Interviews 13.05.2016 | 09:28von Colin McGourty

Andreikin: "Am Schach arbeite ich hauptsächlich alleine"

Andreikin und Adhiban gewannen ihre letzten Partien beide und standen somit bei 7,5/9, aber Dmitry hatte die bessere Feinwertung | Foto: Hasselbacken Open, Ingemar Falk

Dmitry Andreikin gewann letztes Wochenende ungeschlagen das Hasselbacken Open mit einem Ergebnis von 7,5/9, aber der 26-jährige Russe bleibt ein Rätsel. Er wurde 1990 geboren,wie Magnus Carlsen und so viele andere Topspieler, und war talentiert genug, um Juniorenweltmeister, Russischer Meister und Zweitplatzierter beim Weltpokal zu werden. Seitdem hat er aber immer wieder lange Zeit kaum Partien gespielt. In einem Interview sprach er kürzlich über seine bisherige Schachkarriere, darüber, was er ändern muss und wie er Schach insgesamt sieht.

Dmitry Andreikin war beim Hasselbacken Open in Stockholm mit neun Runden Setzlistenerster und wurde diesen Erwartungen mit sechs Siegen und drei Remisen gerecht. Über den Auswahlbutton unten könnt ihr alle Partien mit Computeranalyse nachspielen und wenn ihr mit der Maus über einen Spielernamen fahrt, seht ihr ihren Score und ihre Partien:

Dmitry wusste, dass er in der letzten Runde einen Schwarzsieg brauchte, und beschwerte sich nicht, als sein Gegner, Borki Predojevic, sich für den superscharfen Zug 1.e4 g6 2.h4!? entschied. Hinterher sprach Dmitry während der hervorragenden Live-Übertragung über die Partie:

Das Turnier hatte natürlich noch viel mehr zu bieten und besonders Folgendes ist sehenswert:

Jetzt befassen wir uns aber mit Dmitry Andreikin. Der russische Star wurde von Konstantin Bazarov interviewt, dem Herausgeber von Shakhmatny Bul’var (Schach-Boulevard). Die Webseite unterstützt eine Initiative, in Moskau Schachevents unter freiem Himmel abzuhalten. Das lange Interview fand nach dem Beginn des Kandidatenturniers in Moskau statt und wir haben große Teile daraus hier für euch übersetzt:


Dmitry, du warst in vielen Juniorenturnieren erfolgreich. 2001 hast du z.B. die Russische Juniorenmeisterschaft gewonnen. War es einfach, mit unter 14 Jahren Russischer Meister zu werden, als deine Kindheit eigentlich noch nicht vorbei war und du noch spielen und herumalbern konntest?

2001 war ich 11 und gewann die Russische U14-Meisterschaft. Ich weiß noch, dass das Turnier in Smolensk stattfand. An sich war es keine große Leistung, aber es tat gut, weil ich tatsächlich ein paar Wochen vorher bei der Russischen U12-Meisterschaft in Oryol gescheitert war. Man könnte sagen, dass ich mich in einer höheren Altersgruppe rehabilitiert habe. Heute erscheint das natürlich alles kindisch, aber damals war es mir wichtig. Das war vielleicht genau die Zeit, in der ich zu sehr herumgealbert habe, da ich lange Zeit keine Fortschritte machen konnte. Alle Arten von Juniorenmedaillen flogen mir in den Schoß, aber meine Spielstärke und mein Rating steigerten sich kaum. Kurz gesagt gewann ich 1999 meine erste U10-Weltmeisterschaft und zehn Jahre später beendete ich meine Juniorenkarriere mit dem Sieg in der U20-Weltmeisterschaft. So schloß sich der Kreis auf symbolische Art…

Dmitry Andreikin wurde bei der U12-Europameisterschaft in Peniscola, Spanien im Jahr 2002 Zweiter hinter Ian Nepomniachtchi | Foto: ChessPro

Gibt es eine Grenze, die du überschritten hast, nachdem du zum Erwachsenenschach übergegangen bist? Hat sich in deinem Leben etwas verändert? Hast du vielleicht dein Eröffnungsrepertoire, deinen Turnierplan und so weiter verändert?

