Berichte 27.12.2018 | 11:53von Colin McGourty

Schnellschach-WM, Tag 1: Carlsen leidet, Firouzja beeindruckt

Magnus Carlsen musste zum Auftakt der Schnellschach-WM in St. Petersburg zwei sensationelle Niederlagen hinnehmen. Obwohl er die drei anschließenden Partien gewann, meinte er hinterher, er könne sich nicht erinnern, jemals so schlecht gespielt zu haben. Aktuell liegt er auf dem 76.Platz und hat 1,5 Punkte Rückstand auf die Führenden Ian Nepomniachtchi, Dmitry Andreikin und den 15-jährigen Iraner Alireza Firouzja. Die Titelträgerin bei den Damen Ju Wenjun hatte dagegen keine Probleme und liegt nach Siegen gegen Olga Girya und Valentina Gunina mit 4 aus 4 allein an der Spitze.

Magnus Carlsen, nachdem er gegen Adam Tukhaev auf Zeit verloren hat| Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

St. Petersburg ersetzt Riad

Die Schnellschach- und Blitz-WM findet vom 26.-30. Dezember im Zentrum von St. Petersburg statt:

  • Die Manege, St. Petersburg

Ursprünglich hätte die WM erneut in Riad stattfinden sollen, doch der ungeliebte Austragungsort wurde praktisch in letzter Minute durch St. Petersburg ersetzt. Dadurch gibt es auch weniger Preisgeld als im Vorjahr – der Sieger im Open erhält nun $60.000 statt $250.000, die neue Weltmeisterin $40.000 statt $80.000. 

Bei der Eröffnungsfeier waren die Saudis durchaus vor Ort | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite 

Einige Spieler sind allerdings auch in St.Petersburg nicht dabei. Die Nummer 2 der Blitz-Weltrangliste Maxime Vachier-Lagrave hat andere Pläne und Pavel Eljanov hielt es für keinen guten Zeitpunkt, als Ukrainer ein Turnier in Russland zu bestreiten. Auch Fabiano Caruana und Wesley So sind nicht dabei (wobei sie dieses Turnier schon öfter ausließen), aber der Großteil der Weltelite geht in St. Petersburg an den Start. 

Timur Gareyev ließ schon mit seinem Äußeren keine Zweifel an seiner Beschäftigung! | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite 

Alle Partien der WM könnt ihr hier nachspielen:

Und hier die englische Live-Übertragung von gestern mit Evgeny Miroshnichenko und Peter Leko:

Horrorstart für Magnus 

Weltmeister Magnus Carlsen machte während eines kurzen Urlaubs klar, was er sich für St. Petersburg vorgenommen hatte:

Ready to turn St.Petersburg upside down #worldrapidblitz

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"Ich bin bereit, St. Petersburg auf den Kopf zu stellen."

In der ersten Runde stellte aber der ukrainische GM Adam Tukhaev die Schachwelt in einer Partie auf den Kopf, die zuvor wie eine Pflichtaufgabe für den Weltmeister aussah. Mit Schwarz kämpfte Carlsen lange um den Sieg, verlor dann aber bei der Ausführung von 72…Tfd7 auf Zeit:

Schon 2017 hatte Carlsen in der 1. Runde der Schnellschach-WM auf Zeit verloren, aber damals wurde er überspielt und wäre wenig später von Bu Xiangzhi mattgesetzt worden. Dieses Mal aber war es ein Eigentor:

Carlsen: "Ich weiß nicht, was los war, ich habe mich vor der ersten Runde eigentlich gut gefühlt, doch dann bin ich im Mittelspiel völlig eingebrochen. Danach war ich den gesamten Tag auf Tilt!“ 

Danach holte Tukhaev noch ein Remis gegen Levon Aronian, während auf Carlsen der 16-jährige Shamsiddin Vokhidov aus Usbekistan wartete. Der Beweis, dass Magnus auf Tilt war, zeigte sich mit der Eröffnung 1.e4 e5 2.Dh5

„Ein Theoriebuch über 1.e4 e5 2.Dh5! – was schon Boris Becker, @GMHikaru und nun @MagnusCarlsen gespielt haben – ist vielleicht das größte Desiderat in der Schachliteratur überhaupt. Wer möchte ein Exemplar bestellen, wenn ich es schreibe?“

…eine Gewinnstellung bekam der Weltmeister aber trotzdem:


20.Se8! gewinnt eine Qualität (das Problem ist unter anderem, dass Ta8 an 21.Sxg7 Kxg7 22.Lxh6+! scheitert), doch stattdessen spielte Carlsen 20.f3?! Lb7! 21.Tae1 Tfc8 22.Lc3?, was nach 22…Lf8! schlicht eine Figur verliert. Magnus gab stattdessen mit 23.Sb5 die Dame und schleppte die hoffnungslose Partie noch 14 Züge weiter.

