Berichte 26.03.2016 | 19:11von Colin McGourty

Kandidatenturnier, Runde 12: Karjakin gewinnt, Anand verliert

Vishy Anands Tabellenführung beim Kandidatenrennen fiel erneut kurz aus, da er nach einer missglückten Eröffnung gegen Hikaru Nakamura nach weniger als einem Dutzend Zügen auf Verlust stand. Sergey Karjakin nützte diese Umstände - sowohl Vishys Probleme als auch Veselin Topalovs schlechte Form - voll aus, um locker zu einem Sieg zu gelangen, mit dem er in der Zweitwertung "gewonnener Partien" entscheidend vor Fabiano Caruana in Führung liegt. Die beiden anderen Partien - Svidler-Giri und Caruana-Aronian - endeten remis, allerdings nicht ohne lange und - zeitweise - packende Kämpfe.

Karjakin zeigte sich von der Niederlage gegen Anand gut erholt und eroberte die Tabellenführung zurück - diesen Tabellenplatz hatte er nach 10 von 12 Runden inne | Foto: World Chess

Kandidatenturnier in Moskau, Ergebnisse der 12. Runde

Wie es Gastkommentator Robin van Kampen ausdrückte, gab es in dieser Runde zwei Begegnungen, die überraschend kurz waren, und zwei, die überraschend lang waren. Die größte Überraschung des Tages war jedoch, dass Vishy Anand in einer Partie mit den schwarzen Steinen einmal mehr in eine umfassende Vorbereitung gelaufen war:

Nakamura 1-0 Anand

Anand war nun an nicht weniger als der Hälfte aller entschiedenen Partien in Moskau beteiligt | Foto: World Chess 

Es wurde oft bemerkt, dass Spitzengroßmeister im Rudel jagen und bei Eliteturnieren auf jegliches Anzeichen einer Schwäche des Gegners losgehen. Vishy Anand hat mit den weißen Figuren in Moskau wie ein Schachgott gespielt (6 Partien, 4 Siege, 2 Remisen), doch mit Schwarz war er nicht wiederzuerkennen und verlor drei Partien beinahe kampflos. Schlimmer noch, in der 10. Runde spielte er in der Englischen Eröffnung das scharfe System mit 4. ... Lb4 und lief im 12. Zug in eine starke Neuerung Caruanas. In der 12. Runde wiederholte er dieses System und geriet in ein unglaublich riskantes Abspiel, das sich Hikaru Nakamura unmittelbar vor der Begegnung angesehen hatte:

Ich habe dieses Abspiel neben vielen anderen Dingen, die ich vor der Partie angesehen habe, irgendwie vorbereitet, und im Grunde habe ich darauf gesetzt, dass Vishy nicht darauf vorbereitet ist und menschlicher aussehende Züge spielen würde.

Nakamura spürte, dass Vishy - der berühmt dafür ist, einer der bestvorbereitetsten Spieler der Schachwelt zu sein - im 11. Zug "beinahe auf Verlust" stand. Jan Gustafsson führt uns durch die Partie:

In seiner Pressekonferenz nach der zehnten Runde äußerte Vishy ganz zum Schluss als einziges Wort "Danke". Kaum zu glauben, dass das noch zu übertreffen ist, doch nach der zwölften Runde gelang ihm das!

Das gab Sergey Karjakin die Gelegenheit dazu, seine Niederlage gegen "den anderen Vishy" tags zuvor wieder auszubügeln, und in Veselin Topalov hatte er williges Opfer gefunden.

Karjakin 1-0 Topalov

Nach dieser Partie war Topalov bester Dinge, als er seine Entscheidung beschrieb, mit der Angewohnheit der Spieler in Moskau, 1. e4 mit 1. e5 zu beantworten, zu brechen und stattdessen Sizilianisch zu spielen:

Ich bekomme immer gute Stellungen aus der Eröffnung heraus, aber ich verliere immer. Der einzige, den ich schlug, war Magnus. Aber ganz allgemein verliere ich alle meine Partien - nicht nur mit Najdorf... Heute konnte ich mich natürlich an gar nichts erinnern!

