Berichte 22.08.2022 | 16:09von Colin McGourty

Magnus Carlsen gewinnt FTX Crypto Cup trotz Aufholserie von Praggnanandhaa

Magnus Carlsen bezeichnete sich selbst als „sehr glücklich und erleichtert”, den FTX Crypto Cup mit einem Sieg in der dritten Schnellschachpartie gegen den 17-jährigen indischen Star Praggnanandhaa gewonnen zu haben. Tatsächlich konnte Pragg danach noch die letzten drei Partien für sich entscheiden und damit das Match gewinnen und den zweiten Platz in der Gesamtwertung knapp vor Alireza Firouzja belegen.


Es gab nur ein einziges Match in der letzten Runde, das über den ersten Platz beim FTX Crypto Cup entschied, und Carlsen-Praggnanandhaa erfüllte alle unsere Erwartungen.


Carlsen holt sich den Gesamtsieg, verliert aber gegen Pragg

Magnus Carlsen ging mit einem 2-Punkte-Vorsprung in die letzte Runde des FTX Crypto Cups und wusste, wenn er die ersten vier Schnellschachpartien gegen Praggnanandhaa gewinnen oder unentschieden spielen würde, wäre ihm der Gesamtsieg sicher.

In der ersten Partie wurde jedoch klar, dass es ein harter Kampf werden würde. 24.Sxc5?! von Magnus − gespielt nach zweieinhalb Minuten − war ein Fehler.

Schwarz kann die Dame aufgrund der bekannten Taktik 24...Dxc5?? 25.Td8+! nicht schlagen. Doch nach 24...Se8! 25.Sxe6 Db7+ 26.T6d5 fxe6 27.Dxe6+ Kh8 28.De4 Dc6 29.T1d4 Da8 war der schwarze Springer mehr wert als die schwachen Bauern von Weiß.

Es war ein spannender Kampf, und gerade als Magnus zu entkommen schien, gab es einen klaren Moment, in dem Pragg die Partie hätte gewinnen können.

52...Tc5! würde den Turmabtausch erzwingen, wonach der schwarze Springer dann mit Unterstützung durch den König den h5-Bauern (oder a3-Bauern) gewinnen könnte.

Mit 40 Sekunden auf der Uhr spielte Pragg stattdessen 52...Tc3? und nach 53.Te5! war Magnus bereit, Tc5 mit Te4 zu begegnen und die Türme auf dem Brett zu behalten. Am Ende war es sogar Pragg, der etwas Vorsicht walten lassen musste, bevor die Partie in einem 76-zügigen Remis endete.

Während dies ein großer Verlust für Pragg war, konnte Magnus in der zweiten Partie eine Traumstellung nicht ausnutzen. Alles begann mit einer sehr modischen Eröffnung.

Hier entschied sich Magnus für das seltene 7...Sa5, wie es Fabiano Caruana gegen Ding Liren beim vergangenen Kandidatenturnier in Madrid spielte. Magnus bekam bald alles, was er sich wünschen konnte.

Die schwachen c3- und a2-Bauern von Weiß sowie ein starker Läufer gegen einen eingeschränkten Springer bedeuteten, dass das eine klare Sache hätte sein sollen. Bis zu einem gewissen Punkt sah es auch so aus, aber Magnus muss eine Reihe von kleineren Fehlern gemacht haben, denn der Vorteil verpuffte in einem 65-Züge-Remis.

Magnus fasste zusammen:

Ich denke, er hat sich gut verteidigt. Ich hatte einfach das Gefühl, dass es einen Gewinnweg hätte geben müssen, denn wer eine solche Stellung aus der Eröffnung heraus hat, sollte normalerweise gewinnen, aber ich denke, er hat es gut gemacht. Ich glaube nicht, dass ich etwas Offensichtliches übersehen habe. Glückwunsch an ihn, absolut! Wie gesagt: Solange ich nichts Offensichtliches übersehen habe, kann man sagen, dass er es mir nicht leicht gemacht hat!

