Interviews 23.12.2016 | 00:08von Colin McGourty

Andreikin über seinen Triumph bei der Blitz-Europameisterschaft

Dmitry Andreikin ist Blitzschach-Europameister, nachdem er beim vom 17. bis 18. Dezember im estnischen Tallinn abgehaltenen Turnier mit 22 aus 26 am besten abgeschnitten hatte. In einem Interview für die Seite der Russischen Schachföderation spricht er darüber, wie das Turnier für ihn verlaufen ist, welche Fähigkeiten im Blitz- und Schnellschach wichtig sind, warum er nicht bei der Blitz- und Schnellschach-Weltmeisterschaft in Doha spielt und was er vom Match zwischen Carlsen und Karjakin dachte.

Andreikin auf dem Weg zum Sieg bei der Blitzschach-Europameisterschaft in Tallinn | Foto: Oleg Hartsenko, maleliit.ee

Andreikin sprach auf Russisch mit Großmeister Dmitry Kryakvin. Wir haben einige der Höhepunkte unterhalb übersetzt:



Dmitry, Gratulation zu deinem jüngsten Erfolg! Wie ist das Turnier in der estnischen Hauptstadt für dich verlaufen? Welche Partien waren entscheidend?

Danke! Ich habe im Schnellschach ziemlich überzeugend begonnen - 5,5 aus 6. Am nächsten Tag musste ich gegen Alexei Shirov spielen, der bei 100% stand. Ich bekam aus der Eröffnung heraus eine gute, kämpferische Stellung, aber ich entschied mich für ein riskantes Bauernopfer, und nach genauen Antwortzügen meines Gegners hatte ich nicht einmal genügend Kompensation für ein Remis. In der nächsten Begegnung traf ich mit Schwarz auf den jungen polnischen Großmeister Kacper Piorun. Ich diktierte lange Zeit das Spiel, aber an einem gewissen Punkt überschätzte ich meine Stellung und ließ mich bei einem Angriff zu sehr mitreißen und übersah einen K.O.-Gegenschlag. 


Es war noch schlimmer als das... Andreikin wurde am Ende beider Partien Matt gesetzt - hier von Piorun!

Natürlich bedeutete diese zweite Niederlage in Folge, dass jegliche Chance auf ein erfolgreiches Abschneiden bei solch einem Turnier vergeben war; selbst mit ein paar Siegen am Ende landete ich nur auf dem 19. Platz.

Alexander Riazantsev ließ dem Sieg bei Russischen Meisterschaft den Gewinn der Schnellschach-Europameisterschaft folgen - Maxim Matlakov wurde Zweiter, Rauf Mamedov Dritter | Foto: Oleg Hartsenko, maleliit.ee

Hat dich dieser Misserfolg geärgert?

Ja, er gab mir andererseits aber auch Hoffnung für das Blitzturnier. Die Sache ist die: ich hatte auch in jenen Partien, die ich verlor, großen Vorteil. Aus diesem Grund konnte ich mich nicht zum Nachdenken bringen, nicht einmal in schlechten Stellungen - ich spielte intuitiver, "aus dem Handgelenk". Und beim Blitzschach braucht man genau das. 

Mit einigen Abenteuern erzielte ich 11,5 aus 12 und traf danach auf Rauf Mamedov, der 12 aus 12 hatte. Rauf ist bei jedem Blitzschach-Turnier traditionell der Favorit, besonders deswegen - denke ich -, weil er nach dem Schnellschach-Turnier ebenfalls etwas frustriert war und das im Blitzschach wieder wettmachen wollte. Das Match gegen ihn mit 1,5:0,5 zu gewinnen war wirklich hilfreich.

Paco Vallejo und David Navara gehörten der Legion starker Großmeister an, die im über 500 Spieler großen Teilnehmerfeld mitspielten | Foto: Oleg Hartsenko, maleliit.ee

In der zweiten Hälfte des Turniers saß ich am Spitzenbrett. Es war wichtig, dass ich am zweiten Tag - im Gegensatz zum Schnellschach - dort weitermachen konnte, wo ich aufgehört hatte. Meine Partien folgten verschiedenen Szenarien, aber im Ganzen gesehen gelang es mir, dynamisches, riskantes Schach zu zeigen. 

Andreikin kurz bevor er den entscheidenden Zug entkorkt... | Foto: Oleg Hartsenko, maleliit.ee

Der letzte Zug, den ich im Turnier spielte, 19. ... f5 gegen Zhigalko, sieht symbolisch aus. Um sicher den ersten Platz zu belegen, benötigte ich nur ein Remis, aber trotzdem entschloss ich mich in einer sehr angenehmen Stellung, aus dem Nichts einen Bauern zu opfern, wonach der Computer meinem Gegner +2 gibt. Ich führte diesen schwachen Zug so überzeugend aus, dass Sergey das Opfer annahm und sofort Remis bot, was ich nicht ablehnen konnte. 


Das letzte Mal, dass ich mit solch jugendlicher Begeisterung spielte, war vor fünf bis sechs Jahren.

