Berichte 08.07.2015 | 09:33von chess24 staff

Artemiev qualifiziert sich fürs russische Superfinale!

Sieger der russischen Higher League in Kaliningrad wurde der 17-jährige Vladislav Artemiev, der damit kommenden Monat die Chance bekommt, mit Svidler, Karjakin und Co. um den russischen Meistertitel zu kämpfen. Der Europameister von 2014, Alexander Motylev, landete auf dem zweiten Platz, insgesamt endete das Turnier aber mit einem Triumph der Jugend. Neben Artemiev qualifzierten sich außerdem der russische Juniorenmeister Ivan Bukavshin (20 Jahre), Ildar Khairullin (24 Jahre) und Daniil Dubov (19 Jahre).

Vladislav Artemiev holte sich dank besserer Wertung den Sieg vor Alexander Motylev (rechts) und Ivan Bukavshin | Foto: Ekaterina Shermazanova, Website des russischen Schachverbands

Im Juniorenbereich ist Vladislav Artemiev nach Wei Yi, der derzeit die Schlagzeilen beherrscht, die Nummer 2 in der Welt und damit die große russische Zukunftshoffnung. Bei der russichen Higher League erzielte der 17-Jährige 4 Siege und 5 Remisen und ließ als Turniersieger so renommierte Spieler wie  Malakhov (2699), Matlakov (2696), Fedoseev (2674), Inarkiev (2668) und Sjugirov (2662) hinter sich, die allesamt die Qualifikation verpassten.

Rk.SNoNameRtgPts. TB1  TB2 
18GMArtemiev Vladislav26606.546.543.0
216GMMotylev Alexander26436.545.542.0
314GMBukavshin Ivan26476.545.541.5
411GMKhairullin Ildar26536.048.544.5
56GMDubov Daniil26616.047.043.0
615GMPopov Ivan26476.046.043.5
73GMFedoseev Vladimir26746.046.042.0
813GMZvjaginsev Vadim26486.044.041.0
95GMSjugirov Sanan26626.043.039.0

Vier der sechs höchstnotierten Junioren der Welt kommen aus Russland, doch Artemiev ist zweifellos der aussichtsreichste Spieler. Seine Endspieltechnik lässt sich durchaus mit Botvinnik oder Karpov vergleichen, und sie brachte ihm schon manchen unerwarten Sieg ein. 

Vladislav Artemiev - die Zukunft des russischen Schachs? | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

In Runde1 musste er gegen Jaroslav Prizant zunächst einen Schrecken überstehen, als sein Gegner eine sehenswerte Kombination auspackte: 


16.Lxg7! Sxg7 17.Dh6 Le5 18.f4. Der Läufer erzwingt ein Endspiel – 18…Lxb2+ 19.Kxb2 Df6+ 20.Dxf6 Sxf6 – das aber deutlich schlechter für Schwarz ist. Artemiev überspielte seinen Gegner dennoch, der sich dann auch noch in einer "Remisvariante" verrechnete.

In Runde 3 zeigte der russische Jungstar seine taktischen Fähigkeiten:


16…Txb2! 17.Sxe5 Df6! – und der Doppelangriff auf f2 und den Springer führte zu Materialgewinn und einem raschen Sieg für Schwarz.

Bei seinem dritten Sieg mit den schwarzen Steinen spielte Artemiev die Najdorf-Variante und gewann gegen David Paravyan nach Abwehr des gegnerischen Angriffs leicht im Endspiel. | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Insgesamt gewann der 17-Jährige dreimal mit Schwarz - ein Thema, das auch im Interview mit Eteri Kublashvili zur Sprache kam:

Wie ist das Turnier für dich gelaufen?

Wie sich herausstellte, war ich in guter Form. Ehrlich gesagt, folgte das Turnier einem ungewöhnlichen Muster: Ich holte meine Siege fast ausschließlich mit Schwarz. Vor den letzten beiden Runden war klar, dass ich aufgrund meiner schlechten Wertung noch einen Sieg brauchte. Ich schlug Mikhail Kobalia, dieses Mal aber mit Weiß. In der letzten Runde sicherte ich mein Ergebnis dann mit dem Remis gegen Alexander Motylev ab.

Wie fühlte es sich an, gegen den Trainer des russischen Juniorenteams, Mikhail Kobalia, anzutreten, unter dessen Anleitung du viele Turniere gewannst?

