Allgemein 13.01.2016 | 11:34von Colin McGourty

Der tragische Tod des Ivan Bukavshin

Der russische Großmeister Ivan Bukavshin ist im Alter von 20 Jahren plötzlich und völlig unerwartet gestorben. Der mehrfache russische und europäische Juniorenmeister erlitt im Trainingslager offenbar einen Schlaganfall und starb kurz nach dem Abschluss des erfolgreichsten Jahres seiner Schachkarriere. Wir schauen auf dieses Jahr zurück und lassen einige seiner Weggefährten zu Wort kommen.

Ivan Bukavshin (1995-2016) | Foto: David Llada

Der Pressesprecher des russischen Schachverbands, Kirill Zangalis, gab erste Details zu Ivans Tod bekannt:

Ivan starb während eines Trainingslagers in Tolyatti. Abends klagte er über Kopfschmerzen. Möglicherweise ist er hingefallen und rief vergeblich nach Hilfe. Aktuell lautet die ärztliche Diagnose Schlaganfall.

Sein russischer Großmeisterkollege Sergey Karjakin brachte sein Beileid auf Twitter zum Ausdruck und beschrieb Ivan als, “als jungen und talentierten Großmeister – einen riesigen Verlust für das russische Schach”. Andere Bekannte standen ebenfalls unter Schock:

"Ich erinnere mich an die 1.Runde meines allerersten Schachturniers 2007 - sie endete remis gegen Ivan Bukavshin. Seitdem waren wir befreundet. Ruhe in Frieden, mein Freund." 

Sergey Shipov schrieb:

Mein Gott, was für ein Alptraum … er war noch ein Junge! Gesund, voller Energie…

2015 spielte Ivan sehr erfolgreich. Er qualifizierte sich erstmals für das Russische Superfinale und schnitt passabel ab. Unterm Strich schaffte er erst letztes Jahr den entscheidenden Schritt zu einem starken Großmeister mit einem eigenen Stil.

Und nun so etwas …

Ich erinnere mich an Vanya, als er vor zehn Jahren noch sehr klein war und an den Jugendtrainings in Dagomys und Novogorsk teilnahm. Ich spielte mit den anderen Talenten eine Blitzpartie nach der anderen. Ich schlug sie alle, aber Ivan Bukavshin war der Einzige, der mich schlug. Sein Talent war damals schon erkennbar. Es war klar, dass er ein starker Schachspieler werden würde.

Ruhe in Frieden.

Ivan wurde am 3. Mai 1995 in Rostov am Don geboren, und seine Laufbahn als Schachspieler begann mit viereinhalb Jahren. Er beschrieb seine Anfänge in einem Interview mit Anna Shaimardanova und Pavel Seshchenko im Jahr 2013:

Kinder mögen normalerweise Sportarten, in denen sie sich bewegen können. Warum hast du mit Schach angefangen?

Mit viereinhalb Jahren kam ich zum ersten Mal mit Schach in Berührung. Mein Vater erklärte mir die Figuren und die Regeln. Zunächst war ich nicht sonderlich begeistert, aber mit der Zeit stieg mein Interesse und recht bald lebte ich nur noch für Schach. Die Tiefe des Spiels und sein Facettenreichtum zogen mich an, genauso wie die Tatsache, dass man ständig dazulernt und immer mehr über seine Nuancen und verschiedenen Aspekte weiß. Als Kind mochte ich wie andere Fußball, Basketball, Schwimmen und viele andere Sportarten, aber Schach bedeutete mir alles. Vielleicht lag es daran, dass ich eine ruhige Natur bin, der es nichts ausmacht, einige Stunden vor einem Schachbrett zu sitzen.

Wann kamen die ersten Erfolge?

