Berichte 11.03.2016 | 10:35von Colin McGourty

Aeroflot Open: Najer gewinnt das Dortmund-Ticket

Das Siegerpodium des Aeroflot Open 2016: Mateusz Bartel (Rang 3), Boris Gelfand (Rang 2), Evgeniy Najer (Sieger) 

Fast genau ein Jahr nach seinem Sieg bei der Europameisterschaft hat Evgeniy Najer das Aeroflot Open 2016 gewonnen und sich damit die Teilnahme am Supergroßmeisterturnier in Dortmund gesichert. Boris Gelfand gewann seine Schlussrundenpartie und zog mit Najer gleich, hatte aber die schlechtere Wertung, auf Rang 3 landete Mateusz Bartel. Beim Abschlussblitzturnier triumphierte Ding Liren, der seine Elo um 187,2 Punkte verbesserte und auf Platz 3 der Blitz-Weltrangliste kletterte!

Das Aeroflot Open, das bereits zum 14.Mal ausgetragen wurde, gilt als besonders hartes Turnier. Am A-Turnier dürfen, von einigen Ausnahmen abgesehen, nur Spieler mit mindestens 2550 Elo teilnehmen, und das bedeutet, dass es schon in der 1.Runde keine leichten Gegner gibt. (Mit dem Selektor könnt ihr alle Partien anschauen oder euch die Ergebnisse der einzelnen Spieler ansehen.) 

Schwerer Stand für die Jugend

Der chinesische Superstar Wei Yi bekam die Härte des Turniers gegen den Europameister von 2011, Vladimir Potkin, zu spüren, als dieser im 9.Zug eine teuflische Neuerung entkorkte. Das Geschehen wurde immer surrealer, bis Wei Yi im 12.Zug mehr als eine halbe Stunde nachdachte, ehe er den besten (und mehr oder weniger einzigen Zug) 12…Sc6! fand.


Anschließend erwies sich Potkin als deutlich weniger gut vorbereitet, als es schien, denn er dachte 66 Minuten (!) über das zweifelhafte 13.Lxd5?! nach, doch als Wei Yi 13…Le6?! zog (und nicht den Computerzug 13…Dxd5+) war die Partie bald zugunsten des Russen entschieden.

Tigran Petrosian und Wei Yi analysieren ihre Partie aus Runde 9

Wei Yi konnte sich von dieser Partie nie richtig erholten und verlor – offenbar geschwächt von einer Erkältung – in Runde 6 erneut, doch mit drei Siegen zum Abschluss blieb er immerhin über 2700 … mit 0,3 Punkten.

Weng Yan schlug in Runde 2 für China zu! | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband 

Auch andere Youngsters hatten Probleme. Vladislav Artemiev ist die größte russische Schachhoffnung, doch in Runde 2 wurde er von einem hübschen Turmopfer überrascht, das Wen Yang im Stile seines Landsmanns Wei Yi zelebrierte:


13.Lxf7!! Die Schlussstellung – nur acht Züge später – zeigt, wie schnell beim Schach alles schief gehen kann:


Ein weiteres Opfer war der Spanier David Anton. Beim Tradewise Schachfestival in Gibraltar lag er vor der letzten Runde alleine in Führung, verlor dann aber gegen Hikaru Nakamura. In Moskau jedoch verlor er seine beiden ersten Partien und musste dann gegen den 16-jährigen Aravindh Chithambaram ran, der als „nächster Anand“ bezeichnet wird. Eine weitere Niederlage führte dazu, dass auch +2 in den restlichen sechs Runden den Verlust von 25 Elo-Punkten nicht mehr verhindern konnten.

Die Gewinner

Kommen wir nun aber zu den Spielern, die das Aeroflot Open in guter Erinnerung behalten werden. Der 38-jährige Evgeniy Najer zeigte, dass sein Sieg bei der EM keine Eintagsfliege war. In der spannenden Schlussrunde hielt er gegen Gata Kamsky in einer umkämpften Partie remis und sicherte sich damit den Turniersieg.

Evgeniy Najer (in der Mitte) stand hier schon als Turniersieger fest, war aber offenbar noch sehr nervös, als er die anderen Partien verfolgte.

