Interviews 11.02.2020 | 11:17von Colin McGourty

Alekseenko: "Der Freiplatz für das Kandidatenturnier sollte abgeschafft werden"

Der 22-jährige Russe Kirill Alekseenko ist beim kommenden Kandidatenturnier in Yekaterinburg klarer Außenseiter. Während die anderen Teilnehmer alle unter den ersten 15 der Weltrangliste platziert sind, liegt Alekseenkos Elo derzeit sogar unter 2700. Kein Wunder, dass die Freiplatzvergabe an ihn statt an Maxime Vachier-Lagrave umstritten war, wofür er allerdings nichts kann. In einem ausführlichen Interview mit Oleg Barantsev von sports.ru erklärt Alekseenko, dass er selbst auch kein Anhänger des Freiplatzsystems ist. 

Kapitän Maxime Vachier-Lagrave hatte kein Problem damit, Kirill Alekseenko beim Battle of the Sexes in Gibraltar in sein Team aufzunehmen | Foto: John Saunders, Turnierseite

Falls es unter den Teilnehmern des Kandidatenturniers 2020, bei dem der Herausforderer von Magnus Carlsen ermittelt wird, eine unbekannte Größe gibt, ist es Kirill Alekseenko. Er hat schon mehrere Open-Siege eingeheimst wie beim Chigorin-Memorial (dreimal in Folge) und dem Rilton Cup, doch richtig bekannt wurde er erst durch den Weltcup 2019, wo er knapp an Ding Liren scheiterte, ehe er beim Grand Swiss Dritter wurde und erstmals die Elomarke von 2700 überschritt. Dieses Ergebnis brachte ihm später den Freiplatz beim Kandidatenturnier ein, da er der einzige Russe war, der von den Veranstaltern nominiert werden konnte.

Im ausführlichen Interview mit Oleg Barantsev von sports.ru, das wir aus dem Russischen für euch übersetzt haben, erfahrt ihr, wie es Kirill im Vorjahr ergangen ist und wie es nun für ihn weitergeht:


Oleg Barantsev: Wie hast du es geschafft, bei den beiden stärksten Turnieren des Jahres die besten Leistungen zu zeigen?

Kirill Alekseenko: Von ganz allein. Ich habe viele Turniere hintereinander gespielt, und es stellte sich heraus, dass ich beim World Cup und beim Grand Swiss gut eingespielt war, während ich am Jahresende keine Energie mehr hatte und nur noch mit reiner Willenskraft spielte.

Zu Beginn des Jahres war ich nicht erfolgreich. Es wurde erst nach den GRENKE Classics besser, wo ich als Sekundant von Peter Svidler vor Ort war. Direkt anschließend spielte ich bei der Russischen Mannschaftsmeisterschaft stark.

Welches Ergebnis wolltest du beim World Cup und beim Grand Swiss erzielen?

Bei solch schweren Turnieren, bei denen viel vom Glück und der Auslosung abhängt, kann man das Ergebnis schwer vorhersagen. Als ich beim Weltcup die Auslosung sah, wollte ich zumindest so weit wie Ding Liren kommen. Die restlichen Gegner erschienen machbar, und er war der große Turnierfavorit. Im Vorfeld hätte ich kein Problem damit gehabt, gegen Ding Liren auszuscheiden, aber die Art und Weise war dann doch ein wenig enttäuschend.

Alekseenko hatte beim World Cup bis zu den Schnellpartien gegen Ding Liren alles im Griff

In der zweiten Partie gegen Ding Liren hattest du klaren Vorteil…

…ja, ich stand fast auf Gewinn…

…und was fehlte zum Sieg?

Ich wollte den Vorteil im Endspiel stabilisieren und keine Risiken eingehen. Stattdessen hätte ich die Damen auf dem Brett lassen und auf Matt spielen müssen. 

Das Endspiel mit Läufer und Springer gegen Turm (plus Bauern) war bereits remis, und Ding verteidigte sich genau.

