Interviews 12.10.2014 | 21:11von IM Martin Alexander Becker

Boris Gulko: Carlsen ist ein "wunderbarer Psychologe"

Boris Gulko 2013 beim "Snowdrops gegen Old Hands"-Turnier | Photo: Anežka Kružíková, praguechess.cz

Boris Gulko (67) hatte eine außergewöhnliche Karriere. Der einstige Sieger der UdSSR- sowie der USA- Meisterschaft ist gleichzeitig einer der wenigen Spieler mit einer positiven Bilanz gegen Garry Kasparov (3:1). Nachdem ihm die Auswanderung aus der UdSSR nach Israel verweigert wurde, lebte er gemeinsam mit seiner Frau 7 Jahre lang als "Refusenik". In einem neuen Interview mit Sergey Kim für ChessPro spricht Gulko über diese Zeit über die Art und Weise, wie sich das moderne Schach verändert hat und darüber, welche Herausforderungen Magnus Carlsen und andere Vorreiter der neuen Generation bewältigen müssen.

Champion der Sowjetunion

Der Höhepunkt seiner Karriere erreichte er 1977 im Alter von 30 Jahren. Bei der UdSSR Meisterschaft erzielte er 9,5 Punkte aus 15 Partien, ohne eine einzige Niederlage zu verzeichnen. Das anschließende Unentschieden im Play-off ließ ihn den Titel mit Josif Dorfman teilen, gefolgt von Größen wie Petrosian, Tal und Polugaevsky. Seine Frau, Anna Akhsharumova, gewann ebenfalls die UdSSR Meisterschaft der Frauen in 1976, allerdings mit etwas Schwierigkeiten.

Boris Gulko und Josif Dorfman wurden beide nach ihrem 3 zu 3 - Unentschieden im Play-off zum Champion der UdSSR gekürt| Photo: 64 / ChessPro

Im Sommer 1978 erzielte er in der montenegrischen Stadt Nikšić, wo er mit 1,5 Punkten Vorsprung zusammen mit Jan Timman ein Rundenturnier mit einer All-Star Besetzung gewann, die wohl beste Performance seiner Karriere.

Ein Relikt jener Tage, an welchen noch Turnierbücher verfasst wurden | Photo: Lund Chess Academy

Gulko erklärt, wie schwierig es war, an einem solchen Event teilzunehmen:

Zu der Zeit war ich einer der stärksten Schachspieler der Welt, aber ich konnte nicht spielen, wo ich wollte. Als Champion der UdSSR ging ich jeden Tag zur Arbeit in den Schachclub, um den Vorsitzenden zu sehen. Dieser würde einem Turniere vorschlagen, die entweder bereits vergangen waren oder abgesagt wurden. Schließlich schlug er ein Turnier vor, das mit einem Zonenturnier der UdSSR zeitlich kollidierte. Aber ich stimmte diesem zu, weil allein dieser Name "Las Palmas"  schon wie Musik in meinen Ohren klang! Dann, ganz unerwartet auf Wunsch von Karpov - welcher erklärte, dass er dringend und genau zu jener Zeit seine Sekundanten benötigt - änderte sie die Terminierung des Zonenturniers. Ich hatte also die Möglichkeit, sowohl das Zonenturnier als auch Las Palmas zu spielen! Allerdings rief mich Baturinsky erneut an und teilte mir mit, dass ich nicht nach Las Palmas geschickt werde, aber er würde mir Nikšić anbieten. So viele Demütigungen für einen Champion der UdSSR! Nach meiner Auswanderung spielte ich in einem Jahr so viele gute internationale Turniere, wie in meinem ganzen Leben in der UdSSR.


Die Olympiade 1978

Was das Fass schließlich zum Überlaufen brachte, war die Schacholympiade in Buenos Aires im Oktober 1978. Dies würde in die Geschichte eingehen, da es die einzige Olympiade der UdSSR war, bei welcher sie keine Goldmedaille gewann, sondern von Ungarn auf Rang 2 verdrängt wurde. 2014 ist seit diesem Ereignis übrigens das erste Mal, wo die UdSSR bzw. eine ehemalige UdSSR Nation nicht Gold gewann. Die Tromsø Olympiade war sogar die erste Olympiade seit der ersten UdSSR Teilnahme 1952, bei welcher keine der ehemaligen UdSSR Nationen in den Top 3 erschien (China, Ungarn und Indien teilten sich die Medaillen).