Was die Qualität betrifft, denke ich, dass mein Wechsel zum Erwachsenenschach stattfand, nachdem ich 2007 nach Saratow umgezogen war. Da ich in der SSSEU (Saratower Staatliche Sozioökonomische Universität) eingeschrieben war, begann ich, für das Universitätsteam in der Russischen Mannschaftsmeisterschaft zu spielen. Wir hatten zwei Herrenteams: das Hauptteam und die Reservespieler, aber beide spielten in der ersten Liga. Ich hätte an den letzten Brettern des Hauptteams spielen können, zog es aber vor, am ersten Brett der schwächeren Gruppe zu spielen. Das Turnier war ein Rundenturnier und dank meiner hohen Brettnummer konnte ich gegen Shirov, Morozevich, Karpov, Ivanchuk, Rublevsky und einige andere starke Großmeister spielen. Gegen dieses Line-Up erzielte ich 50% - und war sowohl mit dem Ergebnis als auch mit der Erfahrung zufrieden. Naja und was eine riesige Rolle spielte bei meiner Entscheidung, ein professioneller Schachspieler zu werden, war der Sieg bei der Juniorenweltmeisterschaft. Ich erhielt sofort Einladungen zu ein paar starken Rundenturnieren und das Leben wurde spannender. Ich würde diese Gelegenheit gerne nutzen, um Alexey Vetrov zu danken – unserem Schachtutor in diesen Jahren. Die Universität schuf ausgezeichnete Bedingungen für Schachspieler, was zweifellos einen positiven Einfluss auf meine Schachentwicklung hatte. Mittlerweile hat sich das Management der Universität leider verändert und das Interesse am Schach ist weg. Ich kann nicht sagen, dass ich meinen Stil oder mein Eröffnungsrepertoire in den letzten Jahren verändert habe. Vielleicht habe ich eine verantwortungsbewusstere Haltung zu meinen Turnierauftritten.

Dmitry, nach dem Kandidatenturnier in Chanty-Mansijsk im Jahr 2014 kamst du in die Top 30. Ist das deine größte Leistung oder hast du es je geschafft, auf der Ratingliste höher zu kommen? Wie musst du dich verbessern, um ein Elite-Schachspieler zu werden?

Ich glaube, ich bin jetzt 21. auf der Ratingliste, aber ich war schonmal etwas weiter oben. Auf jeden Fall zeigt das eine gewisse Stärke und ein gewisses Können, aber nichts, auf das man stolz sein sollte und nicht das, was ich erreichen will. Natürlich bin ich beeindruckt von den dramatischen Aufstiegen von Ding Liren, Maxime Vachier-Lagrave, Wesley So und anderen jungen Spielern, die 2800 anstreben. Das Erste, was mir dabei in den Sinn kommt, ist, dass ich beim Schachstudieren nicht systematisch genug vorgehe und es mir auch an Selbstdisziplin mangelt. Aber es ist einfach, darüber zu sprechen - letztlich kommt es auf Handlungen und Ergebnisse an…

Kannst du uns sagen, wie du dich auf Turniere vorbereitest?