Ein Jahr, nachdem ich angefangen hatte, an den Jugendtrainings meines Schachclubs teilzunehmen, gewann ich die Jugendmeisterschaft meiner Heimatstadt. Größere Erfolge folgten 2005 – da gewann die russische U10-Meisterschaft und wurde Zweiter bei der Jugend-WM. Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass ich das Potential hatte, ein starker Spieler zu werden. 2006 entschieden meine Eltern, dass ich von meiner Heimatstadt Rostov am Don nach Tolyatti ziehen sollte, da ich dort bessere Bedingungen vorfand, um mein Schach zu verbessern.

Der Umzug  in eine Stadt, die tausende Kilometer von seiner Heimat entfernt lag, zahlte sich aus. Er gewann drei europäische Jugendmeisterschaften und wurde 2014 russischer Juniorenmeister.

Ivan Bukavshin bei seinem ersten und letzten russischen Superfinale 2015 | Foto: Russischer Schachverband

Es ist aber nicht immer einfach für talentierte Jugendliche, in einem solchen Umfeld besser zu werden. Im zweiten Teil seines Jahresrückblicks auf 2015 (den wir in einigen Tagen hier veröffentlichen) schreibt Sergey Shipov:

Unsere Nachwuchsspieler haben gewissermaßen ein geographisches Problem, denn wenn Fedoseev, Dubov oder Bukavshin aus einem kleineren Land kämen, wären sie eher bei starken Rundenturnieren dabei. Momentan sind die Turnierorganisatoren eher an Kraminik, Karjakin und Grischuk interessiert und brauchen keinen fünften, siebten oder zehnten Russen.

Unsere Nachwuchsspieler müssen daher Siege gegen ihre überragenden Zeitgenossen erringen oder den Weltcup gewinnen. Nur dann haben sie eine Chance, in der Spitze Fuß zu fassen.

Obwohl er neben dem Schach an der Universität von Ekaterinburg studierte, erzielte Bukavshin im Jahr 2015 einige Erfolge. Zunächst wurde er Dritter hinter Daniil Dubov und Ian Nepomniachtchi beim stark besetzten Aeroflot Open im März. 

Bukavshin schlug Al-Sayed, Inarkiev, Rapport und Adhiban, remisierte seine restlichen Partien und gewann über 20 Elo-Punkte dazu.

Dann gewann er die russische Juniorenmeisterschaft und qualifizierte sich bei russischen Higher League mit +4 für das Russische Superfinale: 

Er remisierte mit Stars wie Svidler, Karjakin und Jakovenko, schlug Khairullin, musste aber wegen Niederlagen gegen Vitiugov und dem späteren Sieger Tomashevsky mit -1 vorliebnehmen.


Seine Partie gegen Svidler verlief sehr spannend, wobei Peter hinterher twitterte, sein Spiel "sei idiotisch und mutig" gewesen! Es war typsich für Bukavshin, dass er diese Partie als Lernerfahrung einschätzte. Zu Dmitry Kryakvin sagte er:

Nach Chita stellte ich fest, dass ich immer noch schwach Schach spielte und eine Menge lernen musste. Dieser Eindruck war sehr stark. Man spielt zum Beispiel nicht jeden Tag gegen Peter Svidler! In der Eröffnung sind alle, die keine Analyseteams zur Verfügung haben, mehr oder weniger auf gleichem Niveau. Die Besten sind in der Gesamtheit besser – überall ein bisschen. Wenn du gegen sie spielest, merkst du das, obwohl das Gefühl schwer in Worte zu fassen ist.  

Die große Enttäuschung von 2015 aber war die Niederlage in der ersten Runde des Weltcups gegen Sergei Zhigalko, wo Bukavshin nach zwei Remis im Schnellschach ausschied. Er verlor aber nicht den Mut, sondern schlug mit zwei Turniersiegen in Folge zurück. Erst gewann er beim Yugra Governor’s Cup in Khanty-Mansiysk:

An dann am selben Ort den russischen Pokal. Dieses Turnier mit 16 Spielern wird in einem ähnlichen Format wie der Weltcup durchgeführt.  In den ersten beiden Runden musste Bukavshin ins Armageddon, aber im Halbfinale gegen Khismatullin und im Finale gegen Kokarev gewann er im klassischen Schach.


