Berichte 13.06.2016 | 12:25von Colin McGourty

11 Schlüsse aus der Grand Chess Tour in Paris

Hikaru Nakamura hat die Grand Chess Tour in Paris gewonnen. Dank eines Zwischenspurts mit drei Siegen aus vier Partien lag er bereits zwei Runden vor Schluss uneinholbar an der Spitze. Magnus Carlsen bezeichnete seine Leistung „als klassischen Einbruch“, konnte aber immerhin für sich beanspruchen, als Einziger den Sieger in beiden Blitzpartien bezwungen zu haben. In unserem Rückblick schauen uns einige weitere Höhepunkte an, darunter wie Mr. 50 Prozent auch 50 Prozent erreichte und wie Vladimir Kramnik zeigte, wie ein Einbruch wirklich aussieht.

Nakamuras Rivalen können nur zuschauen, wie der Amerikaner den Siegerpokal überreicht bekommt | Foto: Lennart Ootes

Alle Partien der Grand Chess Tour in Paris könnt ihr mit Computeranalyse nachspielen, indem er die gewünschte Begegnung mit dem Selektor auswählt:

Und hier könnt ihr euch noch einmal Peter Svidlers und Jan Gustafssons Live-Kommentar des letzten Tages ansehen:



Kommen wir nun zu den Schlüssen, die wir aus diesem spektakulären Turnier ziehen können:

1. Nakamuras exzellenter Ruf bei kurzer Bedenkzeit ist gerechtfertigt


Hikaru Nakamura gilt schon immer als phänomenaler Blitz- und Bulletspieler im Internet, aber seit er sich auch im Normalschach in der Elite fest etabliert hat, hat er deutlich weniger Blitz- oder Schnellschachtitel gewonnen, als man erwarten könnte. In Paris allerdings spielte er von Anfang bis Ende stark. Er verlor keine Schnellpartie und im ganzen Blitzturnier nur drei Partien – zweimal gegen Carlsen und einmal gegen Maxime Vachier-Lagrave. Für unser Kommentatorenteam hatte er am Schlusstag schon klar das beste Schach gezeigt, bevor er seine Führung entscheidend ausbaute. Ihm unterliefen keine Einsteller, er war extrem zäh und konnte schlechte Stellungen retten, während er die remislichen gewann.

Ein gutes Beispiel ist die Diagrammstellung – Anish Giri in diesem Endspiel zu besiegen ist eine besondere Leistung, zumal der Sieg für die Gesamtwertung von (vor)entscheidender Bedeutung war. Der Endstand verhehlt ein wenig, wie eindrucksvoll Nakamuras Leistung war, denn er hatte das Turnier mit 2,5 Punkten Vorsprung bereits zwei Runden vor Schluss gewonnen.

Hikaru Nakamura sprach nach seiner Niederlage gegen Carlsen in der Schlussrunde mit Maurice Ashley:


2. Carlsen ist ein Mensch

Manchmal ist es schwer, Weltmeister zu sein... | Foto: Lennart Ootes

Von Magnus Carlsens Leistung in Paris wird vermutlich vor allem seine Lobeshymne auf Dimitri Payet im Gedächtnis bleiben… aber er lieferte sich mit Nakamura im ganzen Turnier ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Nach seinem Sieg gegen Wesley So in der ersten Runde des Tages lag er durch seinen sechsten Sieg in sieben Partien sogar gleichauf mit Nakamura. Im Nachhinein muss man aber unseren Kommentatoren zustimmen, dass es sich dabei nicht um ein Zeichen guter Form, sondern ein glückliche Wendung in schlechter Stellung handelte. Sos 28.Dd7? war schuld an der einzigen Niederlage des Tages für den Amerikaner:


28…Dxd1+!! war die brillante Widerlegung, wegen 29.Lxd1 Te1+ 30.Kg2 Lf1+ 31.Kf3 Se5+!, und der Springer gewinnt mit Gabel die Dame zurück.

Direkt danach verlor Carlsen klar gegen Caruana:

"Schönes Finale von Fabiano Caruana gegen Magnus Carlsen."

Da auch Nakamura verlor, erwiesen sich die Runden 13 bis 16 als entscheidend. In diesem Zeitraum verlor Carlsen drei Partien, während Nakamura dreimal siegte.


Magnus meinte hinter:

"Ich erlebte heute einen klassischen Einbruch, bin aber froh, dass ich wenigstens Zweiter wurde. Beim nächsten Mal wird's besser!

Damit ging er vermutlich etwas zu hart mit sich ins Gericht, da er gegen Aronian und Giri schöne Siege errang.