Nach dem Turnier gab er Vladimir Barsky vom Russischen Schachverband ein Interview und beantwortete dessen Frage, wie er seinen Sieg einordne:

Eine tolle Leistung, die mit dem Gewinn der EM zu vergleichen ist. Diese beiden Opens im Schweizer System ähneln sich sehr; es gibt zwar einige Unterschiede, aber sie haben auch viel gemeinsam. Beim Aeroflot sind die Spieler insgesamt stärker, während an der EM mehr Spieler, darunter auch Amateure mitspielen, und man durchaus auch gegen einen solchen gelost werden kann. In Moskau ist das nicht möglich – man spielt gegen neun Profis.

Wie verlief das Turnier für dich?

Es begann mit 3 aus 3 hervorragend, doch dann gab es längere Zeit keine besonderen Vorkommnisse mehr. Das Tolle an diesem Turnier ist aber, dass man sich immer auf ein Remis einigen kann. Man könnte sagen, dass einige meiner Partien nicht ausgekämpft waren: Ich akzeptierte in Stellungen ein Remis, die mir nicht gefielen, und dann bot ich Boris Gelfand mit Weiß aus taktischen Gründen ein Remis an – ich hatte einen Punkt mehr als er und saß dem stärksten Spieler des gesamten Turniers gegenüber, daher konnte ich mir das erlauben. Entscheidend war die Partie gegen Vladimir Fedoseev, der einen interessanten Angriff startete.

Etwas waghalsig, oder?

Das dachte ich zunächst auch: Er ging wie wild auf mich los, ich nahm alles weg und hatte alles mehr oder weniger unter Kontrolle. Wie der Computer aber zeigte, war der weiße Angriff korrekt und nur ein Zug ruinierte ihn. Man kann durchaus sagen, dass es sich um einen fantastischen Angriff handelte! 


24. Db2?

Um ehrlich zu sein dachte ich an dieser Stelle, dass ich einen oder zwei Züge später einfach zwei Mehrfiguren haben würde, aber nach 24.Db7!! zeigt der Computer völligen Ausgleich an! Natürlich hat Weiß heftigen Angriff. Ich hatte Glück, dass Vladimir übersah, dass nach 24…Sxe2 25.Kh1 Bf6! ging.

Der Sieg beim Aeroflot Open bringt dir die Teilnahme in Dortmund ein. Das dürfte eines der ersten Eliteturniere sein, an denen du teilnimmst, oder?

Ich war noch nie bei einem dabei. Ich habe erst zwei starke Rundenturniere in meinem Leben gespielt, das Superfinale der Russischen Meisterschaft, die zum Vergessen war, und beim Poikovsky-Turnier. Dort schnitt ich gut ab, aber Dortmund ist sicher höher zu bewerten.

In welcher Stimmung wirst du nach Dortmund fahren?

Darüber habe ich noch nicht nachgedacht, zumal es erst einige Stunden her ist, dass ich mich qualifiziert habe. Natürlich wird es aber sehr interessant werden, mich mit diesen Spielern zu messen.

An Nummer 1 gesetzt war Boris Gelfand, der mit einer Open-Teilnahme in die Fußstapfen von Magnus Carlsen und Vladimir Kramnik trat. 

Boris Gelfand springt auf den Openzug auf! | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Eteri Kublashvili fragte ihn, wann er zuletzt ein Open gespielt habe:

Das ist lange her. Vermutlich 1993 in Biel, das Interzonenturnier.

Warum hast du in Moskau mitgespielt?

Aus mehreren Gründen. Erstens ist das Aeroflot Open immer ein sehr starkes Turnier. Und zweitens gibt es weniger Rundenturniere, an denen ich teilnehmen kann. So gesehen, hat es was mit Mangel an besseren Alternativen zu tun, aber das Aeroflot Open ist und bleibt ein starkes Turnier.

Gelfand machte es Carlsen und Kramnik nach, indem er einen Stotterstart hinlegte. Nach einem Remis gegen Artyom Timofeev (2593) in der 1.Runde konnte er von Glück reden, dass er vom 16-jährigen armenischen Talent Haik Martiosyan in schlechterer Stellung ein Remisangebot bekam. In seinen letzten sieben Partien holte er dann vier Siege und drei Remis. In der 6.Runde rang er Boris Grachev in einem Damenendspiel nieder in 119 Zügen und in der Schlussrunde spielt er die zweitlängste Partie, ehe  Rinat Jumabayev nach 79 Zügen das Handtuch warf. 

