Berichte 28.02.2019 | 16:02von Colin McGourty

Aeroflot Open: Sensationssieg für Kaido Külaots

Vladimir Kramnik hat kürzlich mit 43 Jahren seinen Rücktritt vom Profischach erklärt, doch kann man in diesem Alter durchaus noch große Siege erringen. Der Este Kaido Külaots jedenfalls wird am heutigen Mittwoch genauso alt und kann neben seinem Geburtstag den Sieg beim Aeroflot Open feiern, mit dem er sich für das Sparkassen-Meeting in Dortmund qualifiziert hat. Niemand hätte vor dem Turnier auf den Sieg der Nummer 62 der Setzliste gesetzt, doch dieser war absolut verdient, da der achtfache estnische Meister mit Schwarz Maghsoodloo, Firouzja, Dubov und Wei Yi besiegte. Der 18-jährige Haik Martirosyan wurde wegen der schlechteren Wertung Zweiter, Krishnan Sasikiran landete auf Platz 3.

Kaido Külaots mit dem Siegerpokal des Aeroflot Open  | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Das Aeroflot Open gilt als eines der härtesten Turniere überhaupt, und die 17. Austragung bildete keine Ausnahme. Am Start waren sechs Spieler mit 2700 Elo, 33 mit 2600 Elo und eine ganze Horde extrem talentierter Youngster. Kaido Külaots’ aktuelle Elo-Zahl von 2542 liegt sogar leicht unter der Marke 2550, die die Spieler für eine Teilnahme eigentlich vorweisen müssen, was seinen Sieg noch sensationeller erscheinen lässt. Selbst Magnus Carlsen wurde auf den baltischen Außenseiter aufmerksam und erinnerte sich an seine erste Begegnung mit ihm:

"Glückwunsch an Kaido Külaots für seinen absolut sensationellen Außenseitersieg beim Aeroflot Open! Vor neunzehn Jahren wohnten mein Vater und ich in Gausdal in derselben Wohnung wie er. Dabei spornte er einen Neunjährigen ohne Elozahl an, indem er ihm eine Elo von 2650 prophezeite." 

Alle Partien des Aeroflot Open 2019 könnt ihr hier nachspielen:

Der Start des Turniers verlief äußerst holprig, da das Cosmos Hotel während der ersten Runde wegen Bombendrohungen geräumt werden musste. Die Spieler mussten den Spielsaal verlassen und die Runde konnte nicht zu Ende gespielt werden. Es wurde entscheiden, die 1.Runde mit denselben Paarungen am nächsten Tag komplett neu anzusetzen und die Bedenkzeit leicht zu reduzieren (auf normale FIDE-Bedenkzeit), damit die 4. und 5. Runde am selben Tag stattfinden konnten. 

Wegen einer Bombendrohung mussten die Spieler das Cosmos Hotel verlassen | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband 

Die Spieler hielten sich auf unterschiedliche Weise warm. | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Schnellschachweltmeister Daniil Dubov war einer derjenigen, die eine Eröffnungsidee "verbrannten" | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband 

Womöglich war dies das große Glück für Kaido Külaots, denn im Interview mit Eteri Kublashivili nach der Partie räumte er ein, dass er gegen Junioren-Weltmeister Parham Maghsoodloo gewisse Probleme hatte:

Der Abbruch kam zur rechten Zeit, da meine Stellung nicht viel taugte.

In der Wiederholungspartie blieb Külaots seinem Najdorf-Sizilianer treu, und Maghsoodloo wich als Erster ab. Dabei ermöglichte er dem Esten einen schönen Durchbruch:


21…e4!? 22.Lxe4 b4!? 23.a4 Lxa4 24.Sd4?! b3! 25.cxb3? (25.c3!) 25...Lxb3 und Weiß stand objektiv schon auf Verlust. Der Schlusszug war hübsch:

36…Ta3+! und Schwarz setzt auf a1 oder b1 Matt.

