Berichte 01.02.2019 | 13:54von Colin McGourty

Artemiev & Tan Zhongyi gewinnen die Gibraltar Masters

Mit einem Schwarzsieg gegen Yu Yangyi hat der 20-jährige Russe Vladislav Artemiev die Gibraltar Masters gewonnen. Seine 8,5 aus 10 brachten ihm eine Elo-Leistung von 2941 und ein Preisgeld von £25.000 ein, in der neuen Live-Weltrangliste steht er mit einem Plus von 27,4 Elo-Punkten nunmehr auf Platz 20. Ansonsten war es der Tag der Außenseiter. David Howell besiegte Levon Aronian mit Schwarz und der 19-jährige Inder Karthikeyan Murali schnappte sich mit einem souveränen Sieg gegen Maxime Vachier-Lagrave die £20.000 für den zweiten Platz. Tan Zhongyi derweil holte sich mit einem Sieg gegen GM Aleksandar Indjic den mit £15.000 dotierten Damenpreis.

Vladislav Artemiev hält den Siegerpokal der Gibraltar Masters 2019 hoch | Foto: John Saunders,Turnierseite 

Alle Partien der Gibraltar Masters 2019 könnt ihr hier nachspielen:

Artemiev schafft den Durchbruch

In unserem Vorbericht auf die Gibraltar Masters schrieben wir, “Wir werden sehen, ob der 20-jährige Russe Vladislav Artemiev erneut den Anspruch erheben kann, ein Teil der Elite zu werden (wo viele ihn bereits jetzt sehen)”. Das gelang ihm eindrucksvoll, indem er das Turnier trotz härtester Gegnerschaft eindrucksvoll dominierte:


Er erspielte eine Elo von 2941, während kein anderer Spieler mehr als 2800 erreichte, und sein Schach war universell: er zeigte kühne Angriffe (etwa gegen Nakamura), zähe Verteidigung (gegen Aronian, psychologische Cleverness (das Qualitätsopfer, mit dem er Navara in eine passive Lage brachte) und die intuitive Technik, durch die er schon ein gefürchteter Blitz- und Schnellschachspieler geworden ist. Magnus Carlsen meinte im Dezember:

Er ist gut. Er hat ein gutes Gefühl für Schach, was beim Blitzen sehr wichtig ist. 

Angesichts seiner Qualitäten bei verkürzter Bedenkzeit musste sich Artemiev vor einem Stichkampf nicht fürchten, weshalb er bei einem halben Punkt Vorsprung in der Schlussrunde durchaus mit einem Remis zufrieden gewesen wäre.

Yu Yangyi wollte in der Schlussrunde den dringend nötigen Sieg, verlor aber | Foto: John Saunders, Turnierseite

Aus diesem Grund spielte er Caro-Kann statt Sizilianisch, scheute aber auch da keine Komplikationen, als Yu Yangyi sich kampfeslustig zeigte. Die Wanderung des schwarzen Damenspringers war vermutlich der Höhepunkt der Partie:


14…Sb8!? war der Beginn eines Abenteuers, das in 40…Sxh4+ kulminierte:


Artemiev hatte einen Bauern gewonnen und brachte den Sieg nach der Zeitkontrolle sauber in 52 Zügen nach Hause.

Ein tolles Turnier für den 20-Jährigen, der kürzlich geheiratet hat und nun meinte, er und seine Frau würden nach der Rückkehr nach Kazan “vermutlich mit Musik” feiern. Anfang März tritt Artemiev für Russland bei der Mannschafts-WM an, außerdem will er sich über den Weltcup für das Kandidatenturnier qualifizieren. Vielleicht erhält er auch Einladungen zu großen Turnieren, nachdem er nun Jan-Krzysztof Duda und Wei Yi überholt hat und damit der weltbeste Junior ist.

Karthikeyan Murali schlägt MVL 

Ein Tag zum Vergessen für MVL | Foto: John Saunders, Turnierseite

Während Artemiev vor Turnierbeginn zu den Geheimfavoriten zählte, hatte sicher niemand mit der Nummer 49 der Setzliste Karthikeyan Murali (Elo 2570) gerechnet. Der 19-jährige zweimalige Landesmeister errang den ungeteilten zweiten Platz und nahm dafür £20.000 mit nach Hause, nachdem er in den letzten drei Runden drei 2700er schlagen konnte. Als Letzter musste Maxime Vachier-Lagrave dran glauben:    


Es war in vielerlei Hinsicht eine bemerkenswerte Partie, da MVL sein geliebtes Najdorf spielte, im 10.Zug eine für Murali unerwartete Variante wählte und kaum ernsthaft nachdachte, bis er auf Verlust stand. Man kann nur schwer sagen, wo die französische Nummer 1 entscheidend fehlgriff, aber Karthikeyan bezeichnete 20…Lg5!? als “groben Fehler”:


Nach 21.Lg3 Lh6!? 22.Sh4! Kf7!? 23.Sf5 steht der weiße Vorteil außer Frage, und MVL ging in der Folge sang- und klanglos unter. Auf die Frage, wieso er gegen die Nummer 1 des Turniers so befreit aufspielen konnte, meinte Karthikeyan, “Er ist auch nur ein Mensch!”

