Features 20.07.2015 | 07:58von Colin McGourty

Fünf unglaubliche verpasste Mattgelegenheiten

Leider wird die sechste Runde des jungen indischen Stars Vidit Santosh Gujrathi im Lake Sevan Turnier 2015 als unglaublicher Fehler in die Schachgeschichte eingehen. Der 20-jährige amtierende Meister stand kurz vor dem Sieg und hatte noch 17 Minuten auf der Uhr, als er seinen Königsturm ein paar Felder nach vorne zog - und in ein Matt in 1 stolperte! Falls es ein Trost für ihn ist: Spieler wie Vladimir Kramnik, Nigel Short und Vassily Ivanchuk haben so etwas auch schon einmal erlebt. Wir schauen uns einige dieser Momente an, die beweisen, dass auch Top-Großmeister menschlich sind.

1. Vidit vs. Hovhannisyan, Lake Sevan, 2015

Vidit Santosh Gujrathi in Runde 1 - sein späterer Henker, Robert Hovhannisyan, ist im Hintergrund mit den Händen auf dem Gesicht zu sehen | Foto: Offizielle Webseite Lake Sevan

Santosh Gujrathi Vidit ist 20 Jahre alt, hat eine Elo von 2643 und ist bereits die Nummer 4 auf der indischen Ratingliste, hinter Vishy Anand, Pentala Harikrishna und Parimarjan Negi. Er gewann außerdem bereits das Lake Sevan Turnier 2014 mit 6/9, einen halben Punkt vor einem Feld voller zukünftiger Stars. Wir haben aber alle einmal einen schlechten Tag, und dieser hier war besonders schlecht für den jungen Inder.

Nach einer kreativen Spielweise in der Eröffnung stand Vidit mit den weißen Steinen sehr gut. Stockfish empfiehlt 21.Sa5, Tc2 oder Dc2 (in dieser Reihenfolge), aber selbst der einfache Zug 21.De2 hätte Weiß einen sicheren Vorteil verschafft.


Vidit war in leichter Zeitnot, hatte aber immer noch über 20 Minuten (bei einem Inkrement von 30 Sekunden/Zug) auf der Uhr. Er dachte fünf Minuten und 1 Sekunde lang nach, bevor er mit einem kreativen Angriffszug zu weit ging: 21.Th3???? (fügt so viele Fragezeichen hinzu, wie euch angemessen erscheint!). Der Armenier Robert Hovhannisyan dachte 26 Sekunden lang nach – wo ist ein Livestream der Partien, wenn man ihn braucht? –, bevor er die Partie mit 21…Df1 Matt beendete.

Es war ein leicht ungewöhnliches Mattnetz, bei dem der Bauer auf c3 die Flucht des Königs verhinderte, aber im Grunde war es einfach einer dieser unerklärlichen Augenblicke. Da wir uns im 21. Jahrhundert befinden, erhielten wir die Reaktion des Spielers direkt über Twitter:

‌"Habe ich gerade Th3 in einer totalen Gewinnstellung gespielt? Unglaublich."

Ihr könnt die ganze Partie und auch alle anderen Partien von Lake Sevan über die Auswahl unten nachspielen - sehenswert: noch mehr wirre Schläge in der Partie Artemiev – Gabuzyan und eine weitere Meisterleistung des 17-jährigen Duda, der das Feld nun mit einer Elo-Performance von 2804 anführt.

Vidit ist aber nicht der einzige Schachspieler, der mit genügend Zeit auf der Uhr in ein einzügiges Matt gestolpert ist...

2. Deep Fritz vs. Kramnik, Bonn, 2006

Kramnik denkt über den Zug nach, der ihm auf eher zweifelhafte Weise Unsterblichkeit in der Schachwelt sicherte | Foto: ChessBase

Früher, in der guten alten Zeit, als die weltbesten Menschen sich noch mit unseren Oberherren, den Computern, messen konnten, nahm es Weltmeister Vladimir Kramnik in einem Match mit sechs Partien mit der Deep Fritz Schachengine auf. Nach einem Remis in der ersten Partie war es Kramnik, der mit den schwarzen Steinen auf Gewinn stand. Bis zum 34. Zug hatte der Computer die Bedrohung jedoch neutralisiert und es schien auf ein weiteres Remis hinauszulaufen. Dann demonstrierte Vladimir mit 30 Sekunden auf der Uhr, was uns von Maschinen unterscheidet - unsere grenzenlose Fähigkeit, Fehler zu machen.


