Berichte 06.06.2017 | 13:31von Colin McGourty

Carlsen dominiert das Altibox Norway Chess-Blitzturnier

Magnus Carlsen gewann auf dem Weg zu einem atemberaubenden Sieg beim Eröffnungsblitzturnier des Norway Chess 2017 sechs Partien und spielte dreimal remis. Mit seinen 7,5 aus 9 hatte er ganze zwei Zähler mehr als Hikaru Nakamura und Levon Aronian; daneben konnten sich auch Maxime Vachier-Lagrave und Vladimir Kramnik das Recht auf eine zusätzliche Weißpartie erspielen. Anish Giri konnte den Witzeleien seiner Kollegen nicht entkommen, da er seine letzten fünf Partien verlor und abgeschlagen am Tabellenende landete. So richtig los geht's am Dienstag, wenn Carlsen und die Nummer Zwei der Welt So in der ersten Runde des klassischen Turniers aufeinander treffen.

Carlsen erschien nach der Rückkehr von einem Ausflug mit seinem Sekundanten Peter Heine Nielsen mit entschlossener Miene zum Blitzturnier | Foto: Jose Huwaidi

Die Spieler gaben vor dem Blitzturnier in Stavanger gemeinsam eine Pressekonferenz, bei der Nigel Short und Dirk Jan ten Geuzendam ihnen abwechselnd Fragen stellten:

Magnus dachte über seine jüngste Form und die Stärke des Feldes nach:

Ich habe seit der Weltmeisterschaft nicht wirklich viel gespielt oder Schwung gehabt. Ich habe, denke ich, drei zweite Plätze und einen dritten, was nicht ist, was ich im Sinn habe, und mein Spielniveau war auch nicht gut... Um etwas über die Stärke des Turniers und auch den Rückgang meiner Wertungszahl zu sagen: es ist beinahe das erste Mal seit langer Zeit, dass von mir nur +1 erwartet wird, was sehr angenehm ist! Ich bin sehr motiviert. Ich hoffe, mein Bestes zeigen zu können, und es wird eine Freude und eine Herausforderung, jede Partie zu spielen.

Nun, es war vielleicht nur Blitzschach - und Magnus' Wertungszahl von 2914 deutete ein besseres Resultat als +1 hin, aber das Eröffnungsturnier war dennoch eine atemberaubende Demontage eines der besten Teilnehmerfelder bei einem Schachturnier.

Die fünfte Ausgabe des Altibox Norway Chess hat begonnen! | Foto: Lennart Ootes

Ihr könnt alle Partien mit dem Selektor unterhalb nachspielen (klickt auf ein Ergebnis, um die Partie mit Computeranalyse nachzuspielen, oder bewegt den Mauszeiger über einen Spielernamen, um dessen Ergebnisse einzublenden):

Solltet ihr das Blitzturnier versäumt haben oder wenn ihr das Tagesgeschehen noch einmal erleben möchtet, könnt ihr hier die zweistündige Berichterstattung von Peter Svidler und Jan Gustafsson aufrufen:

Magnus der Große

Carlsen hatte nach seinem Spiel bei der Weltmeisterschaft einige Kritik einstecken müssen, aber diese Leistung war beinahe makellos:


Er begann gegen Hikaru mit 1. Sc3, aber auch wenn seine Eröffnungen manchmal wie Trollen auf hohem Niveau wirken, so war an seinem Spiel nichts zufällig. Er hatte in seinen beiden ersten Partien Gewinnchancen, aber dann ging es mit dem Sieg über Anish Giri in der dritten Runde los - mehr dazu später! Danach war es eine Leistungsschau. 

Levon Aronian verlor nur eine Partie, und es war eine prächtige Falle. Magnus hatte gerade 25. b4!! gespielt:


Das scheint den ungedeckten Springer auf c4 zu übersehen, der durch 25. ... Lxf2? angegriffen wurde, aber es Levon, der etwas übersehen hatte: 26. De2! deckte den Springer und fing den Läufer.

In der nächsten Partie fand Magnus gegen den Blitzschach-Weltmeister Sergey Karjakin einen Weg, die weiße Schlüsselfigur - den Läufer auf g2 - abzutauschen: mit 19. ... a4!!


