Allgemein 04.10.2018 | 10:36von Colin McGourty

Arkady Dvorkovich ist neuer FIDE-Präsident

Arkady Dvorkovich ist der siebte Präsident in der Geschichte des Schachweltverbands FIDE und löst nach einem Wahlsieg mit 103 zu 78 Stimmen gegen Georgios Makropoulos den langjährigen Vorgänger Kirsan Ilyumzhinov ab. Die Abstimmung beim FIDE-Kongress im Sheraton Hotel von Batumi nahm gestern eine dramatische Wende an, da der dritte Bewerber, Nigel Short, in seiner Abschlussansprache an die Delegierten seine Kandidatur zurückzog. Er unterstützte Dvorkovich, der versprach, dass die “FIDE den Verbänden helfen müsse, und nicht andersherum”. Diesen Plan will er mit einem Budget von 20 Millionen Euro in den nächsten vier Jahren umsetzen.

Arkady Dvorkovich bei seiner Ansprache vor der Abstimmung | Foto: Russischer Schachverband

Bisher gab es erst sechs FIDE-Präsidenten:

  1. 1924–1949 Alexander Rüb
  2. 1949–1970 Folke Rogard‌
  3. 1970–1978 Max Euwe
  4. 1978–1982 Friðrik Ólafsson
  5. 1982–1995 Florencio Campomanes
  6. 1995–2018 Kirsan Ilyumzhinov

Während Kirsan Ilyumzhinovs 23 Jahre andauernder Regentschaft wehrte der ehemalige Präsident der russischen Teilrepublik Kalmückien alle Versuche ab, ihn abzulösen. Mit Makropoulos als Stellvertreter besiegte er bei den letzten Wahlen Bessel Kok (2006 mit 96:54), Anatoly Karpov (2010 mit 95:55) und Garry Kasparov (2014 mit 110:61). Zuletzt war Ilyumzhinov aufgrund der US-Sanktionen wegen seiner Verbindungen zu Syrien untragbar geworden und hatte am 29.Juni erklärt, dass er nicht mehr als Präsidentschaftskandidat antrete.

Damit kam es bei der gestrigen Wahl zu einem dreiköpfigen Rennen zwischen dem bisherigen Stellvertreter und geschäftsführenden FIDE-Präsidenten Georgios Makropoulos aus Griechenland, dem stellvertretenden russischen Premierminister Arkady Dvorkovich und dem englischen Großmeister Nigel Short. Der Wahlkampf verlief im Vorfeld genauso erbittert, wie dies zu erwarten war, und er war durchsetzt mit Behauptungen, wer die Wahl gewinnen würde. Zum Beispiel am 10.September:



"Entscheidende Unterstützung für die Bewegung FIDE Forward! Wir geben offiziell bekannt, dass wir derzeit auf die Untersützung von 114 der 186 Länder zählen können, womit wir die notwendige Mehrheit von 94 Stimmen um 20 Stimmen überschritten haben."

Die unausgesprochene Drohung war dieselbe wie immer – stimmt für den Gewinner ab, sonst gibt es was! Aber wer würde gewinnen? Im Vorfeld der Wahl am gestrigen 3.Oktober klang das Umfeld der „FIDE-Forward-Kampagne“ immer weniger siegessicher, sodass auch die Methoden immer schärfer wurden. Am 30.September wurde über die FIDE-Ethikkommission der Versuch gestartet, Dvorkovich acht Jahre lang aus der FIDE ausschließen zu lassen – und so die Wahl zu gewinnen, wenn nicht alle Stimmen zu Short gewandert wären – doch er scheiterte.  

Arkady Dvorkovich sprach als Erster | Foto: David Llada, Turnierseite

Vor der Abstimmung bekamen die drei Kandidaten letztmals die Gelegenheit, ihre Programme vorzustellen. Arkady Dvorkovich kam als Erster zu Wort und stellte einige Grundsätze vor, die bei Verbänden, Spielern und Organisatoren auf Zustimmung stoßen mussten:

Wir werden sofort alle Gebühren, die an die FIDE bezahlt werden, kürzen oder abschaffen ... die FIDE sollte den Verbänden helfen, und nicht andersherum. 