Sergey musste einfach nur einen Standard-Angriffsplan einhalten, ehe Veselin mit 17. ... Tc8? grob fehlgriff, da dies 18. h6! erlaubte.


Die seltsame Sache ist jedoch, dass Topalov diesen Hammerschlag gesehen hatte, ihn aber ignorierte, da er "einen sehr einfachen Zug" übersehen hatte. Er erwartete, dass Weiß nach 18. ... fxg6 19. hxg7 spielen würde, nach dem Schwarz gut gestanden wäre, aber der Bulgare sagte, er habe auf das Schlagen auf e6 "völlig vergessen". Nach 19. Sxe6! Dd7 20. Sxf8 hatte Schwarz die Qualität verloren und Veselin räumte ein, dass seine Stellung einfach weg war. Karjakins Verwertung war vielleicht nicht perfekt, aber als Topalov die Einladung zum Damentausch samt miserablem Endspiel ausschlug - welches er trotzdem lange Zeit gehalten hätte - war das Ende nah.

Es waren einige schillernde Schlusskombinationen möglich…

34. Se7+!! war der Vorschlag des Computers - und es ist ein unterhaltsames Abspiel, das ihr in unserem Übertragungssystem nachspielen könnt (macht einfach eure Züge am Brett!): 34. ... Txe7 35. Txg6+! hxg6 36. Th8+! Kh8 37. Dxf8+ und das Festmahl beginnt...

…aber Sergey hatte die Aufgabe nach 35 Zügen ohne jegliche Probleme gelöst.  

Hier geht es zur anschließenden Pressekonferenz:

Ein Beobachter, der russische Kommentator Sergey Shipov, stand Topalovs Herangehensweise während der Live-Sendung kritisch gegenüber. Ein Mitglied des KasparovChess-Forums fand, dass das dem Ex-Weltmeister gegenüber unfair war, da er einfach nicht in Form sei. Sergey antwortete:

Es ist nicht nur, dass er nicht in Form ist, er ist auch schlecht auf das Turnier vorbereitet. Der Kerl spult einfach das Programm herunter! Das zu sehen ist extrem unangenehm - man sollte an solch ein hochklassiges Turnier ernsthafter herangehen.  
Oder er hätte im Vorhinein seine Teilnahme absagen sollen. Dann wäre sein Platz an einen motivierteren Spieler gegangen, der höherwertigeres Spiel gezeigt und mehr Punkte erreicht hätte …
Kramnik (und nicht nur er) hätte sich an Topalovs Stelle keine solche Herangehensweise ans Turnier erlaubt.

Ist das eine faire Einschätzung, einem Spieler mit einem schlechten Turnier gegenüber zu hart, oder ist es einfach ein unvermeidlicher Fehler von Rundenturnieren, dass es gegen Ende Spieler gibt, für die es um nichts mehr geht und die deswegen die Motivation verlieren? Teilt uns eure Gedanken doch über einen Kommentar mit.

Es blieben noch zwei Partien übrig, und es hatte den Anschein, als ob sie bald ohne Entscheidung beendet wären. Doch nichts dergleichen! Es lagen noch Stunden und Dutzende Züge vor uns…

Caruana ½-½ Aronian

Ein weiteres Kandidatenturnier scheint Levon zu entgleiten, während ein Weltmeisterschaftsmatch für Fabiano zum Greifen nah ist | Foto: World Chess

Um eine gute Chance auf eine Qualifikation für ein Weltmeisterschaftsmatch zu bekommen, musste Levon Aronian diese Partie wirklich gewinnen, was eine Erklärung dafür sein mag, warum er einen remislichen Abtausch im 16. Zug ablehnte und sich stattdessen für ein seltsames Abspiel mit 16. ... d4 entschied, welches zu einer unausgeglichenen Stellung mit einem Bauern weniger führt, in dem der schwarze Bauer auf c3 sowohl einen Pfahl im weißen Fleische als auch eine mögliche Schwäche darstellt.

