Berichte 04.03.2019 | 14:05von Colin McGourty

Bundesliga: Niederlagen für Caruana, MVL und Anand

Baden-Baden brachte am langen Bundesliga-Wochenende in Berlin Fabiano Caruana, Maxime Vachier-Lagrave, Vishy Anand und Levon Aronian ans Brett, aber dennoch gab der Titelverteidiger und zwölfmalige Meister zwei Unentschieden ab und wurde von Solingen eingeholt. Caruana hatte immerhin genug Zeit mitgebracht, um das Emanuel-Lasker-Blitz-Turnier zu gewinnen, während sich mit Bad Königshofen ein Außenseiter den Titel in der Frauen-Bundesliga sicherte.

Leko fügte Caruana die erste Niederlage in einer Turnierpartie nach zehn Monaten bei | Foto: Georgios Souleidis, Schachbundesliga.de

Die Bundesliga zählt seit vielen Jahren zu den stärksten Mannschaftsmeisterschaften der Welt und wird normalerweise dezentral ausgetragen. Auch dieses Jahr gab es jedoch eine zentrale Runde in Berlin, in deren Rahmen drei Runden mit vielen Stars ausgetragen wurden – allerdings nicht als Abschluss, sondern bereits vier Runden vor Schluss.

Alle bisherigen Partien könnt ihr hier nachspielen:

Vor dem Wochenende lag Baden-Baden mit 14:0 Punkten an der Spitze, und da Caruana, MVL, Anand und Aronian jeweils ihr Saisondebüt gaben, konnte eigentlich nicht viel schiefgehen. Beim Schach kann aber viel passieren! Schauen wir uns die drei Runden der Reihe nach an:

Runde 9: Freitag, 1. März

Auf dem Papier war Baden-Baden gegen die eigene "zweite Mannschaft" (das ebenfalls von GRENKE gesponserte Team) der Schachfreunde Deizisau klarer Favorit. Obwohl fast jeder Spieler von Baden-Baden mindestens 100 Elo-Punkte mehr ans Brett brachte als sein Gegner, war das Match aber richtig eng. 


Dabei fing für Baden-Baden alles perfekt an, als Georg Meier in seinem geliebten Franzosen bereits nach 17 Zügen gegen Levon Aronian auf Verlust stand.

Aronians Landsmann Sergei Movsesian hat sich die Partie angeschaut:

Wenig später brachte auch Radek Wojtaszek seine Königshatz gegen den 14-jährigen Vincent Keymer zu Ende, der ein hartes Wochenende erlebte, doch dann geriet der Favorit ins Stolpern. Fabiano Caruana spielte seine erste Turnierpartie des Jahres 2019 und verlor prompt zum ersten Mal seit dem 28.Mai 2018, als er Magnus Carlsen in der 1.Runde des Altibox Norway Chess unterlegen war. 

Gata Kamsky und Peter Leko sorgten für eine faustdicke Überraschung| Foto: Georgios Souleidis, Schachbundesliga.de

Caruana musste gegen Peter Leko antreten, der zwar erst 39 Jahre alt ist, aber nicht mehr den ganz großen Ehrgeiz mitbringt. Der Ungar ging mit 1.d4 der Russischen Verteidigung aus dem Weg und verzichtete laut eigenen Angaben aufgrund der großen Zuschauerzahl auf eine Zugwiederholung. Erst bereute er seine Entscheidung, doch spätestens, als er den Zug 31.Sf3! gefunden hatte, gefiel ihm seine Stellung. Nach 31…Lxf4?! (31…Lb4!, “womit Schwarz sich unharmonisch hinstellt” (Leko), aber die besten Überlebenschancen erhält) 32.exf4 Kc8 33.Te1 Df5 stand Weiß urplötzlich kurz vor dem Sieg:


Die Versuchung, den Springer nach d4 zu stellen, war groß, doch am Ende fand Leko das forcierte 34.Dd4! Td8 35.Da7!, und nach 35…d4 hätte er mit 36.Se5!! praktisch direkt gewinnen können. Weiß droht einfach Da8#, doch in Zeitnot hatte Leko übersehen, dass er nach 36…Tc2 auf der anderen Seite des Bretts mit 37.g4!! gewinnen konnte. In der Partie hatte Caruana nach 36.Sxd4?! wieder alle Chancen, doch dann hatte er das Pech, dass er im 40.Zug in Zeitnot eine schwierige Entscheidung treffen musste und hinterher objektiv auf Verlust stand.

