Interviews 05.01.2016 | 09:12von Colin McGourty

Boris Gelfand: “Die Spieler sind pragmatischer geworden"

Boris Gelfand beendete das Jahr mit dem besten Ergebnis beim Nussknacker-Turnier der Generationen. Ansonsten war es aber ein Jahr zum Vergessen für die israelische Nummer 1, der in zwei Interviews äußerte, dass er an Partienmangel leide. Gelfand sprach auch über den Trend, dass das Schachspiel pragmatisch geworden sei und „weniger interessante Partien hervorbringe“, hob dabei aber Vladimir Kramnik als den Spieler hervor, der 2015 „das lebhafteste Schach“ gezeigt habe.

Der 47-jährige Boris Gelfand erhielt beim Nussknacker-Turnier den Pokal als bester Einzelspieler | Foto: Eteri Kublashvili/Vladimir Barsky, RCF Website

Gemeinsam mit Peter Leko, Alexander Morozevich und Evgeniy Najer bildete Gelfand das Team der erfahrenen Spieler, das die vier jungen russischen Talente Vladislav Artemiev, Ivan Bukavshin, Mikhail Antipov und Grigoriy Oparin während der Weihnachtstage schlug. Die Routiniers traten gegen den Nachwuchs in je einer klassischen Partie und zwei Schnellpartien an, und dabei holte Gelfand 5 Siege, 6 Remis und eine Niederlage. Sein Endergebnis lautete somit 11 aus 16 (Siege beim klassischen Schach waren mit 2 Punkten dotiert). Seine schärfsten Verfolger Leko und Artemiev landeten bei 9 aus 16. Hier könnt ihr alle Partien noch einmal nachspielen:

Dieses Turnier war der Ausgangspunkt eines langen und interessanten Interviews, das Oleg Bogatov von R-Sport mit Gelfand führte. Die wichtigsten Passagen haben wir für euch übersetzt.


Sieg in Moskau

Boris – warum bist du Ende Dezember nach Moskau gereicht?

Ich hatte das Vergnügen, eine Einladung zum Nussknacker-Turnier zu bekommen, wo ich gegen russische Talente antrat. Letztes Jahr verfolgte ich dieses Turnier intensiv und wurde Zeuge vieler interessanter Partien – sowohl klassisch als auch im Schnellschach. Vor dem Turnier studierte ich die Partien der Nachwuchsspieler und stellte fest, dass jeder seinen eigenen Stil hat. Das machte die Begegnung mit ihnen umso interessanter.


Gelfand über seinen Sieg gegen Grigoriy Oparin im klassischen Schach: "Nach dem 40.Zug landeten wir in einer interessanten Stellung. Man kann sie als Übungsaufgabe verwenden, da 41.Db2! der beste weiße Zug ist. Es gibt viele Möglichkeiten, aber genau dieser ruhige Zug ist am stärksten“

Viele renommierte Großmeister meiden Duelle gegen Nachwuchsspieler, da es schwierig, sie zu besiegen, und man viele Elo-Punkte verlieren kann.

Das mag sein, aber man muss bereit sein, gegen jeden anzutreten. In den Niederlanden wurde einst ein Turnier im gleichen Format ausgetragen – dort spielten wir fünf Partien im klassischen Schach gegeneinander. Damals gewann ich das Turnier und vier meiner damaligen Gegner sind heute unter den Top Ten der Welt: Fabiano Caruana, Hikaru Nakamura, Wesley So und Anish Giri.

Zu meinem Team gehörten damals Peter Svidler und andere erfahrene Spieler. Das war sehr interessant, denn ein enormer Vorteil von Schach ist, dass man auf Spieler fast jeden Alters treffen kann.


TeamNameTiFEDElo+=-PtsGms
ExperienceGelfand, BorisGM2739460710
ExperienceSvidler, PeterGM27342715.510
ExperienceVan Wely, LoekGM2677163410
ExperienceNielsen, Peter HeineGM2700244410
ExperienceLjubojevic, LjubomirGM25721543.510
YouthNakamura, HikaruGM2729442610
YouthGiri, AnishGM2672361610
YouthCaruana, FabianoGM2672262510
YouthHowell, David W LGM26163344.510
YouthSo, WesleyGM26740914.510

Ein legendäres Beispiel hierfür ist die Partie zwischen Viktor Korchnoi und dem aktuellen Weltmeister Magnus Carlsen im Jahr 2004. Der Altersunterschied betrug mehr als 60 Jahre!

