Interviews 12.06.2015 | 13:47von Colin McGourty

Beliavsky über Ivanchuk, Carlsen und Botvinnik

Beliavsky trifft bei der UdSSR-Mannschaftsmeisterschaft 1975 in Riga auf Anatoly Karpov | Foto: Z. Mezavilks, ChessPro

Der viermalige UdSSR-Meister Alexander Beliavsky ist im Alter von 61 Jahren immer noch ein aktiver Schachspieler und sprach in einem Interview kürzlich über die Herausforderung, vor der Vassily Ivanchuk und Viswanathan Anand mit Mitte 40 im Eliteschach stehen. Als Coach von Maxime Vachier-Lagrave ist er jedoch stark im Kontakt mit der neuen Generation und erklärt, was Magnus Carlsen und Anatoly Karpov von anderen Schachspielern unterscheidet.

Alexander Beliavsky gewann die Juniorenweltmeisterschaft 1973 und ein Jahr später, im Alter von nur 21 Jahren, die erste von vier UdSSR-Meisterschaften (1974, 1981, 1987, 1990). Er vertritt nun Slowenien und hat an insgesamt 15 Olympiaden teilgenommen, zuletzt letztes Jahr in Tromsø. Zu diesem Rekord zählt auch, dass er die Mannschaft der UdSSR 1984 ohne Garry Kasparov und Anatoly Karpov zum Gewinn der Goldmedaille führte.

Die erfolgreiche UdSSR-Mannschaft bei der Olympiade 1982 (von links nach rechts): Anatoly Karpov, Garry Kasparov, Lev Polugaevsky, Alexander Beliavsky, Mikhail Tal und Artur Yusupov | Foto: R. Knezevic, ChessPro

In einem neuen Interview sprach er mit Yury Vasiliev von ChessPro, und wir haben einige der Highlights aus dem russischen Original übersetzt. Beliavsky wurde wie der 46-jährige Vassily Ivanchuk in Lwiw geboren und daher gefragt, warum Ivanchuk nicht den Weltmeisterschaftstitel gewonnen hat:


Vassily Ivanchuk begann das Tata Steel Masters 2015 aus drei Siegen mit vier Partien und schloss es mit einer Leistung von 2800+ ab | Foto: Alina l'Ami, Offizielle Facebook-Seite

Alexander Beliavsky: Ivanchuks Talent ist phänomenal! Aber die Hauptsache ist seine Haltung zum Schach, seine einzigartige Hingabe für dieses Spiel. Man kann natürlich sagen, dass Vassily Pech hatte, man kann aber auch über psychologische Faktoren sprechen: in kritischen Momenten verliert er die Kontrolle über die Situation. Zum Beispiel bei dem Match gegen Ponomariov, bei dem Ivanchuk der unangefochtene Favorit war.

Vasya ist jetzt in einem kritischen Alter. Ich nenne ein Alter von 42-43 Jahren das "Balzac-Alter" für Schachspieler. Und er hat diese Grenze, eine sehr kritische Grenze, bereits überschritten, bei der sehr starke Schachspieler - auf einmal! - in einigen Turnieren zusammenbrechen. Später, wenn sie auf die 50 zugehen, kollabieren sie immer öfter… 

Und als Ivanchuk mir erzählte, "Irgendwie habe ich kürzlich angefangen, grobe Schnitzer zu machen…", sagte ich, "Vasya! Achte nicht darauf! Sei dankbar, dass du zwei Turniere von dreien gewinnst, denn später wirst du nur eines gewinnen, und danach nicht einmal das…"

Yury Vasiliev: Du hast ihn also wirklich getröstet…

Ein Pessimist ist ein gut informierter Optimist (lacht). Das Balzac-Alter ist für einen Schachspieler der Punkt, nach dem es sehr schwer ist, um den Weltmeistertitel zu kämpfen.

Nicht für jeden. Zwei überzeugende Beispiele sind Vishy Anand und Boris Gelfand. Trotz ihres "post-Balzac"-Alters kämpfen sie weiterhin um die höchsten Titel. Boris gewinnt Grand Prix-Turniere und Vishy ist wieder über 2800.