Ich arbeite hauptsächlich alleine am Schach - daheim, mit dem Computer. Trainingssessions in Ryazan halte ich nur vor wichtigen Events ab. Das letzte Mal, als ich mich mit ein paar Leuten traf, war vor dem Weltpokal im Jahr 2015. Wir arbeiteten sehr gut und bereiteten ein paar neue Ideen vor. In der allerersten Partie überraschte ich den chinesischen Großmeister Jianchao Zhou, indem ich mich für die komplizierteste Najdorf-Variante entschied, die ich noch nie zuvor gespielt hatte. Dank der Eröffnungsvorbereitung konnte ich einen beachtlichen Gegner schlagen, gegen den mein Score bis dahin 0-2 gewesen war. In der 3. Runde gelang es mir dank einer innovativen Idee mit dem Zug 6.De2 in der Schottischen Partie, Vladimir Kramnik zu schlagen

Andreikin war "schuld", dass Kramnik sich nicht über den Weltpokal für das Kandidatenturnier 2016 in Moskau qualifizierte | Foto: Baku Weltpokal 2015

Natürlich fühlt man sich nach solchen Trainingssessions bei einem Turnier viel selbstbewusster. Dieses Jahr sind ein paar Trainingsevents für Mitglieder des russischen Teams geplant.

Ist es schwer, ins russische Team zu gelangen, und was sind die Hauptkriterien für die Erstellung vom Line-Up der Mannschaft?

Ich würde sagen, dass es bei Spielern meines Levels darauf ankommt, ob Landsmänner mit höheren Rating an diesem oder jenem Teamevent teilnehmen wollen. Der erfolgversprechendste Ansatz ist also, meine Spielstärke zu verbessern und mein Rating zu steigern. Wir haben kein vorgeschriebens System, um das Team zu bestimmen, die endgültige Aufstellung wird also vom Trainerteam beschlossen. Ich denke, es ist normal, wenn der Cheftrainer die ganze Verantwortung für das Ergebnis trägt.

Dmitry, könntest du die Schachspieler nennen, die vor wichtigen Events deine Sekundanten sind?

Ich würde mein Blatt gerne nicht im Voraus zeigen.

Kannst du dich an deine denkwürdigsten Siege gegen Spitzen-Schachspieler erinnern? Du bist mehr als einmal auf Spieler wie Anand, Aronian und Kramnik getroffen…

Natürlich ist jeder Skalp eines Topspielers für sich genommen schon eine Freude. In sportlicher Hinsicht waren meine Siege gegen Topalov und Aronian beim Kandidatenturnier 2014 die wichtigsten. Ich hatte einen schlechten Start und traf mit 2 von 6 Punkten auf Topalov. Dank dieses Sieges konnte ich die erste Runde mit einem Hochgefühl beenden, was meinen Optimismus ankurbelte. Aronian in der vorletzten Runde zu schlagen war etwas ungewöhnlich für mich. Normalerweise versuche ich immer, der Stellung entsprechend zu spielen, aber hier sah ich mit einem Blick auf die Platzierungen, dass mir ein Remis fast nichts einbringen würde, während ein Sieg meine Stellung im Turnier um 3-4 Plätze verbessern konnte. Also sagte ich mir: "Ich werde hingehen und wie Kasparov gewinnen". Und seltsamerweise schaffte ich das auch. 

Andreikin im Kasparov-Modus! | Foto: Kirill Merkuriev, Chanty-Mansijsk Kandidatenturnier 2014

Dadurch teilte ich mir den 3. Platz. Vishy Anand trug auch zu diesem Ergebnis bei. Ein Jahr zuvor hatte ich in unserer Partie beim Tal Memorial 2013 gut gespielt, aber an irgendeinem Punkt einen Vorteil entwischen lassen und ein theoretisches Remis im Endspiel mit einem Mehrbauern bekommen. Im Prinzip wäre es möglich gewesen, noch lange weiterzuspielen, aber aus Respekt für meinen Gegner vereinbarte ich ein Remis und bereute das hinterher etwas. Ein Jahr später - beim sehr viel wichtigeren Kandidatenturnier – suchte Anand in der ersten Runde der Partien nicht nach Gewinnchancen in einem angenehmen Endspiel, während er in der zweiten Partie tatsächlich in einer recht komplexen, aber für ihn siegreichen Stellung ein Remis akzeptierte


