Allgemein 20.07.2022 | 16:41von Colin McGourty

Magnus Carlsen gibt Weltmeistertitel auf

Der fünffache Schachweltmeister Magnus Carlsen setzte heute der monatelangen Spekulation ein Ende, indem er über seinen Sponsor Unibet bekannt gab, dass er seinen Titel nicht erneut verteidigen wird. Der 31-jährige Norweger tritt aber nicht völlig zurück − er beteuert, „der Beste der Welt zu sein und sich nicht um die Weltmeisterschaft zu kümmern!“. Das bedeutet, dass die Weltranglisten-Nummer 2 aus China, Ding Liren, sich durch den Sieg gegen Hikaru Nakamura in der letzten Runde des Kandidatenturniers die Chance gesichert hat, anstelle von Carlsen gegen Jan Nepomnjaschtschi anzutreten.

Magnus Carlsen im Podcast „The Magnus Effect“, wo er über seine Reise nach Las Vegas sprach... und darüber, dass er nicht mehr bei der Schachweltmeisterschaft antreten wird

Carlsens Zweifel an der Weltmeisterschaft

Magnus Carlsen, der seit über einem Jahrzehnt ununterbrochen die Nummer 1 der Schachwelt ist, pflegt seit langem eine Hassliebe zur Schachweltmeisterschaft. In der Dokumentation „The Magnus Carlsen Story”, die Anfang 2021 veröffentlicht wurde, sagte er: „Ich werde 2021 höchstwahrscheinlich spielen, und wenn ich gewinnen sollte, weiß ich nicht, ob ich die nächste Weltmeisterschaft spielen würde”.

Er spielte 2021, aber fast unmittelbar nachdem er sich seinen fünften Titel gegen Jan Nepomnjaschtschi in Dubai gesichert hatte, sagte er seinem Freund Magnus Barstad in einem Podcast-Interview: „Wenn jemand anderes als Firouzja das Kandidatenturnier gewinnt, ist es unwahrscheinlich, dass ich die nächste Weltmeisterschaft spiele”.

Magnus verkündet seine Entscheidung

Der 19-jährige Alireza Firouzja kam im Kandidatenturnier nicht annähernd an einen Sieg heran, und in einem neuen Podcast mit demselben Moderator mit dem Titel „The Magnus Effect” für seinen Sponsor Unibet verkündet Magnus nun, dass sein Weltmeisterschaftsabenteuer vorbei sei, zumindest vorerst.

Der Weltmeister erklärt:

Letztlich ist eine finale Entscheidung gefallen, mit der ich mich ziemlich wohl fühle und über die ich schon lange nachgedacht habe − ich würde sagen, mehr als ein Jahr, wahrscheinlich anderthalb Jahre, schon lange vor dem letzten Match. Ich habe mit Leuten aus meinem Team gesprochen, ich habe mit der FIDE gesprochen, ich habe auch mit Jan gesprochen. Und die Schlussfolgerung ist… nun ja, es ist sehr einfach: Ich habe keine Motivation, ein weiteres Match zu spielen. Ich habe einfach das Gefühl, dass ich nicht viel zu gewinnen habe, ich mag es nicht besonders, und obwohl ich sicher bin, dass ein Match aus historischen Gründen und so weiter interessant wäre, habe ich keine Lust zu spielen und ich werde das Match einfach nicht spielen.

Anatoli Karpow und Hou Yifan haben beide auf ihren Weltmeistertitel verzichtet, weil sie nicht damit einverstanden waren, dass der Titel in einem K.o.-Match entschieden wird. Wir müssen aber bis zu Bobby Fischer im Jahr 1975 zurückgehen, um den letzten Spieler zu finden, der den Titel aufgab, anstatt ihn in einem Match zu verteidigen. Der Unterschied ist jedoch, dass Magnus keine Forderungen stellte, die nicht erfüllt wurden.