Er versprach, “ein jährliches Budget von drei Millionen Euro für die Förderung des Schachspiels in Entwicklungsländern“ und „ein Gesamtbudget von 5 Millionen Euro für ein vierjähriges Programm, also insgesamt 20 Millionen Euro in vier Jahren“. Er sprach von einem „nachhaltigen Sponsoring“, was man dem Mann, der dem OK der FIFA-WM in Russland vorstand, durchaus zutrauen kann. Selbst wenn er gewisse Kreise nicht erreichen sollte, gibt es keinen Grund daran zu zweifeln, dass das Geld bei der russischen Regierung oder reichen Unterstützer aufgetrieben werden kann.

Dvorkovich meinte, sein wichtigstes Projekt sei Schach in Schulen, “eine einzigartige Methode, unser geliebtes Spiel zu fördern und gleichzeitig der gesamten Weltbevölkerung zu helfen“. Außerdem sprach er darüber, dass es überall auf der Welt große Turniere geben müsse: 

Afrika hat noch nie eine Schach-Olympiade ausgerichtet. Letztmals fand die Olympiade vor 40 Jahren in Amerika statt. Und Asien ist auch schon 26 Jahre her. Können Sie sich vorstellen, dass die FIFA die WM nur in Europa ausrichtet? Das wäre absurd. 

Seine Rede beendete er mit den Worten, “Packen wir es an!”

Nigel Short war wie immer zu Scherzen aufgelegt... | Foto: David Llada, Turnierseite

Nach ihm kam Nigel Short dran, der zunächst scherzhaft an Kirsan Ilyumzhinovs leere Versprechung von 20 Millionen Dollar in dessen Rede 2014 in Tromsø erinnerte:

Wenn Sie mich zum FIDE-Präsidenten wählen, werde ich nicht heute 20 Millionen an die FIDE überweisen, sondern gestern 40 Millionen! 

Short griff die aktuelle FIDE-Führung heftig an und verwies darauf, dass fast alle Einkünfte von den Turnierorganisatoren, Verbänden, Spielern, Trainern und Schiedsrichtern kämen. Er griff den umstrittenen Deal mit Agon heraus, also der Firma, die die Vermarktungsrechte am WM-Zyklus hat: 

Das nenne ich Makro-Ökonomie. Die FIDE hat im Grunde nur einen Hauptsponsor, Agon… oder sponsern wir Agon? Das ist nicht klar! Diese Organisation steht schon seit dem ersten Tag in der Kritik. Bei Vertragsabschluss wurde eine halbe Million Dollar nicht bezahlt. 2017 hörten wir, dass der erwartete Umsatz 525.000 Euro betrage, in wirklich kamen aber nur 39.000 Euro zusammen. Das entspricht dem Sechsfachen von dem, was für Schach in Schulen budgetiert ist. Aus meiner Sicht setzen wir die falschen Prioritäten.

Was passierte nach diesem traurigen Vorfall im letzten Jahr mit Agon? Der Vertrag wurde bis 2026 verlängert, anstatt ihn wie in der normalen Geschäftswelt zu kündigen. Wer profitiert davon? Sicher nicht die FIDE. Agon mindert das Einkommen der FIDE. Der Preisgeldfonds für das anstehende Match Carlsen gegen Caruana ist niedriger als der beim Match zwischen Kasparov und Short vor 25 Jahren, und dabei ist noch nicht einmal die Inflation eingerechnet. So rückständig sind wir geworden. Es gibt ein riesiges Missmanagement. 

Der CEO von Agon Ilya Merenzon war vor Ort | Foto: Russischer Schachverband

Auf Intervention von Nigel Short wurde ein geheimes Papier zwischen FIDE und Agon vom 12. Oktober 2017 vorgelegt.

Die US-Sanktionen Kirsan Ilyumzhinov betreffend werden als Grund angegeben, weshalb Agon nicht ausreichend Sponsoren findet. 

