Berichte 17.02.2020 | 15:33von Colin McGourty

Cairns Cup 7-8: Carissa Yip schlägt die Weltmeisterin

Die 16 Jahre alte Carissa Yip konnte Weltmeisterin Ju Wenjun mit den schwarzen Steinen besiegen - und das, obwohl sie mit 0/4 einen absoluten Albtraumstart ins Turnier erwischt hatte. Nun jedoch scheint das Turnier zu einem Traum zu werden. "Ich mag es, anderen das Turnier zu vermiesen", sagte Carissa, nachdem Ju Wenjun nun einen ganzen Punkt hinter der alleine führenden Humpy Koneru liegt, die selbst die außer Form befindliche Valentina Gunina besiegen konnte. Alexandra Kosteniuk liegt nach ihrem Sieg gegen Nana Dzagnidze einen halben Punkt zurück.

Ein historischer Moment: Ju Wenjun gibt gegen Carissa Yip auf | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Alle Partien des Turniers kannst du hier nachspielen:

Den Live-Kommentar zur achten Runde von Yasser Seirawan, Jennifer Shahade und Alejandro Ramirez kannst du dir hier noch einmal anhören:

Runde 7: Kein Valentin(a)s-Tag

Beim Cairns Cup hätten viele Dinge ganz anders laufen können. In Runde 7 war Humpy Koneru gegen Irina Krush in Nöten, während Ju Wenjun einen Bauern gewonnen hatte und dann einen überwältigenden Vorteil gegen Nana Dzagnidze herausspielte. Es schien nur eine Frage der Technik zu sein, bis 67...h3? geschah:


Das lief allerdings in den Zug 68.Sf5+! und plötzlich kann der schwarze König nirgendwo mehr hingehen, ohne Matt oder eine teure Gabel zu vermeiden (68...Ke8 69.Sg7+). 68...Txf5 69.Kxf5 war erzwungen, wobei sich herausstellte, dass 69...a4 zum Remis ausreichend war. Das war ein wenig unglücklich für die Weltmeisterin der Frauen, denn hätte sie mit 67...a4! begonnen, hätte sie auch nach 68.Sf5+ noch auf Gewinn gestanden.

Almira Skripchenko und Anastasia Karlovich im Geiste des Valentinstags | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Ju Wenjuns Tag sollte jedoch noch schlechter werden, da Humpy Koneru den halben Punkt festhalten konnte. In die vorletzte Runde gingen sie also mit gleicher Punktzahl. Valentina Gunina hatte jedoch einen wahrlich gebrauchten Valentinstag. Sie verlor ein remises Leichtfigurenendspiel. Mariya Muzychuks Schlusszug 31...La1! fasst Valentinas Turnier gut zusammen:


Weiß ist am Zug, aber gegen 74...Kb5 im nächsten Zug kann sie trotzdem nichts mehr ausrichten. Der Springer und die Partie gehen verloren.

Runde 8: Carissa Yip schlägt die Weltmeisterin

Gibst du nun endlich auf? | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Für Valentina Gunina sollte auch Runde 8 keine Besserung versprechen, da sie ihre sechste Niederlage kassierte, dieses Mal gegen Humpy Koneru. Valentinas Zug 14…Dc6? konnte man irgendwie auch schlecht kritisieren.


Der 12. Weltmeister Anatoly Karpov hatte 14 Jahre zuvor gegen Humpy den gleichen Zug gemacht, aber er ist ein fataler Fehler, den selbst Karpov nicht mehr geradebiegen konnte. Nach 15.Df3! h6 16.Dh3! verliert Schwarz Material. Karpov versuchte 16...Sc5, während Valentina nach 21 Minuten des Grübelns die Qualität 16...hxg5 17.Dxh8 gab. Einen Zug später hatte sie Bauer und Qualität weniger und nicht einmal Gegenspiel. Obwohl die Partie 35 Züge lang dauerte, war bereits alles entschieden.

