Allgemein 30.05.2015 | 11:46von Colin McGourty

Betrug bei der Frauen-Europameisterschaft ?

Mihaela Sandu wurde bei den Betrugsvorwürfen bei der Schacheuropameisterschaft der Damen 2015 namentlich erwähnt | Foto: Georgischer Schachverband Facebook

Bei der 16. Einzeleuropameisterschaft der Damen, die gerade in Chakvi, Georgien stattfindet, ist eine unangenehme Situation entstanden. Nach fünf Runden führte die 38-jährige rumänische WGM Mihaela Sandu (Elo von 2300) mit einem perfekten Ergebnis von 5/5, obwohl sie zu Beginn des Events auf Setzplatz 45 war. Das scheint direkt zu zwei Briefen von Spielerinnen an die Organisatoren geführt zu haben, in denen Anti-Betrugsmaßnahmen gefordert wurden, wobei Mihaela in einem der Briefe namentlich erwähnt wurde. War es ein gerechtfertigter Verdacht, Paranoia oder eine Hexenjagd? Wir setzen auf Letzteres.

Die Europameisterschaft der Damen 2015 war bis jetzt kein großes Event. Das Ganze begann schon schlecht, als sich herausstellte, dass das Hotel der Spielerinnen nicht (wie auf der offiziellen Webseite suggeriert wird) einen Blick auf Tennisplätze und Swimmingpools bietet, sondern auf eine Baustelle. Dann war da noch die Teilnehmerliste. Obwohl alle europäischen Schachspielerinnen hätten teilnehmen können, fehlten Stars wie die Weltmeisterin Mariya Muzychuk und ihre Schwester Anna, neben den russischen Topspielerinnen Alexandra Kosteniuk und Natalia Pogonina. Außerdem stiegen Spielerinnen auch während des Turniers aus gesundheitlichen oder persönlichen Gründen aus – die Setzlistenerste Nana Dzagnidze nach drei Runden, die Setzlistenzehnte Lela Javakhishvili nach sieben und die  Setzlistendritte Antoaneta Stefanova nach neun Runden (und drei Niederlagen in Folge).

Eine überraschende Führende

Der richtige Drama des Turniers war jedoch die Atmosphäre rund um WGM Mihaela Sandu. Natürlich sorgte ihr Start mit 5/5 für Stirnrunzeln:

‌"Das ist das Gefühl, wenn eine Schachspielerin 5/5 in der Einzel-Europameisterschaft erzielt, aber man rein gar nichts über sie weiß :)"

Selbst jetzt, nach vier Niederlagen in den letzten fünf Runden, hat Mihaela 52,2 Ratingpunkte gewonnen (ihr bisheriges Spitzenrating war 2325, im April 2008):

Quelle: Chess-Results

Die Dinge spitzten sich am einzigen Ruhetag ,dem 26. Mai, nach Runde 7 zu.   

Offene Briefe

Der Turnierleiter Direktor Giorgi Giorgadze, der Chefschiedsrichter Tomasz Delega und der ECU-Präsident Zurab Azmaiparashvili erhielten zwei Briefe.

Der erste war von 32 Spielerinnen unterschrieben worden, sprach von "einem erhöhten Betrugsverdacht" und forderte die Einführung einer Verzögerung von 15 Minuten bei der Live-Übertragung:

Wir, die Teilnehmer der 16. Europameisterschaft der Damen, würden gerne unsere schwerwiegenden Bedenken bezüglich aufkommender Betrugsverdächtigungem beim Turnier äußern. Wir bitten die Organisatoren in dieser Hinsicht um ihre Kooperation. Es gibt einige Wege, die fortgeschrittene Technologie zu bekämpfen, und wir sind der festen Überzeugung, dass die Organisatoren alles tun sollten, um solche Situationen zu vermeiden. Wir haben bereits um eine Verzögerung von 15 Minuten bei der Live-Übertragung der Partien gebeten. Das ist eine normale Lösung, die bei vielen Topturnieren angewendet wird. Wenn das technisch nicht möglich ist, würden wir die Organisatoren bitten, eine andere Lösung für dieses Problem für die verbleibenden Runden der Meisterschaft vorzuschlagen.