Anand zeigte bereits 2005 im argentinischen San Luis, wie er Turniere spielt. Er wählt 3-4 "Opfer" aus und gibt bei diesen Partien alles. Und normalerweise gelingt ihm dann ein Sieg. Seitdem sind zehn Jahre vergangen und Anand macht im gleichen Sinne weiter. So kann er seine Energie mit seinen 45 Jahren gut aufteilen. Sie reicht nicht für zehn Partien, aber wenn er sich auf drei oder vier konzentriert, funktioniert das für ihn. Beim Vugar Gashimov Memorial in Shamkir handelte er ebenfalls nach diesem bewährten Muster. Er machte für sich drei Opfer aus, "vernichtete" sie und vereinbarte dann in allen anderen Partien Remis.

Auch in der ersten Partie gegen Magnus, in der er eine Gewinnstellung hatte?

Da er vor dem Turnier nicht geplant hatte, Carlsen zu schlagen, stellte sich heraus, dass er mental nicht darauf vorbereitet war, als er während der Partie eine Gewinnchance bekam…

Magnus Carlsen stolperte in seiner Partie gegen Vishy Anand in der ersten Runde des Shamkir Chess Turniers 2015, aber der indische Star verpasste es knapp, den aktuellen Weltmeister zu schlagen | Foto: Shamkir Chess

Man muss über Anand, Gelfand und Ivanchuk vor dem Hintergrund dieses "Balzac"-Alters sprechen. Sie verblüffen uns weiterhin mit ihrem Schach. Dieses Trio ist meiner Ansicht nach die letzte Verbindung zwischen den Schachspielern des "Prä-Computer-Zeitalters" und denen des "Computer-Zeitalters".

Und zu welchem Zeitalter gehörst du?

Ich sehe mich selbst als Dinosaurier.

Als aktiver "Dinosaurier" hast du am Brett historische Figuren getroffen – Keres und Reshevsky. Damals hatten die Leute noch nicht einmal von Computern gehört. Und am dem anderen Ende der Skala bist du auf die "Kinder des Computers" getroffen (analog zu Petrosians "Kindern des Informators") – Carlsen und Caruana…

Das sind Extreme. Und dazwischen habe ich gegen den ganzen Rest gespielt.

Ich erinnere mich gut daran: Tilburg 1981 - du hast gewonnen, vor Tigran Petrosian, Boris Spassky und Garry Kasparov. Und du hast auch 1986 in Tilburg gesiegt, vor Karpov. Aber wie lief es gegen Samuel Reshevsky?

Ich verlor. Ich behandelte Reshevsky wie einen "Rentner", den ich unbedingt schlagen musste, daher verlor ich gegen ihn.

Und gegen die jungen Leute?

Beim "Youth vs. Experience" gewann ich gegen Carlsen, bei der Olympiade 2008 einigten wir uns auf ein Remis und eine Partie habe ich gegen ihn verloren. Mein Score ist gegen Carlsen also besser als meiner gegen Reshevsky…

Und Caruana?

Beliavsky schlug Caruana im Jahr 2009, als er ein Rating von 2662 hatte, im Vergleich zur Elo seines Gegners von 2670 | Foto: John Nunn, ChessBase

Ich habe einen positiven Score gegen Caruana. Wir spielten drei Partien, zwei endeten remis und eine gewann ich 2009.

Arbeitest du schon lange mit Maxime Vachier-Lagrave zusammen?

Ja, ungefähr vier Jahre, glaube ich. Wir haben Trainingslager zusammen gemacht - sowohl in Lwiw als auch in Slowenien, und manchmal bin ich bei Turnieren sein Sekundant.

Beim Alekhine Memorial, dessen erste Hälfte im Louvre stattfand, sprach ich bei einigen Gelegenheiten mit Maxime und er erzählte mir, dass er Schach vorher nicht ernsthaft genug angegangen war - dass er viel Zeit verloren hatte und das nun bereute…

Maxime ist in den letzten zwei Jahren wirklich zum Profi geworden. Vorher liebte er Schach sehr und löste einige Studien, d.h. er ging wie ein Amateur ans Schachspiel heran. Aber in den letzten zwei Jahren, in denen er es in die internationale Elite geschafft hat, hat er angefangen, seine Aufgaben sehr professionell zu betrachten.

In Chanty-Mansijsk zeigte Maxime eine extrem schlechte Leistung…

Er war nicht in seiner Bestform, aber Maxime hat dieses Jahr viele andere Turniere. Er spielt jetzt in der Grand Chess Tour, die in Norwegen beginnt und deren nächste Phase in den USA stattfinden wird. Ich finde, er sollte sich wirklich darauf konzentrieren, da ihm das neue Möglichkeiten bieten wird.

