Interviews 08.04.2017 | 08:02von Colin McGourty

Alexander Grischuk: Schach ist “nur ein Spiel”

Alexander Grischuk hat zuletzt nicht viel gespielt und er lässt auch die großen Turniere im kommenden Monat aus, aber davor zeigte er glänzende Form. Er gewann bei den Schnellschach- und Blitzweltmeisterschaften in Doha $54.000 Preisgeld und belegte beim FIDE Grand Prix in Sharjah den ersten Platz. In einem kürzlich geführten Interview sprach er darüber, warum Schach für ihn „nicht heilig“ ist, warum er sich vom Poker verabschiedet hat und warum er keine jährliche Zahlung vom Russischen Schachverband bezieht.

Nur Carlsen gewann in Doha mehr Geld als Grischuk  | Foto: Maria Emelianova, Schnellschach- und Blitz-WM Doha

Grischuk sprach mit Yury Volokhov von Soviet Sport, und wir haben den Großteil des Interviews für euch übersetzt:


Yury Volokhov: Alle Weltklasseschachspieler setzen sich das Ziel, Weltmeister zu werden. Ist die Erringung des Titels dein Lebensziel oder redest du darüber lieber nicht?

Alexander Grischuk: Es wäre dumm, seine Ambitionen öffentlich zu machen. Man muss einen solchen Anspruch mit Taten untermauern und nicht mit Gerede. Im Sport ist es heutzutage in Mode gekommen, mit Sätzen wie „Ich mach sie alle kaputt“ große Reden zu schwingen. Das ist vielleicht gut, um Sponsoren anzulocken, aber ich halte das für dumm.

Ex-Weltmeister Vladimir Kramnik hat erklärt, dass der kommende Kandidatenzyklus sein letzter sei. Glaubst du ihm?

Kramnik macht schon seit einigen Zyklen solche Ankündigungen. Schon vor 13 Jahre erzählte er mir, er würde aufhören. Aktuell ist Vladimir die Nummer 4 der Welt und einer der besten Profis der Welt. Er kann noch lange spielen.

Die Konkurrenz wird immer größer, und es kommen viele junge Spieler nach. Spürst du deren Atem? 

Natürlich. Vor zehn Jahren war es einfacher. Dank der Computer kommen immer mehr junge Spieler nach. Vor 20 Jahren musste man einen guten Trainer haben, um in den Bereich der Weltspitze vorzudringen. Heute braucht man keinen Trainer mehr, da es spezielle Programme gibt – man muss einfach arbeiten und darf nicht faul sein.

Auf unserer Live-Turnierseite könnt ihr auch nach einzelnen Spielern suchen - wie man sieht, hat Grischuk dieses Jahr nicht viel gespielt!

Zählst du die beiden 27-Jährigen Carlsen und Karjakin zu dieser Gruppe?

Aufs normale Leben bezogen, sind sie jung, in schachlicher Hinsicht aber fast schon voll entwickelt.

Einige Großmeister vertreten die Meinung, Carlsen sei ein facettenreicherer Spieler als Kasparov. Ist das auch deine Meinung?

Carlsen ist ein sehr starker Schachspieler, er ist Weltmeister, aber für mich ist Kasparov die Nummer 1, wenn man sich alle Spieler der letzten 30 Jahre anschaut.

Kasparov sagte man fast dämonische Kräfte nach – angeblich hatten seine Gegner schon vor der Partie praktisch verloren.

Zweifellos strahlte er enorme Energie aus.

Hat Carlsen derartiges Charisma?

Ja, denn einige starke Großmeister spielen gegen ihn schwächer, als es ihren Fähigkeiten entspricht. Hikaru Nakamura etwa hat eine katastrophale Bilanz gegen Carlsen.

Wie sieht deine Bilanz gegen Magnus aus?

Nimmt man alle Turnier-, Schnell- und Blitzpartien zusammen, ist sie wohl leicht negativ.

Grischuk verlor in Doha beim Schnellschach gegen Carlsen - laut Chessgames steht es bei den Turnierpartien 4 zu 1 für Magnus, und insgesamt 24 zu 17, wenn man Schnell- und Blitzschach einrechnet | Foto: Maria Emelianova, Schnellschach- und Blitz-WM Doha 

Das Schach hat sich dramatisch in Richtung kürzere Bedenkzeiten entwickelt. Hältst du diese Entwicklung für unvermeidlich, damit Schach auch in der Zukunft attraktiv bleibt?

