Berichte 01.03.2018 | 10:38von Colin McGourty

Aeroflot Open: Überraschungssieg für Vladislav Kovalev

Die Nummer 16 der Setzliste Vladislav Kovalev ist der Sieger des Aeroflot Open 2018 und hat sich damit für das Sparkassen-Meeting in Dortmund qualifiziert. Dagegen mussten sich Favoriten wie Fedoseev, Vidit, Andreikin, Mamedov und Matlakov mit hinteren Plätzen bei dem Turnier abfinden, das von vielen als stärkstes Open der Welt angesehen wird. Der 24-jährige Weißrusse konnte sich in der Schlussrunde mit einem Remis in besserer Stellung und einem Gesamtergebnis von 7 aus 9 begnügen, nachdem er zuvor alle fünf Weißpartien gewonnen hatte. Auf den Podiumsplätzen landeten Sethuraman und Dmitry Gordievsky mit 6,5 aus 9, dahinter kamen sieben Spieler auf 6 aus 9.

Vladislav Kovalev feierte einen überzeugenden Sieg beim Aeroflot Open| Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Im Juli wird Vladislav Kovalev beim Sparkassen-Meeting in Dortmund seine Feuertaufe bei einem Supergroßmeisterturnier erhalten, und vermutlich wird er dann unter anderem auf Vladimir Kramnik treffen. Obwohl Kovalev 2016 weißrussischer Meister wurde und aktuell die Nummer 1 seines Landes ist, muss man seinen Sieg beim Aeroflot Open als den bisher größten Erfolg seiner Karriere bezeichnen. Allerdings schnitt Kovalev schon bei der Generalprobe im Vorjahr glänzend ab, als er Movsesian, Sjugirov und Khismatullin schlug, eine Elo-Leistung von 2791 erzielte und nur einen halben Punkt hinter dem Sieger Vladimir Fedoseev landete.

Und welche Elo-Leistung erzielte Kovalev dieses Jahr? Unglaublicherweise ebenfalls 2791, nachdem er ein perfektes Großmeisterergebnis mit fünf Weißsiegen und vier Schwarzremisen erreicht hatte!


Alle Partien des Aeroflot Open 2018 könnt ihr mit einem Klick auf das Ergebnis bzw. die Runde hier nachspielen:

Der Wendepunkt des Turniers war vermutlich die 6.Runde, vor der der 19-jährige Vladislav Artemiev mit 4,5 aus 5 das Feld anführte. Im Aufeinandertreffen mit Kovalev wurde die russische Nachwuchshoffnung in einem 3.Lb5-Sizilianer komplett überspielt und konnte sich von diesem Schlag nicht mehr richtig erholen. Artemiev beendete das Turnier mit drei Remis und überschritt damit erstmals offiziell die Schallmauer von 2700 Elo, doch muss er noch ein wenig auf seine erste Teilnahme an einem Supergroßmeisterturnier warten.

Anton Korobov und Vladislav Artemiev analysieren ihre Partie aus der 8.Runde, in der der Ukrainer eine gute Chance verpasste | Foto: Boris Dolmatovsky

Kovalev derweil zerstörte in der Vorschlussrunde einen weiteren Traum. Der 17-jährige Iraner Tabatabaei hatte zuvor vier Siege in Folge erzielt und dabei auch Vladimir Fedoseev sowie mit einem brillanten Königsmarsch den Inder Krishnan Sasikiran geschlagen. In Runde 8 jedoch erwischte ihn Kovalev in einem 3.Ld3-Franzosen, über den die spanischen GMs Angel Arribas und Pepe Cuenca gerade ein eBook für chess24 herausgebracht haben, auf dem falschen Fuß. 7…Sd5?! kostete Tabatabaei mehr als 6 Minuten und war sicher nicht der beste Zug: 


Tabatabaei ist allerdings nicht der einzige, dem dieser Fehler unterlief. Fabiano Caruana spielte so gegen Vladimir Kramnik beim Blitzturnier des Altibox Norway Chess und gewann nur, weil Kramnik die Partie später einstellte (Tabatabaei wich von dieser Partie erst mit 12…f6 statt 12…Ld7 ab). Das bekannteste Beispiel ist aber die letzte Partie der Europäischen Schnellschachmeisterschach 2017, in der Jan-Krzysztof Duda für den Titelgewinn nur ein Remis gegen Maksim Vavulin brauchte, aber ebenfalls 7…Sd5?! spielte und mit fliegenden Fahnen unterging.