Im Stechen musstest du zwei Niederlagen einstecken, wobei die erste Schnellpartie ein regelrechtes Massaker war. Hattest du keine Energie mehr?

Vor den Partien sah es so aus, als hätte ich noch genug Energie. Es ist so ähnlich wie beim Langstreckenlauf, wenn man meint, man könnte noch einen Zielsprint hinlegen, aber eben nicht so einfach wie dort.


Kirill spielte 30.Tc4, und nach 30...Qd5 wurden die Damen getauscht. 30.Tc5! wäre deutlich stärker gewesen!

Ich ruhte mich aus, schlief gut in der folgenden Nacht, doch vor der ersten Partie kam mein Gehirn nicht in Schwung. Es war nicht einfach, mich vor der zweiten Partie zu erholen, doch auch er war nervös und müde, sodass ich noch gute Chancen hatte, ehe ich einzügig eine Figur eingestellt habe.


Kirill played 44.Kxf3, but 44.Rxc1! was winning a piece - e.g. 44...Bxd2 45.Rd1! and two black pieces are attacked

Warst du mit dem Verlauf des Weltcups zufrieden?

Auf jeden Fall, schließlich bin ich nicht in den Turnierpartien ausgeschieden.

Reden wir über das Grand Swiss.

Natürlich hatte ich nicht geplant, mich für das Kandidatenturnier zu qualifizieren (lächelt). Ich wollte einfach nur unter die Top Ten kommen und möglichst viele Partien gegen die besten Spieler bestreiten, da ich nicht so viele Turnier mitspiele, in denen ich auf sie treffe. Im Endeffekt traf ich in den letzten fünf Runden ausschließlich auf Spieler mit einer Elo von 2700+ (plus Grischuk in der 4.Runde), sodass ich aus diesem Blickwinkel mit dem Turnier zufrieden sein konnte.


Bei diesem Turnier waren außerdem Carlsen, der sich nicht qualifizieren musste, und Caruana dabei, der seinen Platz im Kandidatenturnier schon sicher hatte.

Beim Grand Swiss hast du gegen Magnus Carlsen und Vishy Anand jeweils ein Remis geholt. Hattest du vor diesen beiden Partien Angst? 

Angesichts der Turniersituation wollte ich nicht auf sie treffen. Ich spürte zwar, dass ich gut in Form war und um die ersten fünf Plätze konkurrieren konnte, doch wenn man auf Magnus trifft, ist es hart – er hatte seit rund hundert Partien nicht mehr verloren und ich musste ihn schlagen! Er ist nicht gerade der angenehmste Gegner.

Alekseenkos Traum ist nun ein Match gegen Magnus Carlsen, das vermutlich in diesem November in Dubai stattfinden würde | Foto: John Saunders, Turnierseite

Vor der Partie gegen ihn hatte ich keine Angst. Nach der Eröffnung stand ich besser, und es sah so aus, als ob ich auf Gewinn spielen könnte, doch Magnus hat sich sehr genau verteidigt. Am Ende musste ich mich sauber verteidigen – es gab ein schönes Selbstmatt, aber ich habe es nicht zugelassen (lächelt).


Kirill erklärte, dass er hier fast 35.Tcc6?? gespielt hätte, wonach Schwarz mit 35...Ta1+ 36.Kh2 h4! ein Mattnetz knüpft

Gegen Anand spielte ich die langweiligste Partie des Turniers: Ich holte nichts aus der Eröffnung raus und er glich mühelos aus.

Dies war das erste Turnier, in dem ich gegen Magnus und Vishy Turnierpartien ausgetragen habe.

Schätzt du das Ergebnis dieser Partien positiv ein?

Das würde ich so nicht sagen, da ich beide Male Weiß hatte.

Du wolltest mehr?

Natürlich. Mit Weiß will man immer gewinnen.

Als entscheidend erwies sich dein Sieg gegen Sergey Karjakin. Kannst du bitte die Emotionen während dieser Partie beschreiben.

