Berichte 10.09.2016 | 12:25von Colin McGourty

Baku 2016, R7: Vorentscheidung zwischen USA und Russland

Mit einem klaren 3,5 zu 0,5 gegen Indien hat sich die USA bei der Schacholympiade in Baku an die Spitze gesetzt und trifft nun im vermutlich vorentscheidenden Kampf auf Russland. Die Russen liegen wie fünf andere Teams einen Mannschaftspunkt zurück, zum Verfolgerfeld gehört auch England, das gegen Titelverteidiger China einen überzeugenden 3:1-Sieg landete. Auch bei den Damen kommt es zum Duell zwischen Russland und den USA, die beiden Teams führen gemeinsam mit Aserbaidschan, den Niederlanden und China das Feld an.

Der Geist Bobby Fischers weht über dem US-Team

IM Nikolas Lubbe hat die Höhepunkte der Runde für euch zusammengefasst:


Die USA beenden Indiens Siegesserie

Der Kampf um die Medaillenränge bei der Schacholympiade ist in vollem Gange. Bis zum Match Weißrussland gegen Deutschland an Tisch 14, das 2:2 endete (Buhmann verlor, aber Meier gewann), fanden die Spitzenbegegnungen des Tages allesamt einen Sieger. Die größte Spannung produzierten naturgemäß die Wettkämpfe an den ersten acht Tischen:   


Die Schlagzeile des Tages war zweifellos der klare Sieg der USA gegen Indien, das bisher alle Wettkämpfe gewonnen hatte. Die Aufgabe für die Inder erwies sich als doppelt schwierig – die Amerikaner traten mit drei Top-Ten-Spielern an, die alle die Elo-Erwartung bislang übertroffen haben!

Lasset den Wettkampf beginnen! | Foto: Fiona Steil-Antoni

Die Amerikaner zeigten in Runde 8 ihre besonderen Fähigkeiten. Fabiano Caruana ließ sich furchtlos auf eine scharfe Variante gegen Harikrishna ein und opferte eine Figur für Königsangriff. Objektiv war es zwar vermutlich nicht korrekt, doch als der Inder scheinbar logisch die Damen tauschte, musste er ins Remis abwickeln.

An den Brettern 2 und 3 war das amerikanische Team nicht aufzuhalten. Hikaru Nakamura hatte die taktischen Verwicklungen mit diversten Fesselungen gut berechnet und stand gegen Adhiban total auf Gewinn, als der Rauch sich verzogen hatte. Wesley So derweil zeige einmal mehr, wie er mit makelloser Technik kleine Vorteile in einen Sieg verwandelt – Vidit hatte keine Chance.

Sam Shankland und die zwei Leben eines Schachspielers| Foto: Maria Emelianova, Schacholympiade Baku

Zum Glück für Sethuraman war seine Partie gegen Sam Shankland durch diese Ergebnisse bedeutungslos geworden – andernfalls hätte er sich sicher schwarz geärgert. Nachdem der Inder seine Türme auf die zweite Reihe gebracht hatte, sah alles nach einem leichten Sieg für ihn aus, was der Computer mit einer Bewertung von bis -13,04 auch bestätigte. Was lief schief? Fairerweise muss man sagen, dass die tödlichen Schläge nicht leicht zu finden waren, zumal beide Spieler in Zeitnot verkehrten. Schwarz hätte berechnen oder intuitiv erkennen müssen, dass er beginnend mit  33…Sxe3!! beide Leichtfiguren opfern konnte.

Hier könnt ihr die Partie noch einmal nachspielen

Stattdessen war nach 33…Le7? 34.Td7! Tab2? der gesamte schwarze Vorteil weg. Einige weitere Züge später konnte sich der weiße König befreien und Shankland hatte auf einmal zwei glatte Bauern mehr. Sethuraman leistete noch verzweifelt Widerstand, musste aber im 75.Zug aufgeben.