Kovalevs Sieg gegen Tabatabaei war der entscheidende Schritt Richtung Turniersieg | Foto: Boris Dolmatovsky

Kovalev meinte zu Eteri Kublashvili vom Russischen Schachverband:

In der 8.Runde konnte ich einen vorentscheidenden Sieg gegen einen jungen Iraner feiern. Ich hatte ein wenig Glück, dass er in der Eröffnung in eine Falle tappte, die ich mir vor einigen Jahren angesehen hatte. Allerdings konnte ich mich nicht mehr an alle Varianten erinnern, die bei bestem Spiel zum Sieg führen, und musste eine bessere technische Stellung verwerten.

Tabatabaei leistete harten Widerstand, aber ein Bauer ist ein Bauer, und am Ende ging Kovalev mit einem vollen Punkt Vorsprung in die Schlussrunde.

Neun Spieler mit 5,5 aus 8 hätten Kovalev bei einer Niederlage noch einholen können, wobei Sethuraman und Dmitry Gordievsky den Vorteil besaßen, dass sie aufgrund der größeren Anzahl von Schwarzpartien die bessere Wertung gehabt hätten. Tatsächlich gewannen beide ihre Partie – Bologan 0-1 Sethuraman und Tabatabaei 0-1 Gordievsky – und hätten Kovalev bei einer Niederlage überholt, aber der ließ sich die Butter nicht mehr vom Brot nehmen! Gegen Gabriel Sargissian stand Kovalev schon nach 17 Zügen mit Schwarz besser, aber natürlich hatte er nichts dagegen, sich mit einem Remis zufrieden zu geben, das ihm €18.000 Preisgeld und den Titel sicherte. Sethuraman wurde Zweiter, Gordievsky Dritter.

Dmitry Gordievsky wurde mit vier Siegen und ohne Niederlage Dritter | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Gescheiterte Favoriten

Das Aeroflot Open ist ein hartes Turnier, aber kaum jemand hätte wohl prognostiziert, dass keiner der fünf 2700er, die an den Start gingen, um den Turniersieg mitspielen würde. Sie landeten auf Platz 46 (Fedoseev, 2724, Nummer 1 der Setzliste), 35 (Vidit, 2723, Nummer 2), 22 (Andreikin, 2712, Nummer 3), 16 (Matlakov, 2709, Nummer 5) und 10 (Mamedov, 2709, Nummer 4).

Gata Kamsky erholte sich von seinem schlechten Start, aber Maxim Matlakov kam nie richtig auf Touren | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Maxim Matlakov (2709) gewann gegen Maksim Chigaev in Runde 1 eine schöne Partie und bekam in Runde 3 den ganzen Punkt gut geschrieben, weil Gupta krank war, doch seine restlichen Partien endeten remis. Dmitry Andreikin schlug ebenfalls Chigaev und spielte achtmal remis. Die Nummer 2 des Turniers, Vidit (2723), spielte in den ersten sieben Runden remis und hätte twittern können, dass er von seiner Arbeit als Sekundant von Anish Giri profitiert habe. Nach seinem Sieg in Runde 8 kam Giri ihm zuvor!

"Willensstärke, Stabilität und Durchhaltevermögen! Qualitäten, die Vidit erst noch entwickeln muss, obwohl es in Moskau so gut begann!"

Vidit kehrte in Runde 9 auf den Pfad der Tugend zurück und spielte wieder remis ...

Der Titelverteidiger und die Nummer 1 des Turniers, Vladimir Fedoseev, war sichtlich enttäuscht, dass er in Runde 1 ein Endspiel mit Mehrbauer nicht gewinnen konnte, doch dann schien er mit Siegen in Runde 3 und 4 auf dem Weg nach oben. Anschließend trennte er sich nach 9 Zügen remis von seinem Trainer Alexander Khalifman und wollte diesen inoffiziellen Ruhetag offenbar dafür nutzen, um seine nächsten Gegner in Grund und Boden zu spielen. Das allerdings ging voll in die Hose.