20. Dxa4 Lf1! 21. Dd1 Lxg2 22. Kxg2. Die Aufgabe des a-Bauern diente einem guten Zweck, und nach einigen Ungenauigkeiten Karjakins wurde der scheinbar todgeweihte Bauer auf d5 zu einem partieentscheidenden gedeckten Freibauern.

Für Magnus war es ein lockerer Auftakt | Foto: Jose Huwaidi

In den folgenden Partien konnte nur Vladimir Kramnik gegen die Nummer Eins der Welt ein Remis halten, es ist jedoch erwähnenswert, dass Magnus in keiner einzigen Partie ernsthaft schlechter stand. Das einzige Mal, als die Bewertung des Computers mehr als einen Bauern Nachteil anzeigte, war in der letzten Partie gegen Wesley So; Magnus hatte das Turnier bereits gewonnen und hätte eine Ausrede gehabt, den Fuß vom Gas zu nehmen. Seine Holländische Verteidigung schien nachzugeben, doch unser Kommentatorenteam formulierte es so:

Svidler: "Es ist für Schwarz nicht mehr so furchtbar, was zeigt, wie unverwüstlich der Stonewall ist."

Gustafsson: "Und der Carlsen."

Magnus gewann auch diese Partie und verbannte Wesley damit auf die untere Tabellenhälfte. Dieser kleine psychologische Schlag könnte wichtig sein, da sie heute in der ersten Runde des klassischen Turniers aufeinander treffen!

Der Weltmeister @MagnusCarlsen war heute beim Blitzturnier des @NorwayChess überragend. Sehr beeindruckend!

Carlsen (2943,8) gewinnt das Blitzturnier beim @NorwayChess mit 7,5 aus 9

Aronian und Nakamura geben nicht auf

Die nächstplatzierten Spieler Levon Aronian und Hikaru Nakamura beendeten das Blitzturnier mit zwei Punkten Rückstand, aber dieser Rückstand zeigt die Kluft im Spielniveau nicht einmal annähernd. Beide verloren nur eine einzige Partie, aber beiden gelang es, zahlreiche scheinbar hoffnungslose Stellungen noch zu remisieren bzw. zu gewinnen. Wie Nakamura auf der einleitenden Pressekonferenz erwähnte, müssen Schachspieler mit Widrigkeiten umzugehen lernen und "innere Kraft und Stärke" zeigen.

Nakamura konnte die beim Blitzen im Internet trainierten Überlebenskünste gut brauchen | Foto: Jose Huwaidi

In einer erstaunlichen Serie konnte Nakamura verlorene Stellungen gegen MVL und Kramnik noch halten, ehe er eine Verluststellung gegen Caruana noch gewann und gegen So nach einem Fehler im 23. Zug houdini-artige Fähigkeiten zeigte:


23. ... Dxf6? 24. Sxe5! Dxe5 (etwas anderes hilft auch nicht) 25. Df7+ Kh8 26. Dxd7 und Schwarz hatte ohne jegliche Kompensation eine Figur weniger. Es hätte nach nur wenigen Zügen vorbei sein sollen, doch Hikaru gelang es noch irgendwie zu gewinnen.

Levon Aronian und MVL erscheinen | Foto: Jose Huwaidi

Levon begann mit Stil gegen Wesley So, als er einen Abzugsdoppelangriff entdeckte:


23. De2! greift nicht nur den Turm auf a6 an, sondern bereitet auch den nächsten weißen Zug vor: nach 23. ... Taa8 hat Weiß 24. g4! und der Springer ist verloren. Falls das ein Beispiel für Levons berühmte "Verschlagenheit" in einer guten Stellung war, konnten wir ihn auch sehen, wie er diese immer wieder in schlechten bis hoffnungslosen Stellungen anwendete... mit etwas Hilfe von seinen Freunden!

