Meinung 01.01.2016 | 19:56von Colin McGourty

2015 im Schach: Carlsen immer noch der Beste

Gestern war der letzte Tag des Jahres und nach dem Abschluss des Qatar Masters ist es nun Zeit, auf 2015 zurückzublicken - und 2016 entgegenzusehen! Magnus Carlsen rettete ein nach seinen Maßstäben zunächst mittelmäßiges Jahr mit seinen Siegen in London und Doha und spricht in einem Blog darüber, wie das London Chess Classic sein Selbstvertrauen wiederhergestellt hat. Emil Sutovsky ist derjenige, der noch am ehesten als Vertreter der Schachspieler gilt. Der Präsident der Association of Chess Professionals erstellte sowohl eine Liste seiner Schach-Oscar-Kandidaten auf Englisch und postete einen "Kurzen Überblick über das Schachjahr" auf Russisch. Beides ist unten aufgeführt.

Magnus hält die Trophäe des Qatar Masters vor dem Hintergrund einer schachfigurenartig vergrößerten Skyline von Doha | Foto: Maria Emelianova, Qatar Masters 

Magnus Carlsen ließ also einem Sieg beim London Chess Classic sowie bei der Grand Chess Tour einen Triumph beim Qatar Masters Open folgen, dem letzten großen Event von 2015. Hier ist sein Eintrag zu diesem Thema aus seinem Blog für seinen Sponsor Arctic Securities.  


Qatar – 2015 endet doch positiv!

Das Qatar Masters Open 2015 war eine tolle Erfahrung. Das starke Feld, der Spielsaal, das Torch Doha Hotel, die Atmosphäre, der Sommer draußen und die Liebe zum Detail der Organisatoren haben es zu einem außergewöhnlichen Event gemacht. Und mir persönlich hilft es sehr, wenn ich siege.

Erfolg bringt natürlich Selbstvertrauen mit sich. Ich war von Natur aus immer optimistisch vor Turnieren und individuellen Partien. Als Jugendlicher spielte ich mehrheitlich gegen Spieler mit höheren Ratings, fühlte mich aber nie eingeschüchtert. Trotzdem hat meine nicht so brillante Leistung in den sechs Monaten vor dem London Classics mein normales Selbstvertrauen angeschlagen und ich musste mich stabilisieren, um wieder auf den richtigen Weg zu kommen. Ich war nahe dran, einige der ersten Partien in London zu gewinnen, aber vielleicht trug die Kombination aus einem etwas niedrigeren Selbstvertrauen und einer Herangehensweise, bei der die Sicherheit mehr im Vordergrund stand als am Anfang des Jahres, zu einigen verpassten Gelegenheiten bei.

In Qatar gelang es mir, dort weiterzumachen, wo ich in London aufgehört hatte (als ich zwei von den drei letzten Partien sowie das Tiebreak-Schnellschachmatch gegen M.Vachier-Lagrave gewann). Nachdem ich in der ersten Runde ein Remis vereinbarte, siegte ich in vier Partien hintereinander, einschließlich einer ziemlich spektakulären Partie gegen Chao Li (2750). 

Li Chaos toller Start in Qatar wurde durch Carlsen brutal gestoppt | Foto: Katerina Savina, Qatar Masters

Es gab an den Topbrettern mehr Remis als letztes Jahr und nach zwei Remis gegen Wesley So und Anish Giri lag ich immer noch mit in Führung und war in der vorletzten Runde an Brett 1. Trotz der schwarzen Figuren gewann ich schnell gegen Mamedyarov. Sein Angriffsplan hat einfach nicht funktioniert, aber er wollte verständlicherweise nicht d5 spielen und ein etwas schlechteres Endspiel beginnen, das ihm ein paar spaßfreie Stunden eingebracht hätte. Ein paar sorgfältige Verteidigungszüge reichten aus, um seinen Angriff zu entschärfen und mit einem Minusbauern drehte er durch und verlor sofort. Heute beschloß ich, mit Weiß gegen Kramnik auf Nummer sicher zu gehen. Kramnik war einen halben Punkt vor mir und musste gewinnen, schien aber mit einem schnellen Remis in einer aktuellen Ruy Lopez 5.Te1-Variante zufrieden zu sein.

Der Gewinner von letztem Jahr, der 21-jährige Yu Yangyi, beendete das Turnier auf beeindruckende Art mit zwei Siegen, inklusive eines Kampfsieges heute gegen Wesley So. Im Blitz-Tiebreak um den ersten Platz kam Yu nie in Gang. Ich gewann eine ordentliche Partie mit Weiß und als er im 16. Zug der zweiten Partie einen Fehler machte, gab er einfach auf. 7/9 und dann 2-0 in den Tiebreaks und ich hatte mein erstes Open in etwa 8 Jahren gewonnen!

Ich möchte Arctic Securities und meinen anderen Hauptsponsoren für die gute und angenehme Zusammenarbeit im Jahr 2015 danken und wünsche euch allen ein erfolgreiches Jahr 2016!