Rückblick auf 2015

Wie lief es im vergangenen Jahr für dich?

Schachlich lief es furchtbar, und ich erlebte eines der schlimmsten und erfolglosesten Jahre meiner Karriere. Ich hoffe, dass mir meine erfolgreiche Vorstellung in Moskau dabei hilft, gegen diese Entwicklung anzukämpfen und im Jahr 2016 einen guten Lauf zu bekommen.  

Was sind die Gründe deiner Erfolglosigkeit – Deine Schachform oder andere Umstände?

Es gibt mehrere Punkte, und einer davon ist, dass ich keinen guten Terminplan hinbekam. Entweder erhielt ich Einladungen zu Turnieren, die fast gleichzeitig abgehalten wurden und von denen ich mich für eins entscheiden musste, oder es vergingen Monate, in denen ich überhaupt keine vernünftige Turniereinladung erhielt. Als Folge spielte ich letztes Jahr nur sehr wenige klassische Turnierpartien – nur 31. Das lag daran, dass Turniere abgesagt wurden, an denen ich teilnehmen wollte, oder dass ich bereits anderweitig verplant war, wenn eine Einladung hereinschneite. Das kostet einen natürlich den Rhythmus, da es schwierig ist, drei, vier Partien hintereinander zu spielen, dann nach langer Zeit wieder zwei Partien und dann lange Zeit gar nicht.

Vladislav Artemiev war in Moskau ungeschlagen, ehe er seinen letzten beiden Partien gegen Morozevich und Gelfand verlor. Gelfand meinte zur gegnerischen Eröffnung: "Mir scheint, dass Artemiev einen modernen, “carlsenhaften” Ansatz verfolgt. Er legt wenig Wert auf die Eröffnung, sondern versucht, eine sehr lange Partie zu spielen und seine Stärken auszunutzen" | Foto: Eteri Kublashvili/Vladimir Barsky, RCF Website

Ich hoffe, dass sich die Situation 2016 ändert, da es dafür eigentlich keine objektiven Gründe gibt. Schwierige Phasen gibt es, und man muss überlegen, wie man sie und alle anderen Schwierigkeiten überwindet.

Kein Geld für Schach in Israel

Überraschenderweise nahm deine Nationalmannschaft dieses Jahr nicht an der Mannschafts-EM teil. Ist die Situation so schwierig oder gibt es Aussichten, dass es besser wird?

Leider wenig. Zu Beginn des Jahres stand dem Verband das Geld für die Teilnahme an einem Turnier zur Verfügung – der Mannschafts-Weltmeisterschaft. Es wurde ausgegeben, aber anschließend gab es Diskussionen in der Knesset, die dazu führten, dass wir doch zur Mannschafts-EM geschickt werden sollten. Der bürokratische Apparat des Sportministeriums und der Verband brauchten aber lange, um diese Frage zu klären, und im letzten Moment sprangen beide ab.

Ich hoffe, dass nächstes Jahr genügend Mittel da sein werden, damit wir zur Schacholympiade nach Baku fahren könnten, aber die Lage ist unklar, da es sehr wenige Geldquellen gibt. Und der Großteil der Gesellschaft denkt nach dem Motto „Schach ist kein Beruf“, dass es keinen Grund gebe, Leuten Geld fürs Klötzchenschieben zu geben.

Anstatt selbst in Reykjavik mitzuspielen, gab Gelfand dem norwegischen Team im Vorfeld der Mannschafts-EM einige Tipps | Foto: Tarjei J. Svensen, Sjakkbloggen

Sie meinen, man sollte zum Spaß Schach spielen?

Ja, Schach ist ein Spiel für die Parkbank oder zum Zeitvertreib mit dem Großvater. Trotz meiner Erfolge und der Erfolge der Nationalmannschaft, die natürlich gut für unser Land sind, sind wir für die Offiziellen als Gesellschaftsschicht immer noch so eine Art Außerirdische. Fußballfans, die sich prügeln, sind eine Gesellschaftsschicht, während Schachspieler elitär sind und ihre Rolle und Bedeutung kennen – doch das bringt uns keinerlei Geld ein (lächelt)

Sorgt das aber nicht dafür, dass Talente sich nicht entwickeln können?

