Berichte 06.09.2016 | 07:26von Colin McGourty

Baku 2016, R4: Russischer Alptraum gegen die Ukraine

In der 4.Runde der Schacholympiade in Baku verloren die favorisierten Russen gegen den alten Rivalen Ukraine, doch das war nur eine Episode eines spektakulären Tages. Phiona Mutesis Geschichte fand ihre Fortsetzung mit dem ersten Partiegewinn, doch die Hammerstory schlechthin war der Sieg der lettischen Finanzministerin Dana Reizniece-Ozola gegen Weltmeisterin Hou Yifan. David Smerdon kam einem vollen Punkt gegen Weltmeister Magnus Carlsen deutlich näher, als er vorher vermutet hatte, durfte mit dem Ergebnis aber vollauf zufrieden sein. Außerdem zerstörten die Niederländer die Engländer.

Aufgenommen wurde dieses Bild, bevor für Alexander Grischuk und sein russisches Team alles schief lief... | Foto: David Llada, Schacholympaide Baku 

Die gesamte Live-Übertragung von gestern könnt ihr euch hier anschauen:


Der wichtigste Wettkampf war zweifellos dieser:

1. Ukraine schlägt Russia

Bisher lief für die Russen alles glatt in Baku, aber das machte Sergey Shipov wiederum Sorgen. Er schrieb im KasparovChess-Forum:

Hinsichtlich des Abschneidens der russischen Mannschaft bei der Schacholympiade habe ich ein schlechtes Gefühl. Alles lief zu Beginn erschreckend glatt und harmonisch! In den ersten drei Runden gewannen unsere Teams mühelos und ließen dem Gegner keine Chance. Unsere Konkurrenten taten sich schwerer, und bei den Damen gaben sie gar Punkte ab. Gestern verlor Georgien, und heute in der dritten Runde gab China überraschend einen Punkt gegen Vietnam ab.

Das wird böse Folgen haben…

Es heißt, man entwickle sich im Laufe der Jahre schrittweise und unvermeidlich vom Optimisten zum Pessimisten. Vielleicht stimmt das. Man erlebt in der Stimmung völliger Gelassenheit immer mehr unerwartete Niederlagen. Und wenn es gut läuft, erwartet man Probleme.

Bis zu einem bestimmten Punkt lief für Russland in Runde 4 alles nach Plan. Kramnik hatte eine Stellung ohne Gewinnchancen, die er aber auch kaum verlieren konnte, womit er als Schwarzer an Brett 1 seine Aufgabe erfüllt hatte. Tomashevsky hatte als Weißer einen komfortablen Vorteil und schien seine Nominierung anstelle von Karjakin zu rechtfertigen. Nepomniachtchi übte früh Druck aus und holte dann auch seinen vierten Sieg in Folge, indem er am Ende ein Mattnetz spinnen konnte. Einziger Grund zur Sorge war Grischuk, der für die Züge 10 bis 12 mehr als eine Stunde verbraucht hatte, aber auch das ist ja nichts Ungewöhnliches!

Dann aber geschah das Unerwartete. Ruslan Ponomariov meinte hinterher zu Chess-News:

In meiner Partie gegen Tomashevsky begann die Zeitnotphase. Ich sah nur, dass Anton [Korobov] aufgegeben hatte, und dachte: “Mist, wir haben eine Weißpartie verloren!” Wir spielten aber weiter – was sollten wir auch tun? Dann sehe ich plötzlich – oh, dass Andrei [Volokitin] gewonnen hatte! Ich wusste nicht wie, aber es stimmte. Nun geht’s aufwärts, dachte ich! Und dann stellte mein Gegner einen Bauern ein – noch besser!

Ruslans Nerven hielten, und man kann sich kaum vorstellen, wie groß der Druck der russischen Herren bei Olympiaden ist – die Erfolglosigkeit seit 2012 sitzt ihnen im Nacken, und womöglich hat der Auftritt des Verbandspräsidenten Andrei Filatov als Teamkapitän den Erwartungsdruck sogar noch erhöht.

Andrey Filatov ist angetreten, um die 14-jährige Erfolglosigkeit der russischen Herren zu beenden | Foto: Eteri Kublashvili, Schacholympiade Baku 

Hinzu kommt, dass die Ukraine das Team sind, gegen das die Russen am allerwenigsten  verlieren wollten – nur so kann man erklären, warum Topspieler wie Tomashevsky und Grischuk derart böse Niederlagen einstecken mussten. Der ukrainische Präsident Petro Poroshenko streute dann auch Salz in die Wunden:

Übersetzung: "Heute schlug unsere Herrenteam Russland. Weiter viel Glück in Baku, wir halten die Daumen gedrückt!"

Immerhin gewannen die russischen Damen ihren Wettkampf, und da sonst nur noch Serbien und Kasachstan die volle Punktzahl aufweisen, dauert es bis nach dem Ruhetag, ehe es zum Aufeinandertreffen mit den Ukrainerinnen kommen kann. Bei den Herren gaben obendrein die USA mit vier Remis gegen Tschechien einen Punkt ab, und auch die Franzosen spielten nur unentschieden. 