Der zweite, der von 15 Spielerinnen unterschrieben wurde, erwähnte spetifisch "Bedenken im Zusammenhang mit M. Sandus Performance" und forderte, dass ihre Partien von der Live-Übertragung ausgeschlossen werden sollten (sie war kurz davor, in Runde 8 an Brett 2 zu spielen):

Wir, als Teilnehmer der 16. Einzel-Schacheuropameisterschaft der Damen, wollen unsere Bedenken im Zusammenhang mit M. Sandus Performance äußern. Wir bitten die Organisatoren, ihre Partien von Runden 8-11 nicht in der Live-Übertragung zu zeigen und sie nach den Runden zu veröffentlichen. Wir sehen auf beiden Seiten keinen gewichtigen Grund, diese Vorsichtsmaßnahme abzulehnen. Wir hoffen, dass so eine Entscheidung jeden möglichen Verdacht unterbinden wird.

Die Unterzeichner der Briefe sind hier aufgeführt, wobei die Spielerinnen, die den zweiten Brief mit der namentlichen Erwähnung Sandus unterschrieben haben, ‌fett gekennzeichnet sind:

  1. Natalia Zhukova - Schlug Sandu in Runde 8
  2. Alisa Galliamova
  3. Lanita Stetsko
  4. Nastassia Ziaziulkina
  5. Olga Girya – Verlor gegen Sandu in Runde 4
  6. Dina Belenkaya
  7. Anastasia Bodnaruk
  8. Anastasia Savina
  9. Vlada Sviridova
  10. Lilit Galojan
  11. Jolanta Zawadzka
  12. Jovana Vojinovic
  13. Nino Batsiashvili – Schlug Sandu in Runde 6
  14. Bela Khotenashvili
  15. Evgenija Ovod
  16. Inna Gaponenko
  17. Sofio Gvetadze
  18. Nino Khurtsidze
  19. Maia Lomineishvili
  20. Melia Salome - Verlor gegen Sandu in Runde 2
  21. Svetlana Matveeva
  22. Olga Zimina
  23. Alessia Santeramo
  24. Maria Kursova
  25. Anna Hairapetian
  26. Maria Gevorgyan
  27. Marina Guseva
  28. Svetlana Petrenko
  29. Ekaterina Kovalevskaya
  30. Anna Ushenina
  31. Elina Danielian – Schlug Sandu in Runde 9
  32. Alina Kashlinskaya
  33. * unterschrieb nur den 2. Brief - Anna Tskhadadze
  34. * unterschrieb nur den 2. Brief - Tatiana Ivanova

Der 16-jährige russische Star Aleksandra Goryachkina verlor in Runde 3 gegen Sandu, unterschrieb jedoch keinen der beiden Briefe | Foto: Georgischer Schachverband Facebook

Die Organisatoren stimmten einer Verzögerung von 15 Minuten zu (wie sie z.B. bei der Schach-Bundesliga auch angewendet wird), wiesen jedoch die Andeutung von der Hand, dass ein Betrugsfall vorlag, und äußerten starke Kritik an den Spielerinnen, die Sandu namentlich erwähnt hatten. Sie beschrieben diese Handlung als "unfair, beleidigend und Urheber psychologischen Drucks". Der Turnierleiter rief sie dazu auf, ihre Unterschriften zurückzuziehen.

EWICC 2015 in Chakvi: Die Antwort der Organisatoren auf die Briefe der Spielerinnen

Gestern, am 26. Mai 2015, erhielten die Organisatoren zwei Briefe von den Teilnehmerinnen. Der erste war von 32 Spielerinnen unterschrieben worden, der zweite von 15 Spielerinnen.

Was den ersten Brief angeht, sind die Organisatoren mit den 32 Spielerinnen einverstanden, dass die Übertragung aller Partien im Internet von Runde 8 bis 11 um 15 Minuten verzögert wird. Wir sind uns sicher, dass so eine Lösung der richtige Weg ist, um jeden Betrugsverdacht im Allgemeinen auszuschließen. Aber wir teilen nicht die Bedenken eines "erhöhten Betrugsverdachtes" bei diesem Turnier.

Was den zweiten Brief angeht, der eine schwerwiegende Anschuldigung von Frau Sandu darstellt, stimmen die Organisatoren den 15 Spielerinnen nicht zu. Nach Rücksprache mit den Schiedsrichtern und Großmeistern sind sich die Organisatoren sicher, dass es keinen besonderen Grund gibt, die Partien von Frau Sandu nicht zu übertragen. Einige Großmeister haben ihre Partien mit verschiedenen Programmen überprüft und keine Anzeichen für eine Unterstützung durch einen Computer während der Partie gefunden.