Ja. Die Bedingungen für junge Spieler sind mittlerweile etwas besser geworden, da einige einen privaten Sponsor gefunden haben und dadurch mit guten Trainern arbeiten können. Das ist eines der Probleme, die gelöst werden müssen, da sich in den letzten acht bis neun Jahren kein Talent zu einem starken Großmeister weiterentwickelt hat. Unser Team besteht seit 2008 mehr oder weniger aus denselben Spielern, und es gibt nur einen jungen Spieler, der mittlerweile integriert werden konnte.

2015 allgemein

Was war für dich schachlich die größte Überraschung im Jahr 2015?

Es fällt mir schwer, eine Sache hervorzuheben – es war ein gutes Jahr mit vielen interessanten Turnieren, aber insgesamt weniger interessanten Partien. Die Spieler sind pragmatischer geworden und interessieren sich nur noch für das Ergebnis – diese Entwicklung gefällt mir nicht. Vielleicht ist sie nur von kurzer Dauer und geht schnell vorbei.

Erwähnenswert scheint mir die Entwicklung der chinesischen Spieler. Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis des alten Jahres – einige junge Spieler sind aufgetaucht, die man bereits zur Weltspitze zählen kann.

Wie stark die neue chinesische Generation ist, durfte Gelfand am eigenen Leib erfahren, als er einen Zweikampf gegen Ding Liren mit 1:3 verlor - hier alle Partien | Foto: dsb.66wz.com

Manche meinen, dass Weltmeister Carlsen, der 2014 noch als unbesiegbar galt, ein wenig nachgelassen habe, und es nun einige Spieler gebe, die es mit ihm aufnehmen können. Stimmt das wirklich?

Mir kommt es nicht so vor, dass jemand besonders große Fortschritte gemacht hätte. Vielleicht spielte Magnus nicht so überzeugend, aber man kann nicht immer auf dem allerhöchsten Niveau spielen. Es gibt immer Höhen und Tiefen – vielleicht hat er ein wenig sein Spiel verändert, was zu einem zeitweiligen Effekt führte.

Auf dem zweiten Platz der Weltrangliste liegt aber schon Vladimir Kramnik, der nun schon seit 20 Jahren seine Klasse demonstriert. Es ist großartig, dass er dieses Niveau gehalten hat, und vermutlich war er der Spieler, der 2015 das lebhafteste Schach gezeigt hat. Die Siege, die er beim Europacup für Siberia errungen hat, waren einfach Glanzpartien.

Kramniks 1-0 gegen Topalov war vermutlich die Partie, die Vlad am meisten genossen hat  | Foto: Evgeny Surov, chess-news

Was sind deine Pläne für 2016?

Aktuell versuche ich einen Terminplan mit guten Turnieren zusammenzustellen und hoffe, dass ich viel mehr Partien spielen werde. Meiner Familie und meinen Freunden wünsche ich Gesundheit und dass sie weiter ihre Interessen verfolgen und dabei Fortschritte machen. Und dass ihnen allen das Glück zulächelt.


Außer Schachspielen ging Boris 2015 auch noch anderen Tätigkeiten nach. Vor der Mannschafts-EM trainierte er die norwegische Nationalmannschaft, und dabei diente ihm ein Buch als Basis, das er erst kürzlich herausgegeben hat. In einem Interview mit dem russischen Schachverband sprach er darüber:


Du hast kürzlich ein neues Buch herausgebracht. Kannst du uns ein wenig darüber erzählen?


Ich habe das Buch gemeinsam mit Jacob Aagard für den Verlag Quality Chess geschrieben. Ich diktierte, und Jacob schrieb. Durch Aagards Mithilfe hat das Buch pädagogischen Wert bekommen, denn er ist ein erfahrener Trainer. Während der Arbeit an dem Buch haben wir vieles überprüft und leicht modifiziert.

Ist es eine Partiesammlung?

Nein, wie Anton Korobov meinte, ist es ein Buch wie Eckermanns Gespräche mit Goethe (lacht). Anton macht gern Witze. Das Buch heißt Positional Decision Making in Chess, und enthält die Themen “Raumvorteil”, “Vorteilsverwertung” und “Ausnutzung der Bauernstruktur”. Es enthält nicht nur Partien von mir, sondern auch von Spielern wie Rubinstein. Ich habe viel von seinen Partien und Razuvaevs Buch über ihn gelernt, daher wollten wir Vergleiche herstellen. Unser Buch wurde vom englischen Schachverband zum Buch des Jahres gekürt.

Der zweite Band ist bereits in Arbeit. Darin wird es um die richtigen Entscheidungen in dynamischen Stellungen gehen.   


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