Anand hätte mit 39.Tc4! um den Sieg kämpfen können, wiederholte aber stattdessen Züge. Auf Nummer Sicher zu gehen hat funktioniert, da er sich für ein zweites Weltmeisterschaftsmatch gegen Carlsen qualifizierte

Man könnte sagen, dass es mir der ehemalige Weltmeister in gleicher Münze zurückgezahlt hat. Natürlich ist jeder Sieg gegen Vladimir Kramnik für mich denkwürdig - es ist nur schade, dass die einzige Partie, in der ich gegen ihn verlor, genau das Finale des Weltpokals war…

Weltmeister Magnus Carlsen beschrieb dich einmal als möglicherweise seinen gefährlichsten Gegner. Wie ist der Score deiner direkten Aufeinandertreffen mit Carlsen? Kannst du die Stärken und Schwächen in der Spielweise des Norwegers auflisten?

Es ist schwer, seine Worte zu kommentieren - wenn er das überhaupt gesagt hat, dann ist es sehr lange her. Im "klassischen" Schach haben wir einen ausgeglichenen Score, obwohl wir nur eine Partie bestritten haben, seit wir "bewusst" Schach spielen – im oben erwähnten Tal Memorial 2013. Damals endete die Partie in einem Remis und ohne besondere Abenteuer. Im Blitzschach war es jedoch eher ein Kampf und ich fuhr bei unserer letzten Partie in der Weltmeisterschaft 2015 eine vernichtende Niederlage ein. Natürlich ist Magnus zur Zeit mit Abstand der Schachspieler Nummer 1. Ich werde nicht originell sein: der Typ hat alle nötigen Eigenschaften, um der ideale Sportler/Schachspieler zu sein. Leute, die schon öfter gegen Carlsen gespielt haben und ihn besser kennen, können über seine Schwächen reden.

Im Februar 2016 hast du ein Schnellschachturnier in Serpuchow gewonnen und im September 2015 wurdest du bei der Moskauer Blitzmeisterschaft Zweiter. Kann man sagen, dass deine besten Ergebnisse in letzter Zeit bei Events mit einer schnelleren Zeitkontrolle erzielt wurden?

Ich denke, meine Stärke sollte von Turnieren von höherem Rang bestimmt werden. Ich kann mich an die Blitzweltmeisterschaft 2012 in Kasachstan erinnern, an der die besten Spieler einschließlich Magnus teilnahmen. Ich kämpfte hart um eine Medaille und schlug Carlsen 1,5-0,5, aber ein paar schmerzhafte Niederlagen am Ende ließen mich auf den 5. Platz fallen. 

Damals war mein Blitzrating 2877, was selbst bei den heutigen Standards den 3. Platz auf der Ratingliste bedeuten würde. Jetzt habe ich den Eindruck, dass ich heute bedeutend schlechter spiele in schnellen Zeitkontrollen als vor 3-4 Jahren. Ich weiß nicht, was dahinter steckt -  vermutlich das Alter. Im "klassischen" Schach habe ich das Gefühl, dass ich mich langsam aber sicher verbessere. Zusammengefasst spiele ich im Moment bei jeder Zeitkontrolle mittelmäßiges Schach.

Dmitry, das Kandidatenturnier in Moskau hat begonnen und viele Experten haben Schwierigkeiten gehabt, Favoriten zu bestimmen. Wer wird deiner Ansicht nach der Erste unter Gleichen sein und sich das Recht auf ein Match gegen Carlsen verdienen? Wen wirst du persönlich anfeuern?