Danach lief es wie geschmiert:


Külaots zog folgendes Turnierfazit:

Das ist für alle eine riesige Überraschung, auch für mich! Hätte mir jemand vor dem Turnier gesagt, dass ich vier Schwarzpartien gewinne, hätte ich es nicht geglaubt. Meine Sizilianisch-Partien gegen die beiden jungen Iraner Parham Maghsoodloo und Alireza Firouzja haben mir gut gefallen. Natürlich war die letzte Partie sehr wichtig und nahm einen günstigen Verlauf.

"Alle Blicke richten sich auf die Inder und Chinesen, aber wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Iraner Weltmeister wird?"

Külaots stand gegen Firouzja schon nach 16 Zügen auf Gewinn und gegen Daniil Dubov und Wei Yi nutzte er deren überambitionierten Siegeswillen aus. Wei Yi wich der Zugwiederholung aus, was durchaus verständlich war – der chinesische Jungstar hatte als Nummer 1 des Turniers eine Stellung, die er scheinbar risikolos auf Gewinn spielen konnte, und befand sich in guter Form. In Runde 2 hatte er gegen Alexandr Fier schon früh erkannt, dass er die Dame opfern konnte:


27.cxd5!! Obwohl der Computer immer noch 0.00 anzeigt, steht Schwarz auf einmal vor großen praktischen Problemen. Der Brasilianer überlegte 17 Minuten an 27…Txe5, beantwortete 28.fxe5 nach 12 Minuten mit 28…Lxd5 und stellte dann nach 33 Minuten mit 29…c4? die Partie ein (29…Txa2!! hätte die Partie wohl im Gleichgewicht gehalten, doch Züge wie 30.Lxd5 Txd2+ 31.Lxd2 Sf6!! muss man erst einmal finden).

Teilweise zeigte sich Wei Yi wieder von seiner besten Seite | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Wei Yi gewann einige Partien mit Grünfeld, ehe er in der letzten Runde gegen Daniil Yuffa wieder brillierte. Er hatte einen Zug weiter gerechnet als sein Gegner und gesehen, dass die Variante nach 28.Dh4+ Lf6 noch nicht zu Ende war:


29.Te1+! Kd6 30.c5+! Sxc5 31.Df4+!! blitzte Wei Yi aufs Brett, und obwohl er einen Zug zu viel aufs Brett schleuderte (31…Kd7 32.Lf5+?! war deutlich schlechter als 32.Df5+!), fand sich sein Gegner in den Verwicklungen nicht mehr zurecht.

Eine Achterbahnfahrt legte Külaots in Runde 6 gegen Maksim Chigaev hin:


30.Txg7+! Kh8 (natürlich verliert 30…Kxg7 wegen 31.Sxf5+) 31.Sxf5 war der Weg zum Sieg. Die vertauschte Zugfolge 30.Sxf5? hätte nach 30...Sxf4+ 31.Kf3? Dh5+ 32.Rg4 übel enden können, wenn sein Gegner 32…Se2! gefunden hätte. Nach 32…Se6? hätte Weiß wieder gewinnen können, aber ein Remis war das gerechte Ergebnis.

Vor der letzten Runde lag Külaots punktgleich mit Haik Martirosyan und Krishnan Sasikiran in Führung, und da als erste Wertung die Anzahl der Schwarzpartien herangezogen wurde (wo er eine mehr aufweisen konnte als seine Kontrahenten, war er im Vorteil, doch ... 

Vor der Partie war mir klar, dass ich auf Gewinn spielen musste, da drei Spieler (darunter ich) 6 aus 8 hatten. Bei drei Remis wäre ich wegen der besseren Wertung Turniersieger gewesen, doch auf diesen Verlauf konnte ich mich nicht verlassen. Außerdem war sofort klar, dass mein Gegner, Denis Khismatullin, ebenfalls auf Gewinn spielen würde, da ihm ein Remis nichts brachte. Also ging es von Anfang zur Sache.