Wir sehen diese Anschuldigung als unfair, beleidigend und Urheber psychologischen Drucks an. Wir finden, dass beide Briefe in der ECU ernsthaft besprochen werden sollten, damit der richtige Weg gefunden wird, um Spieler vor fortgeschrittener Technologie zu schützen, sodass kein einziger Schachspieler unter psychologischen Druck gerät oder unverdiente Beleidigungen ertragen muss.

Die Organisatoren bitten die besagten 15 Spielerinnen, ihrer Kollegin Respekt zu erweisen und ihre Unterschriften zurückzuziehen.

Die Organisatoren befolgen in Zusammenarbeit mit den Schiedsrichtern alle Regeln, einschließlich der FIDE Law of Chess in Bezug auf Betrug, die bei der Fachtagung der Einzel-Europameisterschaft der Damen 2015 in Chakvi verkündet wurde:

Während der Partie ist es einem Spieler verboten, ein Mobiltelefon und/oder andere elektronische Kommunikationsmittel im Spielsaal zu haben. Wenn es offensichtlich ist, dass ein Spieler ein solches Gerät in den Austragungsort mitgebracht hat, verliert er die Partie. Der Gegner gewinnt.

Der Schiedsrichter kann verlangen, dass die Kleidung, die Taschen oder andere Besitztümer des Spielers unter Ausschluss der Öffentlichkeit untersucht werden. Der Schiedsrichter oder eine Person, die vom Schiedsrichter autorisiert wurde, wird den Spieler überprüfen und vom selben Geschlecht wie der Spieler sein. (11.3 FIDE Law of Chess)

Wenn man also während der Partie den Verdacht hat, dass der Gegner betrügt, kann man dies dem Schiedsrichter melden. Der Schiedsrichter sollte den Gegner beobachten und kann sich dazu entscheiden, ihn zu überprüfen. Aber im Falle einer falschen Anschuldigung kann man von dem Schiedsrichter nach Artikel 12.2 und 12.9 der Laws of Chess bestraft werden (wobei die Strafe von einer Verwarnung bis hin zum Ausschluss aus dem Wettbewerb reichen kann).

27. Mai 2015
Turnierleiter
Giorgi Giorgadze

Der rumänische Schachverband hat eine Stellungnahme veröffentlicht, in der er Sandu deutlich unterstützt. Laut dem Verband wies sie "im Laufe ihrer ganzen Schachkarriere eine tadellose Fairplay-Haltung" auf. Außerdem weisen sie darauf hin, dass Sandu "sich über gravierende Schikanen beschwert, eine Situation, die Mihaela SANDUs Fähigkeit, ihr Bestes zu geben, deutlich beeinträchtigt" und bitten darum, dass die Ethik-Regeln der FIDE angewendet werden.

Sandus rumänische Teamkollegin Irina Bulmaga setzte sich ebenfalls für Mihaela ein:

Ich verstehe, dass es recht frustrierend sein kann, gegen einen Gegner mit einer geringeren Elo zu verlieren, aber ich verstehe nicht, warum man so paranoid und unprofessionell sein muss. Ich finde diese ganze Situation einfach ungeheuerlich und möchte darauf hinweisen, dass Schach kein Krieg ist und nicht alle Mittel, die zum Sieg führen können, in Ordnung sind. Ich dachte früher, dass professionelle Schachspieler sehr intelligente und sensible Leute sind und als Sportler alle ein hohes Level an Fairplay aufweisen. Naja, anscheinend lag ich damit sehr falsch.

Hier findet ihr Irinas vollständige Meinung auf ihrem Blog.

Die Schach-"Beweise"

Das sind die bisher eingetroffenen offenen Briefe, aber was ist mit Mihaelas Schachspiel? Soweit wir das hier bei chess24 beurteilen können, gibt es auf der Grundlage der Partien selbst keinen Grund für Betrugsvorwürfe:

‌"Habe mir Mihaela Sandus Partien von der #eiwc angeschaut. Sieht für mich nicht nach Betrug aus."

"Bei den paar Partien, die ich gesehen habe, auch nicht."

"Diejenigen, die Mihaela Sandu Betrug vorgeworfen haben, sollten sich schämen. Überprüft erst einmal die Beweise. Das ist so schädlich für das Schachspiel wie ein Betrugsfall selbst."

In ihrem Schachspiel gab es keine offensichtlichen Computerzüge, sie hat einige schlimme Flüchtigkeitsfehler begangen und ihr Zeitbedarf war sehr unterschiedlich. Was in den ersten Partien auffiel, war einfach, dass sie es schaffte, böse Fehler zu vermeiden, was ihren Gegnern nicht gelang. Wie Jan über eine Partie sagte: "man müsste ein Genie sein, um so zu betrügen".