Ich mag jeden der Kandidaten auf gewisse Weise. Es ist wirklich ein sehr ausgewogenes, interessantes Turnier. Beim Kampf um den ersten Platz gibt es meiner Ansicht nach ein paar, die aus diesem oder jenen Grund bessere Chancen haben. Damit meine ich, dass jeder Teilnehmer im Turnier sagen wir +2 erzielen kann, aber wenn es um die Qualifikation für ein Weltmeisterschaftsmatch geht, denke ich, dass Caruana die besten Chancen hat, da er vielleicht weniger Angstgegner im Turnier hat als der Rest, und außerdem eine beachtliche Stärke im Schach. Man kann dasselbe auch über Nakamura sagen, aber der vernichtende Score seiner Begegnungen mit Carlsen könnte ihn unbewusst beeinflussen. Natürlich ist das meine subjektive Meinung - die Zeit wird es zeigen. Auf jeden Fall verfolge ich das Turnier genau und wünsche mir schönes Schach.

Hast du schon einen Turnierplan bis zum Ende des Jahres? Spielst du für irgendwelche Teams?

Der Frühling wird dieses Jahr ziemlich voll. Ein paar skandinavische Opens - Turniere in Rejkjavik und Stockholm, Stationen des Schnellschachturnieres des Russischen Pokals in Susdal und Tscheboksary. Irgendwann dazwischen sollte ein Trainingslager in Moskau sein. Vielleicht traue ich mich, im Mai in den Kosovo zu gehen für die Europäische Meisterschaft. Insgesamt gibt es viele Turniere, sollte ich das Bedürfnis haben zu spielen. Seit einigen Jahren spiele ich im mazedonischen Club Alkaloid – sowohl in der Landesliga als auch im European Club Cup.

Dmitry Andreikin gewann seine letzten drei Partien, einschließlich eines finalen Sieges gegen Gawain Jones, und beendete das Rejkjavik Open 2016 ungeschlagen mit 8/10 und auf dem 2. Platz | Foto: Lennart Ootes

Dmitry, wird Schach je ein populärer Sport werden und was müssen Schachspieler, Organisatoren, Funktionäre und Sponsoren dafür tun?

Ich denke, dass Schach zur Zeit ein recht beliebter Sport ist, besonders für ein Internetpublikum, aber trotzdem wird es nie das Level von Fußball, Hockey oder Basketball erreichen. Meiner Ansicht nach gibt es dafür zwei Gründe: zunächst ist Schach kein Zuschauersport und leider kann man daran auch schwer etwas ändern. Die schnellere Zeitkontrolle wird dabei nicht helfen - schnelle Handbewegungen in jeder Art von Kampfsport werden trotzdem interessanter sein. Der zweite Punkt ist die Komplexität der Spielregeln. In vielen Sportarten kann sich ein interessierter Fan schnell als Pseudo-Experte fühlen. Ich kann mich dabei selbst als Beispiel verwenden: ich tue liebend gerne intelligent, während ich über Fußballtaktiken, Transfers, Auswechslungen und so weiter rede. Dieses falsche Verständnis zieht Leute natürlich an. Um auch nur ein kleines bisschen Schach zu verstehen, muss man viel mehr Zeit und Energie aufwenden. Was könnte man tun, um Schach beliebter zu machen? Ich weiß es nicht, das ist eine Frage für Profis. Tatsächlich wird in diesem Bereich zur Zeit sehr viel aktive Arbeit geleistet. 

Hilft ein Schachintellekt auch in anderen Lebensbereichen? Ich weiß, dass du deine Wohnung kürzlich renoviert hast und das macht viel Mühe. Hast du letztlich mental berechnet, wo du etwas befestigen oder entfernen oder hämmern oder malen solltest? 

Meiner Ansicht nach ist Schach ein sehr besonderes Spiel - es zwingt dich, mit deinem Kopf zu denken und deinen Geist in Form zu halten, aber es hat absolut nichts mit allgemeiner Intelligenz oder Mathematik zu tun. Ein befreundeter Trainer von der Saratow Schachakademie hielt kürzlich einen Wettbewerb ab, um den besten Einsatz von Schachdenken in einer besonderen Lebenssituation zu finden. Zunächst antwortete ich, dass ich ein paar Tage darüber nachdenken würde und dann antworten, aber dann erkannte ich, dass ich das Leben nicht im Hinblick aufs Schach sehe. Im Leben ist alles viel komplexer als auf 64 Feldern. Die Organisatoren des Wettbewerbs schrieben später, dass nur ganz wenige in der Lage waren, an eine Situation aus ihrem Leben zu denken. Was die Reparaturen anging, hatten wir viel Glück mit dem Verantwortlichen und meine Frau hat sich ums Design gekümmert. Mein Job war aus Minimum beschränkt: für diese ganze Schönheit zu bezahlen, aber das ist eine andere Geschichte.