Die Partie verlief von Anfang an auf wenig ausgetretenen Pfaden. Nach den ersten drei Zügen finden sich nur vier andere Partien in der Datenbank.

Karjakins Hoffnungen auf einen Freiplatz schwanden in dieser Partie | photo: John Saunders, Turnierseite

So wie ich seinen ersten Zug 1.Sf3 nicht erwartet hatte, hatte Sergey nicht mit meiner Reaktion gerechnet. Ab diesem Moment dachten wir viel nach und verbrauchten für die ersten sieben Züge schon mehr als 90 Minuten.

Nach 8 Zügen opferte Karjakin eine Figur. War das Opfer korrekt?

Ich habe es überprüft, und es war interessant, aber Schwarz sollte danach nicht schlechter stehen – eine interessante und scharfe Stellung mit guten Chancen für Schwarz, in Oberhand zu kommen.


Karjakin opferte mit 8.cxd5!? einen Springer.

Im Mittelspiel bot Sergey stillschweigend Remis durch Zugwiederholung an. Warst du mit einem Remis nicht zufrieden?

Zu diesem Zeitpunkt stand ich bereits auf Gewinn. Nach 10 Zügen verkehrte ich bereits in Zeitnot, und bei gegnerischen Schachs wollte ich dreifache Stellungswiederholung vermeiden, daher zog ich mit meinem König auf unterschiedliche Felder, um die Zeitkontrolle zu erreichen. Der Rest war eine Frage der Technik.

Welche Emotionen hattest du davon abgesehen während der Partie?

Ich war froh, dass es mir gelang, von Anfang bis Ende eine sehr solide Partie hinzulegen, was nicht so oft passiert, da man sonst oft etwas einstellt oder übersieht. Vielleicht war es die beste Partie…  

…des Turniers?

Des Turniers, des Jahres und vermutlich meiner Karriere.

In der letzten Runde hätte gegen Nikita Vitiugov aber alles noch anders kommen können. Wie es scheint, lagen bei euch beiden die Nerven blank, da der Sieger einen Platz im Kandidatenturnier (fast) sicher hatte. Hast Du dir vor und während der Partie gegen Nikita darüber Gedanken gemacht?

Leider war schon recht früh klar, dass wir beide keine Chance mehr hatten, da David Howell am Nachbarbrett gegen Wang Hao kein Remis machte, sondern schnell seine Partie verlor.

Das Remis gegen Nikita Vitiugov reichte schließlich für das Kandidatenturnier | Foto: John Saunders, Turnierseite

Vor der Partie wollte ich nicht All-In gehen. Nikita ist ein sehr starker Schachspieler, und es ist sehr schwer, so jemanden auf Bestellung zu besiegen.

In welcher Stimmung war Vitiugov aus deiner Sicht: Wollte er auch gewinnen oder war er mit den schwarzen Steinen vorsichtiger?

Wir befanden in uns in einer der letzten Runden der Russischen Meisterschaft in einer ganz ähnlichen Situation. Ich hatte Weiß, und wir mussten beide gewinnen. Nikita wählte eine aggressive Französisch-Variante, und es entwickelte sich eine sehr komplizierte Partie. Irgendwann übernahm ich die Initiative und stand auf Gewinn, konnte aber nicht die richtigen Züge finden.

Dieses Mal spielte er solider, und es entwickelte sich eine positionelle Partie. Meist war die Stellung ausgeglichen, doch kurz vor der Zeitkontrolle unterschätzte Nikita einen Verteidigungszug, ging zum Angriff über und verlor einen Bauern, wobei die Stellung für mich noch lange nicht gewonnen war.

Wang Hao gewann schnell seine Partie und sicherte sich damit den einzigen Qualifikationsplatz für das Kandidatenturnier. Du konntest ihn nur noch einholen, aber wegen der Wertung nicht mehr überholen.

Trotzdem wollte ich so gut wie möglich abschneiden. Ich hatte eine gute Stellung mit gewissen Gewinnchancen und versuchte es so lange wie möglich. Immerhin war es die letzte Runde, und ich wollte meine gesamte Energie in diese Partie legen.