1GM Spassky, Boris26301½101½½½½1½7
2GM Petrosian, Tigran262011½½½1½½½6
3GM Polugaevsky, Lev2620½½1½110111½8
4GM Gulko, Boris2565½100½2
1 res.GM Romanishin, Oleg2610111½½½½0½1
2 res.GM Vaganian, Rafael2555½½1½1½½1½½

Gulko wurde damals kaum eingesetzt und musste zwei Niederlagen über sich ergehen lassen. Er beklagte, dass die Spieler erst wenige Stunden vor dem Spiel nominiert wurden. Insgesamt fühlte er sich in der Atmosphäre des Teams und der KGB-Beauftragten unwohl:

In Buenos Aires entschied ich mich schließlich, aus der Sowjetunion auszuwandern. Es war ein ungewöhnliches Gefühl, sich selbst in der Sowjet-Delegation zu sehen - überall um uns waren normale Menschen, und da warst du, ein Sowjet... Die Delegation bestand aus zwanzig Leuten, aber wer weiß wie viele es wirklich waren. Ein Übersetzer, der kein Spanisch sprechen konnte, ein Sekundant (Großmeister Antoshin), der sich während des Turniers ins Koma trank und vieles mehr. Es war ein sehr unangenehmes Gefühl, ein Mitglied der sowjetischen Delegation zu sein!


Refusenik

Schließlich trafen Gulko und seine Frau die schicksalsschwere Entscheidung, die Auswanderung aus der Sowjetunion zu beantragen, doch was diesen Prozess angeht, mussten sie später eine schwere Fehleinschätzung konstatieren:

Es schien damals, als würde man es beantragen und im gleichen Zug die Erlaubnis bekommen, zu gehen. Natürlich würde es Ausnahmen geben für jene, die Staatsgeheimnisse besitzen, aber wir waren beide doch nur Schachspieler! Natürlich schätzte ich die Situation falsch ein, was mit einer Facette meines Charakters zu tun hat - Optimismus. Ich dachte, wir würden den Antrag stellen und gehen. Dies geschah auch... wir mussten nur sieben Jahre warten.

Das waren durch Unterdrückung ruinierte Jahre, in welchen die Gulkos protestierten und sogar einen Hungerstreik betrieben. Boris stellte fest, dass ihn unter den Schachspielern lediglich Karpov nicht mehr grüßte. Gulko antwortete auf Kims Eingebung, Karpov seien die Hände gebunden, da er beinahe schon wie ein Offizieller war, wie folgt:

Er war ein großartiger Schachspieler und wenn er sich auch als großartiger Mensch verhalten hätte, hätte er - wie Spassky oder Kasparov - tun können, was er für richtig hält. Aber es war seine Wahl.


Kasparovs Nemesis

Nicht all seine Jahre als Refusenik waren schlecht, immerhin schaffte es Gulko, eine Serie von Siegen gegen keinen anderen als Garry Kasparov zu erzielen.

Gulko schaffte es, Kasparov als sowjetischer und amerikanischer Bürger zu besiegen | Photo: Genna Sosonko / Chess-News

Hier könnt ihr alle drei Siege Gulkos nachspielen:

Gulko erklärt seinen Erfolg:

Es ist eine Frage des Stils. Vielleicht "passte" Kasparov mein Stil nicht. Ich mag ein komplexes Spiel und er konnte es nicht mit seiner Bulldozer-Art schaffen, mich zu erdrücken. Die Partien liefen in der Eröffnung richtig gut für mich, aber ich denke nicht, dass ich hier ein spezielles Rezept hatte. Natürlich ist jeder, der eine Partie verliert, verärgert und das gleiche geschah auch mit Garry, obwohl er sich allgemein seltener aufregt als andere (lächelt).


Die Jahre in Amerika

Letztendlich - nachdem die Sowjetunion durch die Regierung Michail Gorbatschows transformiert wurde - schafften es die Gulkos, 1986 nach Amerika zu emigrieren:

Naja, was man auch nicht vergessen darf ist, dass ich nach sieben Jahren "Ablehnung" bereits 39 Jahre alt war - also kein junger Hüpfer mehr... Wie dem auch sei, ich bin froh, dass ich meine Schachkarriere fortführen konnte.

