Allgemein 05.06.2017 | 13:24von Colin McGourty

7 Fragen vor dem Altibox Norway Chess 2017

Peter Svidler und Jan Gustafsson berichten heute Abend live, wenn Magnus Carlsen das Teilnehmerfeld beim Eröffnungsblitzturnier des Altibox Norway Chess anführt - zehn der zwölf besten Spieler werden dabei sein. Das mit größter Spannung erwartete Turnier des Jahres beginnt in Kürze und wir fragen uns, ob es das stärkste Schachturnier aller Zeiten ist und was wir erwarten können. Kommt Magnus wieder in Form, kann Wesley So zeigen, dass er der beste Spieler der Welt ist, oder wird Sergey Karjakin das Norway Chess ein drittes Mal gewinnen können?

Das unglaubliche Teilnehmerfeld des Altibox Norway Chess - auf der offiziellen Turnierseite gibt es interaktive Statistiken zu den Spielern

Das Warten ist beinahe zu Ende! Heute Abend findet ab 18:30 Uhr MEZ (17:30 in London, 12:30 in New York) im Clarion Hotel Air in Stavanger das Eröffnungsblitzturnier der 5. Ausgabe des Norway Chess statt. Die neun Runden mit schneller Bedenkzeit (3 Minuten + 2 Sekunden/Zug) dienen zur Auslosung des eigentlichen Turniers - die besten fünf Spieler haben den Vorteil, eine Weißpartie mehr zu spielen. Das ist der gesamte Terminkalender:

  • 5. Juni, 18:30 Uhr MEZ | Eröffnungsblitzturnier | Clarion Hotel Air
  • 6. - 8. Juni, 16:00 Uhr MEZ | Runden 1-3 | Clarion Hotel Energy
  • 9. Juni | RUHETAG
  • 10. - 12. Juni, 16:00 Uhr MEZ | Runden 4-6 | Clarion Hotel Energy
  • 13. Juni | RUHETAG
  • 14. - 16. Juni, 16:00 Uhr MEZ | Runden 7-9 | Stavanger Concert Hall

Der Preisfonds beträgt 249.000 Euro - der Turniersieger erhält 70.000, der Zweite 40.000, der Dritte 25.000. Falls das noch nicht ausreicht, um kämpferisches Schach zu fördern, wurden Remisangebote im Turnier auch untersagt.

Kommen wir also nun zu den Fragen:

1. Ist es das stärkste Schachturnier aller Zeiten?

Als das Altibox Norway Chess im Februar angekündigt wurde, wäre es schwierig gewesen, diese Frage mit etwas anderem als einem klaren Ja zu beantworten. Es war den Veranstaltern gelungen, die zehn besten Spieler der Welt zur Teilnahme zu bewegen - damit gab es zum ersten Mal einen Elodurchschnitt von über 2800 bei einem Turnier mit zehn Spielern. Was hat sich seither verändert? Nun, niemand hat abgesagt, aber Shakhriyar Mamedyarov hat dank seiner Hochphase mittlerweile über 2800 Zähler und liegt auf Platz 5 der Weltrangliste, und auch Ding Liren ist es gelungen, Sergey Karjakin und Anish Giri aus den Top 10 zu verdrängen. Der Elodurchschnitt ist ein wenig auf 2797 gesunken, aber ich denke, ihr seid auch der Meinung, dass das Teilnehmerfeld nicht schlecht ist...


Was ist also die Konkurrenz? Nun, beim AVRO 1938, das potentiell ein Kandidatenturnier war, um ein Weltmeisterschafts-Match gegen Alexander Alekhine zu spielen, waren die damals acht besten Spieler dieser Zeit vertreten. Es war Thema eines Berichtes von Joosep Grent über den großen Paul Keres, und wir haben aus diesem Anlass alle Partien eingefügt (klickt auf ein Ergebnis in der Tabelle unterhalb, um die Partie nachzuspielen):

AVRO 1938

Betrachten wir die Moderne und die entsprechenden Wertungszahlen, sticht der Sinquefield Cup 2014 hervor. Carlsens 2877 trugen zu einem Eloschnitt von 2802 bei, aber das Turnier blieb vor allem wegen Fabiano Caruanas atemberaubender Siegesserie über sieben Partien in Erinnerung:

Sinquefield Cup 2014

Bei diesen Turnieren wirkten allerdings acht bzw. sechs Spieler mit, es sieht jedoch so aus, als ob die fünfte Ausgabe des Norway Chess das stärkste Schachturnier aller Zeiten ist, bei dem zehn Teilnehmer mitspielen. Dieses Video ist daher womöglich nicht ganz fehl am Platz!