Caruana überraschte Aronian zuerst mit einem ruhigen Vorgehen (und damit nicht mit dem vom Computer und Levon empfohlenen 20. f4), doch dann schlug er mit dem riskanten 22. a4!? aus, als das Halten des Mehrbauern eine Möglichkeit darstellte:


Ab diesem Zeitpunkt ging die Einschätzung der Stellung durch die Spieler dramatisch aus einander:

Aronian: Ich dachte, du würdest das langsam verlieren - das war mein Gefühl!

Caruana: Ich denke nicht, dass ich in der Partie schlechter stand.

Der Schlüsselmoment der Begegnung war vermutlich vorüber, ehe man sich dessen bewusst wurde, da Levon kurz eine Gelegenheit hatte, einen sehr überraschenden taktischen Schlag anzubringen:


38. ... Txd3!! Es stellt sich heraus, dass die drei schwarzen Bauern am Damenflügel mindestens einen Turm aufwiegen, und vielleicht sogar genug Vorteil für einen Sieg bieten (es ist erwähnenswert, dass etwa nach 39. cxd3 Dxd3+ 40. Kg1? Schwarz mit 40. ... Dc4! einen Damentausch anbieten kann, den Weiß nicht annehmen kann). Die Zeit war jedoch knapp, und wie Levon später in der Pressekonferenz bezüglich einer anderen Stellung anmerkte (und dabei zweifellos an seine Abenteuer gegen Anand und Svidler dachte):

Ich würde das in Zeitnot nie machen - ich habe meine Lektion gelernt, was das Machen seltsamer Dinge in Zeitnot anbelangt!

Die Partie selbst wurde im 45. Zug noch einmal lebhaft, als Caruana seine bekannte Zähigkeit im Berechnen halsbrecherischer Abspiele demonstrierte, in dem die weißen e- und d-Bauern schlussendlich einen schwarzen Freibauern auf der h-Linie aufwogen. Das Remis wurde im 67. Zug vereinbart.

Hier könnt ihr die Pressekonferenz noch einmal sehen:

Und damit sind nur noch zwei Spieler übrig…

Svidler ½-½ Giri

Ein harter Kampf um Ausgleich - sowohl während der Partie als auch in der Pressekonferenz danach - war vermutlich nicht, was sich Peter vor Beginn der Runde vorgestellt hatte | Foto: World Chess

Als Vishy bereits durch Nakamuras häusliche Vorbereitung Schiffbruch erlitten hatte, führte unser Kommentatorenduo Anish Giris Spiel gegen Peter Svidler als ein Beispiel dafür an, was der Ex-Weltmeister stattdessen hätte machen sollen - die Hauptvariante mit 4. ... d5 spielen und eine Stellung erreichen, in der es unwahrscheinlich ist, dass in der Eröffnung etwas schief geht. In der Tat gab Svidler zu, vergessen zu haben, warum er diese Stellung angestrebt hatte, die in der Begegnung aufs Brett kam, und Schwarz übernahm die Kontrolle, bis Giri die Gelegenheit ausließ, im 29. Zug Vereinfachungen vorzunehmen und in ein Schwerfigurenendspiel mit einem Mehrbauern überzuleiten.

Svidler revanchierte sich einige Züge später für den Gefallen, als er 31. Dxe5?! spielte, was 31. ... Dxb5 erlaubte:


Er gestand, dass er hier einfach 32. Le7?? spielen wollte, was im Vorhinein übersehen hatte, dass 32. ... Dc6! auf der Stelle gewinnt. Stattdessen musste sich Svidler in einem Turmendspiel mit Minusbauern abmühen. Die allgemeine Weisheit, dass alle Turmendspiele remis sind, bestätigte sich; allerdings nicht, bevor Giri bis zum 85. Zug jeden erdenklichen Trick angewendet hatte, ehe er Remis Nummer 12 akzeptieren musste. 

Wie Giris Freund Robin van Kampen anmerkte, laufen die Dinge nicht allzu schlecht, wenn man der jüngste Spieler in solch einem Turnier ist und dein einziges Problem das Nichtverwandeln einiger gewonnener Stellungen ist... | Foto: World Chess

Wie uns Olimpiu G. Urcan daran erinnerte, war Giri froh gewesen, dass Caruana und Adams beim London Chess Classic 2015 neun Remisen erreicht hatten - um aus unserem Abschlussbericht zu zitieren:

Es könnte etwas dazu beitragen, mein Image zu dem Typ, der alle seine Partien Remis hält, zu ändern. Ich hatte noch nie ein Turnier,  in dem alle meine Partien Remis endeten, und jetzt sind wir schon zu zweit, die das so machen!