Leko erklärte hinterher, dass er 40.Df2! bereits mit der Idee 41.Df1! und Angriff auf den wichtigen Bauern h3 gespielt habe und somit keine Probleme hatte, den Gewinnzug zu finden. Hier seine Analyse:

Nach dieser Niederlage und den beiden Remis an den Tagen darauf ist Caruanas Rückstand auf  Magnus Carlsen in der Weltrangliste wieder auf 26 Punkte angewachsen.

Mit Maxime Vachier-Lagrave verlor ein weiterer Top-Ten-Spieler gegen Gata Kamsky. MVL überzog als Weißer in einem Sizilianer und geriet nach einem falschen Zug (25.Ld2?) in große Schwierigkeiten. Kamsky büßte durch Vereinfachungen zwar einen Teil seines Vorteils ein, beendete die Partie aber stilvoll!

Er kann es immer noch!

Als diese beiden Partien beendet waren, hatte Vishy Anand aber bereits die Kohlen für Baden-Baden aus dem Feuer geholt und seinen Mehrbauern gegen Matthias Blübaum mit guter Technik verwertet.

Nicht schlecht für Brett 3 und 4 | Foto: Georgios Souleidis, Schachbundesliga.de

Derweil gewannen mit Solingen und Hockenheim die großen Konkurrenten von Baden-Baden klar, wobei die interessanteste Partie die Niederlage des Hockenheimers Sam Shankland gegen den Viernheimer Shakhriyar Mamedyarov war. 

Licht am Ende des Tunnels für Shakhriyar Mamedyarov | Foto: Georgios Souleidis, Schachbundesliga.de

Die Partie der beiden verlief ähnlich wie deren letztes Aufeinandertreffen in Wijk aan Zee, doch damals konnte Shankland seinen Endspielvorteil nicht verwerten. Dagegen machte Mamedyarov keinen Fehler und holte seinen ersten Sieg in diesem Jahr, nachdem er beim Tata Steel Masters noch leer ausgegangen war.

Runde 10: Samstag, 2. März

Im Spitzenkampf Hockenheim-Baden-Baden endeten alle acht Partien remis:


Ohne Dramatik war dieses Duell aber nicht, denn Caruana schien gegen Shankland nach seinem Opfer auf h6 auf einem guten Weg, die Scharte vom Vortag auszuwetzen:

Nach 29…gxh6 war Fabis 30.Sb6! noch die korrekte Fortsetzung (30.Dg1+ reicht nur für ein Remis), doch nach 30…Txb6 hätte er die Stellung mit 31.Txb6! weiter unter Kontrolle halten können. Mit 31.Lxb6?! ließ er dagegen zu, dass der Schwarze mit 31…Dc3! eindringen konnte, wonach Shankland die Partie retten konnte.

Letztlich endete der Wettkampf nach 7 Stunden und 136 Zügen heroischer Verteidigung von David Howell unentschieden, der ein Endspiel mit Turm gegen Turm+Läufer von Arkadij Naiditsch halten konnte.

Der erste Mannschaftspunkt ging für Baden-Baden auch deshalb verloren, weil Vishy Anand in seiner Partie gegen Ivan Cheparinov nicht seine Gewinnchancen ausreizte:


Nach langem Nachdenken spielte Vishy 41.Lxg5+?! und bot Remis an, das auch angenommen wurde. Stattdessen hätte er aber 41.Dg2! spielen können, worauf auf 41…Kf6 das starke 42.d4! folgen kann – die Hauptidee ist, dass auf 42…exd4? 43.e5+! eine Figur gewinnt.

Als an allen Brettern gespielt wurde, war im Maritim Hotel von Berlin sogar noch mehr los! | Foto: Georgios Souleidis, Schachbundesliga.de

Solingen hatte am Samstag wegen des Rückzugs von Aachen spielfrei.