Des weiteren stellt sich die Frage, ob das völlige Fehlen von Außenseitern - es gibt weder Qualifikanten noch einen zweiten Lokalmatador wie Nils Grandelius, Jon Ludvig Hammer oder Simen Agdestein - für den Unterhaltungswert des Turniers eine gute Sache ist. Werden die Spieler Vorsicht walten lassen und sich gegenseitig neutralisieren? Wir werden es bald wissen!

2. Kommt Magnus wieder in Form?

Berichte über Magnus Carlsens Abstieg sind immer mit Vorsicht zu genießen. Er hat vielleicht seit Bilbao 2016 kein Turnier mehr gewonnen, aber die Verteidigung des Weltmeistertitels, ein geteilter erster Platz sowohl bei der Schnellschach- als auch der Blitzschach-Weltmeisterschaft sowie ein zweiter Platz beim Tata Steel Masters und dem GRENKE Chess Classic wäre für jeden anderen Spieler außergewöhnlich. Magnus wird jedoch nach anderen Maßstäben gemessen, und es ist jetzt klar, dass er nach ein paar Jahren, in denen er beinahe nur mit sich selbst konkurrierte und von den 2900 träumte, nun mit annähernd gleich starken Spielern kämpft. Wird er wieder Erster unter gleichen? Nun, die gute Nachricht für seine Fans lautet, dass er nach einem Monat mit schlechter Frisur nach dem GRENKE Chess Classic...

... wieder zu seinem üblichen Look zurückgekehrt ist:

Letzte Vorbereitungen für die Titelverteidigung beim @norwaychess nächste Woche. Es wird nicht einfach - es ist definitiv das stärkste Turnier in diesem Jahr!

Wird auch sein Schach wieder glänzend sein?

3. Ist So derzeit der beste Spieler der Welt?

Falls einer seiner Rivalen Magnus Carlsen derzeit schlaflose Nächte bereitet, muss es Wesley So sein. Er füllte das durch Carlsens Verteidigung des WM-Titels entstandene Vakuum und gewann 2016 den Sinquefield Cup und die London Chess Classic, ehe er die psychologische (und schachliche!) Barriere überschritt, indem er Turniere gewann, in denen auch Magnus mitspielte (wie das Tata Steel Masters 2017). Er gewann in diesem Jahr auch seine erste US-Meisterschaft, was eine beachtliche Leistung ist - immerhin traf er dort auch auf Fabiano Caruana und Hikaru Nakamura. Er bleibt in allen Lagen unerschütterlich - selbst, wenn er etwa Außenseitern die Schach-Weltmeisterschaft zu erklären versucht!    

Nichts währt ewig! | Foto: Offizielle Turnierseite

Sein einziger Ausrutscher in jüngerer Zeit - eine Niederlage gegen Shakhriyar Mamedyarov in der ersten Runde des Shamkir Chess-Turniers - zeigt vielleicht nur, wie weit er gekommen ist. Nach 67 Partien ohne Niederlage wieder zu verlieren muss das System erschüttert haben, doch seither hat er nicht noch einmal verloren und es gelang ihm, Vladimir Kramnik und Sergey Karjakin in aufeinander folgenden Partien zu überspielen. Er schaffte es, den Carlsen-Trick anzuwenden und ein "schlechtes" Turnier auf dem zweiten Platz zu beenden. Ein weiterer Grund zur Annahme, dass ihn das Shamkir Chess nur stärker gemacht hat, ist, dass die Niederlage zu einem großen Teil auf eine unvertraute Bedenkzeitregelung zurückzuführen war (es gab erst ab dem 61. Zug Zeitaufschläge). Nun, in Norwegen wird auch so gespielt, allerdings sollte darauf hingewiesen werden, dass es nur 100 (statt 120) Minuten vor dem 40. Zug gibt. Rechnet mit ein paar Zeitnot-Zwischenfällen in den ersten Runden!   

Insgesamt betrachtet hat Wesley nicht nur Magnus herausgefordert, sondern auch seine jungen Rivalen wie Caruana, MVL, Nakamura und Giri. Sie standen im letzten Jahr alle in seinem Schatten und denken zweifellos darüber nach, wie sie das ändern können.  

