günstiger Schokolade abgelehnt wurde. | Foto: Lennart Ootes, offizielle Website

Die finale Partie zeigte die offensichtlichen Bemühungen Ding Lirens, seinem Kandidatenturnier neues Leben einzuhauchen, als er auf Maximes geplantes Grünfeld-Indisch mit 3.h4 antwortete. Der Franzose hatte die Stellung selbst gespielt und verteidigt. Was hingegen folgte, war eine wilde Eröffnung, bei der die Züge „nach tiefer Computervorbereitung riechen“, so Magnus. Beim 11. Zug überlegte Ding jedoch lange, was vermuten lässt, dass sein 15.Sd4!! vielleicht auf dem Brett erdacht wurde.

Man kann nur mit Maxime mitfühlen, der zum zweiten Mal in Folge von einem Figurenopfer getroffen wurde. Maxime nahm das Opfer mit 15...cxd4 16.cxd4 an, entschied sich dann aber dazu, es mit 16...0-0 zurückzugeben. Ein Zug, den er später bereute. 16...Sf7 sah sehr gefährlich aus, aber besser als das, was in der Partie passierte. Denn MVL hatte zwar die Material-Balance wiederhergestellt, sah sich aber mit einer strategisch hoffnungslosen Stellung konfrontiert.

Man könnte bessere Alternativen zu Dings Entscheidungen vorschlagen, allerdings ist es schwer zu bestreiten, dass er bis auf einen Patzer eine gute Partie spielte.


Nach 37.Dc2 oder einigen anderen Zügen wären die schwachen Bauern von Schwarz auf b6 und e4 zusammen mit dem schwachen König fatal gewesen. Stattdessen entschied sich Ding für das direkte 37.d6? und gab später zu, dass er 37...Te6! 38.d7 Td6! schlichtweg übersehen habe. Danach war der Großteil der Gefahr für Schwarz überstanden.

Ding war sehr fokussiert und machte brillante Züge, aber ein Fehler machte alles zunichte | Foto: Lennart Ootes, offizielle Website

Zwar hatte er noch eine lange und komplizierte Verteidigung vor sich, dennoch ließ sich Maxime nicht beirren und hielt ein Remis.

Magnus stellte fest, dass Maxime sowohl seine schlechtesten als auch besten Eigenschaften in Jekaterinburg gezeigt habe - seine schlechtesten sind seine Eröffnungsvorbereitung sowie seine manchmal unsichere Beurteilung von Positionen, während seine besten in seiner Kalkulationsgabe und seiner Verteidigung bestehen. Maxime fasste selbst zusammen:

Grundsätzlich geriet ich in große Schwierigkeiten und ab einem bestimmten Punkt war ich mir sicher, dass meine Stellung innerhalb von zwei Zügen zusammen brechen würde. Dann fand ich jedoch Zug um Zug, um den Kampf weiterzuführen und es war mir schlussendlich möglich, die Partie zu retten. Es ist aber eindeutig, dass sie nicht in die Sammlung meiner besten Partien eingehen wird.


0.5/2 war vermutlich ein halber Punkt weniger als sich Maxime von seinen Partien mit Schwarz gegen den Weltranglistenzweiten und dritten erhofft hatte. Das Remis hält ihn dennoch im Rennen um den Sieg unter den vier klaren Favoriten.


Ab jetzt ist jede Runde gewaltig und Runde 10 sieht ein Aufeinandertreffen zwischen zwei der Verfolger, MVL-Giri. Nepomniachtchi wird in seiner Partie gegen Alekseenko vermutlich auf einen ganzen Punkt schielen, trotz dessen exzellenten Starts in die zweite Hälfte. Die Begegnung Caruana-Ding Liren ist zweifelsohne ein Kampf der Giganten, allerdings geht es für Fabiano nun um wesentlich mehr. 


Magnus Carlsen warnte uns davor, irgendwelche Voraussagen auf das Endergebnis zu treffen. Denn er erinnerte daran, dass die finalen vier Runden seines einzigen Kandidatenturniers 2013 in London pures Chaos waren. „Es geschieht immer irgendwas schräges“, bezeugte er - kurz gesagt solltet ihr eure Augen nicht vom Turnier lassen!

Verpasst keinen Moment von Runde 10, bei der Magnus Carlsen mit Tania Sachdev und David Howell live um 13:00 CEST hier auf chess24 kommentieren wird.

Den deutschen Live-Kommentar übernehmen Jan, Stefan und Sonja.

Siehe auch:



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