Nigel Short vertiefte das Thema weiter:

Schlimmer als dies, als diese Inkompetenz, dieses Missmanagement, diese mangelnde Transparenz und dieser schrecklich begrenzte Weitblick ist das offene Mobbing. In diesem Apparat gilt gens una sumus nur für die, die für die Führung gestimmt haben. Alle anderen werden unterdrückt, und das muss aufhören. Aus diesem Grund habe ich im März dieses Jahres meine Kandidatur als FIDE-Präsident angekündigt – gegen Kirsan, der die FIDE an den Rand des Abgrunds gebracht hat, und Makropoulos, der ihn zwei Jahrzehnte lang loyal unterstützt hat.

Und dann ließ Short die Katze aus dem Sack:

Trotzdem habe ich beschlossen, dass es für mich am besten ist, wenn ich meine Kandidatur zurückziehe und Arkady Dvorkovich unterstütze!

Er erklärte seine Entscheidung:

Arkady und ich haben viele gemeinsame Ziele. Wir müssen diese Organisation reformieren und verändern. Ich weiß zwar mehr über die Schachwelt als er, aber er weiß als Organisator der extrem erfolgreichen Fußball-WM mehr über Akquisition von Sponsoren und die Führung von Organisatoren.

Diese Entscheidung kam für niemanden überraschend, der die letzten Monate verfolgt hatte...

...aber der Zeitpunkt kam überraschend. Short hätte auch nach dem ersten Wahlgang verzichten können, wollte aber vermeiden, dass der Ausgang knapper aussah als nötig. 

Der mächtigste Mann in der FIDE der letzten Jahre sah seine Felle davonschwimmen | Foto: David Llada, Turnierseite

Es folgte die Rede von Georgios Makropoulos, und sie wurde stark kritisiert. Sie begann damit, dass er sich über Shorts Kommentare und den Einfluss Russlands sowie Bestechung seitens der russischen Regierung beschwerte, sprich, er wiederholte die Vorwürfe, die er und Kirsan Ilyumzhinov schon bei den letzten Wahlen ausgesprochen hatten. Den Betrachtern fiel es schwer, die Betonung von sauberen Wahlen und „Würde, die über Geld hinausgeht“ ernst zu nehmen.  

Der beste Satz der Rede war vermutlich:

Wir versprechen nicht, Dinge zu verändern, wir tun es bereits. Das ist der Unterschied! 

Wie die positiven Veränderungen, die das Schach insgesamt voranbringen und nicht nur die FIDE etwas effektiver machen, aussehen, blieb aber unklar.

Für seine uninspirierte Rede gibt es zwei plausible Erklärungen – entweder wusste Makropoulos bereits, dass er verliert, oder er war sich sicher zu gewinnen, sodass es keine Rolle spielte, was er sagte. Die Spannung stieg, als alle 182 Delegierten zur Abstimmung gerufen wurden.

Das Ergebnis lautete: Dvorkovich gewinnt mit 103 Stimmen gegen 78 für Makropoulos, bei einer ungültigen Stimme (jemand stimmte für beide Kandidaten). Im Verhältnis zu den letzten Wahlen, bei denen der Unterschied immer mindestens 40 Stimmen betragen hatte, war das Ergebnis “knapp”, aber nicht so knapp, dass der Verlierer es anfechten könnte.

Dvorkovich dankte in einer kurzen Rede seinem Team und den Delegierten und fügte hinzu, “Ich möchte ihnen noch einmal versichern, dass ich rund um die Uhr für die FIDE arbeiten werde.“ Er versprach, “heute feiern wir, aber morgen fangen wir an zu arbeiten”.

Nino Maisuradze hat ein kurzes Video zu diesem historischen Wahltag publiziert:

Hoffen wir, dass dies der Auftakt einer positiven Entwicklung des Weltschachs ist, aber zunächst können wir uns freuen, dass die Zeit der Politik vorbei ist und wir uns wieder voll auf die Schacholympiade konzentrieren können! 


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