Berichte 25.05.2018 | 11:30von Colin McGourty

Bundesliga-Stichkampf: Baden-Baden ist Meister

Peter Svidler und Rustam Kasimdzhanov waren die Helden bei Baden-Badens 4,5:3,5 gegen Solingen im Stichkampf um die Deutsche Meisterschaft und sicherten dem Dauerfavoriten damit den zwölften Titel in den letzten dreizehn Jahren. Auf dem Papier war der Wettkampf eine klare Angelegenheit, da Baden-Baden sieben 2700er und Solingen nur einen ins Rennen schickte, doch in der regulären Saison hatte der David den Goliath schon einmal besiegt. Dieses Mal setzte sich der Elo-Vorteil jedoch durch, obwohl Anish Giri, der einer von zwei Top-Ten-Spielern ist, die nicht am Altibox Norway Chess teilnehmen, den WM-Herausforderer Fabiano Caruana besiegte.

Baden-Baden holte die zwölfte Meisterschaft in dreizehn Jahren! | Foto: Guido Giotta, Schachbundesliga

Die Bundesliga-Saison 2017/2018 musste am 24.Mai mit einem Stichkampf in Baden-Baden entschieden werden, da beide Teams nach 15 Runden gleichauf an der Spitze gelegen hatten.

Der Weg zum Stichkampf

Baden-Baden und Solingen gewannen beide 13 Wettkämpfe, spielten einmal unentschieden und verloren einmal. Damit hatten sie am Ende 27 Mannschaftspunkte und lagen fünf Punkte vor den ersten Verfolgern. Wie bereits erwähnt, konnte Solingen in der regulären Saison Baden-Baden bezwingen, als Erwin l'Ami den einzigen Sieg holte. Damit waren die Klingenstädter auch Favorit auf den neuerlichen Titelgewinn nach 2015/2016:

Solingen verlor dann aber 3:5 gegen Hockenheim, das angeführt von Baadur Jobava, Ruslan Ponomariov und David Howell eine starke Mannschaft an die Bretter brachte. Damit lagen beide Teams vor der Zentralen Schlussrunde in Berlin gleichauf. Solingen gewann seine drei Wettkämpfe klar, während Baden-Baden die Hürde Hockenheim aus dem Weg räumen musste. Dabei ging der Titelverteidiger kein Risiko ein und stellte Peter Svidler auf, obwohl dieser bereits am nächsten Tag bei der Russischen Mannschaftsmeisterschaft antreten musste. Die Vorsicht zahlte sich aus, denn nach überraschenden Niederlagen von Etienne Bacrot und Arkadij Naiditsch (gegen Ivan Saric und Rainer Buhmann), den einzigen beiden Spielern von Baden-Baden, die alle fünfzehn Wettkämpfe absolvierten, konnten Mickey Adams, Alexei Shirov und ein gewisser Jan Gustafsson den Spieß noch umdrehen:

Maxime Vachier-Lagrave lieferte das Sahnehäubchen mit einem hart erkämpften Sieg nach 76 Zügen gegen David Howells Berliner Mauer:    

Danach holte auch Baden-Baden nur noch ungefährdete Siege und zog mit Solingen gleich. Damit wurde ein Stichkampf notwendig, der wegen der mehr erzielten Brettpunkte in Baden-Baden stattfand.

Der große Showdown

Mit dem Heimvorteil war es allerdings so eine Sache, denn natürlich kannten die Spieler von Baden-Baden sich im Spiellokal bestens aus, doch ein Spieler aus Deutschland saß auf keiner Seite der Bretter!

Loek van Wely spielte Remis gegen Vishy Anand | Foto: Guido Giotta, Schachbundesliga

Vishy Anand und Radek Wojtaszek erfüllten ihre Mannschaftspflicht, indem sie mit Schwarz recht schnell und bequem gegen Loek van Wely und Erwin l’Ami remisierten. Das hatte aber zur Folge, dass der frischgebackene Polnische Meister Jan-Krzysztof Duda die langjährige Nummer 1 seines Landes Wojtaszek nun in der Live-Eloliste überholt hat (die Bestätigung in der offiziellen Liste erfolgt dann nächste Woche):


Die Nerven der Baden-Badener wurden schon früh beruhigt, als Rustam Kasimdzhanov gegen Predrag Nikolics Winawer-Franzosen den vollen Punkt einfuhr. 

Rustam merkte an, dass er gegen denselben Kontrahenten in der Vorsaison noch verloren hatte und deshalb besonders motiviert war:

Ich wollte Revanche, daher bin ich froh, dass ich Druck aufbauen und ihn besiegen konnte. 

Rustam meinte, er habe “aus der Eröffnung heraus eine sehr schöne Stellung bekommen" und er habe offenbar besser gewusst als sein Gegner, wie man die Stellung behandelt:


30.Txh6 Txh6 31.Dxh6 Txc3 war zwar nur ein Bauerntausch, doch Kasimdzhanov stellte heraus, “dass mein Gegner offenbar die Schwäche des Bauern f7 unterschätzte”. Nach Sf3-g5 und Df4 konnte dieser nicht mehr verteidigt werden, wie Rustam im Interview nach der Partie erläuterte:

Es gab aber auch kritische Momente für Baden-Baden, etwa als Mickey Adams mit beidseitig einer Minute auf der Uhr 37.c3? spielte:


Borki Predojevic zog schnell seinen Turm mit 37…Td7 zurückdoch der hätte sich gar nicht bewegen müssen! 37…Dxf3! nutzt die ungedeckte Stellung der Dame auf b3 aus, und 38.Sc5 ist kein Problem, da die schwarz Dame nun b7 deckt. Kurz nach der Zeitkontrolle endete die Partie dann remis.