Kirill Alekseenko holte einen halben Punkt weniger als Fabiano Caruana und Wang Hao, landete aber auf dem Podium | Foto: John Saunders, Turnierseite

Wann war dir klar, dass du Dritter bist?

Direkt nach der Partie. Währenddessen hatte ich keine Zeit, mir die Wertung anzuschauen. Ich wusste, dass Wang Hao sicher vor mir ist, doch ich wusste nicht, dass ein Remis zum dritten Platz reicht. Es gab einige ernste Konkurrenten: Levon Aronian, Hikaru Nakamura und David Anton.

Rk.SNo NameFEDRtgPts. TB1 
115GMWang HaoCHN27268.02735
22GMCaruana FabianoUSA28128.02720
338GMAlekseenko KirillRUS26747.52716
48GMAronian LevonARM27587.52708
539GMAnton Guijarro DavidESP26747.52702
61GMCarlsen MagnusNOR28767.52698
712GMNakamura HikaruUSA27457.52674
813GMVitiugov NikitaRUS27327.52663

Und du hast sofort erkannt, dass du eine Chance auf die Qualifikation für das Kandidatenturnier hast?

Theoretisch. Das war aber zu einem Zeitpunkt, als Alexander Grischuk und Ian Nepomniachtchi sich noch nicht durch den Grand Prix qualifiziert hatten. Damals waren noch drei Plätze im Kandidatenturnier frei.

Dein dritter Platz erwies sich als “Gold wert”. Was wäre gewesen, wenn sich Alexander Grischuk und Ian Nepomniachtchi nicht via Grand Prix qualifiziert hätten? Wäre ein Qualifikationsturnier organisiert worden oder wäre einer deiner Kollegen einfach nominiert worden?

Ja, es wurde bereits über ein Qualifikationsmatch gesprochen, und ich wäre darauf vorbereitet gewesen.

Als der Präsident des Russischen Schachverbandes Andrey Filatov öffentlich erklärte, dass du beim Kandidatenturnier dabei seist, schrieb Maxime Vachier-Lagraves Manager einen offenen Brief, in dem er ein Match MVL-Alekseenko forderte. Hättest du daran teilgenommen?

Kurz nach der Intervention von MVLs Manager wurde Kirill Alekseenko vom Russischen Verband nominiert 

Ich hätte vermutlich keine andere Wahl gehabt, aber die Regeln standen im Vorfeld fest. Außerdem bin ich der Meinung, dass der Freiplatz für das Kandidatenturnier abgeschafft werden sollte und sich alle Teilnehmer sportlich qualifizieren sollten.

Menschlich tut es mir sehr leid für Maxime, der auch beim letzten Zyklus Neunter wurde…

Wie würdest du dich an MVLs Stelle fühlen?

Das ist sehr hart… Wenn man es nicht ins Kandidatenturnier schafft, lässt sich das schon aushalten, aber unter diesen Umständen ist es sehr schmerzhaft.

Maxime war einer der besten Spieler der letzten Jahre und hätte die Teilnahme am Kandidatenturnier aufgrund seiner Leistungen verdient gehabt, doch die FIDE hat die Regeln beschlossen, an die man sich nun auch halten muss.

Andrey Filatov hat dich als “Joker” des Kandidatenturniers bezeichnet. Wie siehst du dich selbst?

Ich mag die Rolle der „unbekannten Größe”. Niemand erwartet ein starkes Ergebnis von mir, und ich habe keinen zusätzlichen Druck.

Die anderen Teilnehmer kennen dich nicht gut, da du gegen die meisten noch keine Turnierpartie bestritten hast. Für wen ist die Vorbereitung einfacher: für dich oder für sie?

Unterm Strich sollte es einfacher für mich sein. Es gibt über diese Spieler viele Informationen, und sie spielen seit vielen Jahren dieselben Eröffnungen. Ich habe nur halb so viele Partien gespielt, bin selten gegen starke Spieler angetreten und habe kein voll entwickeltes Eröffnungsrepertoire – damit lässt sich arbeiten.