Offen gestanden, hatte ich gehofft, nicht gegen ihn antreten zu müssen. Ich hatte aber keine Wahl (lacht). Die Partie war recht kompliziert, aber ab einem bestimmten Punkt macht Mikhail Fehler und verlor.

In der letzten Runde hast du dich gegen Alexander Motylev schnell auf Remis geeinigt, während der andere Anwärter auf den Turniersieg – Ivan Bukavshin – lange mit Vorteil um den Partiegewinn kämpfte. Hast du seine Partie verfolgt und befürchtet, er könnte dich noch überholen?

Natürlich habe ich Ivans Partie verfolgt, aber ich machte mir keine Sorgen. Für mich war es nicht so entscheidend, ob ich den ersten oder zweiten Platz belege, sondern mir ging es wie den meisten Spieler um die Qualifikation fürs Superfinale.

Den wichtigen Sieg gegen Mikhail Kobalia, bei dem Artemiev auf beiden Flügeln Dominanz ausübte, wurde von IM David Martinez für euch analysiert:

1. e4 c5 2. ♘f3 e6 3. g3 Niemand Geringerer als Bobby Fischer empfahl den Königsindischen Angriff als Waffe gegen den Sizilianer mit e6. Abgesehen von seinem objektiven Wert ist er einfach zu spielen und ermöglicht dem Weißen, auf Gewinn zu spielen, da viele Züge lang fast alle Figuren auf dem Brett bleiben.

3... ♘c6 4. ♗g2 ♘f6 5. ♕e2 Die Idee dieses Zugs ist mit c3 und Td1 den Durchbruch d4 durchzusetzen.

5... e5 Obwohl dieser Zug ein Tempoverlust ist, halte ich ihn für die präziseste Antwort.

6. O-O d6 7. c3 ♗e7 Diese Aufstellung mit dem Bauerngerüst auf c5, d6 und e5 sowie dem Läufer auf 37 wurde viele Jahre unterschätzt. Meines Erachtens ist sie gegen jedes geschlossene System wie den Königsindischen Angriff und Englisch sehr gut spielbar.

8. ♖d1 ♗g4 Kein schlechter Zug an sich, doch mir gefällt nicht, wie Kobalia die Stellung behandelt. Ich würde wahrscheinlich nach h6 den Läufer nach e6 stellen.

9. d3 O-O 10. ♘bd2 ♖e8 11. ♘c4 ♗h5 12. h3 ♗f8 13. g4 ♗g6 Die einzige Aufgabe des Läufers auf g6 besteht darin, irgendwann auf f5 abgetauscht zu werden, daher stünde er auf e6 vermutlich besser. Andererseits muss ich zugeben, dass er auf g6 auch Verteidigungsaufgaben erfüllt.

14. ♗g5 ♗e7 15. ♘h4 Die weißen Figuren suchen ihre Plätze am Königsflügel, während Schwarz den klassischen Bauernstrum am Damenflügel vorbereitet.

15... b5 16. ♘e3 h6 17. ♗xf6 ♗xf6 18. ♘hf5 ♖b8 Die Spannung ist auf dem Siedepunkt. Ein tödlicher Schlag des Weißen am Königsflügel ist in weiter Ferne, daher braucht Artemiev einen neuen Plan. Er wendet sich in der Folge dem Damenflügel zu.

19. a3 ♗g5 20. b4 a5! Schwarz behält auf dem Damenflügel fast immer die Oberhand, daher stellt sich die Frage, warum Artemiev diese Züge provoziert. Zunächst will er an diesem Flügel nicht überrollt werden, aber zudem will auf der b-Linie Gegenspiel bekommen.

21. bxa5 ♘xa5

21... ♕xa5 war ebenfalls möglich, um die Dame zu aktivieren. Der Bauer auf d6 fällt zwar, aber c3 hängt auch.

22. ♖ab1 ♘c6 23. ♘d5 ♕d7 24. ♕f3 ♘e7! Je weniger Springer den schwarzen König belagern, desto größer sind dessen Überlebenschancen!

25. ♘fxe7+ ♗xe7 26. ♕g3 Die schwarze Stellung ist weiter stabil, aber er hat ein großes Problem: Die weiße Stellung spielt sich einfacher. Kobalia will sich auf der siebten Reihe verteidigen.

