Berichte 29.05.2017 | 14:51von Colin McGourty

MVL führt Clichy zu 15. Titel bei den Französischen Top 12

Maxime Vachier-Lagrave spielte auf dem Weg Clichys zum Gewinn der Französischen Top 12 zwei denkwürdige Partien - der Titelverteidiger hat die Meisterschaft nun zum 15. Mal gewonnen. Die harte Arbeit wurde von Radek Wojtaszek erledigt, der nur in der letzten Runde gegen Baadur Jobava verlor, sowie den Punktesammlern Loek van Wely und Jorden van Foreest. Bischwiller lieferte Clichy einen Kampf bis zur letzten Runde, da Maxim Rodshtein und Arkadij Naiditsch jeweils sechs ihrer letzten sieben Partien gewinnen konnten. Wir werfen auch einen Blick auf einige Geniestreiche des 19-jährigen Jan Krzysztof Duda, und wie Fiona Steil-Antonis Team Vandoeuvre den Abstieg vermied.

Clichy wurde erneut Meister! | Foto: Französische Schachföderation

Clichy mit Tempomat

Für die topgesetzte Mannschaft Clichy sah es anfangs nach einem weiteren lockeren Sieg bei den Französischen Top 12 aus, da ihre größten Rivalen in Chartres (der Meister von 2015, Bischwiller), einen schwierigen Start hatten. In der zweiten Runde pausierte Arkadij Naiditsch, Niederlagen für Romain Edouard und Yannick Pelletier bedeuteten daher nur Remis gegen Strasbourg - ein Team, das am Ende des Turniers noch abstieg. Das große Duell in der vierten Runde zwischen Clichy und Bischwiller wurde schlussendlich durch vierte Siege in Folge für Jorden van Foreest und Loek van Wely entschieden.


Hier ist ein kurzes Video mit Ausschnitten von diesem Tag:

Jorden van Foreest bezwang Naiditsch, der mit seiner Französischen Verteidigung Mühe hatte, den Damenflügel zusammenzuhalten - doch dann verlegte Jorden das Spiel auf den anderen Flügel:


29. f5! exf5 30. Dg5! und van Foreest eroberte den Turm auf h8 im Tausch für den Läufer auf d3. Naiditsch versuchte, mit seinem b-Bauern Gegenspiel aufzuziehen...


... aber 36. Dc3! machte diesen Plan zunichte.

Jorden van Foreest ist zu jener Form zurückgekehrt, die ihn zu einem der am schnellsten aufsteigenden Stars der letzten Jahre gemacht hat | Foto: Französische Schachföderation

Nach einem schwierigen Jahr für den 18-jährigen holländischen Meister hat Jorden van Foreest durch acht Siege, zwei Remisen und eine Niederlage (eine Eloperformance von 2757, die ihm über 20 Wertungspunkte einbrachte) nun wieder die 2600-Elo-Grenze überschritten. Loek machte es ihm mit sieben Siegen, zwei Remisen und einer Niederlage in zehn Partien nach, aber Clichy hatte noch einen sehr starken Spieler, der auf Abruf bereit stand.

Gledura muss sich gewünscht haben, MVL hätte sich dagegen entschieden, in Chartres endlich zu spielen! Am zweiten Brett spielen Grzegorz Gajewski und Laurent Fressinet, die mehr daran gewöhnt sind, Kämpfe über ihre Chefs Anand und Carlsen auszutragen | Foto: Französische Schachföderation

Maxime Vachier-Lagrave kam rechtzeitig vom Grand Prix in Moskau zurück, um beim Kampf in der fünften Runde gegen ein starkes Mulhouse mitzuspielen, das am Ende des Turniers geteilt auf dem dritten Platz landete, aber nach Zweitwertung Nizza unterlegen war. Er traf auf den 17-jährigen ungarischen Starspieler Benjamin Gledura, der nach seinem Sieg über Naiditsch in der ersten Runde ein gutes Turnier spielte. Ihr Giuoco Piano verlief jedoch nicht lange ruhig...