Magnus Carlsen, Doha, 29. Dezember, 2015


Emil Sutovsky gab seine Schach-Oscar-Nominierungen für 2015 ab:

Das letzte Topturnier von 2015 ist vorbei und es ist Zeit, das Jahr zusammenzufassen. Es gibt mehrere Wege, das zu tun und ich...

Gepostet von Emil Sutovsky on Tuesday, 29 December 2015

‌"Das letzte Topturnier von 2015 ist vorbei und es ist Zeit, das Jahr zusammenzufassen. Es gibt mehrere Wege, das zu tun und ich wähle den traditionellsten davon und präsentiere euch meine Liste für die Schach-Oscars 2015. Ihr seid herzlich dazu eingeladen, eure Version der Liste in den Kommentaren zu posten:

1. Magnus Carlsen (kein außergewöhnlich gutes Jahr nach seinen Maßstäben, aber immer noch sehr viel besser als das von allen anderen, mit der Schnellschachweltmeisterschaft, der Grand Chess Tour, Shamkir und Qatar in der Tasche)

2. Sergey Karjakin (gewann das wichtigste und härteste Turnier des Jahres, den Weltpokal, meiner Meinung nach viel wichtiger als Elopunkte. Außerdem eine fantastische Leistung im Russland-China-Match und eine gute letzte Vorstellung in Qatar)

3. Anish Giri (ein weiteres tolles Jahr für Anish, etabliert sich fest unter den Besten der Besten. Leider noch kein einziger Turniersieg bei den Topevents, weswegen ich Anish nicht noch höher einstufen kann)

4. Levon Aronian (Er ist wieder da, führte sein Team in den Mannschaftswelt- und europameisterschaften zum Sieg und gewann das vielleicht stärkste RR der Geschichte - Saint Louis 2015. Noch nicht stabil genug, um wieder an seinen gewohnten 2. Platz zu gelangen).

5. Vladimir Kramnik (die eher wenig überzeugende Spielweise vom Großteil des Jahres 2015 ersetzte er beim EuroCup und in Qatar durch frisches, hochwertiges Schach und tolle Ergebnisse, was ihn im weltweiten Rating auf den zweiten Platz katapultierte.)

6. Vachier-Lagrave (die ersten Monate von 2015 waren ein komplettes Desaster, aber Maxim war in der zweiten Jahreshälfte in allen Events erstaunlich gut, gewann Dutzende von Punkten in jedem Event, an dem er teilnahm, und gehört somit zu den absoluten Spitzenspielern)

7. Peter Svidler (ein Zug würde ausreichen, um ihn in meiner Liste auf den zweiten Platz zu bringen. Trotzdem, die Qualifizierung fürs Kandidatenturnier ist eine tolle Leistung, auch wenn andere Ergebnisse nicht so beeindruckend waren)

8. Pavel Eljanov (Wunderbare Performance im wichtigsten und härtesten Turnier des Jahres - dem Weltpokal - und viele Elopunkte gesammelt im Jahr 2015)

9. Ding Liren (gewann sechs Partien und teilte sich in Wijk den zweiten Platz, Boris Gelfand in dem Match auf überzeugende Weise zu schlagen ist meiner Meinung nach sehr beeindruckend)

10. Wei Yi (unglaubliches Jahr für den jungen Chinesen. Er verdarb es etwas mit der uninspirierten Performance in Qatar, aber seine frische Spielweise und außergewöhnlichen Ergebnisse in vielen Events machen 2015 zu einem erfolgreichen Jahr für Wei Yi) 

In einem russischen Post blickt er dann mehr im Detail auf das ganze Jahr zurück und beschreibt unsere Erwartungen für 2016. Im Folgenden die Übersetzung:


Ein kurzer Rückblick auf das Schachjahr

Carlsen ist immer noch der Beste. Obwohl er nicht mehr unbesiegbar wirkt, ist der Weltmeister im entscheidenden Moment fast immer in Topform, sodass er trotzdem die meisten Turniere gewinnen kann. Sein Gegner beim Weltmeisterschaftsmatch (November 2016) wird viel üben müssen, um realistische Hoffnungen auf einen Sieg zu haben. Das erscheint jedoch nicht mehr unmöglich.

Das Feld der Verfolger – 2015 waren Kramnik und Giri, Anand und Nakamura, Topalov und Caruana auf dem zweiten Platz… Es gibt in der weltweiten Hierarchie keine klare Nummer Zwei, obwohl die beständigsten Ergebnisse von dem jüngsten Herausforderer, dem 21-jährigen Anish Giri erzielt wurden. Stabilität ist jedoch nicht alles, und um ein Weltmeisterschaftsmatch zu gewinnen, muss man das zuerst Kandidatenturnier gewinnen (März 2016). Seltsamerweise hat Giri noch immer kein einziges Topevent gewonnen. Es wäre lustig, wenn sein erster Sieg beim Kandidatenturnier stattfinden würde.