Carlsens kurzfristige „Verhandlungen” mit der FIDE

Es wurde berichtet, dass Magnus Carlsen am letzten Wochenende des Kandidatenturniers in Madrid ein 40-minütiges Treffen mit dem Präsidenten des Weltschachverbands (FIDE), Arkady Dvorkovich, und FIDE-Generaldirektor Emil Sutovsky hatte, als bereits klar war, dass Jan Nepomnjaschtschi eine weitere Chance auf den Weltmeistertitel erhalten würde.

Es wurde allgemein angenommen, dass bei diesem Treffen besprochen wurde, was Magnus zur Einwilligung zu einem erneuten Match bewegen könnte, aber laut Magnus ging es hauptsächlich darum, seine Entscheidung mitzuteilen.

Wie viele wissen, war ich zum Abschluss des Kandidatenturniers vor Ort in Madrid. Nach dem Turnier habe ich mich damit einverstanden erklärt, mich mit Dvorkovich und Sutovsky von der FIDE zu treffen, um ein paar Dinge zu besprechen. Ich hatte keine Forderungen oder Vorschläge für dieses Treffen. Dvorkovich und Sutovsky hatten ein paar Vorschläge, aber im Wesentlichen ging es darum, dass ich ihnen mitteilte, dass ich meinen Titel bei der nächsten Weltmeisterschaft nicht verteidigen würde, und das mündete natürlich in einer kleinen Diskussion. Sie hatten einige Vorschläge, von denen mir einige gefielen, andere wiederum nicht.

Magnus Carlsen in Madrid während des Kandidatenturniers | Foto: Stev Bonhage, FIDE

Carlsen begann seine Weltmeisterschaftskarriere „aus einer Laune heraus”

Magnus Carlsen sorgt seit November 2010 für Überraschungen, als er − obwohl er bereits eindeutig der beste Spieler der Welt war − aus dem Kandidatenturnier 2011 ausstieg. Er veröffentlichte einen Brief, in dem er sich über das System beschwerte, aber nur wenige fanden die Erklärungen überzeugend, und Magnus selbst gab später zu, dass es eher um die fehlende Motivation ging

Die von ihm vorgeschlagenen Änderungen wurden jedoch umgesetzt, und er nahm am Kandidatenturnier 2013 in London teil, aber er verriet im Podcast, dass er es sich beinahe anders überlegt hätte.

Es war natürlich eine interessante Zeit seit ich mich zur Teilnahme am Kandidatenturnier 2013 entschied − eine Entscheidung, die um ehrlich zu sein aus einer Laune heraus entstanden war. Ich habe einfach irgendwann beschlossen, dass ich das Kandidatenturnier ausprobieren werde, es interessant sein könnte, und seitdem hat mir der Weltmeistertitel offensichtlich viel gegeben. Der Titel hat mir viele Türen geöffnet, und darüber bin ich glücklich.


Schachweltmeister: 2013-2023


Die Ära Carlsen begann am 22. November 2013, als der 22-jährige Magnus in der zehnten Partie gegen Vishy Anand ein Remis erreichte und sich den Titel mit 6,5:3,5 in Chennai, Indien, sicherte.

Magnus wurde gefragt, ob er in den neun Jahren, in denen er um den Weltmeistertitel kämpfte, alles erreicht hat, was er sich vorgenommen hatte:

Es sind mehr als ein paar schöne Jahre seit dem Kandidatenturnier vergangen. Es ist schwer zu sagen, ich glaube, ich hatte keine anderen Ziele, als den Titel einmal zu gewinnen. Dann dachte ich, ich versuche, ihn zu behalten, solange ich motiviert bin. Um ehrlich zu sein, war ich 2016 nicht sehr motiviert. Ich habe das Gefühl, dass ich das Match hauptsächlich gespielt habe, weil andere Leute sich darauf verlassen haben, es von mir erwartet haben − was in Ordnung war, es war nicht ihre Schuld, sondern ich selbst habe mich verantwortlich gefühlt.

