Interviews 03.02.2015 | 09:52von chess24 staff

Aronian: “Magnus’ wichtigstes Geheimnis ist seine Selbstbeherrschung”

Levon Aronian hatte gestern in der ersten Runde des GRENKE Chess Classic die weißen Steine gegen Magnus Carlsen und wollte versuchen, seinen Score von minus 7 gegen den Weltmeister zu verbessern. In einem Interview Ende letztes Jahr sprach Aronian über Carlsen, aber auch über viele andere Themen wie den Einfluss von Computern auf das Schachspiel, sein ideales Weltmeisterschaftssystem und warum es keine neuen Polgar-Schwestern gibt.

Ein ganzseitiges Porträt von Levon Aronian beim TASHIR Schachturnier | Foto: Evgeny Pakhol, Bolshoi Sport

Das Interview fand während des TASHIR Schachturniers statt, das letzten November im Andenken an den armenischen Weltmeister Tigran Petrosian abgehalten wurde. Aronian, die aktuelle armenische Nummer Eins, wurde mit einem Sieg und sechs Remis Dritter hinter Alexander Grischuk und Vladimir Kramnik. Andrei Supranovich stellte die Fragen für die Dezember-Ausgabe des monatlich erscheinenden russischen Magazins Bolshoi Sport. Ein paar Antworten wurden unten ausgelassen, da sie bereits vergangene Ereignisse betrafen, wie das Aronian-Nakamura Match in St. Louis.


Das Turnier fand im Andenken an Tigran Petrosian statt. Wie ist deine Beziehung zu dem Meister? Wer war er für dich, als du aufgewachsen bist?

Wissen sie, manchmal sieht man eine Leistung, egal in welchem Sport, und man sieht einen seltsamen, unbeholfenen Spieler, der trotzdem erfolgreich ist. Zum Beispiel einen kleinen Basketballspieler, oder im Gegensatz dazu einen sehr großen Hockeyspieler. Mit Tigran Vartanovich war es das Gleiche. Er ist ein unkonventioneller Spieler. Ich bin mir sicher, dass viele zustimmen werden, wenn ich sage, dass er der mysteriöseste Schachspieler aller Zeiten ist. Petrosian ist eine Ikone. In der Kindheit betet man ihn einfach nur an, aber dann, wenn man anfängt, mehr von Schach zu verstehen, erkennt man, dass es unmöglich ist, Tigran Vartanovich zu imitieren. Das wäre so, als würde man versuchen, wie Modigliani zu malen. Es wird einfach nicht funktionieren.

Also mit wessen Partien bist du als Spieler erwachsen geworden? Aljechins?

Levon auf der Leinwand beim TASHIR Schachturnier | Foto: Boris Dolmatovsky, Offizielle Webseite

Ja, natürlich. Wenn wir über die großen Spieler reden, dann schaute ich mir aber auch liebend gerne Kasparovs Partien an. Er ist ein wunderbarer Stratege und Taktiker, aber was viel wichtiger ist, er ist sowohl für starke Spieler als auch für Anfänger interessant zu beobachten. Garry Kimovichs Stil ist sehr direkt.

In letzter Zeit sind Kasparov und sein ewiger Rivale Anatoly Karpov in die Politik gegangen. Verfolgst du ihre Aktivitäten?

Es ist etwas schwierig, dem zu folgen. Im Schach sind wir es gewohnt, Partien anzuschauen und die Motive eines Spielers zu bewerten. In der Politik ist aber oft nicht klar, welche Motivation diese oder jene Person hat, worauf seine Entscheidungen basieren. Daher ziehe ich es immer noch vor, die großen Partien von Kasparov und Karpov anzuschauen, anstatt ihre politischen Karrieren. Wenn ihre neue Tätigkeit mit Kultur oder Literatur verknüpft wäre - Dinge, die mich interessieren - dann würde ich ihnen mit Freude folgen.

Wie erklärst du das Phänomen der armenischen Schachschule? Wie habt ihr es in so einem kleinen Land geschafft, eine Mannschaft aufzubauen, die drei der letzten fünf Schacholympiaden gewonnen hat?

Zunächst einmal: Tradition; denn schließlich hatten wir Petrosian. Der zweite Grund befindet sich auf einer geopolitischen Ebene. Die besten Trainer waren Armenier, die in Baku lebten, aber sie kehrten dann in ihre Heimat zurück, wo sie anfingen, eine neue Generation zu hochzuziehen. Mein Coach kam auch aus Aserbaidschan.