Ich sehe in dieser Beziehung keine so gravierenden Veränderungen, außer dass es mittlerweile auch Weltmeisterschaften im Schnellschach und Blitz gibt. Mir scheint, es wird einfach nur viel darüber geredet. Ich fände es gut, wenn es mehr solcher Turniere geben würde.

Sind kürzere Bedenkzeiten für das Schach tödlich?

In welcher Hinsicht? Schach ist nur ein Spiel. Ist dein Gegner besser und gewinnt die Partie, hat er dich doch nicht umgebracht.

Viele sind der Meinung, dass Schach nur bei normaler Bedenkzeit etwas mit Kunst zu tun hat, während man beim Schnellschach keine unsterbliche Partie hervorbringen kann.

Das hängt von der Herangehensweise ab. Glaubt jemand, Schach wäre etwas Heiliges, kann ich ihn nur beneiden. Vielleicht würde ich das selbst gern so sehen, aber ich tue es nicht. Für mich ist Schach nur ein Spiel, und ich sehe es nicht auf einer Stufe mit einer Kunst wie Musik.

"Die beste Post-mortem-Analyse, die ich in letzter Zeit verfolgt habe."

Hinsichtlich deiner Erfolge beim Blitzschach sprachst du davon, dass das Wichtigste sei, gut Schach zu spielen.

So ist es. Schau dir an, wer die Schnellschach- oder Blitz-WM gewinnt – Karjakin, Ivanchuk, Carlsen. Solche Turniere gewinnt man nicht durch Zufall.

Vor einigen Jahren hast du Poker als zweiten Beruf bezeichnet. Gilt das noch?

Nein. Will man heutzutage beim Poker erfolgreich sein, muss man sich diesem Spiel komplett verschreiben. Man kann nicht einmal im Internet einfach spielen und gewinnen, da das Niveau extrem gestiegen ist.  

Sind die Preisgelder bei Poker- und Schachturnieren vergleichbar?

Beim Poker gibt es durchaus mehr zu gewinnen, aber dafür muss man auch deutlich höhere Startgelder bezahlen. Beim Schach kann man definitiv kein Geld verlieren.  

In dem Film “Rain Man” kann sich die Hauptfigur Dustin Hoffman mehrere Karten aus verschiedenen Kartenspielen merken. Wurde da stark übertrieben?

Er zählte Karten beim Blackjack, während das Gedächtnis beim Poker keine so große Rolle spielt. Es gibt andere Spiele, bei denen man sich alles merken muss.

Poker gehört also der Vergangenheit an, aber du hast dennoch eine monatliche Zahlung des Verbandes abgelehnt.

Dieses Gehalt bekomme ich nicht dafür, dass ich tatenlos herumsitze, sondern muss etliche Verpflichtungen erfüllen. Man muss an bestimmten Turnieren des Verbandes teilnehmen, bei Mannschaftswettbewerben mitmachen und Trainingsveranstaltungen absolvieren. Ich war mir nicht sicher, ob ich diese Verpflichtungen eingehen wollte.

Karjakin, der im Unterschied zu Grischuk öffentlich erklärt hat, dass es sein Ziel sei, "die Schachkrone nach Russland zurückzuholen" twitterte vergangene Woche aus seinem Trainingslager

Spielst du für ausländische Vereine?

Verrückterweise spiele ich für einen Verein, der in der 2.Bundesliga in Deutschland spielt. Er liegt in der Nähe von Stuttgart. Die Mannschaft ist aber sehr stark und wird vermutlich in die 1.Liga aufsteigen, wo sie ebenfalls gute Chancen hat.

Nicht schlecht für einen Mannschaftskampf der 2.Liga!

Anm.d.A.: Deizisau wird fast sicher aufsteigen und kann das Saisonziel in zwei Wochen perfekt machen.


An diesem Wochenende spielt die 1.Bundesliga, und ihr könnt euch hier auf chess24 alle Partien live ansehen! 

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