Endstand der Blitzschach-Europameisterschaft (Top 10)

Rk.SNoNameFEDRtgPts. TB1  TB2  TB3 
17GMAndreikin Dmitry271922,00,0439,5454,0
21GMMamedov Rauf277020,50,0449,0462,0
38GMZhigalko Sergei269919,50,0416,5430,0
412GMMatlakov Maxim266819,50,0408,5421,0
59GMLeko Peter269719,00,0443,5458,0
66GMAndriasian Zaven272019,00,0423,0436,0
74GMBortnyk Olexandr274119,00,0418,5431,0
839GMBologan Victor258419,00,0416,5428,0
92GMNavara David275419,00,0408,0421,0
1034GMAnton Guijarro David260019,00,0403,0415,0

Welche Eigenschaften sind notwendig, um ein guter Spieler im Blitz- oder Schnellschach zu werden? Wie unterscheidet es sich vom klassischen Schach?

Es klingt banal, aber man muss ein guter Schachspieler sein. Auf der anderen Seite reicht es für Blitz- und Schnellschach, einige gut ausgearbeitete und vielleicht nicht zu prinzipielle oder korrekte Systeme zu haben. Im klassischen Schach ist es viel schwieriger, was die Eröffnungen angeht: dein Repertoire muss abwechslungsreicher und dein Spielstil universeller sein.

Denkst du, dass das Preisgeld für die Europa-Meisterschaft niedrig ist, bei solch einer Menge an Großmeistern? Warum treten Profis dennoch an?

Was soll man sagen - es ist immer zu wenig Geld  Es stimmt, dass das Turnier mehr wie ein Festival ist, was allerdings auch für die Russische Blitz- und Schnellschachmeisterschaft zutrifft. Das Fehlen großer Preise erlaubt es andererseits auch, etwas zu entspannen und unterhaltsam zu spielen, während der Titel eine schöne Ergänzung zum Vergnügen ist. Es ist kein Geheimnis, dass die Spitzenspieler angenehme Konditionen bekommen, während die übrigen Teilnehmer von den Veranstaltern demokratische Preise für die Unterkunft erhalten.

Wo war es schwieriger zu spielen: bei der Europameisterschaft oder der Russischen Meisterschaft? Hast du vor, bei der Weltmeisterschaft mitzuspielen?

Natürlich ist die Europameisterschaft "an der Spitze" stärker, aber das ist nicht die Hauptsache. Der entscheidende Faktor ist die Anzahl der Teilnehmer. Bei der EM gibt es viel mehr, daher ist es zum Erreichen eines vorderen Platzes notwendig, bedeutend mehr Punkte zu holen, während gleichzeitig der Preis für einen einzigen Fehler steigt. Eine Niederlage wirft dich sofort viele Plätze zurück.

Ich werde dieses Jahr nicht bei der Weltmeisterschaft mitspielen, da meine Familie und ich bereits geplant hatten, Weihnachten und den Urlaub vor dem neuen Jahr in den skandinavischen Ländern zu verbringen. Jetzt allerdings, auf dieser Welle des Erfolgs, scheint es so, als ob es einen Versuch wert gewesen wäre!

Rauf Mamedov (Zweiter), Andreikin (Erster) und Sergei Zhigalko (Dritter) auf dem Siegerpodest bei der Blitzschach-Europameisterschaft | Foto: Oleg Hartsenko, maleliit.ee 

Was ist dein Eindruck vom Match Carlsen - Karjakin? Wie hättest du dich an Sergeys Stelle im Tiebreak verhalten?

Ich kann nicht behaupten, dass ich das Match besonders genau verfolgt habe. Schachlich gesehen hat es nichts Besonderes gebracht, aber es war natürlich spannend bis zum Schluss. Ich kann nicht sagen, wie ich mich im Tiebreak verhalten hätte, da klar ist, dass der psychische Stress in solchen Situationen von höchster Bedeutung ist. Man kann die Spannung nur beim Hinsetzen an der "Haut" der Spieler spüren.

Insgesamt gesehen hatte ich aus meiner Sicht den Eindruck, dass Karjakin physisch und psychisch gut vorbereitet war. Er sah während des ganzen Matches ziemlich selbstbewusst aus, und die Last der Verantwortung und die Autorität des Weltmeisters machten ihm weniger zu schaffen als man anfangs annahm. Zur gleichen Zeit war Carlsen in Theorie und Praxis stärker und spielte mit mehr Schwung, was schlussendlich zum logischen Ergebnis führte.   

Über das Spielen bei der Russischen Meisterschaft:

Bezüglich des Superfinales: Ich gewann 2012 diesen Titel, was vielleicht der Grund dafür ist, dass ich das Turnier nicht als interessant genug empfinde, um die Qualifikation dafür durchzumachen. Ich dachte, dass ich dieses Jahr aufgrund meiner Wertungszahl qualifiziert wäre, aber die Regeln bezüglich freier Plätze waren aus meiner Sicht nicht sehr transparent... Insgesamt gesehen kommen das Superfinale und ich im Moment gut ohne einander aus.

Welche Pläne hast du für kommende Turniere und zukünftige Qualifikationszyklen?

Ich plane nicht, in diesem Jahr noch einmal zu spielen. Nach dem Urlaub zu Neujahr findet Wijk aan Zee statt. Es ist ein hartes und langes Turnier, das vom 12. bis 29. Januar stattfindet; abhängig davon, wie es verläuft, werde ich einen Plan für offene Turniere zusammenstellen. In den kommenden Monaten könnten das Aeroflot, Dubai, Rejkjavik sein. Natürlich habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, an der FIDE Grand-Prix-Serie teilzunehmen, aber nichts, was damit zu tun hat, hängt von mir ab.


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