Das Remis bedeutete immer noch, dass die Entscheidung des Turniers auf Messers Schneide stand, da Magnus wusste, dass ein Sieg in Partie 3 ihm den Titel sichern würde, weil Pragg dann nicht mehr die drei Matchpunkte für einen Sieg im Schnellschach bekommen könnte, die er brauchte.

Magnus erarbeitete sich vorsichtig einen leichten Vorteil, aber der schien wieder einmal ins Leere zu laufen, da Praggs Aktivität den Mehrbauern von Weiß ausglich. Der Druck war jedoch hoch, und mit 32...f5?! schien Pragg zusammenzubrechen.

Magnus würde hier bald g4 spielen und Zugeständnisse erzwingen. Es war die Art von Stellung, die er besser spielt als jeder andere auf der Welt, und obwohl er nicht immer den schnellsten Weg zum Ziel nahm, konnte er einen Sieg erringen und sowohl die Partie als auch das gesamte Turnier gewinnen.

Noch konnte er sich aber nicht auf den Weg zum Strand machen, da noch eine Partie in der Runde offen stand, in der es sowohl um Geld (7.500 $ für den Sieg im Schnellschach, 5.000 $ für den Sieg im Blitz und 2.500 $ für die Niederlage im Blitz) als auch um den zweiten Platz ging.

Magnus entschied sich in dieser Partie für die Holländische Verteidigung − eine Eröffnung, die er wahrscheinlich nicht gespielt hätte, wenn er noch um Platz 1 hätte kämpfen müssen.

Praggnanandhaa gab später zu, dass er sich nicht rechtzeitig vom verpassten Turniersieg erholen konnte, und kommentierte: „Ich habe Schwarz alles erlaubt, und er hat sogar seinen Springer nach d3 gebracht”. Pragg spürte, dass sich im 16. Zug alles drehte.


Nach 16...Sxf4 17.exf4 und z.B. 17...Ld7 hat Schwarz eine stabile und bessere Stellung, aber stattdessen entschied sich Magnus für 16...b5!?

Pragg erklärte:

Ich glaube, Magnus wollte Spaß haben, deshalb entschied er sich für b5. Ich wollte ebenfalls Spaß haben, also habe ich alles genommen, was er mir anbot!


Objektiv gesehen war wenig falsch an dem, was Magnus tat, aber im Streben nach Stilpunkten ging er Risiken ein. Mit 33...Ta2! wurde in eindrucksvoller Weise ein ganzer Turm geopfert.

Nach 34.Dxa2 Dxf4+ 35.Kh1 d2 36.Da1 De5 37.Tc1 dxc1=T+ 38.Dxc1 Ld3? (38...h3!) muss der Zug 39.Dd2! wie eine kalte Dusche gewirkt haben.

Carlsen konnte den c4-Bauern nicht schlagen, da mit Dc2+ der Läufer gewonnen werden würde, also musste er sich stattdessen zurückziehen. 

Magnus mag sich gefragt haben, warum er sich in diese Schwierigkeiten begeben hatte, aber es war zu spät, da Pragg einen Sieg errang, womit es in die Blitzrunde ging.

Magnus denkt, dass er letztendlich zu einem späteren Zeitpunkt bekam, was er verdient hatte.

Jetzt war es Pragg, der in einer wilden Eröffnung der 1. Blitzpartie seinen Spaß hatte.

Hier wurde Magnus seltsamer Aufbau mit 17...Sf3+! 18.gxf3 Lxb2 bestraft, und Pragg dominierte den Rest der Partie vollständig, so dass Magnus danach mit den schwarzen Figuren gewinnen musste, um das Match bis zum Armageddon zu bringen.

In der 2. Blitzpartie stellte Magnus wieder auf ein langes Spiel um, und dieses Mal funktionierte es perfekt, denn er übernahm die Führung und stand kurz vor dem Sieg. Näher kommt man nicht heran…


Hier hätte man einfach 46...Sxf4+! spielen müssen und Pragg hätte aufgegeben. Das Matt wäre dann unvermeidbar, aber Magnus könnte im nächsten Zug auch einfach die Dame auf d5 schlagen, ohne etwas zu berechnen.