Das Match in New York hätte das Ende seiner Weltmeisterzeit sein können, da Sergei Karjakin nach sieben Remis vier Partien vor Schluss in Führung ging.

Das Gefühl, dass die Dinge auseinanderfielen, wurde noch dadurch bestärkt, dass Magnus aus der Pressekonferenz nach der Partie stürmte, bevor die Konferenz überhaupt begonnen hatte, aber er sammelte sich wieder und gewann das Match im Tiebreak.

Seinen Sieg gegen Fabiano Caruana im Jahr 2018 (nach 12 Remis im klassischen Schach) bezeichnet Magnus − vielleicht überraschenderweise − als seinen schönsten:

Das unterhaltsamste Match war wahrscheinlich das von 2018. Zumindest war es das interessanteste, und wahrscheinlich war es auch das stressfreiste für mich, weil es das knappste war und ich das Gefühl hatte, dass eine Niederlage zwar natürlich auch nicht schön gewesen wäre, aber es wäre nicht die Katastrophe gewesen, die ich in einer Niederlage bei den anderen Matches gesehen hätte. Doch insgesamt habe ich das Gefühl, dass es an der Zeit ist, mich von der Weltmeisterschaft zu verabschieden. Ich schließe eine Rückkehr in der Zukunft nicht aus, aber ich würde auch nicht unbedingt damit rechnen.

Carlsen und Kasparow: Das Vermächtnis der Weltmeisterschaft

Nach seiner Titelverteidigung gegen Vishy Anand in Sotschi, Russland, im Jahr 2014 veröffentlichte Magnus einen rätselhaften Post:

In dem neuen Podcast erklärt Magnus:

Ich hatte tatsächlich einen Instagram-Post nach dem Match 2014, der lautete: „two down, five to go” (Zwei geschafft, jetzt fehlen noch fünf). Ich kann jetzt verraten, dass das nur dazu diente, die Leute in die Irre zu führen! Ich hatte nie das Ziel, sieben Weltmeisterschaften zu gewinnen. Ich verstehe die ganze Sache mit dem Vermächtnis und all dem, und ich verstehe, dass es für Leute, die nicht in dieser Situation waren, seltsam klingt, und dass ich sehr, sehr privilegiert bin, dort gewesen zu sein, während viele Leute ihr Leben damit verbringen, dasselbe zu tun, aber: ob vier Meisterschaften oder fünf − das hat mir nichts bedeutet. Es war nichts. Ich war mit meiner Arbeit zufrieden, ich war froh, dass ich das Match nicht verloren hatte, aber das war es auch schon.


Zieht sich Magnus Carlsen vom Schach zurück?

Nein! Der andere große Unterschied zu Bobby Fischer ist, dass Magnus sehr wohl die Absicht hat, weiterzuspielen.

Nur damit es keine Missverständnisse gibt: Ich ziehe mich nicht vom Schach zurück, ich werde weiterhin aktiv spielen. Ich reise noch heute nach Kroatien, um an der Grand Chess Tour teilzunehmen. Von dort aus fliege ich nach Chennai, um an der Olympiade teilzunehmen, die sehr viel Spaß machen wird − und das norwegische Team ist dort als Nummer vier gesetzt! Dann geht es nach Miami, um an einem wahren Höhepunkt des Jahres teilzunehmen, am FTX Crypto Cup, der fantastisch sein wird, und gleich danach das nächste Event der Grand Chess Tour, den Sinquefield Cup. Also ja, ich habe eine Menge Schach vor mir. Ich spiele sehr gerne Turniere. Offensichtlich machen sie mir mehr Spaß als die Weltmeisterschaft. Ehrlich gesagt denke ich auf jeden Fall nicht, dass ich in nächster Zeit mit dem Schachspielen aufhören werde.

