Berichte 03.09.2016 | 08:58von Colin McGourty

Baku 2016, R1: Wei Yi glänzt, Sudan überrascht gegen Bulgarien

Von den 152 Favoriten schaffte es in der 1.Runde der Schacholympiade 2016 in Baku nur Bulgarien nicht, seinen Wettkampf zu gewinnen. Trotz eines Sieges von Veselin Topalov am Spitzenbrett gelang es den an 22 gesetzten Bulgaren nicht, die Nummer 110 der Setzliste, den Sudan, zu bezwingen. Ansonsten gab es eine Reihe von 4:0-Siegen der Spitzenteams, bei denen aber nicht immer alles völlig  glatt lief. Die Partie des Tages lieferte das chinesische Wunderkind Wei Yi ab – IM Nikolaus Lubbes Analyse von dieser Partie solltet ihr euch auf keinen Fall entgehen lassen! 

Die an Nummer 1 gesetzten Russen bezwangen Nigeria mit 4:0 | Foto: Eteri Kublashvili, Schacholympiade Baku 

Bei einem großen Mannschaftswettbewerb wie der Schacholympiade wiederholen sich zu Beginn die Ereignisse früherer Austragungen.

Geschonte Stars 

Die Spitzenteams können es sich in der 1.Runde leisten, nicht alle Geschütze aufzufahren, und das führte dazu, dass die vier besten Spieler der Welt - Carlsen, MVL, Caruana und Kramnik – nicht zum Einsatz kamen. Ein wirkliches Risiko gingen damit nur die Norweger ein, die wie schon bei der Olympiade 2014 zu Beginn schwächelten und zwei Remis gegen Wales abgaben. 

Im Spielsaal gibt es etwa 600-DGT-Bretter, aber Hou Yifan bevorzugte  an ihrem spielfreien Tag etwas Exotischeres | Foto: Rasim Huseynov, Schacholympiade Baku 

Kampflose Niederlagen

Wie immer setzte es zu Beginn einige kampflose Niederlagen, weil Mannschaften gar nicht nach Baku anreisen oder noch auf dem Weg sind. Im Open wurden acht Mannschaften gar nicht gepaart, während elf Mannschaften wie Mexiko, deren 0:4 gegen die Elfenbeinküste (trainiert von Maurice Ashley) die Sensation des Tages gewesen wäre, gar nicht erst antraten und kampflos verloren. Dazu kamen einige freie  Bretter, wie etwa bei Russland-Nigeria, wo Alexander Grischuk (an Brett 5 gemeldet!) kampflos gewann. Dennoch, an Mannschaften mangelt es der Olympiade nicht...

"Mit 166 Teams haben wir aktuell die zweitgrößte Olympiade aller Zeiten. Einige Teams, die in Afrika oder Dubai festhängen, kommen womöglich noch dazu."

Vermischtes

Bei einem Turnier mit 600 Brettern ist es nicht nur schwer, den Überblick zu behalten, es gibt immer auch einige interessante Geschichten. Eine Zeitlang sah es so aus, als würde Botswana die hochtalentierten Iraner besiegen, während David Howell am letzten Tisch (halt, am vorletzten, denn Costa Rica-Lesotho kam später noch dazu) der gesamten Olympiade saß:

"Heute spiele ich am letzten Brett des letzten Tisches bei der Olympiade - hoffentlich zum ersten und letzten Mal in meiner Karriere."

Der Grund für diese Ansetzung war der Gegner – das Team der Sehbehinderten braucht spezielle Bretter und Hilfe. Das führte natürlich auch zu einigen Scherzen:

"Vielleicht hätte England gegen die Sehbehinderten sogar verloren, drehte aber rechtzeitig die Bretter?"

Letztlich holten beide Favoriten noch klare 4:0-Siege heraus - und waren damit nicht allein.

Weiße Weste

Rund 60 weiteren Teams gelang dieses Kunststück im Open, und bei den Frauen waren es anteilig sogar noch mehr. 

Die talentierten Iranerinnen gewannen gegen Guatemala ebenfalls mit 4:0 | Foto: Eteri Kublashvili, Schacholympiade Baku 

Das heißt aber nicht, dass es keine interessanten Momente gab – schauen wir uns etwa die beiden Spitzenbretter in beiden Turnieren an. Auf den ersten Blick sah es so aus, als hätte sich die Dame von WM-Herausforderer Sergey Karjakin im 11.Zug verirrt:


Er hatte aber alles unter Kontrolle, und nach 11…Sa5 kam es zum Damentausch, wonach Schwarz einfach eine Qualität mehr hatte. Bei den Damen musste unsere geschätzte Kollegin Fiona Steil-Antoni, die für Luxemburg antritt, eine harte Prüfung bestehen!  

"Kann es einen besseren Auftakt geben, als an Brett 1 gegen die topgesetzten Chinesinnen anzutreten? Hou Yifan pausiert, aber die Nummer 2 der Welt, Ju Wenjun, tritt an!"