4. Gelingt Karjakin ein Norway Chess-Hattrick?

Stavanger ist womöglich jener Ort, an dem Sergey Karjakin zum ersten Mal zeigte, dass er ein Konkurrent um die Weltmeisterschaft ist. Er verdarb die norwegische Party, indem er 2013 und 2014 die ersten beiden Ausgaben des Norway Chess gewann - jedes Mal mit einem halben Punkt Vorsprung auf Carlsen. Er hat somit bei seinen beiden Teilnahmen am Turnier auch gewonnen - 2015 gab es Kontroversen, weil er das Turnier verpasste, da es Teil der Grand Chess Tour geworden war, und 2016 - mittlerweile Carlsens Herausforderer - revanchierte er sich, als er kurzfristig seine Absage bekanntgab; er wurde schließlich durch Li Chao ersetzt.

Wie motiviert wird Karjakin sein, einen dritten Sieg zu schaffen? Das ist schwer zu sagen. Die dauernde Aufmerksamkeit der Medien und die vielen Auftritte, die er seit dem Match in New York absolvieren musste, haben sich womöglich auf den russischen Starspieler ausgewirkt...

@SergeyKaryakin macht Schach populärer als irgendjemand sonst in den letzten 15 Jahren in Russland, die Leute und die höchstrangigen Politiker zeigen ihre Unterstützung.

... es ist allerdings auch klar, dass in der näheren Zukunft auch mindestens ein weiteres großes persönliches Ereignis stattfindet!

Dennoch: wer würde Magnus nicht gerne ein drittes Mal in Folge zu Hause enttäuschen!?     

5. Werden sich die Veteranen profilieren können?

Die kurze Antwort auf diese Frage lautet natürlich Ja! Das Norway Chess wurde erst 2015 von Veselin Topalov gewonnen, Zweiter wurde damals Vishy Anand. Der 47-jährige Vishy sollte nach einem Schachjahr, in dem er bisher nur bei der Zürich Chess Challenge mitspielte, gut ausgeruht sein. Wir konnten nicht widerstehen und haben den folgenden TV-Auftritt des indischen Ex-Weltmeisters und seiner Familie eingefügt. Ihr könnt staunen, wie er mitten im Satz die Sprache wechselt:

Vladimir Kramnik steht mit 41 Jahren knapp vor seiner höchsten erreichten Elozahl, er spielte einige der längsten und interessantesten Partien beim Shamkir Chess und - nun, Alexander Grischuk hat es unlängst in einem Interview am besten ausgedrückt:

Ex-Weltmeister Vladimir Kramnik hat erklärt, dass der kommende Kandidatenzyklus sein letzter sei. Glaubst du ihm?

Kramnik macht schon seit einigen Zyklen solche Ankündigungen. Schon vor 13 Jahren erzählte er mir, er würde aufhören. Aktuell ist Vladimir die Nummer 4 der Welt und einer der besten Profis der Welt. Er kann noch lange spielen.

Der nächste "Veteran" ist Levon Aronian, der mit 34 in guter Form ist und vor kurzem das GRENKE Chess Classic 1,5 Punkte vor Carlsen und Caruana gewinnen konnte, obwohl er in der letzten Runde eine gewonnene Stellung noch aus der Hand gab.

Aronian ist gerade rechtzeitig vor Norwegen wieder in die Stimmung gekommen, um Superturniere zu gewinnen | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite

Es ist jedoch interessant zu bemerken - wie wir das vor kurzem gemacht haben, als Vladimir Fedoseev mit 22 Jahren die 2700er-Marke überschritten hat -, dass in jüngerer Zeit keine Spieler die Spitze erreicht haben. Im Klub der 2700er ist mit Ausnahme von Wei Yi (der vor kurzem 18 geworden ist) niemand jünger als 22. Spieler wie Jan-Krzystof Duda und Vladislav Artemiev stehen kurz davor, aber mit 19 ist es vielleicht schon schwierig, ganz nach oben zu kommen. Spieler wie die US-Wunderkinder Jeffery Xiong (16) oder der 14-jährigen Awonder Liang (dessen GM-Titel-Verleihung noch aussteht), oder eine ganze Reihe weiterer, noch jüngerer Talente wie dem 11-jährigen Praggnanandhaa sind vielleicht die Zukunft, aber derzeit sieht es so aus, als ob sich die "Veteranen" noch eine Weile an der Spitze halten können!