In einem Interview mit Chess Boulevard bewertete Sergey Karjakin kürzlich die Tatsache positiv, dass die Krim Teil von Russland geworden ist. Verfolgst du die Politik, insbesondere was in Syrien und in der Ukraine passiert?

Ich habe mich nie besonders für Politik interessiert, aber zur Zeit ist es schwer, das Thema ganz zu vermeiden. Es ist klar, dass überall auf der Welt schlimme Dinge geschehen, aber trotzdem mache ich mir mehr Sorgen darüber, was in Russland passiert. Wenn man sich die wirtschaftliche Lage unseres Landes anschaut, bevor die Krim dazukam, und sie mit der jetzigen vergleicht, ist die Einschätzung denke ich eindeutig…

Ist eine Familie die wichtigste Stütze im Leben für viele Profisportler? Warum hast du den modernen Standards zufolge beschlossen, dein Leben als Junggeselle früh aufzugeben und ein vorbildlicher Familienmann und Vater zu werden?

Dmitrys junge Familie nach seinem Sieg in Stockholm | Foto: Hasselbacken Open, Ingemar Falk

Danke für die netten Worte, obwohl ich weit davon entfernt bin, ein vorbildlicher Familienman und Vater zu sein. Ich benutze hier mal die Worte eines Songs: "Ich verspreche, reiner und besser zu werden". Was die relativ frühe Heirat angeht - daran ist die Liebe schuld. Außerdem ist eine Heirat mit 21 vielleicht doch gar nicht so früh. Auf jeden Fall ist es wichtig, auf lange Zeit zu heiraten, idealerweise für immer, während das Alter egal ist. Natürlich ist die dauerhafte Unterstützung von Familie und Freunden sehr wichtig für einen Sportler. Es ist immer angenehm, von harten Turnieren zu seinem Familiennest und denen zurückzukehren, die man liebt.  

Hast du negative Auswirkungen der Krise in Russland gespürt? Vielleicht könntest du jungen Leuten ein paar Tipps geben, die nicht allzu zuversichtlich in die Zukunft schauen?

Ich beschwere mich nicht gerne über das Leben, aber natürlich hatte die Krise negative Auswirkungen auf das Leben ganz normaler Russen, ausnahmslos. Wir haben die Renovierungsarbeiten zum Beispiel 2014-15 durchgeführt, und es hat uns viel mehr gekostet als wir bezahlt hätten, wenn wir sie ein paar Jahre früher gemacht hätten. Wir mussten einige Monate auf besondere Arten von importierten Baumaterialien warten. Für mich als Autoliebhaber ist es manchmal schrecklich, sich die aktualisierten Preislisten anzuschauen. Es ist genau doppelt so teuer geworden, im Ausland Urlaub zu machen - aus offensichtlichen Gründen. Für uns Schachspieler ist es alles nicht so eindeutig, da ein Teil unserer Verdienste in ausländischen Devisen ist, aber für die Leute im Staatssektor ist es sehr viel härter geworden. Ich kann zu dem Thema keine Ratschläge geben. Erstens bin ich zu wenig bewandert in finanziellen Themen, aber zweitens denke ich, dass es sehr naiv ist, absolut zuversichtlich in die Zukunft zu schauen. Ich kann Jugendlichen nur wünschen, dass sie das tun können, was ihnen wirklich Spaß macht.

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