Alekseenko hat noch nie gegen Caruana, Nepomniachtchi, Radjabov und Wang Hao Turnierschach gespielt, während es gegen Ding Liren 1:1, gegen Giri 0:1 (eine Partie aus dem Jahr 2008!) und gegen Grischuk 1,5:0,5 steht | Bildquelle: FIDE

Du konzentrierst dich darauf, das Kandidatenturnier zu gewinnen. Ist das gesundes Selbstvertrauen oder der Versuch, im Stile eines Boxers psychologischen Druck auf die Gegner auszuüben?

Natürlich ist das mein Ziel, schließlich bekommt man nicht jeden Tag die Chance, an so einem Turnier teilzunehmen. Ian Nepomniachtchi hat sich zum Beispiel zum ersten Mal qualifiziert, und Maxime war noch nie dabei. Für einen jungen Spieler ist das eine tolle Chance. Ich bin sicher, dass alle acht Spieler um den ersten Platz kämpfen werden, da in diesem Turnier nur der erste Platz zählt.

Welcher Stil ist dir am unangenehmsten? Und umgekehrt, wogegen spielst du am liebsten?

Das ist schwer zu beurteilen, wenn man noch nie gegen jemanden gespielt hat, aber von denen, die ich kenne, würde ich Alexander Grischuk nennen. Ich habe zwei Partien gegen ihn gespielt und jedes Mal gespürt, was für ein tiefes Schachverständnis er hat. Er spielt langsam, aber mit tiefgründigen Ideen, und es ist sehr schwer, gegen ihn zu bestehen.

Es gibt keine angenehmen Gegner. Es ist gegen keinen leicht (lacht).

Dein Cheftrainer ist Andrey Lukin. Wer hilft dir noch?

Ich habe ein Team hinter mir, aber ich werde vor dem Kandidatenturnier keine Namen nennen.

Wirst du vor dem Kandidatenturnier noch ein Turnier spielen?

In ein paar Tagen beginnt das Gibraltar Open. Mein Hauptziel ist, mich ein wenig warm zu spielen und ein wenig Schach zu spielen. Das letzte Mal habe ich im November Turnierschach gespielt, und vier Monate ohne Turnierschach wären ziemlich hart gewesen. Die Erschöpfung von Ende letzten Jahres ist weg, und ich bin bereit zu spielen.

Wirst du deine normalen Eröffnungen spielen oder versuchst du deine Gegner zu verwirren?

Schwer zu sagen. Ich könnte ja behaupten, dass ich darüber noch nicht nachgedacht habe. Wir werden sehen (lächelt).

(Kirill lieferte nach dem Turnier ein Update: In Gibraltar wollte ich natürlich besser spielen, aber auf der anderen Seite bin ich ganz zufrieden, dass ich mit so mittelmäßigem Schach keine Partie verloren habe.

Mit MVL habe ich eine normale Beziehung. Er beschwert sich mehr über das Qualifikationssystem als ich.)

Kannst du deinen Stil beschreiben?

(nach einer langen Pause) Das können andere vermutlich besser. Aus meiner Sicht will ich so tiefgründig und bedacht spielen wie möglich und immer einen Weg finden, um zu kämpfen. Gibt es die Alternative Vereinfachungen oder Komplikationen, entscheide ich mich immer für Letzteres. 

Wie viele Spitzenleute spielst Du Italienisch. Warum ist diese Eröffnung so populär?

Der Hauptgrund liegt darin, dass die Stellungen noch nicht völlig ausanalysiert sind und es großen Spielraum für neue Ideen gibt. Vergleicht man die Eröffnung mit Schottisch oder Spanisch, bekommt man Stellungen mit mehr Figuren auf dem Brett. Dadurch kann man den Gegner vor größere Probleme stellen.