Damit überholte das US-Team die Inder und liegt nun mit sechs Siegen und einem Unentschieden allein in Führung. Bei den Verfolgern errang Russland einen souveränen Sieg gegen Tschechien, bei dem Sergey Karjakin in nur 24 Zügen gegen David Navara gewann. Evgeny Tomshevsky rehabilitierte sich mit einem überzeugenden Sieg gegen Laznicka für seine Niederlage gegen die Ukraine, und Nepomniachtchi holte zum nächsten Schlag aus – er liegt nun bei 7 aus 7 und hat damit einen „Caruana“ hingelegt (allerdings ist die Konkurrenz nicht ganz so stark wie beim Sinquefield Cup, aber seine Serie ist ja auch noch nicht unbedingt zu Ende…)

Evgeny Bareev tritt in Baku für Kanada an| Foto: David Llada, Schacholympiade Baku 

Die Ukraine schlug nach der Niederlage gegen die USA direkt zurück, überzeugte aber nicht restlos. Pavel Eljanov opferte eine Figur für vier Bauern, davon einer auf der siebten Reihe, doch das reichte nicht aus, um die Partie gegen den listigen Evgeny Bareev zu halten.

Durch diesen Sieg hatten die Kanadier die Chance auf eine Überraschung gegen den Favoriten, doch nachdem Korobov ausgeglichen hatte, zwang Andrei Volokitin (nun bei 5 aus 6!) Eric Hansen in die Knie. Es hätte allerdings auch ganz anders kommen können:


Mit 36.h6! hätte Weiß ausgezeichnete Gewinnchancen bekommen, doch Hansen konnte dem verlockenden 36.Txd5? nicht widerstehen, wonach 36…Dxd5?? wegen 37.Dd8+ Kg7 38.h6+! Kxh6 39.Df8# verliert. Volokitin ist aber ein gewiefter Taktiker und packte nach nur vier Sekunden das starke 36…h6! aus. Hansen tauschte danach die Damen und wurde im Endspiel überspielt – im Nachhinein hätte er 37.Df6 spielen und ein Dauerschach anstreben sollen.

Am Vortag war Eric Hansen gegen Weißrussland noch der Held gewesen | Foto: Maria Emelianova, Schacholympiade Baku

Die größte Überraschung der Runde war der 3:1-Sieg der Engländer gegen Titelverteidiger China, der nun drei Punkte Rückstand auf die Spitze hat. Am Spitzenbrett hatte sich der ansonsten stocksolide Wang Yue offenbar noch nicht von seiner Niederlage gegen Sandro Mareco am Vortag erholt und verlor sang- und klanglos gegen Mickey Adams. Howell hielt mit Schwarz gegen Ding Liren in nur 17 Zügen remis, während der scharfe Sizilianer bei McShane-Yu Yangyi mit Dauerschach endete. Damit hing alles vom Ausgang der Partie zwischen Nigel Short und Li Chao ab, bei dem sich der Engländer ziemlich heimisch fühlte:

"Hartes Match gegen China. Ich habe Schwarz gegen Li Chao. Zufällig bin ich in Leigh geboren."

In einer wilden Partie stand der schwarze König unter schwerem Beschuss, doch Short konnte den Kopf aus der Schlinge ziehen:


Li Chaos Springeropfer birgt eine heimtückische Falle, doch der Chinese hatte sie gar nicht gesehen. Im Pac-Man-Stil ging es mit 33…fxe5 34.Lxe7 exf4 35.Lxf8 aber 35…Lxd4! dürfte eine kalte Dusche für den Chinesen gewesen sein. Stattdessen wäre die Partie nach 34.f6!! beendet gewesen (z. B. 34…gxf6 35.Lxe4!, mit den Drohungen Tg8+ Und Lxf6+). Wer es nicht glaubt, kann sich die Partie hier anschauen.

36.f6!! hätte immer noch zum Remis gereicht, aber danach ließ sich Short den Sieg nicht mehr nehmen.

An dieser Stelle müssen wir zwei Außenseiter erwähnen, die für mächtig Furore sorgen. Lettland hat bisher nur ein Match verloren und die anderen trotz zweier Niederlagen von Alexei Shirov gewonnen. Treibende Kraft ist Igor Kovalenko, der nach dem Sieg gegen Ungarn in der fünften Runde die kryptische Äußerung von sich gab, „sein Team hätte drei Weißpartien bestritten“. Auf Anfrage schrieb er zurück, es spiele bei ihm keine Rolle, welche Farbe er hat.

Igor Kovalenko neben Alexei Shirov | Foto: Fiona Steil-Antoni

Tatsächlich hat Kovalenko jetzt drei Schwarzpartien in Folge gewonnen, zuletzt gegen Loek van Wely. Diese 3:1-Niederlage war ein herber Schlag für die Niederländer, bei denen Anish Giri am Spitzenbrett remisierte.