34…De3???? Kramnik wollte gerade wegspazieren, wurde aber aufgehalten, als der Computer-Operator zweifellos mit etwas Bedauern den Zug 35.Dh7 Matt spielte. Oh, the humanity!

3. Anand vs. Ivanchuk, London Grand Prix, 1994

Generell sind Blitz- und Schnellschachpartien hier nicht angebracht, da in gravierender Zeitnot absolut alles passieren kann. Wir können uns zum Beispiel ziemlich sicher sein, dass der 15-jährige Magnus Carlsen und Merab Gagunashvili in Eile waren, als im 65. Zug der Blitz-Weltmeisterschaft 2006 folgende Stellung erreicht wurde:


Der zukünftige Weltmeister spielte 65.e5? (ein Fragezeichen genügt für einen Kampf gegen die Zeit!), der natürlich auf 65…Tc1 Matt traf.

Ivanchuk wählt die richtige Figur... zieht sie aber nicht nach h1!

Wir müssen jedoch eine Ausnahme machen, da wir einfach unter keinen Umständen die 5-minütige Blitzpartie weglassen können, in der Schachgenie (chess24-Leser können sich nicht irren!) Vassily Ivanchuk einfach nur den letzten Zug eines brillanten Angriffs gegen Vishy Anand hätte spielen müssen:


Er konnte natürlich den Turm auf h1 nehmen und die Partie beenden, und er hatte 1 Minute und 13 Sekunden, um das zu erkennen. Stattdessen entschied er sich für 29…Df4+??? (ein Fragezeichen weniger, da es Blitz war!) und verlor letztlich auf Zeit. Schaut euch die unglaubliche Partie mit Kommentaren von Daniel King und Maurice Ashley an (wenn ihr nur den verpassten Matt in 1-Augenblick anschauen wollt, springt auf etwa 7:30):

Es gab jedoch zumindest ein Happy End für Chucky. Ein Remis in der nächsten Runde reichte aus, um Anand zu schlagen und den London Grand Prix zu gewinnen.

4. Short vs. Chiburdanidze, Banja Luka, 1985

Hier haben wir eine weitere Weltmeisterin, die Georgierin Maia Chiburdanidze, die die Krone der Damen 13 Jahre lang, von 1978 bis '91, innehatte. Sie war eine wichtige Wegbereiterin für Frauenschach und eine der ersten Spielerinnen, die sich auch gegen männliche Gegner brillant behauptete. Im Jahr 1985 gewann sie das Banja Luka Turnier mit 8,5/13, vor Spielern wie Lev Psakhis und… Nigel Short.

Chiburdanidze analysiert mit Kasparov bei der Olympiade 1982 in Luzern | Foto: Kasparov 2014 Webseite

Nigel war von Chiburdanidze zwei Jahre zuvor in Dortmund zerstört worden, und nun, im Jahr 1985, stand er mit Weiß unter Druck, obwohl noch nichts entschieden war:


31.Dd4, De3 oder Df2 würde alles beisammenhalten, da sich die Dame auf g1 zurückziehen kann. Stattdessen entschied sich Nigel für den "ehrgeizigeren" Zug 31.b4???? Die Reaktion? Ihr habt es erraten: 31…Df1 Matt.

5. Chigorin vs. Steinitz, Havanna, 1892

Dies war nicht ganz Matt in 1, aber hinsichtlicher historischer Bedeutung ist der Vorfall schwer zu schlagen und fiel den Leuten nach Vidits Fehler wieder ein. Der Russe Michail Chigorin hatte in ihrem zweiten Weltmeisterschaftsmatch immer wieder mit dem ersten offiziellen Schachweltmeister Wilhelm Steinitz gleichgezogen, die Scores lagen nach 20 Partien gleichauf bei 10:10 (acht Siege für jeden). Gewinnen sollte der erste Spieler, der zehn Siege erzielte.

Partie 21 endete remis, in Partie 22 stellte Chigorin früh einen Bauern ein, sodass Steinitz einen neunten Sieg verbuchte, aber in der 23. Partie lief für ihn nach Plan:


Chigorin hätte das Match mit Weiß und neun Siegen nach 32.Txb7 wieder ausgleichen können. Stattdessen griff er einen schwarzen Bauern an (und ließ das h2-Feld schutzlos), und zwar mit 32…Lb4????. Steinitz behauptete seinen Titel mit 32…Txh2+, da der nächste Zug Matt bedeutet hätte. Chigorin wurde nie Weltmeister.


Das sind unsere fünf unglaublichen verpassten Mattgelegenheiten - was müsste noch auf der Liste stehen?


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