Carissa Yip gab Ju Wenjun Einiges zum Nachdenken | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Diese Partie setzte die Co-Führende Ju Wenjun unter Druck, die von Carissa Yips 4...g6-Nebenvariante im Spanier überrascht wurde. Dennoch hatte die Weltmeisterin bis etwa zum 23. Zug alles unter Kontrolle:


23.b4! hätte den Damenflügel zum Vorteil von Weiß festgelegt, aber stattdessen verbrauchte Ju Wenjun viel Zeit. Dann spielte sie 23.Da2?! Sc8 24.Se1?! b4! 25.Lb2 Lb5!. Carissa ging mit wenig Erwartungen in den Tag, so wie sie es auch zuvor bei vier Niederlagen zu Beginn getan hatte:

Ich schätze, ein schlechter Start hat meiner Mentalität in gewisser Weise geholfen, denn ich hatte mich damit abgefunden, dass ich 0/9 haben werde, sodass ich bei keiner Partie mehr große Erwartungen hatte

Und vor der Partie gegen die Weltmeisterin:

Ich war vor allem deshalb so aufgeregt, weil es mein erstes Mal sein würde, und ich war einfach nur entspannt - ich hatte auf ein Remis gehofft, ich hatte gehofft, nicht zu verlieren! Und dann habe ich es irgendwie geschafft, sogar zu gewinnen.

Carissa wusste jedoch, dass sie nach 25...Lb5 gut stand, "weil ihre Figuren in der a-Linie schlecht stehen, sie sie wegziehen muss und ich dann viel Raum gewinne." Es gab einige Ungenauigkeiten von beiden Seiten, bis mit 34.Nd2? Bh6! der Punkt ohne Wiederkehr erreicht war. Carissa zuerst dachte, sie hätte die Antwort 35.f4 unterschätzt:


Sie wollte 35...Dd7 spielen, bewertete aber korrekt, dass 36.Te3 für Weiß gerade noch die Dinge zusammenhalten würde. Nach 9 Minuten fand sie jedoch den siegbringenden Zug 35...Da7!, was ...c4+ droht. Erst als Ju Wenjun 36.Sc4 spielte, entschied sich Carissa Yip für 36...Dd7! Das war nun viel stärker, denn nach 37.Te3 konnte Carissa einfach c4 schlagen und dann mit der Dame einmarschieren. 

Carissa Yip zögerte kaum, als sie zu den letzten siegbringenden Zügen ansetzte | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Die einzige Gefahr bestand darin, dass das junge Talent dem Druck Tribut zollen müsste und vor der Zeitkontrolle auf Abwege geriet. Aber sie zeigte Nerven aus Stahl:


39…Lxf4! war der Gewinnzug. Carissa merkte im Nachhinein an, dass sie noch eine kleine taktische Finesse in der Vorausberechnungen der nächsten Züge finden musste nach 40.gxf4 Dxh4+ 41.Kg1 Dg4+ 42.Kh1 Dxf4:


Sie dachte, dass 43.Tb3 den Laden noch zusammenhalten könnte. Aber schließlich sah sie, dass 43...Dxc1+! 44.Lxc1 Ta1! einfach den Läufer gewinnt, was dann mit drei Mehrbauern ausreichen sollte - nun war sie sich sicher, dass sie die Weltmeisterin schlagen würde! In der Partie sahen wir 43.Db1 Txb2 44.Dxb2 Dxe3 45.Dxf6 Dxe4+ und wieder hatte Schwarz drei Mehrbauern. Die Gefahr, mit den Damen auf dem Brett in ein Dauerschach zu stolpern, war größer, aber Carissa machte keinen Fehler und kam nach 57 Zügen zum vollen Punkt:

Die 16-Jährige Carissa Yip schlägt die Weltmeisterin Ju Wenjun mit den schwarzen Steinen!

Diese heutigen Kinder, verstecken sich in ihren Hoodys und schlagen dann aus den Schatten zu...

Damit hatte Carissa nicht nur Ju Wenjun besiegt, sondern auch nach ihrem miserablen Start mit 0/4 aus den dann folgenden vier Partien 3,5 Punkte erzielt. Was sie daraus gelernt hat:

Ich glaube, was ich über mich selbst gelernt habe, ist, dass Selbstvertrauen wirklich wichtig ist. Wie ich schon sagte, hatte ich zu Beginn des Turniers kein Selbstvertrauen, und nach meinem ersten Sieg war das Selbstvertrauen wieder da und ich glaube, ich habe auch angefangen, besser zu spielen.