Nun, Anish (der nun gegen Anand und Topalov spielt) ist zwei Partien davon entfernt, einen Rekord für die Ewigkeit aufzustellen, indem er alle 14 Partien eines Kandidatenturniers unentschieden hält. Über diese Möglichkeit wurde in der anschließenden Pressekonferenz nicht gesprochen, doch es gab ein großes Gefühl der Vorahnung:

Die seltsamste Sache bei einer @polborta/@anishgiri Pressekonferenz ist, dass einer der beiden mathematisch betrachtet der weniger gesprächige sein muss. Wetten?

Es war zum Schluss vermutlich Remis, aber es gab einige großartige Zitate. Als Giri andeutete, er habe Chancen gehabt, seinen Gegner Matt zu setzen, entgegnete Svidler trocken:

Wenn du Matt setzen kannst, hast du definitiv eine gute Partie gespielt.

Peter wies, wie es für ihn üblich ist, auf einige Fehler hin, die er gemacht hatte, was Anish zur Anmerkung ermutigte:

Das Problem mit dieser Art von Partie ist, dass sie noch immer schwierig zu gewinnen sind, selbst wenn dein Gegner 20 Ungenauigkeiten hinter einander spielt!

Diese Bemerkung blieb in der Luft, bis Svidler auf sie zurück kam:

Nach meinen 122 Ungenauigkeiten hinter einander (Giri wirft ein: "Ich sagte nur 21!") denke ich nicht, dass ich meine Meinung weiterhin ausdrücken sollte - ich bin heute vom Kundtun meiner Meinung disqualifiziert.

Gastgeber Ian Nepomniachtchi wurde vom Spaß nicht ausgeschlossen, so wurde die Frage nach den Plänen für den Ruhetag an ihn zurück gerichtet, bevor eine weitere Frage ein noch schlechteres Ergebnis erbrachte:

Nepo: "Wie schätzt du deine Chancen ein, um den ersten Platz kämpfen zu können?"
Giri: "Etwas besser als deine, aber nicht viel!" :)

Peter Svidler antwortete später, dass "50 % bei noch zwei ausstehenden Runden kein großartiges Ergebnis ist", was nicht nur auf Svidler zutrifft, sondern auch auf Giri und Aronian. 

Hier könnt ihr die Pressekonferenz noch einmal sehen:

Sehen wir uns die Kreuztabelle zwei Runden vor Schluss an:

Wie ihr sehen könnt, liegen Karjakin und Caruana vorne, und Anand kommt trotz seines schlechten Arbeitstages gleich dahinter. Sie spielen nun gegen:

  1. Karjakin: Aronian (Schwarz), Caruana (Weiß)
  2. Caruana: Svidler (Weiß), Karjakin (Schwarz)
  3. Anand: Giri (Weiß), Svidler (Schwarz)

Vishy hat die beste zweite Zweitwertung (meiste Siege), Caruana hat die bessere Zweitwertung als Vishy (indem er das direkte Duell für sich entschieden hat), aber noch wichtiger ist vermutlich, dass Karjakin mehr Siege als Caruana aufweist. Es ist eine reelle Möglichkeit, dass Fabiano mit dem Wissen in die letzte Runde geht, Karjakin mit Schwarz schlagen zu müssen, um ein Match gegen Magnus Carlsen spielen zu können!

Natürlich ist die Lage komplizierter als das, aber keine Sorge - wir haben einen Ruhetag, um alle möglichen Platzierungsänderungen in Moskau durchzurechnen! Die Kämpfe beginnen am Ostersonntag um 14:00 Uhr (die Uhren werden in Europa vorgestellt, aber nicht in Russland), Fiona Steil-Antoni und Ilja Zaragatski werden live berichten. Hier geht es zur Sendung zur zwölften Runde:

Ihr könnt auch alle Partien über unsere kostenlosen Apps nachspielen:  

         

Weitere Links:


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