Interviews 25.11.2017 | 14:02von Colin McGourty

Vishy Anand über die Psychologie beim Schach

Vishy Anand stellte sich in den letzten Tagen den Fragen von Deepak Jayaraman im Play to Potential Podcast und gab diesem ein 90-minütiges Interview. Der 47-jährige Ex-Weltmeister sprach unter anderem darüber, wie sich Weltklassespieler auf die immer besser werdenden Computer einstellen und wie sie neue Wege finden, sich von anderen Spielern mit demselben Wissensstand abzuheben. Er meinte, „Unser Gehirn ist ein wildes Pferd“, während er gleichzeitig erklärte, dass man weder sich noch eine Schachpartie vollständig unter Kontrolle haben könne, es aber Strategien gebe, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen.

Vishy Anand in Hamburg während der Aufnahmen für seine chess24-Videoserie

Den gesamten Podcast mit einigen Kommentaren des Interviewers findet ihr hier

Wer sich nicht alles auf Englisch anhören möchte, findet hier die wichtigsten Auszüge!



Über den Schmerz der Niederlage

Sie tut sehr weh. Ich glaube nicht, dass es eine Niederlage gibt, die einem gefällt oder aus der man lernt. Ich denke vielmehr, dass eine Niederlage wegen ihres schockierenden Effekts fast immer dazu führt, dass man alles bisher Angenommene hinterfragt, außerdem fühlt man sich nicht gut. Tatsächlich komme ich mit einer Niederlage viel schlechter klar als früher. Die anderen sagen zu mir, „Du bist ein guter Verlierer“, doch in mir sterbe ich tausend Tode! Ich warte nur darauf, bis ich allein im Zimmer bin und meinen Kopf an die Wand schlagen kann.


Über Berechnung

Besser rechnen kann man nicht lernen. Man kann aber seinem Gehirn genügend Beispiele zeigen, damit es im richtigen Moment die richtige Reaktion hervorzaubert. Beim Schach kann man nicht einfach sagen, „Ich setze mich jetzt hierher und berechne das“, da das menschliche Gehirn nicht so funktioniert. 


Über das Besserwerden

Im Grunde hat Newton alles mit seinem Satz, „Wenn ich weiter gesehen habe, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stehe“, gesagt. Sobald man ein bestimmtes Level erreicht hat, sieht man plötzlich neue Dinge, die man vorher nicht gesehen hat, und so wird man besser.  Schaut man sich Partien anderer Spieler an, entdeckt man neue Konzepte, und wenn man ein neues Konzept gesehen hat, lernt man leichter, es kreativ einzusetzen. Ich glaube aber nicht, dass wir aus dem Nichts etwas Neues entdecken. Das ist in jedem Beruf so. Einem Wissenschaftler fällt nicht einfach etwas Neues ein. 

Vishy Anand bei den Aufnahmen seiner dreiteiligen chess24-Videoserie

Über seine größten Stärken

Meine größte Stärke ist vermutlich Flexibilität. Ich öffne meine Haltung in der Regel, wenn es nicht mehr weitergeht. Ich arbeite hart. Das tue ich vermutlich, weil mich Schach interessiert, daher bin ich nicht sicher, ob ich ein so harter Arbeiter wäre, wenn es mich langweilen würde. Zur harten Arbeit beim Schach gehört auch, fit zu bleiben und Ähnliches.

Zuletzt habe ich meinen Stil wieder mehr in Richtung Spontaneität und Kreativität verändert – fast zu meinen Wurzeln zurück, damit sich der Kreis schließt.


Über den Vormarsch der Computer

Erst wurden sie in den Aspekten besser, die man erwartet hatte, und dann in den Aspekten, in denen wir den Menschen stark einschätzten – langfristige Berechnung, Urteilsvermögen, Intuition. Wir halten Intuition für einen langfristigen Prozess. Machen wir einen Zug, dessen Grund sich zehn Züge zeigt, verbinden wir das mit Intuition. Mittlerweile können die Computer das auch. Sie bringen langfristige Opfer und entwerfen langfristige Pläne, die sich als gut erweisen, weil die Rechentiefe immer tiefer wird und sie immer genauer werden. Das alles hat nichts mit Intelligenz zu tun, doch es hat sich gezeigt, dass Schach das ideale Spiel für sie ist – klare Regeln und eine Umgebung, in denen sie Erfolg haben.