Magnus musste gegen Shamsiddin Vokhidov erneut dem Gegner gratulieren | Foto: Maria Emelianova, Turnierseite

Shamsiddin gab Eteri Kublashvili nach der Partie nur einsilbige Antworten, aber er ist auf jeden Fall ein großes Talent. Er wurde dieses Jahr bereits U14-Weltmeister und gewann die U16-Olympiade, wo er hinter seinem Landsmann Nodirbek Yakubboev (Elo-Leistung von 2713) und Alireza Firouzja (Elo-Leistung von 2736) das drittbeste Einzelergebnis erzielte. Auf Firouzja werden wir noch zurückkommen!


Vokhidov schlug aber nicht nur den Weltmeister, sondern erzielte weitere gute Ergebnisse gegen starke Gegner:

Und der Weltmeister? Er musste in Runde 3 gegen einen noch jüngeren Spieler antreten. Der 14-jährige Russe Stefan Pogosyan schlug sich recht gut, brach dann aber mit 29.Lxg4?? einzügig zusammen:


Selbst an einem sehr schlechten Tag findet die Nummer 1 der Welt 29…Df1+!, mit Matt im nächsten Zug. Danach erfüllte der Weltmeister mit zwei Siegen gegen IM Nikolai Vlassov und GM Andrew Tang seine Pflicht.

Am Ende landete Carlsen damit immerhin bei respektablen 3 aus 5 und räumte ein, dass es noch schlimmer hätte kommen können. Schaut man sich die vergangenen Titelkämpfe an, kann er noch 2,5 Punkte abgeben und vielleicht immer noch Erster werden:

Das bedeutet aber auch, dass niemand an der Spitze eine längere Siegesserie hinlegen darf…

Firouzja unter den Führenden 

Mit Ian Nepomniachtchi (der in der 4.Runde gegen Hikaru Nakamura gewann) und Dmitry Andreikin (der in der 4.Runde Vladislav Artemiev bezwang) liegen zwei der üblichen Verdächtigen mit 4,5 aus 5 an der der Spitze. 

Nach der freundlichen Begrüßung gewann Nepo gegen Naka | Foto: Maria Emelianova, Turnierseite

Die größte Überraschung des bisherigen Turniers ist aber der 15-jährige Iraner Alireza Firouzja, der gegen starke Gegnerschaft 4,5 aus 5 holte. Gegen den russischen Schnellschach- und Blitzspezialisten Vladislav Artemiev bestrafte er in einer scheinbar harmlosen Stellung einen gegnerischen Fehler:


29…Le4! nimmt dem Turm auf f4 die Felder, und nach 30.Ld3 g5! 31.hxg5 hxg5 musste Artemiev die Qualität geben. Firouzja verwertete seinen Vorteil sicher und übernahm nach dem ersten Tag die Führung.

Um ein Haar hätte auch Daniil Dubov zur Spitze aufgeschlossen, doch er verpasste ein hübsches Finale:

“Dh1 wäre einer der schönsten Gewinnzüge gewesen, die ich je gesehen habe. Schade, dass er ihn nicht gefunden hat.“

Stattdessen einigten sich die Spieler nach 56.De1 Dxb7 auf Remis. In einem amüsanten Interview äußerte sich Dubov zu der Frage, welche Bedenkzeit er bevorzugt:

Ich kann sagen, was ich am meisten hasse. Das ist Schnellschach. Eine Turnierpartie ist eine ernsthafte Angelegenheit – man bereitet sich vor, schläft möglichst gut in der Nacht davor, damit man in guter körperlicher Verfassung ist. Beim Blitzen ist es genau andersherum – das alles spielt keine Rolle. Man kann sich betrinken, die ganze Nacht durchtanzen, was auch immer – man muss einfach nur Glück haben. Beim Schnellschach dagegen weiß man es nicht genau. Sollte man Party machen oder gut ausschlafen? Man weiß es einfach nicht.  

Man sollte erwähnen, dass Dubov 2016 die Bronzemedaille bei der Blitz-WM gewann.

Levon Aronian startete ebenfalls mit einer Niederlage | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite 

Einige andere bekannte Namen erlebten einen schweren Tag, wie Levon Aronian, der in der ersten Runde gegen seinen Landsmann Robert Hovhannisyan verlor. Dagegen konnte sich Sergey Karjakin gegen Maxim Matlakov mit Einfallsreichtum und Glück ins Remis retten:

In der 6.Runde trifft Firouzja auf Andreikin, Nepomniachtchi spielt gegen Mamedyarov und Carlsen bekommt es mit dem Spanier Ivan Salgado zu tun.

Ju Wenjuns Traumjahr geht weiter 

Damenweltmeisterin Ju Wenjun ist auch beim Schnellschach Titelverteidigerin, und nach einem perfekten Starttag mit Siegen gegen Olga Girya und Valentina Gunina ist sie auf dem besten Weg, den nächsten Titel einzufahren:

Anna Muzychuk, die 2017 noch die WM boykottierte, zählt wie ihre Schwester Mariya zu den Verfolgerinnen mit 3,5 aus 4. Bei den Frauen warden dieses Jahr nur zwölf Runden ausgetragen.

Weltmeisterin Ju Wenjun startete besser ins Turnier als ihr männliches Pendant! | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite 

Weiter geht es am Donnerstag um 15 Uhr mit den nächsten fünf Runden: Open | Frauen

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