Berichte 25.04.2017 | 15:05von Colin McGourty

7 Erkenntnisse der GRENKE Chess Classic 2017

Levon Aronian hat die GRENKE Chess Classic 2017 mit 1,5 Punkten Vorsprung gewonnen, doch sein überlegener Triumph war nicht ganz makellos, da er in der letzten Runde froh sein konnte, mit Mehrfigur gegen Fabiano Caruana noch ein Remis zu erzielen. In unserem großen Rückblick schauen wir auf ein großartiges Turnier zurück, das weit mehr bot als Magnus Carlsens neue Brille und seine modische Frisur…

Aronian mit dem Siegerpokal, daneben Caruana (2.Platz), Carlsen (3.Platz), Turnierdirektor Sven Noppes und der Chef des Schachzentrums Baden-Baden Christian Bossert | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite

Hier könnt ihr mit Klick auf die jeweilige Runde alle Partien der GRENKE Chess Classic nachspielen:

Und hier der Endstand – auch hier könnt ihr alle Partien mit Computeranalyse nachspielen:

Außerdem hier noch einmal der gesamte Live-Kommentar der Schlussrunde mit Peter Leko, Jan Gustafsson und Rustam Kasimdzhanov:

Kommen wir nun aber zu unseren Erkenntnissen:

1) Levon war stark…

Während der Live-Übertragung zitierte Gast-Kommentator Rustam Kasimdzhanov die Worte Garry Kasparovs, laut denen, “die Schachwelt ein besserer Ort ist, wenn Aronian gut spielt”. Der Ex-Weltmeister sagte dies beim Sinquefield Cup 2015 – dem letzten Supergroßmeisterturnier, das Levon Aronian gewinnen konnte. Damals erzielte der quirlige Armenier ohne Niederlage +3, und dieses Mal gelangen ihm sogar +4, obwohl das Turnier nur sieben Runden umfasste (allerdings waren die Gegner in St.Louis im Schnitt sicher stärker!).

Levon hatte den Turniersieg schon eine Runde vor Schluss in der Tasche und musste sich trotzdem ärgern | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite

Danach hatte es zu Beginn gar nicht ausgesehen, denn Levon legte in Karlsruhe einen Stotterstart hin. In der ersten Runde hätte er gegen Georg Meier verlieren können, als er übersah, dass sein schwacher Bauer einfach angegriffen werden konnte. In der 2.Runde war seine Stellung schlicht objektiv verloren, doch in dieser Partie gegen Magnus Carlsen, die Peter Leko als „wahre Kunst“ bezeichnete, war nichts einfach. Vielleicht war das der Funke, den Levon brauchte, denn danach spielte er gleich mehrere fast fehlerlose Partien, in denen er gegen MVL, Blübaum, Naiditsch und Hou Yifan Eröffungsvorteil erzielte und diesen in sauberer Manier verwertete.

Levon erklärte hinterher, dass er vor dem Turnier eine zweimonatige Schachpause eingelegt habe: 

Ich habe mir eine kleine Auszeit genommen, in der ich Zeit mit meinen Freunden verbrachte und einfach nur das Leben genoss. Ich habe zuvor viel gespielt und einige Turniere liefen nicht wie geplant. Jetzt hat es geklappt…

Es gab jedoch ein Aber wegen seiner letzten Partie in diesem Turnier…


2) …aber es wird eine Weile dauern, bis er die letzte Partie vergessen hat!

Die siebte Runde war die einzige, in der alle vier Partien remis endeten, aber das sagt nichts über das Schach aus, das den Zuschauern geboten wurde. Allein Caruana-Aronian bot alles, was Schach so faszinierend macht. Zunächst zeigte sich nach Levons 23…c5, dass Fabiano Caruanas furchtloser Springer einfach verloren ging:


Fabi, der im Mittelspiel normal keine Figuren verliert, räumte ein, dass er kurz davor war aufzugeben, sich dann aber entschloss, noch ein paar Züge auszuführen… Zunächst sah es so aus, als ginge alles seinen normalen Gang. Der Computer zeigte dauerhaft siegbringenden Vorteil und damit den fünften vollen Punkt in Folge an. Alles sah wohl berechnet aus, als Caruana zuerst seinen Bauern in eine Dame umwandeln konnte, da die schwarze Umwandlung einen Zug später nicht zu verhindern war. Allerdings bekam Weiß ein Tempo, mit dem er noch einen Versuch starten konnte, und Aronian musste hinterher zugeben, dass er nur 42.Dh5 mit baldiger Aufgabe gesehen hatte. Stattdessen kam 42.Tg8!, und Aronian kam vom richtigen Weg ab:


Schwarz hat einen Turm und einen Springer mehr, aber er hat keine Schachs und die Sache ist, wie Levon zu seinem Schrecken feststellen musste, alles andere als einfach. Er lamentierte: „Ich traute meinen Augen nicht, dass ich das nicht gewinnen kann…“ Tatsächlich war es sogar noch schlimmer, denn auf einmal konnte er die Stellung sogar noch verlieren. In den 50 Minuten, die er nun nachdachte, ging Aronian sicher einiges durch den Kopf. Er meinte hinterher:

Natürlich hätte ich pragmatischer vorgehen sollen – besser wäre es gewesen, ich hätte zehn Minuten überlegt, wäre ein wenig umhergegangen und hätte mich ein wenig erholt.

Schließlich zog er 42…Da5?, womit er das Schach auf d8 verhinderte, aber nicht 43.Dh3+!, wonach nur noch Weiß gewinnen kann und Schwarz um ein Haar mattgesetzt wird.

Caruana lieferte dem Turniersieger einen großen Kampf... | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite 

Richtig bitter war aber für Levon, dass es durchaus Lösungen gab! Die Pointe von 42…De1! ist, dass Schwarz auf 43.Dh3+ das starke 43…Qe6 hat, und obwohl 44.Td8+ Kxd8 45.Dxe6 Material zurückgewinnt, verbleibt Schwarz mit einer Minusfigur. In anderen Varianten kann die Dame ebenfalls nach einem Schach dazwischen ziehen, einfach war das aber alles nicht zu sehen. Option Nr. 2 war 42…Da7!, und wenn der schwarze König auf die a-Linie getrieben wird, hat Weiß nicht mehr das tödliche Schach auf a8. Caruana würde zwar die Dame gewinnen, aber die Partie verlieren.

Vollkommen zufrieden konnte Aronian also nicht sein, aber immerhin erging es ihm besser als beim Tata Steel 2014 – damals stand er eine Runde vor Schluss als Sieger fest und verlor die letzte Partie. Hier das Siegerinterview:

3) Magnus’ neue Frisur war ein echter Hingucker

Schon bei seinem ersten Auftritt in Karlsruhe war klar, dass Magnus Carlsens neuer Look mehr als seine schachlichen Leistungen in Erinnerung bleiben würde.

Welch ein Unterschied in nur drei Monaten... | Fotos: Alina l'Ami, Tata Steel Facebook and Lennart Ootes

Nachdem ihm sein Augenarzt das Tragen einer Brille empfohlen hatte, ließ er sich auch gleich noch eine neue Frisur verpassen.

Schachlich lief nicht allzu viel bei ihm zusammen. In Runde 1 konnte er eine klar vorteilhafte Stellung trotz riesigen Zeitvorteils gegen Blübaum nicht gewinnen, und in Runde 2 verpasste er den Gewinn gegen Aronian. In Runde 3 überzog er fast gegen Hou Yifan und stand am Abgrund, ehe sich sein Spiel normalisierte. Wie üblich, wenn er den Turniersieg verpasst, belegte er den 2.Platz, allerdings gewann er nur eine Partie, als Georg Meier bereits im 5.Zug vom richtigen Weg abkam.

Richtig wild ging es aber nur auf seinem Kopf zu: 

"Kann menschliches Haar so schnell wachsen?"

"Kazimdzhanov: Wäre Magnus mit meiner Frau verheiratet, hätte sie ihn schon vor einem Monat zum Friseur geschleift."

"Jan: Magnus sagt, er habe einen Plan für seine Haare. Rustam: Viele haben keinen Plan für ihr Leben, und er hat einen für seine Haare."

Schließlich musste es so enden…

"Über Nacht ist es weiter gewachsen."

Wir sehen Magnus erst wieder beim Altibox Norway Chess im Juni, und dann werden wir auch erfahren, ob er wie auf dem Poster aussieht!


4) Die Schachwelt braucht mehr von Peter Leko

Unser Kommentatorenteam war mit Lawrence Trent und Jan Gustafsson sowie einigen Gastauftritten Fabiano Caruanas Trainer Rustam Kasimdzhanov gut besetzt, man kann aber durchaus sagen, dass den Dreien von Peter Leko die Show gestohlen wurde. Der ungarische Großmeister, der als einstiges Wunderkind bereits mit 14 Jahren Großmeister wurde und später den WM-Titel nur hauchdünn verpasste, hatte früher den Ruf eines Remisschiebers – wie Anish Giri heute.   