6. Welche Auswirkungen hat dieses Turnier auf das Kandidatenturnier?

Ein Grund, warum Kramnik motiviert sein wird, beim Norway Chess gut zu spielen, ist die Qualifikation für das Kandidatenturnier 2018 auf Grund der Wertungszahl. Diese wird aus den zwölf FIDE-Listen des Jahres 2017 errechnet, wir haben also bereits die Hälfte davon. Martin Bennediks Ticker nimmt an, dass die momentane Wertungszahl eines Spielers in den verbleibenden Monaten des Jahres unverändert bleibt. Falls dieser Fall eintritt, qualifizieren sich auf diese Weise Wesley So und Fabiano Caruana:

So, Wesley 2814
Caruana, Fabiano 2812
Kramnik, Vladimir 2809
Vachier-Lagrave, Maxime 2797
Aronian, Levon 2787
Mamedyarov, Shakhriyar 2787
Nakamura, Hikaru 2786
Anand, Viswanathan 2786
Karjakin, Sergey 2782
Ding Liren 2774
Giri, Anish 2772

Wie ihr sehen könnt, würde Kramnik bereits ein kleiner Anstieg reichen, um in die Qualifikationsränge vorzustoßen, während die weiteren Spieler größere Eloschwünge benötigen. Es ist erwähnenswert, dass So, Caruana und Kramnik die Grand Prix-Serie der FIDE ausgelassen haben - sollten sie sich also nicht über ihre Wertungszahl qualifizieren, besteht ihre einzige Chance auf ein Match gegen Magnus Carlsen im nächsten Jahr im Erreichen des Finales beim Weltpokal in Batumi im September.

7. Wen interessiert die Mannschafts-Weltmeisterschaft?

Selten war ein großes Schachturnier unglücklicher angesetzt als die Mannschafts-Weltmeisterschaft 2017. Das Turnier, an dem zehn Mannschaften teilnehmen (China, Russland, Ukraine, Polen, USA, Indien, Türkei, Weißrussland, Norwegen und Ägypten) sollte eines der Höhepunkte im Schachkalender sein, aber in Khanty-Mansisk wird die erste Runde am Tag nach Ende des Norway Chess gespielt - Kramnik, Karjakin, Caruana, Nakamura, So und Carlsen (und Vishy, aber er hat schon lange nicht mehr für Indien gespielt!) hätten daher erst später mitspielen können. 

Auf der offiziellen Turnierseite gibt es bereits alle Teamaufstellungen, und es wird auch eine Video-Live-Übertragung geben

Sie spielen jedoch gar nicht mit, was allerdings auch keine Überraschung ist, da sich das Turnier nicht nur mit dem Norway Chess überschneidet: sowohl die Paris Grand Chess Tour (Carlsen, MVL, So, Nakamura, Caruana und Karjakin werden von Norwegen direkt dort hin reisen) als auch die Your Next Move Grand Chess Tour in Leuven (Carlsen, MVL, So, Anand, Aronian, Kramnik und Giri) finden zeitgleich mit der Mannschafts-Weltmeisterschaft statt. Allerdings bedeutet das auch, dass es ein wunderbarer Monat für Schachfans ist, wie ihr auch im Schachkalender 2017 sehen könnt.   

Die schlechte Nachricht lautet, dass Peter Svidler in den letzten drei Runden des Altibox Norway Chess nicht zur Verfügung stehen wird, da er Russland bei der Mannschafts-Weltmeisterschaft vertreten wird - die gute Nachricht lautet hingegen, dass der womöglich beste Schach-Kommentator der Welt bis dahin exklusiv für chess24 live berichten wird! Er wird das gemeinsam mit Jan Gustafsson (der das ganze Turnier über berichten wird) machen.


Die Berichterstattung zum Blitzturnier (heute ab 18:30 Uhr) ist für jeden zugänglich, allerdings ist das Hauptturnier ab Dienstag, 16:00 Uhr den Premium-Mitgliedern vorbehalten. Falls ihr noch nicht Premium-Mitglied seid, gibt es nun eine gute Gelegenheit, es für nur € 9,99/Monat zu versuchen. Neben dem Zugang zur Live-Berichterstattung gibt es hunderte exklusive Videos, unbegrenzten Zugang zum Taktiktrainer, Analyse mit der Cloud-Engine und noch viel mehr. Und vielleicht habt ihr auch noch Glück, da wir während des Turniers die Laufzeit jeder zehnten neuen Mitgliedschaft verdoppeln.

Bleibt nur noch der Hinweis auf die Live-Übertragung des Eröffnungsblitzturniers mit Peter Svidler und Jan Gustafsson!

         

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