Als Amateur war ich von deinem Sieg gegen Evgeny Levin bei der Russischen Mannschaftsmeisterschaft 2019 beeindruckt. Mit ihr hast du den bekannten Aphorismus “Turmendspiele sind immer remis“ widerlegt. Hat sich dein Gegner schlecht verteidigt oder warst du im „Magnus-Modus“?

Die Partie lief gut für mich. Ich behandelte die Eröffnung korrekt und bekam eine ruhige Stellung, in der Schwarz nicht schlechter steht und sogar geringe Chancen hat, die Initiative zu übernehmen. Dann beging Evgeny einige Ungenauigkeiten und wir erreichten dieses Turmendspiel.

Natürlich war die Stellung zunächst remis, aber beginnend mit 28…Td4 konnte ich schrittweise den e-Bauern erobern.


In Zeitnot war es für Weiß sehr schwierig, diese Stellung zu verteidigen, da er bei jedem Zug mehrere Möglichkeiten hat und man nicht sagen kann, was in 10 Zügen passiert. Und mit zwei Minuten auf der Uhr ist es sehr schwer zu sagen, was der richtige Zug ist. Selbst unter normalen Umständen wäre die Stellung unangenehm gewesen.

An dieser Stelle wollte ich dich nach deiner besten Partie fragen, aber diese Frage hast du bereits beantwortet…

Ich könnte auch die erste Partie gegen Harikrishna beim World Cup nennen. Alles hat geklappt: die Eröffnung, das Mittelspiel und die Verwertung. Es kommt nicht oft vor, dass alles zusammenkommt.

Welcher Schachspieler hat dich in der Schachgeschichte am meisten beeindruckt?

In der Schachgeschichte… (lange Pause) Vermutlich Kasparov. Wenn man ihn schon als Bestandteil der Schachgeschichte sieht (lacht).

Naja, er hat aufgehört, als du angefangen hast, damit kann man schon sagen, dass er Geschichte ist… Und welcher aktive Spieler hat dich am meisten beeinflusst?

(sofort) Grischuk. Ich bewundere seinen Stil. Ich kann nicht sagen, dass ich ihm nacheifere, da ich meinen eigenen Stil etablieren will, aber er hat Qualitäten, die ich auch gern hätte.

Bei der Schnellschach- und Blitz-WM Ende 2019 hast du in beiden Disziplinen bescheidene +2 geholt. Liegen dir Blitz und Schnellschach nicht?

Kirill stand bei der Blitz- und Schnellschach-WM natürlich unter besonderer Beobachtung, fiel dann aber nicht weiter auf | Foto: Eteri Kublashvili, Turnierseite

Ja, ich bevorzuge Turnierschach, aber ich muss noch einmal darauf hinweisen, dass ich Ende 2019 wirklich müde war und das Jahr einfach nur zu Ende bringen wollte. Ich wollte ein solches Turnier nicht auslassen, merkte aber schon zu Beginn, dass ich kein gutes Ergebnis erzielen konnte. Ich versuchte einfach nur, interessantes Schach zu zeigen und Spaß zu haben.

Du hast dreimal in Folge das Chigorin Memorial gewonnen (!), und es kursiert schon der Scherz, dass du dort nur hinfährst, um dein Gehalt abzuholen. Magst Du Open-Turniere?

Ja, ich habe einige große Open gewonnen – zum Beispiel den Rilton Cup.

Open-Turniere gefallen mir gut, da man sich in den ersten Runden gegen schwächere Spieler warm spielen und so langsam ins Turnier kommen kann. Vor allem, wenn man nach dem Training oder einem anderen Turnier müde ankommt, kann man sich in den ersten Runden etwas erholen.

Wie viel Zeit investiert du pro Tag (oder pro Woche) für Schach? Wie sieht dein Tagesablauf aus?