Hier nahm Maxime die schwarze Stellung mit 21. Se5!! auseinander - die Pointe besteht darin, dass nach 21. ... dxe5 22. Le5 der Versuch, den Springer mit 22. ... Kg7 zu decken, mit 23. Sg4! beantwortet wird. Gledura versuchte sich stattdessen mit 21. ... Dc8 einzugraben, doch 22. Sxg6+ fxg6 23. e5! sorgte dafür, dass es ein harter Tag für den jungen Spieler wurde. Der Rest war wunderschön, und in der Schlussstellung konnte MVL den Turm einsetzen, den er über a3 auf den Königsflügel gebracht hatte:


Weiß könnte einfach den Springer nehmen, aber er spielte 31. Tf7+!, worauf schnell Matt folgt. Zum Beispiel: 31. ... Kh6 32. Dxh5+! und 33. Th7# im nächsten Zug.

Bischwiller kämpft

Würde es für Clichy also einfach werden? Nicht ganz! Nachdem schon früh drei Punkte abgegeben wurden, fand Bischwiller endlich zur Form und gewann in der Folge alle restlichen Begegnungen, darunter auch zwei 8:0-Siege über die beiden Tabellenletzten. Naiditsch kam von zwei Niederlagen in drei Partien zurück, gewann von seinen restlichen Partien sechs und spielte nur einmal Remis; Markus Ragger blieb ungeschlagen und Maxim Rodshtein war der Ausreißer des Turniers. Er lieferte den Beweis, dass der Sieg über David Navara in der ersten Runde kein Zufallstreffer war, da er auf dem Weg zu einer Eloperformance von 2826 acht Partien gewann - damit ist auch der Schaden einigermaßen behoben, den seine Wertungszahl in Poikovsky und bei der Russischen Mannschafts-Meisterschaft erlitten hat.

Bischwiller musste sich zum zweiten Mal in Folge mit Silber begnügen | Foto: Französische Schachföderation

Bischwiller benötigte aber auch etwas Hilfe. Diese kam in der neunten Runde, als Clichy sowohl Wojtaszek und MVL eine Pause gönnte (soweit man das bei jemandem behaupten kann, der bis dahin nur eine Partie gespielt hatte!) und überraschend mit 3,5:4,5 gegen Saint Quentin verlor. Dort sorgte Jorden van Foreest gegen Cyril Marcelin für einen bizarren Moment:


Jorden spielte hier 32. Sb5??, wodurch er eine Figur aufgab und das Feld e2 gegen eine Springergabel ungedeckt ließ. Vielleicht nahm er an, dass 32. ... cxb5 wegen 33. Tc3 unmöglich sei, doch er übersah dabei, dass Schwarz einfach 33. ... Dxb7 spielen kann. Der Rest der Partie verlief für den holländischen Star bitter.

Für das Turnier waren das jedoch großartige Neuigkeiten, da die Mannschaften mit dem Wissen in die letzte Runde gingen, dass Clichy eine womöglich schwierige Begegnung mit dem von Baadur Jobava angeführten Tremblay gewinnen musste, um den Titelgewinn zu sichern. Bischwiller erhöhte mit dem einzigen 8:0-Sieg gegen das letztplatzierte Team Lisieux den Druck, während Clichy eine Entscheidung traf, die waghalsig wirkte. 

Jobava sah cool wie immer aus, allerdings hat Vladimir Matlakov den cooleren Nebenberuf... | Foto: Französische Schachföderation 

Sie setzten Radek Wojtaszek vor MVL ans Spitzenbrett, wo er auf seine Nemesis Baadur Jobava traf. Wojtaszek gewann ihre erste Begegnung 2005, doch seither hat er fünf klassische Partien verloren, darunter das Ausscheiden beim Weltcup, zwei Niederlagen in Wijk aan Zee und sogar eine Niederlage eines auf acht Partien angelegten "Freundschafts"-Matches. Wojtaszek räumte ein, dass Jobavas einigermaßen chaotischer Stil für ihn schwer zu handhaben ist; mittlerweile muss es sich aber gleichermaßen um ein psychologisches wie um ein schachliches Problem handeln, da Baadur in ihren Partien auch bewusst schnell zieht.