Auch Georgien hat bisher erst einmal verloren und kann auf die gute Form von Baadur Jobava vertrauen, der vier Siege und zwei Remis auf seinem Konto hat. Bei seinem letzten Sieg gegen Constantin Lupulescu zauberte er ein hübsches Finale aufs Brett:


41.Txg7+! Kf8 (41…Kxg7 42.Dh6+ Kg8 43.Sf6#) 42.Tg8+! Kxg8 43.Sf6+ Kg7 44.Sxe4 Txe4 und die Aufgabe folgte nach: 45.Dd3!

Ponomariov ist Jobavas nächster Gegner.

In Baku sind einige gute Spieler am Start... | Foto: Eteri Kublashvili, Schachspieler Baku

Nach acht Runden sieht es bei den Herren so aus. Schlägt Russland die USA, können noch etliche Teams vom Olympiasieg träumen: 

Rk.SNoTeamTeamGamesTB1 TB2 TB3 TB4 
12USAUSA761013174,021,560,00
21RusslandRUS760112157,022,054,00
320GeorgienGEO752012154,520,057,00
45UkraineUKR760112146,519,061,00
59IndienIND760112144,519,560,00
66EnglandENG760112140,018,558,00
721LettlandLAT760112138,518,555,00
84Azerbaijan 1AZE751111161,520,561,00
946IranIRI751111153,020,059,00
1027GriechenlandGRE743011137,517,559,00
1129SlowenienSLO751111127,019,551,00
1212NorwegenNOR751111126,517,053,00
1334PeruPER751111118,018,549,00
1436ItalienITA751111117,018,550,00

China schließt zu Russland auf

Bei den Damen geht es sogar noch knapper zu, denn nach 7 Runden liegen fünf Teams mit je 12 Punkten an der Spitze:


Die bisher allein führenden Russinnen wurden von Polen gestoppt. Heldin war Karina Szczepkowska-Horowska, die die russische Meisterin Aleksandra Goryachkina in einer hübschen Partie besiegte. Monika Socko erklärte hinterher, dass Karina zum ersten Mal in ihrem Leben Grünfeld gespielt hatte:

Monika hätte um ein Haar den Sieg für Polen besorgt, konnte aber ihren Mehrbauern nicht verwerten. Am vierten Brett endete die Partie zwischen Klaudia Kulon, die zuvor sechs Siege errungen hatte, und Natalia Pogonina mit einem Remis.

Hou Yifan trug mit einem Remis gegen Anna Muzychuk zum Sieg der Chinesinnen bei | Foto: Maria Emelianova, Schacholympiade Baku

Die gebotene Chance nutzten einige Teams. Den an Eins gesetzten Chinesinnen reichte ein Sieg vonTan Zhongyi gegen Natalia Zhukova zum wichtigen Sieg gegen die Ukraine. Ebenfalls an der Spitze sind nun die Niederländerinnen zu finden, die dank  Tea Lanchava Georgien besiegten.

Die Inderinnen finden immer einen Grund für ein hübsches Lächeln | Foto: David Llada, Schacholympiade Baku

Und auch Aserbaidschan schaffte mit seinem Sieg gegen Indien den Sprung an die Spitze!

Das Führungsquintett wird komplettiert von Yasser Seirawans US-Mädels, die nun auf Russland treffen. So steht es vor der 8.Runde:

Rk.SNo TeamTeamGames  +   =   -  TB1  TB2  TB3  TB4 
13RussiaRUS752012173,021,062,00
21ChinaCHN752012149,020,057,00
316Azerbaijan 1AZE752012143,018,559,00
46United States of AmericaUSA760112132,019,054,00
521NetherlandsNED760112122,517,551,00
67PolandPOL751111164,022,058,00
72UkraineUKR751111158,520,062,00
88HungaryHUN751111135,019,054,00
918IsraelISR751111123,018,552,00
1052TurkmenistanTKM751111113,019,547,00

Weiter geht es mit Runde 8 am Samstag ab 13 Uhr - Open | Frauen - da freut sich auch ein Ex-Weltmeister drauf.

Hier die gesamte Live-Übertragung von Runde 7:


Ihr könnt alle Partien auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         

Weitere Links:


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