Boris Gelfand zeigte, dass man mit 47 Jahren noch nicht zum alten Eisen gehört.

Einmal mehr wurde die These widerlegt, dass die Spitzenspieler nur deshalb eine hohe Elo haben, weil sie keine Open spielen.

Bocharov-Inarkiev war die letzte Partie des Turniers 

Den dritten Platz belegte Mateusz Bartel, dessen waghalsiger Stil immer zu interessanten Partien führt. 

Mateusz Bartel scheint dem Turniersieger gewisse Sorgen bereitet zu haben - Najer verdeckte nach seinem Remisschluss in der letzten Runde das Resultat und ließ seinen Verfolger im Unklaren

Wie Bartel nach dem Turnier auf Facebook erklärte, wurde er an ein anderes Turnier erinnert:

Genau vor zehn Jahren, am 9.März 2006, wurde ich erstmals Polnischer Meister. Ich hegte die leise Hoffnung, dass ich an diesem Jubiläumstag wieder ganz oben auf dem Siegerpodium stehen würde. Leider habe ich es nicht geschafft.

Dabei hatte ich durchaus Chancen auf Platz 1, denn die anderen Ergebnisse waren so, dass mir ein Sieg auch den Turniersieg gebracht hätte. Mit der Realität hatte das aber leider nichts gemein. Die Eröffnung gegen Aleksandr Rakhmanov verlief wie gewünscht, aber dann stellte sich heraus, dass die Stellung sehr schwer zu spielen war. Ich konnte die Probleme nicht lösen und stand am Abgrund. Die Zugwiederholung am Ende war wie ein Geschenk des Himmels für mich. Damit hatte ich zwar keine Chancen mehr, das Turnier zu gewinnen, aber in dieser Partie war nicht mehr als ein Remis drin. Aus diesem Grund bin ich mit dem Ergebnis und meiner Endplatzierung sehr zufrieden.

Und hier ist der Endstand an der Spitze (um Baadur Jobava, Wei Yi und Paco Vallejo müsst ihr weiter runterscrollen!).

Rk.SNoNameFEDRtgPts. TB1  TB2 
116GMNajer Evgeniy26646,542647
21GMGelfand Boris27356,542619
327GMBartel Mateusz26256,052623
413GMSjugirov Sanan26676,052604
525GMDubov Daniil26346,052602
611GMKamsky Gata26736,052597
715GMFedoseev Vladimir26646,052587
86GMMatlakov Maxim26826,042649
926GMKobalia Mikhail26326,042624
1018GMZvjaginsev Vadim26626,042623
1167Predke Alexandr25085,552642
127GMInarkiev Ernesto26775,552617
135GMNepomniachtchi Ian27045,552614
1437GMJumabayev Rinat26075,552601
1519GMMotylev Alexander26555,552550
1635GMBachmann Axel26095,542631
1720GMRakhmanov Aleksandr26505,542622
182GMBu Xiangzhi27245,542602
1923GMSasikiran Krishnan26375,542598
2012GMMoiseenko Alexander26685,542590


Das Blitzturnier zum Abschluss

Das war aber noch nicht alles, denn am Donnerstag gab es ein großes Blitzturnier mit neun Doppelrunden zum Abschluss. Alexander Morozevich (Platz 39), Blitzweltmeister Alexander Grischuk (Platz 28) und Ruslan Ponomariov (Platz 12) waren auch dabei, aber der Sieg ging an einen anderen Nachzügler. Ding Liren gewann überzeugend und konnte nur seine Mini-Matches gegen Ian Nepomniachtchi (2.Platz) und Boris Gelfand (4.Platz nach Wertung) nicht gewinnen. 

Ian Nepomniachtchi hielt gegen Ding Liren remis, musste sich aber mit Rang 2 begnügen | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

In der Blitz-Weltrangliste schoss Ding Liren nach oben:

Tigran Petrosian wurde Dritter. Alle Ergebnisse findet ihr hier, einige Partien mit dem russischen Kommentar von Sergey Shipov gibt es hier.

Das Aeroflot Open ist damit vorbei, und das Kandidatenturnier kann beginnen! 

"Ich fordere Peter Svidler zum Duell!"

Weitere Links:


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