In Chartres spielte Jobava 1. b3, aber es war Wojtaszek, der als erster für eine Überraschung sorgte, als er im fünften Zug von seinem Spiel gegen Harikrishna und Rapport abwich. Die polnische Nummer Eins schien eine gute Stellung zu haben, bis er eine folgenschwere Entscheidung traf:


Es ist mit der halboffenen c-Linie natürlich gefährlich, doch entweder hier oder in den vorangegangenen Zügen sieht es so aus, als ob Schwarz auf den Damenflügel rochieren sollen hätte, da der Königsflügel alles andere als sicher ist. Wojtaszek zog stattdessen 16. ... 0-0, und bald spielte Jobava g4 und entwickelte einen der einfachsten Angriffe am Königsflügel, den ihr zwischen zwei 2700-Spielern womöglich je sehen werdet - Wojtaszek gab im 35. Zug auf.

Kein großartiger Abschluss für Radek Wojtaszek, doch davon abgesehen war er (für gewöhnlich) am Spitzenbrett sehr solide | Foto: Französische Schachföderation

Schlussendlich war das jedoch nur ein kurzes Straucheln, da Clichy in der Folge fünf der restlichen sieben Partien und damit den Titel gewinnen konnte:


Maxime Vachier-Lagraves zweite Partie im Turnier für seinen Klub sah nach einem langweiligen Remis in geschlossener Stellung aus, aber er beendete sie mit einem außergewöhnlichen Turmopfer:


44. Tgxg5!! (die Rufzeichen werden für den ästhetischen Wert vergeben, da Weiß auch einfach nur endlos mit den Figuren ziehen kann) 44. ... fxg5 45. Tf7 Td8 (natürlich lässt jeder andere Zug Matt zu) 46. f3! (wirklich ein einziger Zug)


Eine der Stellungen des Jahres?

Schwarz hat für einen Bauern einen ganzen Turm weniger, aber es ist eine exquisite Zugzwang-Situation. Der Vormarsch des Bauern nach g4 würde nichts ändern, daher kann Schwarz nur mit dem Turm auf h7 ziehen. Nach 46. ... Thh8 47. Txg7 gibt es wiederum nichts, was Schwarz tun kann. Falls etwa 47. ... Th5 geschieht, folgt 48. Tg6+ Ke7 49. Tg7+, und der schwarze König müsste in sein Mattnetz nach d6 zurückkehren, oder alle Bauern am Damenflügel fallen und Weiß gewinnt. Vladimir Malakhov hatte all das gesehen und wählte mit 47. ... Thg8 48. Th7 Th8 49. Tg7 Thg8 einfach eine Stellungswiederholung. Maximes Kurzauftritt in Chartres war nicht ganz vergeblich!

Clichy, Französische Vereinsmeister 2017!!

Weltmeister!!

Pl.TeamPtsd.p.c.
1Clichy3133429
2Bischwiller3035449
3Nice Alekhine27193314
4Mulhouse Philidor27163216
5Bois-Colombes24143319
6Grasse Echecs2362115
7Saint Quentin2102323
8Tremblay-En-France2022725
9Vandoeuvre19-32225
10Strasbourg18-52025
11Montpellier13-56460
12Lisieux11-61667

Duda glänzt

Ein Spieler, der in Chartres für Aufmerksamkeit sorgte, war der 19-jährige Jan-Krzysztof Duda. Der Junior mit der weltweit zweihöchsten Wertungszahl (hinter Wei Yi) kam in der sechsten Runde erstmals zum Einsatz und spielte gegen die polnische Nummer Eins Radek Wojtaszek Remis. Er spielte insgesamt nur fünf Partien, doch zwei davon waren Klassiker. Jean-Mark Degraeve griff in einer Schottischen Partie daneben, wie sich nach Dudas 16. d6! klar zeigte:


Weiß zerstört mit nur einem Bauern die schwarze Struktur völlig - der c8-Läufer steckt hinter isolierten Doppelbauern auf komische Weise fest, und nach 16. ... Dxd6 17. Dxd6 cxd6 18. Sb5 Ke7 19. a4 gab es für den Turm auf a8 keine Hoffnung mehr. Schwarz gelang es schlussendlich, den Läufer um den Preis einer Qualität und eines Bauern zu befreien, doch es ist vielleicht passend, dass er in der Schlussstellung wieder am Ausgangspunkt steht, während Duda auf beiden Seiten des Brettes überlegen steht:


Eine Partie, die Schachtrainer ihren Schülern zeigen können! 

Der 19-jährige Duda hat jenen kritischen Moment in seiner Laufbahn erreicht, da er wirklich bei Spitzenturnieren spielen muss... falls er Einladungen bekommen kann! | Foto: Französische Schachföderation

Das gleiche kann von Duda - Jobava behauptet werden, da der junge Spieler typisch aggressives Spiel von Jobava widerlegen konnte, die Damen tauschte und sich daran machte, das Endspiel zu gewinnen:


32. Lxg5! Nach 32. ... fxg5 würde Weiß nicht 33. Sxg5 spielen, das mit 33. ... Te2+! beantwortet wird, sondern zuerst den Zwischenzug 33. Sge5+. Das war noch immer besser als Jobavas Versuch, da nach 32. ... Te2+?! Weiß 33. Tf2 Txf2+ 34. Kxf2 zog und sofort besser stand - der Läufer kann wegen der drohenden Springergabel nicht geschlagen werden. Ihr solltet euch die Partie in voller Länge ansehen, da die Art und Weise, wie Duda seinen Vorteil konsolidierte, genaue Berechnungen verlangte. In der Schlussstellung wird der weiße g-Bauer die Partie langsam, aber sicher entscheiden:


Die polnische Nummer Zwei hatte der polnischen Nummer Eins gezeigt, wie man es richtig macht, in gewisser Hinsicht wirkte es aber auch wie eine Strafe für die letzten beiden Partien Baadurs - er hatte nach 5 (!) bzw. 17. Zügen Remis gespielt. 

Duda, der in diesem Jahr die Schule beendet, hat nun eine Live-Wertungszahl von 2696,9 und hat nun Chancen, erstmals die 2700-Grenze zu überschreiten: bei der morgen beginnenden Einzel-Europameisterschaft in Minsk, bzw. nächsten Monat, wenn Polen bei der Mannschafts-WM in Khanty-Mansisk als Nummer Vier der Setzliste antritt.

Der Abstiegskampf

Am anderen Tabellenende wurde gegen den Abstieg gekämpft - drei Teams steigen ab, und während Lisieux und Montpellier keine Chance hatten (sie konnten Mannschaftsniederlagen nur im direkten Duell vermeiden, das Montpellier gewann), wurde heftig gegen den dritten Abstiegsplatz gekämpft. Strasbourg ging mit einem Punkt Vorsprung auf Vandoeuvre in die letzte Runde, doch sie verloren erwartungsgemäß hoch gegen Nizza. Dadurch musste Fiona Steil-Antonis Team Montpellier besiegen, was ihnen mit einem sehr überzeugenden 6:0 gelang.

Vandoeuvre hat es geschafft!

Hier ist noch einmal Fionas erster Vlog von den Französischen Top 12, der einen guten Einblick darauf gibt, wie es ist, in diesem Turnier mitzuspielen:

Die Französischen Top 12 sind somit zu Ende. Es gibt jedoch derzeit oder in Kürze jede Menge Schach, darunter das Capablanca Memorial in Kuba und ab morgen die Europameisterschaft in Weißrussland. Und dann dauert es nur noch eine Woche, bis das womöglich stärkste Turnier des Jahres (und beinahe aller Zeiten) beginnt: Altibox Norway Chess!

Weitere Links:


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