Sehr schwierige Frage (lächelt). Ich habe keinen festen Plan, aber im Schnitt trainiere ich im Moment zwischen fünf und sechs Stunden pro Tag, wobei das von den laufenden Turnieren abhängt. Im letzten halben Jahr bin ich viel zu Turnieren gereist und hatte schlicht keine Zeit zu trainieren – in den Pausen habe ich mich erholt. Aktuell steigt die Zahl der Trainingsstunden an, was natürlich mit der Vorbereitung für das Kandidatenturnier zu tun hat.

Ich arbeite vor allem allein. In letzter Zeit kam es nicht mehr so oft vor, aber früher bin ich öfter zu Andrey Mikhailovich Lukin gegangen: Wir haben Studien gelöst und Eröffnungen angeschaut.  

Du bist in Vyborg geboren und hast dort auch deine ersten Schritte als Schachspieler gemacht. Mit acht Jahren bist du dann nach St. Petersburg gezogen. Hat dieser Umzug etwas mit deinem Erfolg beim Schach zu tun?

Nein, und das aus verschiedenen Gründen. Meine Schwester ging auf ein Gymnasium in St. Petersburg, meine Mutter fand dort Arbeit und ich zog dann schrittweise auch dorthin.

Kirill wurde kurz hinter der finnischen Grenze geboren | Quelle: Google Maps

Erzähl uns ein wenig über deine Familie.

Aktuell lebe ich bei meiner Mutter, die Russischlehrerin ist. Meine Schwester lebt in St. Petersburg und arbeitet bei der Stadtverwaltung.

In St. Petersburg hast du das Oberstufengymnasium besucht. Warum?

Man hat mir zugesagt, dass ich bei meinen Reisen unterstützt würde, und schon damals war klar, dass ich viele Juniorenturniere bestreiten und viel unterwegs sein würde. Die Verantwortlichen haben Wort gehalten: In neun Jahren hatte ich kein einziges Mal Probleme.

Aktuell studierst du an der Polytechnischen Universität. Was ist der Grund? Akzeptieren deine Professoren, warum du oft fehlst?

Die Gründe sind die gleichen. Hauptsächlich ging es darum, das Studium mit den Reisen zu Turnieren zu verbinden. Ich kann nicht behaupten, dass ich ein toller Student wäre. Ich bin seit vier Jahren eingeschrieben, nehme nun aber eine Auszeit.

Du liebst Fußball und bist Fan von Zenit und Liverpool. Zenit kann man leicht nachvollziehen, aber was gefällt dir an Liverpool?

Ich wurde vor zehn Jahren Fan. Das erste Spiel, das ich gesehen habe, war ein Champions League-Viertelfinale gegen Chelsea. Daheim hatte Liverpool 1:3 verloren, und ich verfolgte das Rückspiel. Liverpool führte 4:3, hatte die Chance auf ein weiteres Tor, doch dann fingen sie eins und das Spiel endete 4:4. Zum ersten Mal erlebte ich diese Emotionen. Mir gefielen der Verein mit seiner Geschichte und die Anhänger. Ich bewunderte außerdem den damaligen Kapitän Steven Gerrard, der mein Lieblingsspieler wurde.

Neuer Trainer von Barcelona ist Quique Setién, der auch ein großer Schachfan ist. Er hat an Simultanveranstaltungen mit Karpov, Kasparov, Kramnik und Karjakin teilgenommen, und mit Kasparov sogar Fußball gespielt. Verfolgst du seinen Werdegang?

Er ist ein sehr interessanter Trainer. Letztens habe ich festgestellt, dass er früher Assistent des Trainers der russischen Strandfußball-Nationalmannschaft war. Nun ist er einer der interessantesten Trainer in der spanischen Liga. Wenn ich es richtig weiß, war er der Trainer der Mannschaft, die zuletzt in Barcelona gewonnen hat. Interessant ist auch, was er aus Betis Sevilla gemacht hat, die nun nach langer Zeit wieder im Europapokal spielen … Das ist schön zu sehen.

Er ist zudem ein guter Schachspieler: Er hat Elo 2055 und ist ein guter Meisterkandidat.