Über den Einfluss der Computer auf die Weltklasse 

Computer sind mittlerweile so stark, dass sie in Sekunden oder vielleicht Minuten etwas finden, wofür wir Wochen bräuchten. Das hat der mit der Rechengeschwindigkeit zu tun. Was folgt daraus? Es bringt nichts mehr, sich zu spezialisieren, da ein Spieler, der eine Eröffnung noch nie gesehen hat, in einer Woche auf dem gleichen Stand ist. Die meisten Schachspieler der Moderne sind sehr flexibel – sie können immer umschalten. Sie spielen alles. Sie probieren viel aus, und es kommt nicht so sehr darauf, was sie aufs Brett bringen, sondern wie sie sich in dieser neuen Informationsflut organisieren können. Und auf die Frage, wie sie der Konkurrenz gegenüber einen Vorsprung behalten.  Die Antwort lautet, sich immer mehr auf Mittel- und Endspiel zu konzentrieren, da man das nicht so gut mit dem Computer vorbereiten kann.  

 
Über die “Schachgesetze”

Schachspieler sind heute viel flexibler und weniger ideologisch oder dogmatisch – ich werde gleich erklären, was ich damit meine. Beim Schach wachsen wir mit Konzepten auf wie „Entwickle deine Figuren so, dass du das Zentrum kontrollierst“  oder „Zieh nicht zweimal dieselbe Figur, bevor alle Figuren entwickelt sind“. Früher waren diese Regeln richtig und sie wurden fast als Schachgesetze bezeichnet, da sie zum Gewinnen von Partien gut geeignete Strategien waren. Wie sich aber gezeigt hat, sind dies eher statistische Phänomene, und seine Figuren ins Zentrum zu stellen ist zwar häufig der korrekte Ansatz, aber Schachspieler sind nicht mehr so rigide. Heutzutage kann alles funktionieren. Beim modernen Schach geht es permanent um Züge, die die Puristen vor 50 oder 100 Jahren verunglimpft hätten. Ich bin mir sicher, dass jemand, der vor 100 Jahren gelebt hat, sagen würde, das ist doch absurd, wie kannst du einen solchen Zug machen, doch man muss Tabula rasa machen und sich eine neue Denkweise aneignen.

Über die Weltspitze

Die besten Spieler machen weniger Fehler und sie machen meist nicht den letzten Fehler. Häufig hat das psychologische Ursachen. Sie glauben, dass sie nicht den letzten Fehler machen, und daher passiert es auch nicht. Nach sechseinhalb Stunden Kampf sind sie plötzlich in der Lage, ihre Energie und Konzentration hundertprozentig zu bündeln. Der Gegner kann das nicht. Schach wurde schon immer von diesen kleinen Faktoren bestimmt, und das hat sich bis heute nicht geändert. Bei jedem Spiel zwischen zwei Menschen ist das der entscheidende Faktor, wenn beide sich die besten Methoden aneignen. Der beste Spieler auf der Welt ist also derjenige, der seine Gegner überdauert.  


Über die Wünsche eines Schachspielers

Schachspieler gewinnen eine Partie lieber leicht, gewinnen lieber ohne Anstrengung, oder anders gesagt, sie investieren diese Anstrengung lieber zu Hause oder im Trainingscamp als am Brett, wo Unsicherheit herrscht.


Über die Vorbereitung auf unliebsame Überraschungen

Man sollte viele Blitzpartien spielen und Schachprobleme lösen. Beim Lösen von Schachproblemen geht es darum, unbekannte Muster zu entdecken, und je mehr man davon entdeckt, desto mehr hat man seinem Gehirn beigebracht, auf ungewöhnliche Weise zu denken. Wie viele Kandidatenzüge sieht man, wenn man eine Stellung anschaut? Während man normal vielleicht drei sieht, sind es nach ein wenig Training im Problemlösen vielleicht fünf, und es ist sehr hilfreich, wenn einem ungewöhnlichere Züge in den Sinn kommen…

Schließlich spielt auch der psychologische Aspekt eine Rolle. Es bringt nichts, über enorme kreative Fähigkeiten zu verfügen, wenn man ängstlich wird, sobald man in unbekannten Gewässern unterwegs ist. Dann hat man die Schlacht schon fast verloren, bevor sie begonnen hat. Die Lage ist nicht völlig hoffnungslos, da sich die Stellung als klar vorteilhaft herausstellen könnte, doch man muss man psychologisch auf die Schlacht vorbereitet sein. 

Erst einmal muss man sich für die richtige Sportart entscheiden...