Magnus Carlsen war als Zuschauer beeindruckt:

Wie ich sehe, steht Maxime total auf Verlust… er stand zu Beginn etwas schlechter, aber man hätte sicher nicht gedacht, dass er mit fliegenden Fahnen untergeht… Mir gefällt Karthikeyans Schach schon länger – er ist ein solider Spieler, aber dass er Maxime derart überspielt, ist sehr beeindruckend.

Ebenfalls leiden musste mit Levon Aronian ein weiterer großer Name, dessen Duell gegen David Howell vielleicht die bemerkenswerteste Partie des Tages war. Howells Vorbereitung mit lediglich drei Stunden Schlaf war sicher suboptimal, zumal er am Vorabend nicht geschaut hatte, gegen wen er antreten musste:

Um 10:20 Uhr wurde mir klar, dass ich mit Schwarz gegen Lev spielen musste – keine schöne Überraschung!

Andererseits verwies er darauf, dass er zu müde war, um nervös zu werden, und Aronians merkwürdige Eröffnungsbehandlung spielte ihm in die Hände. In der Abtauschvariante der Caro-Kann-Verteidigung missachtete Aronian Sopiko Guramishvilis Ratschlag:

“Hätte Levon Sopikos Videoserie aufmerksamer verfolgt, wäre er nicht in dieses Schlamassel geraten!“

Statt 7.Se2 spielte er 7.Dc2, worauf er eine Neuerung serviert bekam (die allerdings vom Computer als bester Zug angesehen wird und daher keine sonderliche Überraschung gewesen sein dürfte): 7…f6! Nach 8.Se2 e5 9.0-0 Sge7 wäre 10.c4!? laut Howell richtig gewesen, da Schwarz nach 10.dxe5 fxe5 11.c4?! e4! schon fast auf Gewinn stand:  

Die restliche Partie hatte Howell nur noch mit Mienenspiel zu kämpfen – von seinem Gegner…

Es macht einen schon nervös, wenn man einem der besten Angriffsspieler der Gegenwart gegenübersitzt und dieser extrem selbstsicher wirkt!

… und von Hikaru Nakamura, der von Aronians Spiel eher weniger überzeugt war!

Howell meinte hinterher, er habe versucht wegzuschauen, um nicht lachen zu müssen, wäre aber auch inspiriert worden: 

Ich habe alle Varianten zweimal überprüft, da ich Hikarus Gesicht nach einem Fehler von mir nicht sehen wollte!

Howell machte aber keinen Fehler mehr und kassierte £11.000 für den geteilten dritten Platz:

Wie er fanden die beiden Spieler, die mit ihm den dritten Platz teilten, nur langsam ins Turnier. Nikita Vitiugov spielte in den ersten vier Runden zweimal remis und holte seine 7,5 aus 10 gegen vier 2600er, aber keinen 2700er. Sein Kommentar:

“Die Qualität meines Schachs war nicht sonderlich hoch, dafür hatte ich mehrmals Glück. Opens sind aber auch reine Glückssache.

David Anton verlor in Runde 2 gegen einen Spieler mit 2400, zeigte bei den Gibraltar Masters aber erneut eine tolle Leistung – 2017 war er hinter Nakamura bereits Zweiter geworden. In der Schlussrunde pflanzte er nach 12 Zügen einen Läufer auf f3 ein und bezwang Arkadij Naiditsch in nur 27 Zügen:

Dem geteilten dritten Platz ganz nahe kam auch David Navara, dessen Partie gegen Hrant Melkumyan auch Carlsen interessierte:

„Sehr interessantes Endspiel in Gibraltar! Sieht so aus, als könnte Weiß mit der Majorität einen Freibauern bilden. Schwarz opfert dann seinen Läufer und gibt auf.“

Tatsächlich kam dasselbe Endspiel wie bei Shankland gegen Giri beim Tata Steel Masters aufs Brett, aber Melkumyan gab mit einer Festung nicht auf …


… sondern hielt remis.

Wesley So gewann am Ende noch seine Partie gegen Bogdan-Daniel Deac, war aber wenig begeistert, was die weitere Teilnahme an Opens betrifft: “Hoffentlich nicht! Ich gewinne nie Elo-Punkte in Opens.” Zumindest musste er nicht so frieren wie in Minnesota!