Kaido war mit Schwarz fast nicht zu stoppen | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Im 28.Zug fand Khismatullin eine korrekte Kombination:


28…Txe2! 29.Txe2 Da1+ 30.Kh2 f3+, aber die Ressource 31.d6! rettete Weiß:


Nach 31…Lxd6? 32.Txd6! gewinnt Weiß sofort, aber nach 31…fxe2 32.dxc7 De5+?! (32…fxe2! erzwingt weißes Dauerschach) 33.f4! hatte Külaots erst einen und dann zwei Mehrbauern im Damenendspiel. Trivial war dieses aber nicht …

…denn Khismatullin verpasste noch im 71.Zug das Remis, ehe Külaots durchbrach und den größten Triumph seiner Karriere sicherstellte.

Der Turniersieg brachte ihm 18.000 Euro sowie den begehrten Startplatz beim Supergroßmeisterturnier in Dortmund ein, das dieses Jahr vom 13.-21. Juli stattfindet. Was rechnet er sich dort aus?

Da ich noch nie an einem solchen Turnier teilgenommen habe, ist es schwer, meine Erwartungen zu formulieren. Ich hoffe, dass ich so gut spiele wie hier, dann ist alles gut. 

Der Schlussrundensieg war notwendig geworden, da der 18-jährige Armenier Haik Martirosyan mit einem schönen Schlusszug seinen Landsmann Tigran Petrosian in die Knie zwang:

Schwarz setzt nach 47…gxh3 Df3+ 48.Kh2 Dxh3+ 49.Kg1 c1=Q+ matt. Damit hatte der Armenier wie Külaots 7 aus 9, aber einmal öfter Weiß!


Aus diesem Grund musste er sich mit Platz 2 und einem Preisgeld von 10.000 Euro begnügen, während Krishnan Sasikiran auf Platz 3 landete. Interessanterweise nahmen am A-Turnier des Aeroflot Open dieses Jahr mehr Inder als Russen teil (25 zu 23), darunter auch einige Kandidaten für den Weltmeistertitel:

"Dieses Duell werden wir in Zukunft vermutlich noch oft sehen: Nihal Sarin gegen Praggnanandhaa. Dieses Mal gewann Nihal mit Weiß."

Angeführt wurden die Inder von Sasikiran, der nach Runde 4 einen ganzen Punkt Vorsprung auf die Meute hatte und bis zur letzten Runde mit an der Spitze lag. 


Letztlich kostete ihn die Niederlage gegen Martirosyan, gegen den er bereits bei der Schacholympiade 2018 verloren hatte, den Turniersieg.

Sasikiran und Wang Hao trennten sich am Spitzenbrett schnell remis, wonach alles von Martirosyan und Külaots abhing | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Hier der Endstand:

Rk.SNoNameTypFEDRtgPts. TB1  TB2 
162GMKulaots Kaido25427,052647
228GMMartirosyan Haik M.26167,042563
311GMSasikiran Krishnan26786,542607
43GMWang Hao27146,052600
51GMWei Yi27336,042589
630GMChigaev Maksim26136,042586
77GMInarkiev Ernesto26926,042580
821GMSarana Alexey26306,042573
915GMAnton Guijarro David26426,042557
1043GMTabatabaei M.AminU1825905,552613
119GMKorobov Anton26875,552585
1247GMVaibhav Suri25755,552577
1313GMSjugirov Sanan26635,552558
1423GMParavyan David26275,552536
60GMHakobyan AramU1825455,552536
1625GMKhismatullin Denis26215,552526
1735GMDeac Bogdan-DanielU1826035,542647
1832GMLupulescu Constantin26105,542640
1961IMSychev Klementy25455,542609
2029GMZhou Jianchao26155,542601
2141GMPetrosian Tigran L.25955,542597
2242GMNarayanan.S.L25935,542593
2312GMMaghsoodloo Parham26665,542562
2450IMYakubboev NodirbekU1825695,542558

Das traditionelle Abschlussblitzturnier des Aeroflot Open  findet am 28. Februar statt, mit Stars wie Sergey Karjakin, Ian Nepomniachtchi und Vladislav Artemiev. Die Partien werden zwar nicht live übertragen, ihr könnt aber hier die Ergebnisse nachlesen.

Weiter geht es dann am Wochenende mit den zentralen Bundesliga-Runden 9-11 in Berlin, und im März folgen einige wichtige Turniere. Mehr dazu in unserem Schachkalender 2019

Weitere Links:


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