Über Risiken und Feigheit

Es kommt vor, dass ein Spieler mit totaler Risikobereitschaft ans Brett kommt, dann aber plötzlich meint, dass mit seinen Plänen etwas nicht stimmt, und sich für den sicheren Weg entscheidet. Dann kommt er nach Hause und merkt, dass alles seine Richtigkeit hatte und er seinen Plänen hätte folgen können. Was passiert hier? Psychologisch gesehen, will man nicht einen Bereich vordringen, der einem riskant erscheint, und das Gehirn überlistet einen und überzeugt einen davon, doch den sicheren und vorhersehbaren Kurs einzuschlagen, der in diesem Moment logisch erscheint. Man rechtfertigt das damit, dass man sich sagt, „Ich werde logisch spielen und das Logische tun“, und dann kommt man später nach Hause und merkt, dass man ein Feigling war!


Über das Gehirn als wildes Pferd

Eines hat mich Schach auf jeden Fall gelehrt. Das Gehirn lässt sich nicht so einfach kontrollieren, sondern ist eher ein wildes Pferd, mit dem man umzugehen wissen muss. Manchmal betrügt es dich und arbeitet nach einem eigenen Fahrplan, so dass du keine Kontrolle hast. Aus diesem Grund bedeutet Kreativität zum Teil auch, zu wissen, dass man die Kontrolle verliert. 

 
Über die emotionale Achterbahnfahrt während einer Partie

Die einzige Stellung, die man je auf dem Brett hat, ist die, die vor einem steht. Nur sie kann man beeinflussen, daher muss man mit der Anspannung klarkommen. Guter Schlaf ist wichtig, aber danach muss man hellwach werden, und aus meiner Sicht ist es wichtig, dass das Gehirn sich immer weiter für Schach begeistert. Schaut man sich dauerhaft neue Stellungen an, die einen interessieren, oder beschäftigt sich mit komplizierten Sachverhalten, die sich einem nicht erschließen – kurzum wenn Schach einen fasziniert –, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Gehirn im richtigen Moment arbeitet und sich im richtigen Moment erinnert.

Über die Tatsache, dass der beste Zug nicht immer der beste ist

Zu Beginn lernt man beim Schach, dass man stets den besten Zug machen soll, doch wenn man besser wird, merkt man, dass es nicht immer darauf ankommt, den besten Zug zu finden. Vielmehr muss man den unangenehmsten Zug für den Gegner finden oder statt einer klar besseren Stellung, in der man sich nicht völlig wohl fühlt, eine nur leicht bessere Stellung anstreben, in der man sich sehr wohlfühlt. Auf diese Weise lernt man, sich an seinen Bedürfnissen zu orientieren.


 Über Karpovs Fähigkeit, während einer Partie die letzten Züge zu vergessen

Ich erinnere mich daran, dass es immer hieß, für Karpov hätte die Partie in der konkreten Stellung begonnen, und das bedeutet gleichzeitig, dass Karpov die gesamte Partie auf Verlust stehen konnte. Viele Spieler, die die gesamte Partie auf Verlust stehen, träumen von einem Remis, und wenn sich die Stellung plötzlich dreht und sie plötzlich die Chance auf den vollen Punkt haben, können sie sich nicht umstellen und versuchen immer noch das Remis zu sichern. Der Grund ist, dass die Phase, in der sie auf Verlust standen, so einprägsam war, dass sie sie nicht vergessen können. Karpov dagegen konnte sich in Sekundenschnelle umstellen! Er konnte einen Zug auf Verlust stehen und im nächsten auf Gewinn, und dann spielte er auch auf Gewinn! Er war in der Lage, seine Gefühle zu vergessen…

Das zählt nicht zu meinen Stärken, aber ich weiß das und das hilft im Verlauf der Partie schon weiter.

Vishy mit dem Cricket-Spieler Adam Gilchrist, Sprinter Michael Johnson und dem ehemaligen Fußballer Lothar Matthäus

Hier noch einige Zitate von Vishy aus dem Interview:

 “Beim Schach ist alles Neue sehr schnell veraltet.”

“Es ist sehr hilfreich, Trainer zu haben, die anderer Meinung als du sind.“  

“Während eines Turniers Ruhe zu bewahren ist eine der größten Fähigkeiten beim Schach, und ich arbeite noch daran…“

“Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass man sein Gehirn nicht vollständig im Griff haben kann, aber man kann dafür sorgen, dass die Bedingungen optimal sind.“  

“Ich glaube, dass es wichtig ist, fast wie ein Kind zu lernen – fasziniert einen ein Thema, nimmt man es ohne Anstrengung auf.“

Im schachlichen Einsatz sehen wir Vishy demnächst bei den London Chess Classic, die am 1.Dezember beginnen. In der 1.Runde hat Anand Schwarz gegen Hikaru Nakamura!

Weitere Links:


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 10

Guest
Guest 4488148256
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Ich bin älter als 16 Jahre.

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.