Man könnte gut argumentieren, dass das Reggio Emilia-Turnier 2011-12 Giris erster Superturnier-Sieg war - da er am Ende vor Spielern wie Nakamura, Caruana, Ivanchuk und Morozevich lag. Dort traf er außerdem eine gewisse Sopiko Guramishvili - hier feiern sie sowohl Silvester 2012 als auch Sopikos Geburtstag! | Foto: Martha Fierro, Accademia Internazionale di Scacchi 

Junge Stars sind wie immer auch in der Schachszene aufgetaucht. Der 16-jährige Wei Yi spielte dieses Jahr auf so beeindruckende Weise, dass viele ihn bereits als einen von Carlsens Nachfolgern sehen. In meinen Augen ist das etwas verfrüht, obwohl der junge chinesische Spieler natürlich außergewöhnlich talentiert ist. Der erste ernsthafte Test seiner Fähigkeiten wird das Turnier in Wijk aan Zee im Januar 2016 sein, wo er gegen Carlsen und andere Elitespieler antreten wird. Bis jetzt haben es die chinesischen Spieler nicht geschafft, diese unsichtbare Grenze zu überqueren und keiner hat bis jetzt einen dauerhaften Platz in den weltweiten Top 10 erreicht.

Trotzdem ist das Fortschritt der chinesischen Spieler ein Thema für sich. 2015 gewann das chinesische Team die Mannschaftsweltmeisterschaft mit einer großartigen Leistung und bestätigte damit, dass sein Sieg bei der Olympiade 2014 kein Glücksfall war. Dem Rating zufolge gibt es sieben chinesische Spieler in den Top 40 der Welt. Ich würde mal vermuten, dass Wei Yi und der etwas ältere Ding Liren mit dieser bequemen Position im Hauptfeld nicht zufrieden sein und nächstes Jahr weiter nach oben klettern werden.

Die russischen Stars Vladimir Kramnik und Peter Svidler plaudern bei der Abschlusszeremonie des Qatar Masters | Foto: Maria Emelianova, Qatar Masters

Das Turnier des Jahres war der Weltpokal, der mit einem dramatischen Karjakin-Svidler-Finale endete. Im Allgemeinen haben die russischen Spieler im härtesten Turnier des Schachkalenders unglaubliche Ergebnisse erzielt. Urteilt selbst – drei Finale hintereinander (2011, 2013, 2015) wurden ausschließlich von Russen bestritten. Auf dem nächsten Level - dem Kandidatenturnier - jedoch, läuft es bisher sehr viel schlechter für sie. Das bevorstehende Kandidatenturnier findet jedoch in Moskau statt…

Im Damenschach gab es auch keinen Mangel an denkwürdigen Ereignissen. Die Spielerin des Jahres ist zweifellos Mariya Muzychuk aus der Ukraine, die den Weltmeisterschaftstitel in einem harten K.O.-Marathon gewann. Viele prophezeien, dass sie den Titel in dem Match gegen die langjährige Anführerin der Ratingliste der Damen, Hou Yifan, (März 2016) schnell verlieren wird, aber meiner Ansicht nach sind die Dinge etwas komplizierter. Mariya hat nicht nur die Weltmeisterschaft gewonnen, sondern diesen Sieg auch danach mit überzeugenden Ergebnissen unterfüttert. Außerdem kann man die außergewöhnliche Spielweise der ehemaligen Weltmeisterin Alexandra Kosteniuk während des Großteils des Jahres nicht ignorieren.

Mariya Muzychuk verteidigt 2016 in Lwiw ihren Weltmeisterschaftstitel gegen Hou Yifan | Foto: Anastasia Karlovich, sochi2015.fide.com

Das Jahr war letztlich sehr interessant, aber der Kalender für 2016 ist auch so rappelvoll mit Events, dass sich die Fans die Lippen lecken werden. Stellt euch nur mal vor: Weltmeisterschaftsmatches bei den Damen und Herren, das Kandidatenturnier, die Olympiade…

Es ist für mich auch eine große Freude, dass das Schachjahr mit einem Turnier beginnt, das den hundertsten Geburtstag von Paul Keres würdigt. Die ACP leitet das zusammen mit dem Estnischen Schachverband.

Tretet uns bei und entdeckt eure Liebe zum Schach!


Das 25. Keres Memorial ist ein Schnellschachturnier mit 11 Runden, das vom 7.-10. Januar 2016 in der estnischen Hauptstadt Tallinn stattfindet. Wie man an den ersten 15 Spielern des Line-Up sehen kann, ist das Feld sehr stark:

Natürlich müsst ihr aber nicht so lange warten, um wieder etwas Action zu sehen. Jon Ludvig Hammer hat im Rilton Cup 4/4 und soeben zum ersten Mal in seiner Karriere die Grenze von 2700 in der Live-Ratingliste überschritten. Heute tritt er gegen Maxim Rodshtein aus Israel an, dessen 4/4 einen Sieg gegen den Polen Bartosz Socko umfasst. Ihr könnt wie immer hier alles LIVE sehen, ab 15:00 MEZ.

Oh, und bevor wirs vergessen, frohes neues Jahr im Namen aller chess24-Mitarbeiter!


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