Hier hatte Aronian gegen Anish Giri soeben 34. Td1 gezogen:


Nach dem einfachen 34. ... Txe5 wäre es schwer vorzustellbar, wie Giri noch verlieren könnte, aber nach 34. ... Tf4!? 35. Dh2 Tg4!? 36. e6+! Dxe6!? war der Vorteil plötzlich weg. Doch es kam noch schlimmer und endete mit einem schönen Matt (in 2) im Epauletten-Stil, das Svidlers Sinn für Ästhetik ansprach:


Wem fällt die beste Bildunterschrift ein? | Foto: Jose Huwaidi

Die übrigen "Qualifikanten"

Maxime Vachier-Lagrave und Vladimir Kramnik sind die übrigen Spieler, die in der oberen Tabellenhälfte landeten und damit in den Genuss von fünf Weißpartien im Hauptturnier kommen. MVL hatte eines der ereignisreichsten Blitzturniere von allen - allein seine Verlustpartie gegen Caruana in der zweiten Runde bot genug Drama und Umschwünge für ein ganzes Turnier. 

MVL, Aronian, Caruana und die alten Kollegen Anand und Kasimdzhanov entspannen sich vor dem Beginn des Blitzturniers mit einem Blick auf die norwegische Landschaft | Foto: Lennart Ootes 

Mit seinen vier Siegen und drei Niederlagen war er einer von nur vier Spielern, die ein positives Ergebnis erzielten. Er konnte ein schönes Opfer spielen:


29. Dxg6! Dieser Zug ist nicht schwer zu berechnen, aber es ist etwas, das man gegen den großen Vishy Anand nicht oft spielen kann! Doch Maxime gestattete auch seinen Gegnern, Spaß zu haben. Hier hatte er soeben Karjakins Dame mit 30. ... Dxc6 geschlagen:


31. dxc6! Natürlich! Nach 31. ... Txd1 32. c7 läuft der Bauer durch.

Kramnik sah am Eröffnungstag blendend aus | Foto: Jose Huwaidi

Kramnik wurde auf der einleitenden Pressekonferenz hingegen viel über sein Alter gefragt und antwortete:

Während einer gewissen Zeitspanne vor zehn Jahren war ich mir sicher, nach 40 nicht mehr zu spielen... Ich war mir ziemlich sicher, dass ich nicht in der Lage sein würde, mit den besten Spielern mitzuhalten, und dann war ich mir nicht sicher, ob ich daran Interesse hätte... Nun rechne ich noch immer damit, dass mir das bald nicht mehr gelingt, aber wer weiß, vielleicht geht es ja immer weiter! Im Allgemeinen mag ich Schach und genieße es, Schach zu spielen, und solange ich noch Freude am Spielen einer Schachpartie habe und ein Niveau halten kann, dessen ich mich nicht schäme, werde ich weiterspielen. Ich würde schätzen, noch maximal zwei Jahre, aber wer weiß!

Die letzte Bemerkung führte zu einem Lachen seiner Mitspieler und des Publikums, die solche Vorhersagen schon früher gehört hatten; man könnte jedoch sagen, dass in Vlads ersten Partien ein Hauch von "Altherrenschach" zu spüren war, da er gegen MVL verlor und dann gegen Caruana eine Figur einstellte. Doch von da an verlor er keine weitere Partie, nahm dankbar einen Fehler Anands und ein bizarres Ende seiner Begegnung gegen Karjakin in der Schlussrunde an. 

Sprechen sie über ihre Matches gegen Magnus? | Foto: Jose Huwaidi

Die Stellung nach Kramniks 22. Sc4 ist gut für Weiß (22. ... Sxc4 23. Dxc4+ Kh8 24. c6 sollte man nicht zulassen)...


... aber es ist keine Stellung, in der man aufgibt. Karjakin tat das auch nicht, verlor jedoch auf Zeit und verpasste so denkbar knapp die obere Tabellenhälfte:

Wenn du den Hammer nicht findest...

Von denjenigen, die sich keine fünfte Weißpartie sichern konnten, gibt es nicht allzu viel zu berichten... mit einer Ausnahme. Karjakin hatte nach vier Siegen und vier Niederlagen Pech. Anand verlor zwar nur zwei Partien, gewann jedoch auch nur eine, eine technische Verwandlung gegen Caruana. Wesley So, der auf der Eröffnungspressekonferenz in Bezug auf Magnus meinte, "Ich denke, dass das Geheimnis des Schachs Beständigkeit ist", war überraschend unbeständig: er gewann drei Partien, verlor allerdings auch vier. 