Lawrence Trent und Peter Leko haben mit Carlsen and Aronian nach deren Partie viel Spaß | Foto: Lennart Ootes

Leko gab als Kommentator nicht nur sein Schachwissen weiter, sondern lieferte unzählige Informationen zur Schachpsychologie auf höchster Ebene. In einem Interview mit Eric van Reem äußerte er sich zu den Geschehnissen in der letzten Runde:

Trotz seiner außerordentlichen Leistung als Kommentator sollte man nicht vergessen, dass Leko erst 37 Jahre alt ist und durchaus noch an solchen Turnieren teilnehmen kann. Er ist weiterhin sehr stark auf Schach fokussiert, hat kein Handy, ist in keinem sozialen Netzwerk aktiv und trinkt weder Kaffee noch Alkohol. Sein Schachverständnis und Enthusiasmus ist riesig, und seine Elo beträgt immer noch um die 2700.

5) Fast wäre es Hou Yifans Turnier geworden

Drei Runden lang sah es so aus, als stünden die GRENKE Chess Classic 2017 ganz im Zeichen der besten Frau der Welt. Sie schlug in Runde 1 Fabiano Caruana, als wäre es ein Leichtes, bezwang Georg Meier in Runde 2 und brachte dann den Weltmeister Magnus Carlsen an den Rand einer Niederlage: 


Magnus räumte ein, dass er nach 24.Td5! "geplatzt" war

Magnus konnte ihr aber entwischen, und in der zweiten Turnierhälfte verlor Hou Yifan zwei haltbare Stellungen gegen Maxime Vachier-Lagrave und Levon Aronian. Hou Yifans Eröffnungsrepertoire ist nicht ganz auf dem absoluten Eliteniveau, und dies ist definitiv ein Bereich, in dem sie sich noch verbessern muss, wenn sie sich Richtung 2700 bewegen will.

Sie bezeichnete ihr Ergebnis als das von “zwei verschiedenen Spielern” und sprach über ihr Endergebnis von 50 Prozent: 

6) Die Luft an der Spitze ist dünn

Abgesehen von Levon Aronian, hatten es die meisten Weltklasseleute schwer. Sie standen unter dem Druck, gegen die niedriger eingestuften Spieler keine Elo-Punkte zu verlieren, und litten unter einem Format, das angesichts der Kürze keine Fehler zuließ. Vielleicht erklärt dies den schwachen Start von Caruana und Maxime Vachier-Lagrave, die durch Niederlagen gegen Hou Yifan und Arkadij Naiditsch aus dem Club der 2800er flogen. Vor allem für Fabiano war die Niederlage bitter, da er zum dritten Mal in zehn Tagen gegen einen Spieler mit unter 2650 Elo verlor. 

Es hätte noch schlimmer kommen können für Maxime, der gegen Magnus sein bestes Schach zeigen musste, um Remis zu halten| Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite

Am Ende ging es vor allem für Caruana glimpflich aus, da er mit zwei Siegen zum Abschluss noch auf +1 kam. Die Elo-Entwicklung sieht so aus:

Fabiano hat wieder über 2800, aber MVL sitzt jetzt Aronian im Nacken| Quelle: 2700chess

7) Das Format der GRENKE Chess Classic war ein voller Erfolg

Die Zuschauer bekamen sieben Runden lang attraktives Schach geboten, und fast alle Remis waren hart umkämpft. Auch die beiden Außenseiter hatten ihre Momente: der 19-jährige Matthias Blübaum hielt in der ersten Runde dem Weltmeister stand, und Georg Meier brachte gegen MVL eine wichtige Neuerung aufs Brett, vergab aber in den ersten beiden Runden zwei gewonnene Stellungen.

Die GRENKE Chess Classic und das GRENKE Open parallel in Karlsruhe | Foto: Lennart Ootes

Ein wesentliches Element der GRENKE Chess Classic 2017 war zudem, dass die ersten drei Turniertage parallel mit dem GRENKE Chess Open abgehalten wurden, an dem beeindruckende 1200 Spieler teilnahmen. Unterm Strich war das ein grandioses Spektakel.

Hier noch einige Impressionen von der letzten Runde und der Schlussfeier:

Welch ein Glück also, dass beide Turniere auch nächstes Jahr stattfinden werden!

Weitere Links:


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