Vor kurzem hast du erklärt, dass du bereit wärst, für den World Cup nach Baku zu reisen. War es einfach, einen solchen Schritt zu beschließen?

Ja, das ist mein Wunsch. Man kann die Turniere unserer Nachbarn nicht immer ignorieren. Ich habe aber noch keine Verträge unterzeichnet, es ist also noch nicht klar, ob mein Wunsch Wirklichkeit werden wird.

Zurück zur Olympiade. In Tromsø, im August, seid ihr nur auf den achten Platz gelandet. Lief etwas schief bei eurer Mannschaft?

Unser schlechtes Spiel in Norwegen war nur die Fortsetzung einer Reihe von Misserfolgen unseres Teams, angefangen bei der Europa- und der Weltmeisterschaft. Unser Problem ist, dass nicht alle Spieler zu 100% vorbereitet sind. Schach ist ein sehr anspruchsvoller, harter Sport. Man kann sein Niveau nie schleifen lassen.

Und was ging beim russischen Team schief, das es trotz einer exzellenten Spielerauswahl auch nicht aufs Podium schaffte?

Aronian betritt den Tata Steel Chess Turniersaal in Wijk aan Zee | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Aufgrund von Schachdatenbanken und Computern können selbst Nicht-Elite-Schachspieler mit Weiß gegen einen sehr starken Spieler Remis spielen. Durchschnittliche Teams haben angefangen, extrem gut zu spielen, und gegen Spieler aus Ländern wie Bangladesh gibt es ständig Probleme. Mit Schwarz durch die Verteidigung durchzubrechen ist extrem schwer. Vorher wusste man zu Beginn einer Partie, dass man ein Repertoire hatte, das einem einen Vorteil bringen würde, aber jetzt sind die Voraussetzungen für den Eröffnungskampf aufgrund unseres Technologiezeitalters für alle gleich. Da alle professionellen Schachspieler etwa 90% ihrer Zeit mit dem Studium von Eröffnungen verbringen, kann man sich ungefähr vorstellen, in welchem Ausmaß diese Spielstärke ausgeglichen wird. In solchen Situationen muss man Risiken eingehen, um zu gewinnen, aber manchmal führen Risiken zu einer Niederlage. Und wenn man mit Weiß verliert, ist alles futsch - das Match ist verloren. Das war das, was der russischen Mannschaft passierte.

Es stellt sich also heraus, dass in der "Ära der Computer" Psychologie und nicht Vorbereitung in den Vordergrung rückt?

Natürlich wurde ihre Rolle sehr viel größer. Wie war das vorher? Kasparov kannte die Eröffnungen viel besser als der Rest, da er hart an ihnen arbeitete, und daher war er die einsame Spitze. Nun sind diejenigen Spieler an der Spitze, die einen überlegenen Spirit haben. 

Michel Platini versucht ständig, die Regeln zu verändern, um Fußball unterhaltsamer zu machen. Vielleicht sollte im Schach etwas Ähnliches passieren, damit es wieder so beliebt ist wie vorher?

Ich denke, dass es sehr nützlich ist, Leuten die Schönheit von Schach zu erklären. Das tue ich mit meinen Freunden: ich setze mich mit ihnen ein, zwei Stunden lang zusammen und zeige Studien, die dazu führen, dass man den Charme unseres Sports versteht. Schach kann man mit klassischer Musik vergleichen, die man nicht verändern kann - man kann aber lernen, ihr zuzuhören. Zum Beispiel Bernsteins Programm mit klassischer Musik für Kinder: es ist atemberaubend, wie er Mahler erklärt, und für alle wahnsinnig relevant! Das Gleiche muss man für Kinder mit Schach tun - bevor man lernt und versteht, worum es geht, sieht es wie die langweiligste Sache der Welt aus.

Es gab viele Diskussionen darüber, wie der Schachweltmeister bestimmt wird. Was denkst du über das aktuelle Format, mit dem der stärkste Spieler gefunden werden soll?