Wesley So erreichte als bester Top-Spieler den 11.Platz, MVL wurde 13., Nakamura 16. und Aronian landete auf Platz 24:

Rk.SNoNameFEDRtgPts. TB1 w-weKrtg+/-
111GMArtemiev Vladislav27098,529412,741027,4
249GMKarthikeyan Murali25708,027472,361023,6
38GMVitiugov Nikita27207,527790,64106,4
419GMHowell David W L26857,527050,40104,0
527GMAnton Guijarro David26427,526960,76107,6
66GMNavara David27387,027900,70107,0
720GMGrandelius Nils26827,027711,261012,6
855GMLalith Babu M R25477,027672,981029,8
99GMLe Quang Liem27147,027410,46104,6
1017GMSaric Ivan26907,027360,68106,8
113GMSo Wesley27657,02734-0,2610-2,6
124GMYu Yangyi27647,02715-0,3010-3,0
131GMVachier-Lagrave Maxime27807,02708-0,4510-4,5
1413GMAdams Michael27017,027060,14101,4
28GMAlekseenko Kirill26377,027060,98109,8
165GMNakamura Hikaru27497,02703-0,3410-3,4
1726GMEdouard Romain26437,026920,62106,2
1812GMMamedov Rauf27037,02681-0,1510-1,5
1921GMEljanov Pavel26807,026730,00100,0
2023GMMelkumyan Hrant26607,026590,07100,7
2114GMMatlakov Maxim27007,02642-0,4110-4,1
2274GMTan Zhongyi25027,025851,111011,1

Wie Aronian 6,5 aus 10 erreichte der 12-jährige D Gukesh, der zuletzt zweitjüngster Großmeister der Welt wurde. Mit seiner Elo-Leistung von 2650 gewann er 21,2 Punkte dazu, und es sagt alles über seine Ambitionen aus, dass er das Remis gegen Adhiban in der Schlussrunde als Enttäuschung erlebte:

„Gutes Ergebnis bei den Gibraltar Masters 2019. Konnte wertvolle Erfahrungen sammeln und gewann zudem einige Elo-Punkte dazu! Vielen Dank an die Veranstalter für die tolle Gastfreundschaft. Als nächstes spiele ich beim Aeroflot Open in Moskau mit.“

Wir können unseren Bericht nicht abschließen, ohne Vassily Ivanchuk zu Wort kommen zu lassen. Der Ukrainer landete auf Platz 52 und “klagte” hinterher:

Ich habe dieses Jahr gegen zu viele Frauen gespielt – fünf von zehn Partien ist einfach zu viel!

Tan Zhongyi holt den Damenpreis

Tan Zhongyi war die beste Dame | Foto: John Saunders, Turnierseite

Vor der letzten Runde lagen drei Damen mit 6 aus 9 gleichauf: die Muzychuk-Schwestern und Tan Zhongyi. Am Ende holte die ehemalige Weltmeisterin aus China den mit £15.000 dotierten Damenpreis, nachdem sie hintereinander GM Sebastien Maze und GM Aleksandar Indjic besiegen konnte. Der Serbe wurde wurde dafür bestraft, dass er ein remisliches Endspiel unbedingt gewinnen wollte.


Die Chinesin landete am Ende auf dem 22.Platz, was ihr noch zusätzliches Preisgeld einbrachte.

Mariya Muzychuks Ausdauer wurde am Ende mit Platz 2 bei den Damen belohnt | Foto: David Llada, Turnierseite

Anna Muzychuk verlor gegen Rauf Mamedov und wurde mit 6 aus 10 noch von Ju Wenjun, Koneru Humpy, Lei Tingjie, Antoaneta Stefanova, Pauline Guichard, Sabrina Vega und Lela Javakhishvili eingeholt. Mariya Muzychuk wäre um ein Haar in derselben Gruppe gelandet, aber Rinat Jumabayev schaffte es nicht, ein Turmendspiel mit zwei Mehrbauern zu gewinnen:


Die Stellung ist gewonnen, aber 70…Tc1! ist der einzige Gewinnzug, während Muzychuk nach 70…Ke2 nach 88 Zügen ein Remis erreichte. Dieser Rettung hatte sie die £10.000 für den zweiten Damenpreis zu verdanken.

So viel von den Gibraltar Masters 2019! Hier noch einige Videos mit den Spielern:

Selbst Großmeistern fehlt in nächster Zeit ein starkes Turnier...

... aber ab morgen treten viele Topstars beim Bundesliga-Wochenende an. Am kommenden Mittwoch beginnt dann in St.Louis der Cairns Cup, wo die stärksten Damen aufeinandertreffen.

Weitere Links:


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