Ihr könnt hier auf chess24 alle Partien mit Computeranalyse nachspielen und sie selbst beurteilen (wir haben ein paar Stellungen hervorgehoben, aber nur aus Interesse, nicht im Sinne einer gründlichen Analyse):

1. Sandu 0-1 Mammadova (1862)

Vermutlich wäre hier das Argument, dass Sandu in dieser Partie gegen eine Gegnerin mit einer sehr viel niedrigeren Elo nicht betrügen müsste, aber man muss anmerken, dass sie die Chance verpasste, eine Figur zu gewinnen:


26.f6! gewinnt den c5-Springer, da 26...gxf6 27.Lf5! Matt oder gravierende Materialverluste bedeutet. Nach 26.Tad1? musste Sandu die Partie dagegen noch gewinnen.

2. Melia (2452) 0-1 Sandu

3. Sandu 1-0 Goryachkina (2474)

Diese Partie war mehr oder weniger ausgeglichen, bis die 16-jährige Goryachkina mit 38…Lf2? einen bösen Fehler machte:


Weiß kann auf f2 nicht nehmen, aber 39.Df3! war einer der Gewinnzüge. Sandu sammelt danach mit Schachgeboten Material ein.

4. Girya (2479) 0-1 Sandu

Vielleicht ist Sandus Geschwindigkeit das Problem? :) Im Hintergrund ist ihre Hand verschwommen, als sie gegen die Russin Olga Girya spielt, die den ersten, aber nicht den zweiten Brief unterschrieb | Foto: Georgischer Schachverband Facebook 

5. Sandu 1-0 Javakhishvili (2472)

Lela Javakhishvili stand auf Gewinn, bis sie einem Mattangriff zu Opfer fiel. Man muss dazusagen, dass sie Sandu später unterstützte und ihre Kolleginnen dazu aufrief, nicht weiter Panik zu verbreiten und Druck auf Mihaela auszuüben.

‌"Und das liegt auf dem Infostand in der Hotellobby?! Und einige von euch denken immer noch, dass das keinen Druck auf Sandu ausübt???"

6. Batsiashvili (2473) 1-0 Sandu

Sandu machte im 47. Zug einen schlimmen Fehler. Die Partie wurde jedoch in der Live-Übertragung irgendwann nicht mehr aktualisiert, obwohl unklar ist, ob das Absicht war. Später wurde sie wiederhergestellt.

7. Sandu 1-0 Stefanova (2512)

Stefanova hatte die Initiative mit einem Bauernsturm ergriffen, auf den Sandu schlecht reagierte, aber nach 27…Db5?? fand sie einen wunderschönen Weg zum Sieg:


28.Db3+! Kh8 29.c4! fängt die schwarze Dame.

8. Zhukova (2456) 1-0 Sandu

9. Sandu 0-1 Danielian (2458)

In der vorletzten Runde traf Sandu auf Moniko Socko, während die Spitzenpartie zwischen Nino Batsiashvili (8/9) und Natalia Zhukova (7,5/9) eine Runde vor Schluss bereits für eine Meisterin sorgen könnte.

Es steht jedoch bereits fest, aus welchem Grund man sich an diese Meisterschaft erinnern wird. Hoffen wir, dass solche Situationen in der Zukunft besser gehandhabt werden können, da potentielle Hexenjagden dem Schachspiel mindestens genauso viel Schaden zufügen können wie Betrugsfälle an sich.

UPDATE: Mihaela Sandu reagiert

Sandu hat nun selbst reagiert, fragt, warum die Übertragung ihrer Partie in Runde 6 unterbrochen wurde und beschreibt den Brief, der von den 15 Spielerinnen unterschrieben wurde, als "sehr schmutzige Attacke, die meinen Namen in der Schachwelt dauerhaft beschädigt hat". Sie ärgert sich vor allem über Natalia Zhukova:

Ich möchte Zhukovas armseliges Verhalten besonders herausstellen, da sie die Hauptverursacherin der Diffamierungskampagne war und direkt vor unserer Partie psychologische Attacken ausübte.

Sandu beschreibt das Unterzeichnen des ersten Briefes als "sehr gravierendes Verbrechen" und erwähnt, dass sie und ihr Verband sich dahingehend rechtlich beraten lassen werden. Es war ihr unmöglich, unter diesen Umständen normal Schach zu spielen.

Hier könnt ihr den ganzen Brief lesen:

Quelle: Chess-News.ru

Siehe auch:


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