Berichte 12.04.2019 | 09:36von Colin McGourty

Baden-Baden macht mit 13. Meistertitel den Bundesligarekord perfekt

Baden-Baden gewinnt seinen 13. Titel in der Schachbundesliga innerhalb von 14 Spielzeiten, auch weil Maxime Vachier-Lagrave seine letzten vier Partien am Spitzenbrett für Baden-Baden gewinnt. Es passte, dass der entscheidende Mannschaftskampf gegen Solingen, die ihrerseits den Titel 12 mal gewannen, in der vorletzten Runde stattfand. Auch wenn der Erfolg aufgrund der Siege von MVL, Peter Svidler und Richard Rapport komfortabel aussehen mag, war er alles andere als das. Wir haben Interviews mit allen Gewinnern. Zudem reden Maxime, Peter und der erst 14 Jahre alte Vincent Keymer über das demnächst stattfindende Grenke Chess Classic.

Sven Noppes, Richard Rapport, Paco Vallejo, Peter Svidler, Radek Wojtaszek, Mickey Adams, Etienne Bacrot, Maxime Vachier-Lagrave & Arkadij Naiditsch erhalten die Meistertrophäe - Fabiano Caruana, Vishy Anand, Hou Yifan und unser allerliebster Jan Gustafsson gehörten ebenfalls zum Team, konnten bei dieser Gelegenheit aber nicht anwesend sein! | Foto: Guido Giotta, Schachbundesliga Webseite

Die Schachbundesliga ist unbestreitbar das stärkste nationale Event für Mannschaften und auch wenn Baden-Baden in den letzten Jahren unangefochten die Liga regiert, muss der Kampf jedoch immer sehr hart geführt werden. Letztes Jahr ging es sogar in die Playoffs und dieses Jahr gingen drei Teams mit Chancen auf den Meistertitel in das entscheidende Wochenende - Hockenheim mit 21 und Baden-Baden und Solingen mit je 22 Punkten. Die beiden letzteren Teams trafen am Samstag in der vorletzten Runde aufeinander. Baden-Baden konnte sich dabei recht sicher sein, Deutscher Meister zu werden, wenn sie gegen Solingen gewinnen würden, da in der letzten Runde ein leichter Gegner auf sie wartete.

Alle Partien der 14. Runde sowie die Partien der kompletten Saison kannst du nachspielen, indem du auf eine der nachfolgenden Partien klickst:

Baden-Baden hauchdünn vorn

Der Spielsaal für das entscheidende Match der Saison 2018/2019 | Foto: Guido Giotta, Schachbundesliga Webseite

Der entscheidende Wettkampf gegen Solingen begann mit einem recht entspannten Start für den aktuellen  Deutschen Meister Baden-Baden, da die Baden-Badener die klassische Strategie für Team-Events umsetzten - alle Partien mit Schwarz zu remisieren:

chess24: Im großen Aufeinandertreffen in der Schachbundesliga hat Baden-Baden die Hälfte des Wegs hinter sich und alle Partien mit Schwarz remisiert - können sie mit Weiß auch eine Partie gewinnen?

Wie du sehen kannst, bedeutet das, dass Baden-Baden ihren großen Ratingvorsprung an allen Brettern nicht ausgenutzt hatte (Anish Giri hätte am Spitzenbrett für Solingen Platz genommen, wäre er nicht gleichzeitig beim Gashimov Memorial in Shamkir aktiv gewesen) und die Nerven begannen ein wenig zu flattern, als Paco Vallejo sich in Schwierigkeiten widerfand. 24…Le8! und es war offensichtlich, dass der Najdorf des dänischen GM Mads Andersen sehr gut für Schwarz lief:


Es ist schon symptomatisch, wie schlecht es um die weiße Stellung steht, wenn der Computer bereits 25.Txe8!? empfiehlt. In der Partie geschah allerdings 25.Sd4 Se5! 26.Dh4 Lf7! 27.Lxf7 Lxf7 und Weiß blieb auf einem hängenden Bauern, einem Läufer auf g5, dem potentiell die Felder ausgehen und ganz generell gesprochen einer einzigen Ruine sitzen. Schwarz machte nicht einen einzigen Fehler und es war Solingen, das zunächst mit 3:2 in diesem Wettkampf in Führung ging!

Dieses Ergebnis sollte auf die anderen Partien eine Art Dominoeffekt auslösen und insbesondere im Aufeinandertreffen zwischen dem achtfachen Russischen Meister Peter Svidler und dem achtfachen niederländischen Meister Loek van Wely. Ihr 3.Lb5+ Sizilianer war nicht ganz lupenrein und bei Peter schien es so, als ob die Hälfte seiner Züge auf Übersehern der ein oder anderen Art beruhten. Das führte dazu, dass er "objektiv gesprochen" das Gefühl hatte, er sollte die Züge wiederholen und ein Remis machen. Aber da er sah, dass Paco auf Verlust stand, entschied er sich, weiterzuspielen. Der Schlüsselmoment der gesamten Partie kam nach 31.e5!?