Stattdessen spielte er 46...Dxb2, wonach er den Sieg immer noch völlig sicher hatte, aber nach 47.f5 gab es einige Komplikationen und Magnus schaffte es schließlich sogar, die Partie zu verlieren. Sein Schock über das, was geschehen war, war die dramatischste Reaktion des Tages:

Praggnanandhaa hatte drei Partien in Folge gewonnen, um den Weltmeister in diesem Match zu schlagen und damit insgesamt den zweiten Platz zu erringen.


Bei der Abschlusszeremonie resümierte Magnus:

Ich habe mich heute schrecklich gefühlt. Ich habe einfach nicht genug geschlafen und war einfach nicht in guter Form. Ich bin also sehr glücklich und erleichtert darüber, das Turnier gewonnen zu haben, und natürlich hätte ich mir gewünscht, heute besser abzuschneiden − es ist wirklich etwas peinlich, die letzten drei Partien zu verlieren. Insgesamt gehe ich aber natürlich mit einem positiven Gefühl aus dem Turnier.

Das finale Turnierergebnis sieht wie folgt aus:


Alireza Firouzja verpasste nur den 2. Platz, da er in der ersten Runde das Kopf-an-Kopf-Rennen gegen Praggnanandhaa verloren hatte. Dieser langsame Start kostete den 19-jährigen Weltranglistenvierten viel Kraft. Die knappe 2,5:1,5-Bilanz seines Sieges gegen Levon Aronjan in der letzten Runde täuscht über eine dominante Leistung hinweg, bei der Alireza zwei Endspielsiege verpasste. Levon hingegen erlebte ein Turnier, das er sicher lieber gleich wieder vergessen würde, da er vier seiner letzten fünf Partien verlor.

Jan-Krzysztof Duda beendete das Turnier mit Stil und gewann seine letzten drei Matches gegen Carlsen, Praggnanandhaa und dann Anish Giri, den er mit 2,5:0,5 besiegte. Anish wies darauf hin, dass er irgendwie aus dem Raum ausgesperrt worden war, in dem er seinen Laptop hatte, und dass er sonst die Eröffnung, die Duda in Partie 2 spielte, hätte überprüfen können, aber insgesamt hatte er keine Beschwerden.



Für Hans Niemann lief das letzte Match bedauernswert: Er verlor in der ersten Partie gegen Liem Le eine Gewinnstellung, kämpfte sich in der zweiten zurück, spielte in der dritten remis und brauchte dann nur noch ein Remis mit Weiß, um in der Turnierrangliste aufzusteigen. Es sollte jedoch nicht sein, denn Liem übernahm die Partie und setzte ihn matt − ein Ergebnis, das ihn vor Duda auf Platz 4 brachte.

Hans hatte also Carlsen, Praggnanandhaa, Giri, Aronjan und Le in Einzelpartien geschlagen, aber dennoch alle seine Matches im Schnellschach verloren und weder Punkte noch Preisgeld erhalten (er wird mindestens 5.000 $ erhalten, die in den Spielerverträgen vorgesehen sind).

Das war's mit dem FTX Crypto Cup, aber es gibt noch drei weitere Veranstaltungen der Meltwater Champions Chess Tour. Der letzte Zyklus sieht Veranstaltungen im September und Oktober vor, bevor das 3. und letzte Major im November in San Francisco stattfinden wird. Die Gesamtwertung sieht wie folgt aus, wobei Magnus seinen Vorsprung noch vergrößern konnte:


Zuvor jedoch beginnen am Freitag, dem 26. August, die Schnellschach- und Blitzpartien in Saint Louis, zu denen Alireza Firouzja und Levon Aronjan aus Miami anreisen werden, um auf Spieler wie Fabiano Caruana, Jan Nepomnjaschtschi und Hikaru Nakamura zu treffen. Magnus wird den Sinquefield Cup spielen, der am 2. September beginnt.

Siehe auch: 


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