Es steht nicht außer Zweifel, dass Wesley So das Turnier als Nummer Eins der Welt beenden kann, aber seine heutige Partie gegen Magnus wird richtungsweisend | Foto: Jose Huwaidi

Caruana belegte den vorletzten Platz, aber wir haben schon vor Langem gelernt, im Blitzschach keine Glanztaten von ihm zu erwarten, bzw., dass die Ergebnisse im Blitzschach auf sein folgendes Spiel keine Auswirkungen hat. 

Fabiano Caruana - das Gegenteil eines Blitzschach-Spezialisten | Foto: Jose Huwaidi

Somit bleibt noch Anish!

Die sorgfältig vorbereitete  Strategie von Giri und seinem Sekundanten Erwin L'Ami verlief nicht ganz nach Plan... | Foto: Jose Huwaidi

Als ein Journalist während der Pressekonferenz die Stärke des Turniers ansprach und an niemanden im Besonderen die Frage stellte: "Wie werden Sie versuchen, mehr Partien zu gewinnen?", schlug Aronian hilfsbereit vor: "Anish?" Giri, der nie ein Spielverderber ist, gab eine umfassende Antwort, die im Nachhinein etwas unglücklich war!

Meine Rolle ist ziemlich klar. Es gibt keinen Druck, daher werde ich nur meinen Kollegen zusehen und lernen! Aber Sie werden überrascht sein... manchmal spielt Jon Ludvig Hammer mit und jeder hofft, ihn zu schlagen. Heute haben Sie ein Spitzenturnier wie dieses und jeder sehr starke Spieler kann zum Ludvig Hammer des Turniers werden - es muss kein Norweger sein! Wir haben schon oft gesehen, dass Spieler dieses Kalibers am Ende minus 3, minus 4 haben und vier Partien in Folge verlieren. Es scheint, dass jeder gut in Form ist, aber nach einigen Runden werden wir unsere Verlierer finden. Hoffentlich bin ich es nicht.

Und dann kam das Blitzturnier:


Wie ihr sehen könnt, war bis zur dritten Runde alles in Ordnung, als Anish gegen seinen Erzrivalen Carlsen mit 22. ... Lh6? ein Fehler unterlief:


23. Sd5! Db3 24. Sf6+ und das war's im Grunde schon. Magnus gelang in der Folge ein wunderschöner Lauf, während Giri seine nächste Partie ausgeglichen hielt,  die letzten fünf jedoch verlor. Nach dem Ende der Partien war es jedoch noch nicht vorbei 

Wenn du den Hammer nicht findest, bist du es vielleicht selbst @anishgiri

Die gute Nachricht ist für Giri, dass das Blitzturnier nur ein sanftes Aufwärmen für das Hauptturnier war, in dem alle Spieler wieder bei Null beginnen. Hier ist die gesamte Auslosung:

Wie ihr sehen könnt, beginnt das Turnier mit einem echten Kracher, da Magnus Carlsen mit Weiß auf Wesley So, die Nummer Zwei der Welt, trifft. So ist ein Spieler, den er bei seinem letzten Sieg bei einem Superturnier (in Bilbao 2016) mit einer Miniatur bezwingen konnte. Er trifft in den ersten drei Runden tatsächlich auf alle drei US-Spieler! Natürlich sollte man sich die anderen Partien auch nicht entgehen lassen, da im Teilnehmerfeld nur Starspieler vertreten sind.

Kann Wesley Magnus' gute Laune verderben? | Foto: Lennart Ootes

Somit geht es ab 16:00 Uhr MEZ hier bei chess24 los. Jeder kann die Züge live mit verfolgen, aber Peter Svidlers und Jan Gustafssons Live-Berichterstattung ist exklusiv chess24-Premium-Mitgliedern vorbehalten. Falls ihr noch kein Mitglied seid, ist jetzt ein idealer Zeitpunkt, um es für nur €9,99 pro Monat zu versuchen - ihr habt vielleicht sogar Glück, da wir die Laufzeit jeder zehnten neuen Mitgliedschaft verdoppeln - egal, ob ihr nur einen Monat oder drei Jahre wählt!

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