Gulkos Frau Anna gewann 1984 erneut die UdSSR Meisterschaft und 1987 sogar die USA Meisterschaft - mit einem perfekten Ergebnis. In den USA verfolgte sie jedoch ihre Karriere als Programmiererin. Gulko weist auf einen sonderbaren Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Schachchampions hin:

Allgemein hab ich was merkwürdiges festgestellt: die Situation für männliche Schachspieler ist wesentlich vielversprechender als für weibliche. Top Schachspielerinnen wechselten ihren Beruf und erreichten höchsten Erfolg. Alla Kushnir war eine Professorin der Archäologie, Larissa Volpert war eine hervorragende Philologin. Zu ihren Schachzeiten gewannen sie die UdSSR Meisterschaften und kämpften um den WM-Titel! Man kann nicht dasselbe über die Männer behaupten, die um den WM-Titel kämpften. Aus irgendeinem Grund ist es exakt das Gegenteil mit dem Alkoholismus, wo allgemein bekannt ist, dass Männer sich diesem wieder entziehen können, aber bei Frauen es hoffnungslos ist. Im Schach ist es genau umgekehrt!

Heutzutage schreibt Boris Gulko eine nicht-schachbezogene Zeitungskolumne und gibt ein wenig Schachtraining, aber er beobachtet noch immer die aktuellen Entwicklungen im Schach.

Modernes Schach

"Sie lösen Probleme, die wir nichtmals kannten" - Magnus Carlsen und Fabiano Caruana | Photo: Ahmed Mukhtar, Shamkir Chess

Gulko wurde zur Einschätzung der jüngeren Schachgeneration gefragt:

Es ist ein anderes Schach. Polugaevsky sagte es bereits zu mir, als ich das letzte Mal in Reggio Emilila Anfang der 90er spielte. Sein Hauptpunkt war, dass man sich früher einfach ans Brett setzen konnte und das Spielen begann. Jetzt ist dies unmöglich. Schon damals war der Einfluss der Vorbereitung deutlich zu erkennen, obwohl es nichtmal im Computerzeitalter war... Rafael Vaganian sagte zu mir: "Weißt du was? Das Schach, was du und ich damals spielten, existiert nicht mehr!"

Heutzutage ist das einfache Spielen viel schwieriger geworden, weil Schachspieler zu einer Art Zentauren mutiert sind. Die Rolle des Kopfes wurde vom Computer übernommen. Eine riesige Menge an Vorbereitung wird betrieben. Falls dein Gegner einen unerwarteten Zug in der Eröffnung macht, realisierst du schnell, dass du gegen einen Computer spielst. In meinem letzten Turnier hatte ich mich selbst in einem feigen Gedanken erwischt, als die Position etwas unüberschaubar war: "Könnte ich nun Fritz einschalten, würde er alles berechnen!" Es scheint mir, dass Schachspieler in unüblichen Stellungen nun wesentlich schwächer spielen, da all ihre Stärken und Energien in der Arbeit mit Computern liegen. Nicht selten sehe ich Anmerkungen zu Partien im 35. Zug: "Hier hatte ich meine Hausanalysen vergessen"...

Schach hat sich drastisch verändert und nur wenige der weltbesten Spieler spielen noch authentisch beeindruckendes und interessantes Schach. Sie lösen Probleme, die wir nichtmals kannten - Carlsen, Aronian, jetzt auch Caruana. Sie locken ihre Gegner aus dem "gepflegten Park der Computeranalyse" in die Wildnis des Schachwalds - Carlsen macht das absolut brilliant - ein wunderbarer Psychologe! Sein Gefühl für seinen Gegner und sein Gefühl für die Dynamik des Spiels sind unglaublich. Jetzt ist es viel schwieriger dies zu tun, als es damals für uns war. Je einfacher das Spiel (und Schach ist einfacher geworden, da die Eröffnungsphase verloren ging), desto meisterlicher muss man sein, um zu gewinnen. Es gibt weniger Raum für einen Kampf. Aber schaut - Carlsen spielt totremis-Stellungen weiter und schafft es schließlich, solche zu gewinnen.

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