Rex und Jeanne Sinquefield scherzen oft darüber, dass sie die Paten des US-Schachs sind, und Carissa kann auf mehr als Familienunterstützung hoffen, während sie in der Schachwelt weiter den Gipfel entgegenstürmt| Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Wie ordnet sie diesen Sieg innerhalb ihrer größten Erfolge bisher ein? "Vielleicht gerade so in den Top 5!" Sie verglich es mit dem Zeitpunkt, als sie im Alter von 7 Jahren zum ersten Mal ihren Vater schlagen konnte.

Alexandra Kosteniuk ist zurück im Rennen um Platz 1 | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Carissa wird das Turnier zumindest vor Valentina Gunina beenden, aber es gab auch anderswo wichtige Ergebnisse im Kampf um den ersten Platz. Mariya Muzychuk konnte nicht gewinnen, obwohl Harika Dronavalli ihre Stellung überzogen hatte, während Nana Dzagnidze einen seltsamen Fall von Schachblindheit zu erleiden schien, als sie den d4-Bauern gegen Alexandra Kosteniuk mit 33.Td1?! "verteidigte":


Leider konnte Schwarz aber einfach 33...Sxd4! spielen, denn Weiß kann wegen des drohenden Grundreihenmatts (...Ta1+) nicht zweimal auf d4 wiedernehmen. 34.Kf1 traf auf 34...Sb5! und am Ende gelang es Alexandra, einen Turm für einen der b-Bauern zu gewinnen. Es folgte der Sieg in der Partie, wenn auch nicht so schnell, wie man es erwartet hätte. Kosteniuk hat nun vier Partien gewonnen und zwei verloren, womit sie vor der letzten Runde gegen Ju Wenjun nur einen halben Punkt hinter der Spitze liegt.

Wieder verpasste Irina Krush den Sieg, aber dieses Mal hat es vermutlich richtig weh getan! | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Das Drama der letzten Partie hatte wenig direkte Auswirkungen auf die Jagd nach dem 1. Platz, aber es war eine denkwürdige Schachtragikomödie. Kateryna Lagno hatte zu Beginn der Partie die Qualität eingestellt. Sie stand auf Verlust und 43.Lc5 sah wie ein Zug aus, der das Ende beschleunigte:


Doch unglücklicherweise hatte Irinas folgende "Kombination" ein dickes Loch 43…Txg2+? 44.Lxg2 Dg5 45.Df1 Lxg2:


Nach 46.Dxg2 Dc1+ würde Schwarz den Läufer einsammeln und ein leicht gewonnenes Damenendspiel haben. Doch Irina übersah ein kleines Detail – 46.h4! Lxf1+ 47.hxg5 Lb5 und nun das rettende 48.d7! (Schwarz bekommt also keine Zeit, den Kg7 zu aktivieren) 48…Lxd7 49.Ld6! Und Kateryna hielt das Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern leicht in der Waagschale.

Damit sieht die Tabelle vor der letzten Runde wie folgt aus:


Ein Moment der Stille für die letztjährige Siegerin Valentina Gunina | Foto: Spectrum Studios, Turnierseite

Vier Spielerinnen können gewinnen und alles wird entschieden in den Partien Harika-Koneru, Kosteniuk-Ju Wenjun und Yip-Muzychuk. Wie geht es aus?

  • Gewinnt Humpy ihre Partie, gewinnt sie das Turnier
  • Remisiert Humpy, kann nur Alexandra Kosteniuk ein Stechen erzwingen, wenn sie die Weltmeisterin schlägt. 
  • Verliert Humpy, kann vieles passieren: Kosteniuk gewinnt das Turnier, wenn sie Ju Wenjun besiegt. Bei einem Remis in diesem Aufeinandertreffen gäbe es ein Stechen, wobei auch Ju Wenjun und Muzychuk ein Stechen erzwingen könnten, wenn sie ihre jeweiligen Partien gewinnen. Es könnte also ein Stechen mit drei Spielerinnen gebe

Falls es ein Stechen gibt, würde das am Montag gespielt werden und wir hätten noch einen Tag voller Schach - bei zwei Spielern würde es mit zwei 45+5 Partien losgehen, dann zwei Partien 10+5 und wäre es dann immer noch ausgeglichen, eine 5 vs. 4 Armageddon-Partie. Gibt es drei Spielerinnen im Stechen, beginnt es mit 25+5 im Jeder-gegen-Jeden-System.

Die Partien kannst du dir hier auf chess24 anschauen!

Weitere Links:


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