Hier hätte Loek mit 31…Bxb4! den Stier bei den Hörnern packen sollen, weil nach 32.Txb5 Schwarz noch über 32…Tc1+ 33.Txc1 Txc1+ 34.Kh2 Df8! verfügt, was den Läufer deckt und was beide übersehen hatten.


Peter fasste das wie folgt zusammen:

Ich denke, meine ganze brillante Fortsetzung der Partie und das Ausschlagen des Remis' hätte mich eine Menge kosten sollen, vielleicht sogar den ganzen Punkt. Statt all dem glaubte mir Loek...

Loek entschied sich für 31…Se4? und wurde nach 32.Txb5! von Weiß sanft überspielt und Peter sammelte einen essentiell wichtigen Sieg ein:

chess24: Der achtfache Russische Meister Peter Svidler holt einen verdammt wichtigen Sieg gegen den achtfachen niederländischen Meister Loek van Welt! Das gleicht den Zwischenstand aus und nun würde ein Sieg für MVL oder Rapport einen weiteren Meistertitel für Baden-Baden nahezu unter Dach und Fach bringen.

Im Anschluss sprach Peter über die Partie:

Das war nicht alles, über das er sprach. Hier möge die Action in der Bundesliga kurz unterbrochen werden, um kurz auf einige Highlights hinzuweisen. Freut sich Peter, in einer Woche beim Grenke Chess Classic auf Magnus Carlsen, Fabiano Caruana und die anderen zu treffen?

Ich habe total viel Angst! Das Aufgebot der Spieler ist extrem stark und es ist eine Weile her, dass ich in einem Rundenturnier einer solchen Stärke mitgespielt habe. Ich freue mich dennoch sehr darauf, ich mag Turniere wie diese - und wer mag solche Turniere denn nicht? - aber es wird sehr, sehr schwer. Ich möchte spielen, aber fürchte mich auch etwas vor dem, wie es mir ergehen wird. Denn das letzte Mal ist bereits ein Weilchen her.

Hast du einen guten Score gegen Magnus? 

Ich habe gegen jeden einen vernünftigen Score... das ist nicht so relevant. Ich werde schneller älter als meine Konkurrenz, das ist viel eher der Punkt. Das klingt doof, ist es aber nicht! Es wird interessant sein und typischerweise spiele ich auch recht gut. Vielleicht sollte ich aber auch sagen, ich spielte in solchen Turnieren ganz gut, denn es ist für mich immer viel einfacher, mich zu motivieren, wenn ich gegen die stärksten Gegner antrete. Aber wie ich bereits sagte, ich habe solche Turniere in letzter Zeit nicht gespielt und das macht mir ein wenig Angst.

Was denkst du über die jungen russischen Talente Vladislav Artemiev und Andrey Esipenko?

Die neue Generation kommt und das ist schön mitanzusehen. Es gab niemals wirklich Zweifel daran, dass Russland mit meiner Generation aufhören würde, einen Schachnation zu sein. Aber Artemiev im speziellen hat bisher ein unglaubliches Jahr und es ist offensichtlich, dass er in die Weltspitze gekommen ist und dort bleibt. Ihr werdet noch viel von ihm in den kommenden Jahren sehen.

Den nächsten wichtigen Sieg für Baden-Baden gab es am Spitzenbrett, wo MVL Pentala Harikrishna schlug, auch wenn es eine Partie war, die viel schwieriger für die französische Nr. 1 zu gewinnen war, als es zunächst den Anschein hatte. In einem Taimanov Sizilianer folgte Maxime 18 Züge lang seiner Partie gegen Vishy Anand von den Grenke Chess Classic 2018 und wich dann mit 19.Tee2 ab (statt 19.Lxf8). Diese Neuerung gewann die Partie mehr oder weniger sofort, denn 19…e5? rann direkt in eine Widerlegung:


20.b3! Da5 21.Dh3! und Schwarz war in großen Schwierigkeiten, denn, worauf Maxime hinwies, das vermutlich von Harikrishna geplante 21...Dc3? würde in 22.Dxd7+! laufen und zum Verlust führen. Nach 17 Minuten spielte Hari 21…Td8 und nach 22.b4! schien die Partie einfach vorbei zu sein. Maxime kommentierte:

Es herrschte eine Menge Druck während des Wettkampfs und als ich recht schnell eine Gewinnstellung bekam, fühlte ich, dass ich gewinnen muss. Ich versuchte, vorsichtig zu spielen, aber an einem bestimmten Punkt war ich dann zu vorsichtig und Hari kam zurück in die Partie... Ich verlor ein paar Tempi, um sein Gegenspiel einzuschränken. Aber es stellte sich heraus, dass ich ihm verdammt viel Gegenspiel gelassen hatte!