Hilft dir beim Fußball, dass du Schachspieler bist? Wie oft hörst du den Satz, “Fußball ist nicht Schach, denn dabei muss man denken”? :)

Oft. Ich denke schon, dass es etwas bringt. Natürlich hängt es ein wenig von der Position auf dem Spielfeld ab. Ich spiele gern im defensiven Mittelfeld oder etwas weiter vorn, da ich gern lange Pässe spiele und die Größe des Spielfelds ausnutze. Ich spekuliere gern, was die Gegner machen, und versuche, Bälle zu erobern.

Der Weltmeister ist ein großer Fußballfan. Hast du schon mit ihm gespielt?

Ja, bei der Schnellschach- und Blitz-WM gab es ein russisches Team, das von Pavel Tregubov angeführt wurde. Zum Team gehörten Alexander Motylev, Daniil Yuffa, Evgeny Tomashevsky und Ilia Iljiushenok.

Vier Mannschaften nahmen teil: eine Weltauswahl, eine FIDE-Mannschaft, eine Moskauer Mannschaft und wir. Wir spielten mit KO-System und in der ersten Runde mussten wir gegen Magnus‘ Truppe antreten. Nach der regulären Spielzeit stand es 1:1, aber wir gewannen im Elfmeterschießen: ich traf, und Magnus verschoss.

Im Finale lief es ähnlich: 0:0 nach regulärer Spielzeit und Sieg im Elferschießen.

Wir können also schreiben: du hast Magnus besiegt… Wie ist er auf dem Fußballplatz?

Ähnlich wie am Schachbrett: Er geht immer vorweg, hat eine gute Kondition, wird fast nie müde und will immer ein Tor schießen. Oft zieht er den Alleingang dem Mannschaftsspiel vor, und er will auch auf dem Fußballplatz immer gewinnen.

Carlsens Serie ohne Niederlage beträgt nun 112 Partien (zum Zeitpunkt des Interviews – mittlerweile sind es 119). Was war deine längste Serie?

Ich habe nicht mitgezählt. Vermutlich 45-50 Partien, ich bin aber nicht sicher.

Magnus belegte auch eine Zeit lang den ersten Platz in der Fantasy Premier League. Spielst du bei so etwas auch mit?

Ja, zum Spaß.

Besteht deine Mannschaft vor allem aus Spielern aus Liverpool?

Soweit ich weiß, darf man nur zwei Spieler pro Mannschaft in seinem Team haben, aber natürlich würde ich am liebsten die ganze Mannschaft nehmen.

Was machst du außer Fußball, um dich vom Schach zu erholen?

Ich lese gern Bücher und schaue Filme und Serien.

Was hast du zuletzt gelesen?

John Hennessy, Leading Matters. Ein Buch des Präsidenten der Stanford Universität über die Grundlagen der Menschenführung.

Und dein Lieblingsfilm?

Vermutlich Gladiator.

Ich habe mit der Suchmaschine viele Fotos von dir herausgesucht und habe kaum eines gefunden, auf dem du lächelst. Eigentlich nur eins mit deinem ersten Trainer Sergey Balyakin, wo du sogar mehr mit deinen Augen als mit deinem Mund lächelst. Bist du wirklich immer ein so ernster Mensch?

Kirill besuchte seinen ersten Trainer Sergey Balyakin in Vyborg | Foto: Gazeta Vyborg

Da solche Fotos vor allem bei Turnieren aufgenommen werden, spielt die Energie, die man in seine Partien investiert, eine große Rolle und man sieht dann eben so aus.

Aber auch nach dem Grand Swiss, wo du als Dritter einen großen Erfolg gefeiert hast, lächeln die anderen beiden wenigstens ein bisschen, während du ernst dreinschaust.

Du hast noch nicht die Fotos gesehen, wenn ich Erster wurde (lacht), wie beim Rilton Cup.

Wirst du nach deinen jüngsten Erfolgen von einem Sponsor oder dem Verband unterstützt?

Darüber wird gerade verhandelt.

Hättest du gern einen persönlichen Sponsor?

Natürlich (lächelt).


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