In Runde 6 stand er mit Weiß gegen Tabatabaei nach 12 Zügen schon fast auf Verlust, bekam eine zweite Chance und verzichtete dann in dieser Stellung auf die Zugwiederholung:


Nach 24.Kd3 wäre Fedoseevs Turnier vermutlich anders verlaufen, doch er spielte 24.Kb3!?, und nach 24…Dxd4 25.c3 Dd3 26.Df1? (erst 26.g6+! war der einzige Zug) rannte er in 26…Sc5+ 27.Ka3


27…Txh5! 28.Tg1 Dc2 29.b4 a5! und es gab keine Rettung mehr für den weißen König.

Fedoseev gibt auf! | Foto: Boris Dolmatovsky

Nur mit einem Schwarzsieg in der folgenden Runde konnte Fedoseev noch um den Turniersieg konkurrieren, und in dieser Situation entschied er sich für die bizarre Eröffnung 1.c4 Sc6 2.Sc3 e6 3.g3 g5!?!?


Diese Neuerung im 3.Zug sollte man vermutlich nicht nachahmen, und zunächst sah es auch so aus, als käme Evgeny Romanov in deutlichen Vorteil. Fedoseev fühlt sich in wilden Stellungen jedoch pudelwohl und kam mit einem überraschenden Schlag sogar in Vorteil:


26…Td2+!! ist nicht nur ein schöner, sondern auch der einzige Zug, doch Schwarz verlor anschließend den Faden und verlor die zweite Partie in Folge.

Danach stellte Fedoseev seine Ambitionen komplett ein und begnügte sich in Runde 8 und 9 mit Kurzremis gegen Chigaev (11 Züge) und Kirill Shevchenko (9 Züge). Dagegen erzielte sein Trainer Alexander Khalifman einen Punkt mehr und landete 32 Plätze vor Fedoseev, was ihm zudem 14 Elo-Punkte einbrachte. Khalifman gewann seine ersten beiden Partien und trudelte dann mit sieben Remis in 31, 12, 9, 23, 17, 19 und 13 Zügen aus.

Ex-Weltmeister Alexander Khalifman holte aus der minimalen Anzahl von Zügen den maximalen Ertrag heraus | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Von den 2700ern gelang es nur Rauf Mamedov (2709) in die Nähe seiner Elo zu kommen – trotz einer Erstrundenniederlage landete er mit einer Elo-Leistung von 2676 auf Rang 10.

Rauf Mamedov bleibt weiter über 2700 | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Der Nachwuchs ist auf dem Vormarsch, braucht aber noch Zeit

Vor Turnierbeginn wurde viel über das Abschneiden der Wunderkinder spekuliert, von denen gleich mehrere am Start waren. Unterm Strich kam trotz eines Erstrundensieges des 15-jährigen Kirill Shevchenko gegen Gata Kamsky wenig für den Nachwuchs heraus, wie es in einem solchen Feld vielleicht auch nicht anders zu erwarten war. Die Chancen des 12-jährigen Praggnanandhaa, Sergey Karjakins Rekord als jüngster Großmeister aller Zeiten zu brechen, werden immer geringer, da acht Remis und eine Niederlage nicht zur zweiten GM-Norm reichten. Auch der 13-jährige Nihal Sarin blieb sieglos und musste in den letzten drei Runden zwei Niederlagen einstecken. Erwähnt werden muss allerdings, dass beide Youngster ihre Elo verbesserten. 

Praggnanandhaa - Nihal ist ein Duell, das wir in Zukunft vermutlich noch öfter sehen werden! | Foto: Boris Dolmatovsky

Einige andere Wunderkinder haben ihren Titel bereits sicher und warten nur noch auf die offizielle Bestätigung durch die FIDE. Das gilt sowohl für den 13-jährigen Nodirbek Abdusattorov (aktuell der jüngste GM der Welt) und den 14-jährigen Alireza Firouzja…

…die zur Sicherheit gleich noch eine Norm nachlegten. Lange Zeit der Star des Turniers war dieser junge Mann:

"Glückwunsch an den 17-jährigen Amin Tabatabaei, der seine dritte GM-Norm erzielte und die Elo-Schwelle von 2600 überschritten hat." 