Hari war bereits mit einer Hand am halben Punkt:


51…Ta8! und auch wenn Weiß mittels 52.c8=D Txc8 53.Sxc8 einen Turm gewinnen kann, würde der eigene Turm nach 53…Le4+! dem Läuferschach zum Opfer fallen. Nach 53.Txc8 gewinnt hingegen Weiß die Qualität, aber das wäre nicht ausreichend, um die Partie zu gewinnen. Stattdessen folgte in der Partie 51…Le6 52.Sc4+ Kf6 53.Sb6 und Maxime bekam nach und nach wieder Kontrolle über die Stellung und sammelte seinen vierten Sieg in Folge in der Schachbundesliga ein. Verständlich, dass er darauf hofft, diesen Lauf bei den Grenke Chess Classic fortsetzen zu können:  

Das bedeutete, dass das Match für Solingen nur gerettet werden konnte, wenn Erwin l’Ami Baden-Badens herausragenden Spieler in dieser Saison, Richard Rapport schlagen würde - der ungarische Großmeister beendete die Saison schlussendlich mit 8 Siegen und fünf Remis. 

Richard Rapport wackelte zum Schluss ein wenig, fand dann aber einen hübschen taktischen Schlag, um Partie und Meisterschaft für sein Team zu gewinnen | Foto: Guido Giotta, Schachbundesliga Webseite

Das allerdings schien recht unwahrscheinlich, als Richard, wie er selbst sagte, eine Traumstellung bekam, bei der er nur auf zwei Resultate (Sieg oder Remis) spielte. Die Match-Situation beeinflusste dann aber irgendwie doch die Spieler und Rapport merkte an: "Ich habe angefangen, unsagbar schlechte Züge zu spielen." Plötzlich fand er sich sogar in der Lage wieder, um das Remis kämpfen zu müssen, "was, aus professioneller Sicht gesprochen, ziemlich demütigend ist, wenn man bedenkt, welche Stellung ich hatte". Er hatte das Gefühl, Erwin würde "ein wenig zu über-enthusiastisch werden" und Erwins Zug 55…Te3?? war dann auch der Fehler, der das Match beendete:

chess24: Rapport findet 56.Sxd5 (56...cxd5 57.Lb5+!), was den 13. Meistertitel für Baden-Baden innerhalb von 14 Jahren unter Dach und Fach bringen sollte, denn in der letzten Runde wartet morgen ein scheinbar leichter Gegner.

56.Sxd5! ist schlicht durchschlagend in jeder Variante, unter anderem in 56...cxd5 57.Lb5+. Erwin versuchte, irgendwie mit 56…Lxd4 die Partie fortzusetzen, aber nach 57.Txd4 cxd5 58.Txd5+ Ke7 erzwang der Zug 59.f6+ den Gewinn einer Figur. Schwarz gab ein paar Züge später auf, was Richard Rapport als erleichterten Mann zurückließ:

Dieser Wettkampf bedeutete in der Tat den Titel für Baden-Baden, weil sie den Düsseldorfer SK in der letzten Runde mit einer 7:1 Packung schlugen. Und das, obwohl selbst Peter Svidler einen interessanten Morgen hatte!

chess24: Züge, die du an einem Sonntag Morgen um 10:00 nicht sehen willst!

Nach 16 Minuten des Überlegens antwortete er 4.Db3 und gab eine beeindrucke Vorstellung, wie man eine Nebenvariante behandelt, die zuvor ganz gut für Schwarz gescort hatte.

Solingen verlor in der letzten Runde sogar noch ein zweites Mal, gegen Hockenheim, die von Ruslan Ponomariov und David Howell angeführt das finale Wochenende bestritten und den zweiten Platz erreichten, zwei Punkte hinter den Führenden. Wie die Sieger ihre Trophäe in die Höhe stemmen, kannst du im Anschluss an das Interview mit dem Baden-Baden Manager Sven Noppes sehen:

Bevor wir die Bundesliga für die nächsten knapp 7 Monate verlassen, möchten wir den Artikel mit einem Interview mit dem 14 Jahre alten Vincent Keymer beenden. Der Jugendliche qualifizierte sich für das Grenke Chess Classic, nachdem er das letztjährige Open phänomenal gewonnen hatte. Er hat entschieden, die Herausforderung anzunehmen und gegen die Besten der Welt zu spielen. Hier spricht er über seinen Sieg gegen Marcel Harff in Runde 14:

Vincent spricht auch darüber, wie er sich auf GRENKE vorbereitet:

Einfach das normale Training. Natürlich ist es ein ganz besonderes Turnier, aber da gibt es nichts spezielles, was du tun kannst. Du kannst viel trainieren und du kannst versuchen, alle deine Eröffnungen vorzubereiten, aber es gibt kein besonders spezielles Training.

Schlussendlich konnte Vincent gegen GM Borki Predojevic in der letzten Runde nur ein Remis erreichen, wodurch er wieder einmal haarscharf an seiner letzten Großmeisternorm vorbeischrammte. Die Bühne ist allerdings bereitet, um Großmeister zu werden, wenn er gegen die besten Spieler der Welt beim GRENKE Chess Classic spielt. Das Turnier beginnt am nächsten Samstag!

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