Das war der letzte große Erfolg seiner Karriere.

Ivan Bukavshin gewinnt den Russischen Pokal | Foto: Russischer Schachverband

Vor dem Nussknacker-Turnier der Generationen an den Weihnachtstagen äußerte er sich gewohnt bescheiden über seine jüngsten Erfolge: 

Dieses Jahr hast du beim Aeroflot Open, der russischen U20-Meisterschaft und der Higher League sehr gut abgeschnitten, und jetzt auch den Pokal gewonnen. Wie hast du es geschafft, derart enorme Fortschritte von „vielversprechend“ zu einem der besten Spieler zu machen?

Es gab auch zwei Turniere, in denen ich weiteren Bekanntheitsgrad erringen hätte können: beim Weltcup und beim Superfinal. Beim Weltcup schied ich in der 1.Runde aus und beim Superfinal erzielte ich -1. Unterm Strich gewann ich bei diesen Turnieren nur zwei Elo-Punkte. Natürlich gab es auch Turniere, mit denen ich zufrieden war, wie die russische Mannschaftsmeisterschaft, aber ich würde meine Fortschritte nicht überbewerten. Ende des Jahres werde ich am Nussknacker-Turnier teilnehmen, wo ich entweder noch einmal zuschlagen werde oder auf dem A… lande.“ Insgesamt bin ich mit dem Jahr zufrieden!  

Das Nussknacker-Turnier wurde mit Junioren und Senioren ausgetragen. 

In den ersten vier Runden verlor Bukavshin gegen Peter Leko und Evgeniy Najer (nachdem er beide Male einer Zugwiederholung ausgewichen war), rehabilitierte sich aber mit drei Siegen beim Schnellschach. Einmal verlor er dort auch, aber das war auch die Partie des Turniers.

Wie ein Interview aus dem Jahr 2011 zeigt, wusste Bukavshin solche Partien durchaus zu schätzen:

Was ist für dich beim Schach am wichtigsten? Die Partie oder das Ergebnis?

Schach ist ein Sport, und daher kommt man ohne Ergebnisse nicht weiter, aber für mich ist Kreativität am wichtigsten. Manchmal macht mir sogar eine Niederlage Freude, aber nur wenn es sich um eine kreative Partie mit zweischneidigem Spiel handelte.  

Welcher berühmte Schachspieler gefällt dir am besten?

Fischer war seiner Zeit voraus, und es macht Spaß seine Partien zu analysieren. Kramnik und Kasparov spielten sehr stark, aber am besten gefallen mir die kreativen Partien von Viktor Korchnoi.

Boris Gelfand war beeindruckt von Bukavshin, und bezeichnete seine Eröffnungsvorbereitung  als “deutlich besser als die der anderen”. Er ging sogar noch weiter:

Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, muss ich sagen, dass zwei eindeutig besser als die anderen sind. Artemiev und Bukavshin sind bereits reife, starke Schachspieler, denen nur Erfahrung fehlt. Das sind man schon an ihren Ergebnissen bei der Higher League, dem Aeroflot Open, dem russischen Pokal oder dem Superfinale. In beiden klassischen Partien hielt ich nur wegen meiner Zähigkeit remis.

Ivan Bukavshins letzte Turnierpartie - gegen Peter Leko | Foto: Russischer Schachverband

Leider können wir den weiteren Weg des Schachspielers Ivan Bukavshin nicht mehr verfolgen. Er teilte das Schicksal von Vugar Gashimov, Elena Tairova, Vesna Rožič, Igor Kurnosov und Karen Asrian, die alle auf tragische Weise viel zu jung verstarben.

Unser Beileid gilt Ivans Freunden und seiner Familie. Möge er in Frieden ruhen.     


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