Um ehrlich zu sein, denke ich, dass das System im Tennis mit so etwas wie den ATP-Ratings ideal ist. Dort wird die Nummer Eins am Ende des Jahres verkündet. Im Schach ist es jedoch schwer, das nachzumachen, da das System, wie Spieler zu Turnieren eingeladen werden, nicht transparent ist. Daran sind sowohl die persönlichen Beziehungen zwischen den Spielern als auch versteckte Gagen schuld. Wenn es einen Sponsor aus der Wirtschaft gäbe, der Stabilität hineinbrächte… Ich mag aber durchaus auch das aktuelle System und es gibt wiederum andere, die mir nicht gefallen.

Was steckt hinter dem Phänomen Magnus Carlsen, der die Schachkrone an sich riss?

Carlsen schlug Aronian in der Rotterdam-Runde des diesjährigen Tata Steel Schachturniers, nachdem er am Tag zuvor einen anderen GRENKE Chess Classic-Teilnehmer, Fabiano Caruana, besiegt hatte | Foto: Zhaoqin Peng, Offizielle Webseite

Ich würde sagen, dass es alles mit seiner unglaublichen Ruhe und Fassung zu tun hat, die ihn aber seltsamerweise beim letzten Weltmeisterschaftsmatch im Stich gelassen haben. Aber insgesamt ist Magnus' wichtigstes Geheimnis seine Selbstbeherrschung und der Mangel an Gewissenskämpfen, wenn er in einer Partie Fehler gemacht hat. Manchmal macht man eben Fehler, dann hasst man sich selbst und sagt sich: “Du solltest dich schämen - es schauen Kinder zu”. Aber Carlsen hat das nicht. Er kämpft bis zum Ende, selbst wenn er schlecht spielt.

Können wir in den nächsten Jahren neue Namen erwarten? Wer kann aufsteigen?

Wenn man sich die FIDE-Ratingliste anschaut, erkennt man, dass dort etwa alle 5-7 Jahre große Veränderungen auftreten. Es ist unwahrscheinlich, dass jemand in der Lage ist, aus dem Nichts aufzutauchen.

Und wann können wir die nächste Judit Polgar erwarten?

Ich bin mir vollkommen sicher, dass Mädchen fähig sind, nicht schlechter als Männer zu spielen. Wenn man gegen Candidate Masters antritt, bleibt man immer auch selbst ein Candidate Master, aber wenn man in Konkurrenz mit Großmeistern tritt, hat man eine Chance, sich zu entwickeln. Wenn Mädchen von Kindheit an in derselben Gruppe wie Jungs spielen würden, hätten wir schon längst neue Polgar-Schwestern.

Du sagtest, dass du idealerweise ungefähr fünf Stunden am Tag mit Schach und zwei mit Sport verbringst. Schaffst du das?

Hier beim Turnier bin ich vor den Partien seilgehüpft. Das liebe ich wirklich, seit ich geboxt habe.

Und wie bereitest du dich auf die Turniere vor? Hast du alle Gegner analysiert, gegen die du spielen wirst?

Nein, ich versuche quasi, vielseitig zu arbeiten. Ich ging tanzen, boxte ein paar Mal und spielte Schach mit meinen Freunden aus Jerewan.

Dich nerven die Zuschauer bei Matches nicht? Sie "stören die Denkprozesse" vieler anderer Spieler.

Für mich sind sie ein Segen, weil sie bedeuten, dass Schach immer noch lebt und für jemanden interessant ist - dass es Leute mit genügend Intellekt gibt, um zu schätzen, was wir tun. Ihre Anwesenheit stört mich gar nicht. In meinem Heimatland waren die Turniersäle immer voller Leute bei den Matches und das ist wunderbar. Ich hätte nie gedacht, dass die Leute in Armenien Schach so sehr lieben.

Hast du Lieblingsgegner?

Ich würde Carlsen und Volodya Kramnik angeben. Gegen sie zu spielen ist am komplexesten, aber mich reizt Komplexität. Ich würde auch liebend gerne gegen Borya Gelfand antreten. Wir sind schon lange Freunde, geraten aber ständig in blutige Kämpfe. Hinterher machen wir uns über einander lustig - wo wären wir auch sonst?

Vollständiges Interview bei Bolshoi Sport (auf Russisch)


Wie das gestrige Aufeinandertreffen der beiden verlief und wie das superstarke Grenke Chess Classic in Baden-Baden weitergehen wird, seht ihr in den regelmäßigen Berichten auf unserer Seite. Schaut euch außerdem täglich ab 15:00 MEZ alle vier Partien mit Live-Kommentaren von den GMs Jan Gustafsson und Nigel Short direkt hier bei chess24 an!

Siehe auch:


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