Aeroflot Open-Sieger Kaido Kulaots landete mit 0,5 aus 3 und einer Niederlage gegen Leon Mons auf dem harten Boden der Realität |Foto: Georgios Souleidis, Schachbundesliga.de

Fabiano holt den nächsten Sieg beim Blitzen

Schöner Erfolg von Caruana beim Blitzen | Foto: Georgios Souleidis, Schachbundesliga.de

Nach dem Schnellschach-Desaster von London, wo Caruana mit 0:3 gegen Carlsen verlor, zeigte sich der Amerikaner zuletzt in blendender Form bei den schnellen Disziplinen. Beim Champions Showdown in Saint Louis siegte er überlegen gegen Harikrishna und zeigte auch beim Emanuel-Lasker-Blitz-Turnier am Samstag seine Klasse. Obwohl einige bekannte Namen wie Igor Kovalenko und Loek van Wely unter den fast 300 Startern waren, siegte Caruana überlegen mit 14 aus 16. Hier seine letzte Partie gegen Falko Bindrich:

Runde 11: Sonntag, 3. März    

Hockenheim gewann am Samstag gegen Viernheim noch klar 5,5:2,5, doch einen Tag später rangen die Hessen dem Titelverteidiger aus Baden-Baden ein Unentschieden ab und hielten die Meisterschaft damit vier Runden vor Schluss offener denn je: 


Übel erwischte es Vishy Anand, der offenbar von Anton Korobovs mutmaßlicher Neuerung 10.b4 überrascht wurde:


Vermutlich muss Schwarz hier schon die Computerempfehlung 10…c5!? spielen, da Anand nach 10…Sd7 sofort positionelle Probleme bekam. Nach 21 Zügen war die einzige Frage nur noch, wie dem Schwarzen das Licht ausgemacht wird.


22.Lf1! bereitete das vernichtende Lh3 vor, und nach 13 Minuten probierte Vishy 22…Txf6, was Weiß den Qualitätsgewinn 23.Sd7 ermöglichte. Nachdem auch noch c7 fiel, hatte Schwarz nicht einmal einen Bauern für die Qualität, und nach 27.a4 (mit völliger positioneller Dominanz) kam die schwarze Aufgabe selbst in einem Mannschaftskampf nicht zu früh:

"Immerhin hat Vishy noch eine Menge Haare, die man ihm abschneiden kann."

"Korobov holt sich den Skalp von Vishy Anand."

Arkadij Naiditsch unterlag Igor Kovalenko, der damit in dieser Saison bei 7,5 aus 8 steht, doch Paco Vallejo und Etienne Bacrot konnten mit zwei Siegen an den beiden hinteren Brettern das Unentschieden für den Favoriten sichern.

Für Spannung in den Schlussrunden ist damit auf jeden Fall gesorgt, denn Baden-Badens schärfste Konkurrenten gewannen jeweils 4,5:3,5, und das obwohl Vladimir Fedoseev gegen Georg Meier verlor und Solingens Spitzenbrett Markus Ragger gegen Andrei Volokitin unterlag. Solingen liegt nun gleichauf mit Baden-Baden (die beiden Teams treffen in der letzten Runde aufeinander), während Hockenheim nur einen Punkt zurückliegt.

Bad Königshofen triumphiert in der Frauen-Bundesliga

Bad Königshofen bewies, dass Elo allein keine Titel gewinnt | Foto: Georgios Souleidis, Schachbundesliga.de

Während die Männer noch um Titelehren kämpfen, ist die Frauen-Bundesliga nach elf Runden beendet. Bad Königshofen gewann dabei recht souverän seine drei letzten Matches und holte mit 20:2 und zwei Punkten Vorsprung den Titel vor Schwäbisch Hall und Hamburger SK sowie Baden-Baden mit vier Punkten Rückstand. Bad Königshofen setzte als stärkste Spielerin Olga Girya mit Elo 2462 ein, während Baden-Baden gleich vier 2500-Spielerinnnen aufbot, doch die Fränkinnen kamen ungeschlagen durch die Saison. Die besten Ergebnisse beim neuen Meister erzielten Tatjana Melamed (8,5 aus 11), Alexandra Obolentseva (7 aus 8) und Dina Belenkaya, die in Berlin 3 aus 3 und insgesamt 8,5 aus 9 holte.

chess24 in Berlin vor Ort

Das Bundesliga-Wochenende war für viele Spieler eine Übergangsstation für die nächsten Großaufgaben. Ende März beginnt die US-Meisterschaft, aber davor nimmt Sam Shankland noch ab Mittwoch am erstmals ausgetragenen und stark besetzten Prag Masters teil. David Navara, Richard Rapport, Radek Wojtaszek, Nikita Vitiugov und Viktor Laznicka reisen ebenfalls direkt aus Berlin an. Schon einen Tag vorher beginnt im kasachischen Astana die Mannschafts-WM, zu der Arkadij Naiditsch, Bassem Amin, Nils Grandelius, Luke McShane und David Howell aus Berlin anreisen. Nicht alle Mannschaften treten in Bestbesetzung an, aber Russland und China sind extrem stark aufgestellt.

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