26... ♕a7 27. ♖b3 ♖b7 28. ♖db1 ♖d7 29. c4 Nun wirkt sich die b-Linie vorteilhaft für Weiß aus!

29... bxc4 30. dxc4 ♗d8 31. ♖b8 f6 32. h4 Obwohl der Computer die Stellung als mehr oder weniger ausgeglichen einschätzt, hat Weiß definitiv bessere Chancen auf den vollen Punkt, zumal bei knapper werdender Zeit.

32... ♗e7 33. ♖8b5 ♗d8 34. ♕d3 Deckt e4, um den Läufer nach h3 zu bringen.

34... ♗f7 35. ♗h3 Das hat Schwarz übersehen!

35... ♗e6 Kobalias Stellung ist nun schon schwierig, deshalb hätte er Folgendes versuchen sollen:

35... g5 mit der Idee, eine Blockade zu errichten. Trotz der vielen Schwächen im schwarzen Lager wäre es nicht einfach gewesen, diese gewinnbringend auszunutzen.

36. ♖b8 ♔f8 37. g5 Die Partie ist entschieden.

37... fxg5 38. ♗xe6 ♖xe6 39. ♕h3 ♖e8 40. hxg5 ♔g8 41. ♖a8 Ein hart erkämpfter Sieg für Artemiev, der seinen Gegner mit jedem Zug unter Druck setzte.

1-0

Kobalia und Artemiev nebeneinander in einer anderen Runde der russischen Higher League | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Eine ausgezeichnete Leistung zeigte auch der Europameister von 2014, Alexander Motylev, der das Feld mit vier Siegen in den ersten sechs Runden zunächst dominierte. 

Mit einem schnellen Remis in der Schlussrunde gegen Artemiev sicherte sich Alexander Motylev seinen Platz im russischen Superfinale. | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Sein Sieg gegen den topgesetzten Vladimir Malakhov war schönheitspreisverdächtig und endete mit dem Zug 27.e6!


Ausgetragen wird das russische Superfinale vom 8. bis 21. August in Chita, und dort wird Artemiev sich mit noch stärkeren Gegnern auseinandersetzen müssen.

Artemiev stammt aus dem sibirischen Omsk, muss von dort aber noch 2.500 km Richtung Osten reisen, um nach Chita zu kommen!  | Foto: Russischer Schachverband

Qualifiziert für das Superfinale sind diese Spieler:

  1. Dmitry Jakovenko, 2757
  2. Sergey Karjakin, 2753
  3. Evgeny Tomashevsky, 2745
  4. Peter Svidler, 2740
  5. Nikita Vitiugov, 2734
  6. Igor Lysyj, 2671
  7. Daniil Dubov, 2661
  8. Vladislav Artemiev, 2660
  9. Ildar Khairullin, 2653
  10. Alexander Motylev, 2643
  11. Denis Khismatullin, 2642
  12. Ivan Bukavshin, 2642

Vladimir Kramnik und Alexander Grischuk wären aufgrund ihrer Elozahlen qualifiziert gewesen, lehnten die Einladung aber ab. Parallel findet die Damenmeisterschaft, an der neben allen anderen Spitzenspielerinnen auch erstmals Ekaterina Lagno teilnimmt.


Artemiev werden wir aber vorher schon wiedersehen, denn er nimmt am Lake Sevan-Turnier in Armenien teil. Der Russe ist an Nummer 1 gesetzt, muss sich mit Duda und Sevian aber auf harte Kämpfe mit anderen Jungstarsa einstellen.

  1. Vladislav Artemiev (Russland, 17, 2660)
  2. Vidit Santosh Gujrathi (Indien, 20, 2643)
  3. Jan Krzysztof Duda (Polen, 17, 2632)
  4. Tigran L. Petrosian (Armenien, 30, 2630)
  5. David Anton Guijarro (Spanien, 20, 2626)
  6. Salem A. R. Saleh (VAE, 22, 2615)
  7. Robert Hovhannisyan (Armenien, 24, 2611)
  8. Samvel Ter-Sahakhyan (Armenien, 24, 2593)
  9. Hovhannes Gabuzyan (Armenien, 20, 2589)
  10. Samuel Sevian (USA, 14, 2578)

Bei der US-Meisterschaft schlug der 14-jährige Sam Sevian Wesley So.

Zur offiziellen Website geht es hier, wir hoffen, dass wir alle Partien auf chess24 live übertragen können.

Zum Weiterlesen:


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