Magnus Carlsen gab zusammen mit Garri Kasparow, Jan Nepomnjaschtschi und anderen Spielern ein Simultanturnier in Zagreb vor dem Start des SuperUnited Rapid & Blitz | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Ein noch nie dagewesenes Rating von 2900 bleibt Carlsens Ziel

Magnus Carlsen, derzeit mit einer Wertungszahl von 2864 und einem Spitzenwert von 2882, plant jedoch nicht nur zum Spaß zu spielen. Er kommentierte:

Ich hoffe, dass ich mich einem meiner anderen großen Ziele nähern kann, nämlich 2900 Elo-Punkte zu erreichen. Das wird natürlich nicht leicht, aber zumindest habe ich es geschafft, meine Wertung in diesem Jahr zu halten, und das ist immerhin etwas. Das bedeutet, dass das Ziel nicht weiter entfernt ist als früher, auch wenn es schwierig ist. Aber wir werden sehen, ich werde einfach versuchen, die richtigen Dinge zu tun, dem Prozess zu vertrauen und es zu genießen. Ehrlich gesagt freue ich mich darauf, wieder dorthin zurückzukehren, wo ich 2011, 2012 und Anfang 2013 war, als ich mich voll und ganz darauf konzentrieren konnte, mich zu verbessern, die richtigen Dinge zu tun, Turniere zu spielen, der Beste der Welt zu sein... und mir nicht um die Weltmeisterschaft Sorgen machen musste!

Es wird eine neue Ära im Schach sein, wenn Magnus Carlsen nicht mehr Weltmeister ist, aber es wird einen 17. Weltmeister geben.

Ding Liren und Jan Nepomnjaschtschi kämpfen um den Titel

Wenn es keine neuen Wendungen gibt, wird Jan Nepomnjaschtschi, der das Kandidatenturnier 2022 gewonnen hat, im nächsten Weltmeisterschaftsduell gegen Ding Liren spielen, der den zweiten Platz belegte. | Foto: Stev Bonhage, FIDE

„Ich habe eines meiner besten Ergebnisse überhaupt weggeworfen”, sagte Hikaru Nakamura, nachdem er eine Partie verloren hatte, in der er gegen Ding Liren nur ein Remis brauchte. Dieser Kampf um Platz 2 in der letzten Runde des Kandidatenturniers spielte nun letztendlich eine größere Rolle als man hätte meinen können.

Mit vier Siegen in den letzten sechs Partien beendete Ding Liren das Kandidatenturnier mit einem halben Punkt Vorsprung vor Hikaru Nakamura und Teimour Radjabov auf Platz 2. Das bedeutet für die Nummer 2 der Welt ein Weltmeisterschaftsmatch gegen Jan Nepomnjaschtschi im nächsten Jahr, das mit über 2 Millionen Euro dotiert ist − ein erstaunliches Ergebnis, wenn man bedenkt, dass Ding sich nur für das Kandidatenturnier qualifizieren konnte, weil Sergei Karjakin gesperrt wurde.

Andere Spieler, die an dem Turnier teilnahmen, werden ihre Herangehensweise vielleicht bereuen − zum Beispiel Fabiano Caruana, der die erste Hälfte als Zweiter beendete, direkt hinter Nepo, aber dann völlig abstürzte, als er anfing, auf Sieg zu spielen.

Die Schachwelt dreht sich weiter

Nach Carlsens Entscheidung, auf den Titel zu verzichten, werden sich in der Schachwelt sicherlich Schockwellen ausbreiten, aber wie Magnus schon sagte, bleibt wenig Zeit zum Verschnaufen. Heute spielt er das SuperUnited Rapid & Blitz in Zagreb, Kroatien, und wie es das Schicksal so will, ist sein Erstrundengegner kein anderer als der Spieler, den er besiegt hat, gegen den er nun aber seinen Weltmeistertitel nicht verteidigen wird: Jan Nepomnjaschtschi.

Verpasse nichts und komm in unseren Stream mit Jan Gustafsson und Lawrence Trent!


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 4

Guest
Guest 17553176596
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.

Show Options

Hide Options