Am Ende setzte sich Ju Wenjun durch, aber an einer Stelle hätte Fiona den Spieß umdrehen können:

"Es läuft nicht gut für Fiona gegen Wenjun Ju, aber nach 28...Sf4 wäre es sehr interessant geworden."

Im Chat kam es zu den unvermeidlichen Witzen, als Anish Giri mit Schwarz eine Stellung erreichte, die der Computer mit 0.00 bewertete, aber am Ende schlug die Bewertung immer mehr zu seinen Gunsten um:

"Endlich ein Sieg hintereinander!"

Ein ernsthafter Kandidat für die Partie des Tages war der Andorraner Oscar De La Riva Aguado, der Wesley So direkt an die Gurgel sprang – man schaue nur auf die Stellung nach dem 16.Zug!


Das sah nicht immer völlig korrekt aus, aber ein Remis hätte der Außenseiter allemal verdient gehabt. Dann jedoch entschied er sich für das falsche Feld für seinen König:


Nach 45.Kg3 wäre alles in Ordnung gewesen, aber 45.Kf3? verlor direkt wegen 45…Txg5! 46.fxg5 d5! 47.cxd5+ Kxd5, und das Problem mit dem Feld f3 wird deutlich. Stünde der König auf g3, könnte Weiß 48.f4! spielen und hätte keine Probleme, doch das verlorene Tempo für den notwendigen Königszug kostete nun die Partie.

Aus zwei Gründen war das aber nicht die Partie des Tages. Der erste kommt hier: eine herrliche Miniatur des 17-jährigen Wei Yi, die IM Nikolas Lubbe für euch analysiert hat:


Wei Yi wurde seinem Trainingsanzug gerecht...

Und der andere Grund ist…

Die Sensation

Es gab einige Überraschungen an Einzelbrettern – wie etwa der Sieg von FM Kevin Cupid  aus Trinidad und Tobago gegen GM Nikola Sedlak, aber unterm Strich ging nur ein Wettkampf unentschieden aus: sensationell Sudan gegen Bulgarien.


Es war bislang kein gutes Jahr für den Bulgarischen Schachverband, um es vorsichtig auszudrücken. Präsident Silvio Danailov ist in eine Veruntreuungsaffäre verstrickt, und das Olympiateam muss auf die Bretter 2 bis 4 verzichten, von denen vor allem Ivan Cheparinov kaum zu ersetzen ist. Seine Erklärung fand bei Danailov wenig Zustimmung:

„Viele fragen sich, warum ich nicht bei der Olympiade dabei bin. Ich kann das vermutlich am besten erklären. Am 1.Juli, also zwei Monate vor Beginn der Olympiade, nahm der Verband erstmals Kontakt mit mir auf. Ich bin Profi und hatte bereits andere Pläne, halte die Olympiade und Bulgariens Teilnahme daran aber für wichtig. In den letzten drei Jahren erhielt ich keinerlei Unterstützung vom Verband. Die letzten drei Einzel-EMs und den Weltcup 2015, bei denen ich mein Land vertrat, habe ich aus eigener Tasche bezahlt. Ich erhielt keinerlei finanzielle Unterstützung. So sind die Fakten. Bei den letzten Mannschaftswettbewerben habe ich umsonst für Bulgarien gespielt. Aus diesem Grund bat ich um einen Betrag, der etwas unter dem lag, was ich für diese Turniere bezahlt habe. Man antwortete mir, man würde mit allen Funktionären sprechen und sich dann melden. Seitdem warte ich auf einen Anruf. Ich möchte betonen, dass ich voller Stolz für mein Heimatland spiele. Den Jungs, die nun Bulgarien vertreten, wünsche ich viel Erfolg!“

Danailov: „Eine armselige Ausrede, nachdem der Verband so viel für Ivan getan hat. Wenn er für Bulgarien spielen will, soll er es wie Topalov umsonst tun.“

Und dann kam die 1.Runde in Baku… An Brett 4 bezwang der titellose Abdelazeez überzeugend IM Petrov, während Abubaker Tagelsir an Brett 2 GM Momchil Nikolov komplett auseinandernahm.


17.Sxe6! entfaltete die volle Wirkung der weißen Figuren, wonach Nikolov Material gab, um das Schlimmste abzuwenden… aber ohne den gewünschten Erfolg.

Hier die Paarungen der heutigen 2.Runde, Russland muss gegen Turkmenistan, die USA gegen Schottland und Deutschland gegen Bosnien ran: Open | Frauen

Derweil ist Magnus schon in Baku und wird heute erstmals antreten... aber auch in Oslo!

"Der rote Teppich für die Premiere von "Magnus" ist ausgerollt." 

Hier das Video von der gestrigen Live-Übertragung:


Runde 2 beginnt am Samstag um 13 Uhr - die GMs Niclas Huschenbeth und Ilja Zaragatski werden für euch live kommentieren. Viel Spaß damit! Open | Frauen 

Natürlich könnt ihr die Partien auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgens:

         

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