Maxime Vachier-Lagrave spielt bei einem Schnellschachevent morgen in León zunächst gegen Ruslan Ponomariov, wobei der Sieger im Finale auf Wei Yi oder David Anton trifft | Foto: ChessliveMagistral de León

Was hältst du von Magnus Carlsen?

Ich weiß nur von zwei Schachspielern, die im Endspiel besser spielten als in der Eröffnung und im Mittelspiel - das sind Karpov und Carlsen.

Eine Eigenschaft ihrer "Schachnatur", um Aron Nimzowitsch' Begriff zu verwenden?

Eine Eigenschaft ihrer Mentalität, würde ich sagen.

Gewinnt Magnus nur aufgrund dieser Eigenschaft ein Turnier nach dem anderen?

Ich würde auch auf seine exzellente Technik beim Verwerten von Vorteilen hinweisen. Naja, und im Allgemeinen berechnet er Varianten sehr gut. Karpov berechnete Varianten in seinen besten Jahren ebenfalls sehr gut.

Boris Gelfand erzählte mir einmal, dass er das Gefühl hatte, es säße eine Reinkarnation von Karpov vor ihm, als er gegen Carlsen spielte.

Boris und ich haben nie über dieses Thema gesprochen, drücken uns da aber fast identisch aus.

Denkst du, jemand kann Carlsen trotz seiner "Karpovschen" Fähigkeit, seine Gegner in der letzten Phase der Partie zu überspielen, vom Podest holen?

Natürlich kann das jemand erreichen! War es denn unmöglich, Karpov von seinem Podest zu holen, trotz seiner Fähigkeit, seine Gegner in der letzten Minute zu überspielen? Kasparov tauchte auf und schaffte das auf sehr überzeugende Art. Ich war selbst Zeuge davon, wie Caruana in St. Louis so gut drauf war, dass Carlsen neben ihm wie ein Kleindarsteller aussah.

Er gewann sieben Partien!

Und in den dreien, die er nicht gewann, gab es einen Augenblick, in dem er eine totale Gewinnstellung hatte.

Beliavsky spricht beim Sinquefield Cup 2014 mit Veselin Topalov | Foto: Macauley Peterson

Beliavsky sprach auch über seine Aufeinandertreffen mit dem "Patriarchen des Sowjetischen Schachs" und sechsmaligen Schachweltmeister Mikhail Botvinnik:

Mikhail Botvinniks bedeutender Protégé, Garry Kasparov, starrt auf Beliavskys Stellung | Foto: B. Dolmatovsky, ChessPro

Von 1973 bis kurz vor seinem Tod waren Botvinnik und ich Freunde. Als ich nach Moskau zog, kam ich immer kurz in seiner Wohnung in 3 Frunzenskaya vorbei. Er bot mir immer Tee an. Gayane Davidovna, seine Frau, war bereits im Krankenhaus, also kochte er selbst etwas. Er hatte als Schachspieler keinen so großen Einfluss auf mich wie als Persönlichkeit. Ich konnte das Ausmaß seiner Persönlichkeit sehen.

Ich denke, er war der größte Schachforscher. Er wusste, wie man Schachregeln richtig formuliert. Er wusste, wie er für sich eine Regel formulieren konnte, die in allen Fällen Gültigkeit hatte. Nur wenige Schachspieler waren dazu fähig. Die Mehrheit sind talentierte Leute, die Ideen haben, die vielleicht schöner sind als Botvinniks Ideen. Aber Botvinnik war besser als jeder andere, wenn es darum ging, grundlegende Regeln zu formulieren, und er war auch besser darin, sie praktisch anzuwenden.


Es geht nur um Bauernketten und Taktik! Botvinnik 1-0 Capablanca, 1938
Und natürlich hatte er auch ein großes Talent. Wie alle großen Schachspieler war er ein brillanter Taktiker. Die Schachspieler dieser Generation sagen gerne, dass sie große Strategen sind, aber tatsächlich waren sie vor allem wunderbare Taktiker - denn Schach ist zum Großteil ein taktisches Spiel. Es wird nur bei Bauernketten zu einem strategischen Spiel. Wenn die Figuren nicht miteinander in Kontakt kommen und sich eine Wand zwischen ihnen bildet, dann musst du darüber nachdenken, wie du deine Figuren neu verteilst. Aber wenn diese Bauernwand nicht da ist, geht es um die Berechnung: "Ich gehe dahin, er zieht dorthin".

Botvinnik war vor allem ein Theoretiker von Bauernketten. Er hatte großes Talent dafür, die Stellungsregeln zu formulieren, bei denen Bauernketten eine besondere Struktur bilden.


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