Das gilt auch für Andrey Esipenko, der mit 15 Jahren bereits auf dem Weg zum Spitzengroßmeister ist. Sein überzeugender Sieg gegen Sergey Karjakin in Riad wird uns noch lange im Gedächtnis bleiben, und beim Aeroflot Open musste er sich zum Auftakt mit Andreikin, Fedoseev, Kamsky und Inarkiev auseinandersetzen. Alle Partien endeten remis, doch gegen Fedoseev stand er besser und gegen Andreikin hätte er fast gewonnen:


Der Computer zeigt nach 52.e6! ganze +6 für Weiß an, aber 52.Tc3 Kg8 53.e6 verlor ein entscheidendes Tempo und Andreikin konnte mit seiner ganzen Klasse das Remis retten. Letztlich konnte Esipenko nur eine Partie gewinnen, und zwar gegen den Norweger Johan Salomon, der regelmäßig auf Twitter Taktikaufgaben veröffentlicht. Manche Kombinationen sind zu schön, um sie zu überzugehen, selbst wenn man das Opfer war: 

Salomon bestätigte seine Elo, musste aber einen zweiten Schlag in einem taktischen Gemetzel hinnehmen. Dmitry Gordievsky wäre vermutlich nicht Dritter geworden, wenn er diese Stellung in Runde 3 verloren hätte: 

"Beim Schach ist alles möglich, habe diese Stellung in vier Zügen verloren." 

Mit seinem letzten Zug vor Zeitkontrolle stellte er die Partie komplett auf den Kopf: 40.Tc1?


Was ist das Problem bei diesem Feld? 40…Lxf3! (oder 40…Sxf3!) und nach 41.Lxf3 Sxf3 42.Dxf3 folgt 42…Dd2! mit Doppelangriff auf die Türme c1 und h6. 

Esipenko (15 Jahre) und Goryachkina (19 Jahre) sind die großen Zukunftshoffnungen des russischen Schachs - in Runde 8 des Aeroflot Open trennten sie sich remis | Foto: Boris Dolmatovsky

Es gäbe noch mehr Geschichten – etwa Aleksandra Goryachkinas 7 Remis und je 1 Sieg bzw. Niederlage, die offenbar für eine GM-Norm reichten -, aber dafür reicht der Platz nicht aus. Hier das Endergebnis, die beiden deutschen Teilnehmer Rasmus Svane und Matthias Blübaum landeten auf den Plätzen 47 bzw. 63:

Rk.SNoNameFEDRtgPts. TB1  TB2 RpKrtg+/-
116GMKovalev Vladislav26417,04258027911016,8
215GMSethuraman S.P.26466,55257327341010,6
319GMGordievsky Dmitry26306,55255827251011,4
454GMXu Xiangyu25456,04265427801028,5
540GMPetrosian Tigran L.25896,04264527571020,4
66GMArtemiev Vladislav26976,0426062732103,9
724GMLysyj Igor26186,04259427191012,1
810GMSargissian Gabriel26776,0425732699102,5
12GMKorobov Anton26646,0425732702104,5
104GMMamedov Rauf27096,042555267610-3,7
1132GMParavyan David26035,5525722655106,6
129GMKamsky Gata26775,552568264510-3,6
1329GMAlekseenko Kirill26095,5525572646104,7
1427GMKhalifman Alexander26145,54265827271014,1
1533GMBologan Victor26005,54263527071013,2
165GMMatlakov Maxim27095,542599263910-7,4
1746IMTabatabaei M.Amin25775,5425782653109,7
1818GMMareco Sandro26325,542524260610-2,8
1920GMZvjaginsev Vadim26295,542520259110-4,1
2026GMJumabayev Rinat26145,542499259010-2,3

Das war aber noch nicht alles vom Aeroflot Open, denn am Donnerstag findet ein Blitzturnier mit Nakamura, Karjakin, Gelfand und Mamedyarov statt (mit russischem Live-Kommentar, aber die Züge werden nicht übertragen), ehe am Freitag das Tal Memorial mit Kramnik, Grischuk, Svidler, Karjakin, Nepomniachtchi, Mamedyarov, Nakamura, Anand, Gelfand und Dubov beginnt. Von diesem viertägigen Turnier übertragen wir mit englischem und russischem Live-Kommentar alle Züge!

Weitere Links:


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 0

Guest
Guest 5842713515
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Ich bin älter als 16 Jahre.

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.