Grischuk, MVL und Carlsen hatten alle keinen Grund zur Freude.

2. Finanzministerin schlägt Hou Yifan

Die Queen of Katwe-Darstellerin Phiona Mutesi saß bei ihrer vierten Olympiade gestern erstmals am Brett. Und es lief gut für sie!


Hollywoodreif war aber der Auftritt von Dana Reizniece-Ozola. Die 34-Jährige bestreitet ihre achte Olympiade, aber im Hauptberuf ist sie lettische Finanzministerin! Vor der Abreise nach Baku sagte sie in einem Interview:

Was können wir erwarten? Es heißt, man soll nach den Sternen greifen, wenn man auf den Mond will. Objektiv haben wir aber keine Medaillenchancen, aber wir haben uns das normale Ziel gesetzt – unser Land bestmöglich zu vertreten.  

Das ist gestern auf jeden Fall gelungen! Dana schlug nicht nur die Weltmeisterin, sie lieferte dabei auch eine überzeugenden Angriffspartie ab.


39.Bxf5+! ist so ein Zug, den man gegen die Weltmeisterin mit besonderem Vergnügen ausführt. Hou Yifan kämpfte bis zum bitteren Ende, doch der Ausgang der Partie war unvermeidlich. Als sie die Hand zur Aufgabe ausstreckte, schien Dana selbst erschrocken zu sein:

China gewann den Wettkampf dennoch, da Ju Wenjun und Guo Qi ihre Partien siegreich beendeten.

3. Smerdon mit guter Chance gegen Magnus Carlsen

Der australische Großmeister David Smerdon ist promovierter Ökonom und um ein Haar hätte er sich mit seinem Königsangriff in die Reihe der Spieler eingereiht, die den Weltmeister besiegen konnten.   

Norwegen - Australien mit Carlsen und Smerdon am Spitzenbrett | Foto: Paul Truong, Schacholympaide Baku

Er kam ihm in einem Sizilianer mit 1.e4 c5 2.c3 und frühem Damentausch sehr nahe: 


An dieser Stelle entschied sich David, seinen starken Angriff in ein Remis gegen den Weltmeister umzumünzen: 21.Tg1 h6 22.Txg5 hxg5 23.Lh7+ und der Läufer sorgte für Dauerschach. Gegen einen anderern Gegner hätte er vermutlich  21.Lxh7! Kh8 22.Sf3 Lh6 23.Lc2 folgen lassen, wonach Weiß klar besser steht.

Traumergebnis oder verpasste Chance? Entscheidet selbst!

4. Niederländer demontieren England

Nach einem perfekten Auftakt mit drei Siegen ging England in der 4.Runde gegen die Niederlande unter. Bok und L’Ami zerstörten mit Weiß Jones und Howell, und Loek van Wely gewann den Wettstreit der Lukes, indem er McShane in einem Endspiel niederrang. 

Zweite Niederlage in Folge für Luke McShane! | Foto: Eteri Kublashvili, Schacholympiade Baku 

Nur Anish Giri musste sich an einem perfekten Tag für die Holländer mit einem Remis begnügen!

Anish Giri musste sich nach drei Siegen mit einem Remis gegen Mickey Adams begnügen | Foto: Paul Truong, Schacholympiade Baku 

5. Zwischenstand

Eine reine Weste haben nach vier Runden noch sechs Mannschaften. Aserbaidschan hat gleich zwei Spieler in seinen Reihen, die 4 aus 4 haben - Mamedyarov und Naiditsch. Richtig überraschend ist nur, dass Weißrussland zu den Führenden zählt, nachdem Sergei Zhigalko mit einem Sieg gegen Shirov für das 2,5:1,5 gegen Lettland sorgte. Hier der Stand nach vier Runden:

Rk.SNo TeamTeamGames  +  =  - Score TB1 TB2
13ChinaCHN4400857,013,5
24Azerbaijan 1AZE4400856,014,0
311NetherlandsNED4400852,014,0
49IndiaIND4400849,013,5
523BelarusBLR4400849,013,0
65UkraineUKR4400846,012,5
72United States of AmericaUSA4310746,012,5
817Czech RepublicCZE4310744,011,5
924SerbiaSRB4310744,010,5
1029SloveniaSLO4310742,012,5
1114SpainESP4310742,011,5
1220GeorgiaGEO4310740,011,5
1357MongoliaMGL4310733,010,5

Vor dem Ruhetag kommt es in der 5.Runde zu den Paarungen Ukraine-China, Niederlande-Weißrussland und Aserbaidschan-Indien, während die Russen ihre Aufholjagd gegen Ägypten starten müssen. Bei den Damen lauten die Spitzenpaarungen Serbien-Ukraine und Russland-Kasachstan.

Hier geht es zu Runde 5! Open | Frauen 

Alle Partien könnt ihr auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         


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