Mickey Adams hatte gute Gewinnchancen, konnte am Ende aber mit dem Remis zufrieden sein | Foto: Guido Giotta, Schachbundesliga

Letztlich entschieden wurde das Match von Peter Svidler, der Jan Smeets besiegte, obwohl er von dessen Russischer Verteidigung überrascht wurde. Er meinte nach der Partie zwar, „mein Spiel in der Eröffnung sollte man nicht nachahmen“, doch damit brachte er seinen Gegner früh aus dessen Vorbereitung, da dieser „die Schwäche hat, gern nachzudenken“. Zeitnotprobleme sorgten dafür, dass Smeets solide spielte, als er Vorteil anstreben sollte, und schließlich nur noch eine Minute übrig hatte, als Präzision im Endspiel verlangt war. Svidler wies auf diese Stellung nach dem Damentausch hin:


Er empfahl an dieser Stelle 29…Lf7, womit Schwarz das Feld e8 deckt und 30.Te7 mit 30…Td7 beantworten kann, wogegen es nach 29…b6?! 30.Te7 “ziemlich heikel für ihn wurde”. Der Computer meint, dass Schwarz nach 30…Sd7 31.La4 erst durch 31…c5?! in Schwierigkeiten gerät, während die Stellung nach 31…b5 noch haltbar wäre. In der Partie leistete Smeets keinen großen Widerstand und gab nach 46 Zügen auf.

Hier Peters Kommentar zu dieser Partie (und weiteren Dingen):

Die interessanteste Partie des Tages war aber das einzige 2700er-Duell des Tages zwischen Anish Giri und und dem WM-Herausforderer Fabiano Caruana. Giri arbeitete in Berlin als Sekundant von Vladimir Kramnik, schoss dann aber mit dem Sieger ein Selfie:

Wollte Solingen den Stichkampf gewinnen, war Giri aufgrund des Elo-Nachteils an den anderen Brettern quasi zum Siegen verdammt. Keine leichte Aufgabe, da Fabiano Caruana einmal mehr Russisch spielte, aber Anish löste sie. Die Partie ist schwer zu beschreiben, aber Jonathan Rowson gelang es ganz gut:

"Bemerkenswerte Partie. Die schrittweise Verbesserung von leicht besser zu klar besser und schließlich zur Gewinnstellung erinnerte mich an eine alte Partie Kasparov-Karpov. Schwarz steht scheinbar gut, hat aber keine konstruktiven Züge. 27...h5 und 29...Sxe8 sind fragwürdig, aber die Stellung war schwierig."

Wie der schottische Großmeister impliziert, war Caruana vermutlich schon nach 31…Kg8 verloren, und Giri kannte keine Gnade:


Mit 32.g4! startete Weiß seinen Durchbruch, der Schwarz hilflos zurücklässt, da seine Dame immer den Springer auf d6 gedeckt halten muss. Es folgte 32…hxg4 33.fxg4 Dd8 34.Kf3 Kh7 35.h5!, aber am interessantesten waren vermutlich die mysteriösen weißen Königsmanöver:


Nach über 30 Minutes spielte Giri 42.Kg2. Eine Pointe des Zuges ist, dass das sofortige 42.De3+ Kxh5 nichts einbringt, da die Dame nicht nach h3 kann, und daher muss der König erst das Feld f3 räumen. Vermutlich hat Giri auch deshalb so lange überlegt, weil er nicht wusste, ob er nach g2 oder f2 gehen soll!

Kuriosität am Rande: Weder Caruana noch Giri waren in der regulären Saison auch nur einmal für ihr Team angetreten! |Foto: Guido Giotta, Schachbundesliga

Der Tanz ging mit 42…Sd6 43.Kf2 weiter, und die weiteren Geschehnisse mit 43…b6 44.Kf3 Se8 45.Dxc6 Sd6 46.Dxb6 sind eigentlich nur mit Zugzwang zu erklären, da Caruana nach diesen Zügen zwei Bauern weniger und immer noch Probleme mit dem König hat. Die Schlussphase glich einem Triumphmarsch des weißen Königs:


49.Kf4 Sh3+ 50.Kf5 Dd7+ 51.Kxf6 Schwarz gab auf

Anish Giri hat Wesley So damit in der Weltrangliste überholt und bislang ein gutes Jahr hingelegt:

Am Ausgang des Wettkampfs änderte diese Partie aber nichts mehr. Weniger später endeten die Partien MVL-Ragger (wo Maxime die Berliner Mauer fast geknackt hätte) und Andersen-Bacrot (wo Bacrot lange wie der Sieger aussah) remis, und Baden-Baden hatte 4,5:3,5 zu gewonnen und den zwölften Titel in den letzten 13 Jahren errungen. 

Finalstimmung in Baden-Baden! | Foto: Guido Giotta, Schachbundesliga

Caruana, MVL und Anand sind nun bereits auf dem Weg nach Stavanger, wo am Sonntag das Eröffnungsblitzturnier des Altibox Norway Chess stattfindet. Peter Svidler wird dann nach einem kurzen Abstecher in die Heimat nach Hamburg fliegen, um gemeinsam mit Jan Gustafsson live zu kommentieren - "das Traumduo ist wieder vereint“, wie er in obigem Video ankündigte.

Dabei handelt es sich aber nicht um die offizielle Live-Übertragung, sondern um ein Live-Video mit Erlaubnis des Veranstalters, das wie im Vorjahr nur für Premium-Mitglieder zugänglich ist. Wer noch kein Premium-Mitglied ist, kann die Mitgliedschaft für €9,99 im Monat testen. Und wer eine einjährige Premium-Mitgliedschaft eingeht, bekommt drei Monate umsonst, also 15 Monate für nur €99 = €6,60 im Monat – der Gutscheincode dafür lautet NORWAY-2018-YAY:


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