Magnus war bei der Abschlussfeier schon wieder guter Laune| Foto: Lennart Ootes

3. Fressinet ist ein guter Sekundant

Laurent Fressinet hätte um ein Haar seinen Chef besiegt | Foto: Lennart Ootes

Als der Gesamtsieg schon futsch war und ihm der zweite Platz schon lange nicht mehr streitig gemacht werden konnte, nahm Carlsen die Partie in der vorletzten Runde gegen seinen Sekundanten Laurent Fressinet wohl etwas zu locker. Er spielte laut Jan Gustafsson eine “Witzeröffnung” und erlebte um ein Haar die gerechte Strafe!


Einfach 38.Lc8 nebst Umwandlung auf a8 hätte Carlsens Untergang vollendet, aber stattdessen tauschte Fressinet mit 38.Tc8? die Türme, wonach der Springer den Bauern aufhalten konnte. Am Ende verlor er sogar noch…

4. Giri tut alles für seinen Ruf als 50-Prozent-Spieler

Apropos Witze… das Problem bei Anish Giri ist, dass er einem immer zuvorkommt.!

"Schöne Siege gegen Carlsen und Carauna. Ich tue alles, um wieder auf 50 Prozent zu kommen."

In der Tat, bei 36 möglichen Punkten war Giri der einzige Spieler, der die Traummarke von 18 erreichte, und es sogar schaffte, im Schnellschach und Blitz jeweils 50 Prozent zu holen. Kritisieren kann man eigentlich nur, dass er dabei sieben Siege und sieben Remis errang…

5. Wenn Kramnik schlecht spielt, spielt er sehr schlecht

In unserem Bericht von Tag 3 stellten wir die schönsten Einsteller zusammen, aber an Tag 4 reichte es, sich die Partien von Vladimir Kramnik anzusehen. Nach einem normalen Remis gegen Anish Giri verlor er mit Schwarz gegen seinen Erzrivalen Veselin Topalov - und danach offenbar völlig die Nerven. 

Vielleicht verbrachte Kramnik zu viel Zeit damit, alte Freunde in seiner früheren Heimat Paris zu treffen | Foto: Lennart Ootes

Einige Einsteller, wie der gegen Carlsen, waren schlicht unfassbar:


Seht ihr die versteckte weiße Drohung?  Kramnik nicht, denn er spielte 31…c4???? 32.Sxd8 und beeinflusste damit wenigstens nicht den Kampf um den Sieg, da er in der Runde zuvor gegen Nakamura ebenfalls einen großen Bock geschossen hatte.

Seinen einzigen hellen Moment hatte er gegen Levon Aronian, gegen den er eine extrem schwierige Stellung zäh verteidigte… an einer Stelle aber einen simplen Gewinn übersah! Krönender Abschluss war ein hübsches Selbstmatt gegen Wesley So:


45…f5??! 46.Sc5! g4! (das Ausrufezeichen kriegt er, weil er in verlorener Stellung nicht aufgibt) 47.Se6 Matt.

6. Kein Spitzenspieler ist einfach “beim Blitzen schlecht”

Zwei Spieler im Feld haben den Ruf, dass sie beim Blitz deutlich schlechter als beim normalen Schach seien – Fabiano Caruana and Veselin Topalov. In Paris jedoch konnten sie sich einigermaßen rehabilitieren. Caruana gewann neun Blitzpartien und schlug sogar den Weltmeister. Er gewann 78,8 Elo-Punkte hinzu und verbesserte sich um 54 Plätze auf 2743,8.

Auch Veselin Topalov schlug den Weltmeister sowie Vladimir Kramnik und verlor am Schlusstag nur eine Partie. Damit verbesserte er sich um 49,2 Punkte und 61 Plätze auf 2693,2.

"Sehr guter zweiterTag beim Blitzen. Einige gute Partien, vor allem die beiden."

7. Lennart Ootes ist ein toller Fotograf

Das Maison de la Chimie in Paris – und das Vivendi-Gebäude, das bei den Veranstaltungen vor dem Turnier genutzt – war wunderbar hergerichtet, aber man braucht immer noch einen großartigen Fotografen, der dies alles festhält. In unseren Berichten konnten wir zum Glück die Bilder von Lennart Ootes verwenden.

Der Mann, der für das Schach um die Welt reist, Lennart Ootes | Foto: Fiona Steil-Antoni

 

Könnt ihr jemanden erkennen? | Foto: Lennart Ootes

8. Die Schachwelt kann einiges von der Grand Chess Tour lernen

Die Grand Chess Tour hat frischen Wind in die Schachwelt gebracht. Die GCT freute sich, dass alle Züge und Videos in der gesamten Welt übertragen werden konnten, und tat mit ihrem Hauptsponsor Vivendi alles dafür, dass die weltweite Popularität des Schachspiels zunehmen kann. Sie kümmerten sich auch um das örtliche Publikum und erkannten, dass es trotz der weltweiten Fans im Netz wichtig für die Atmosphäre ist, Zuschauer vor Ort zu haben.

Almira Skipchenko und Yannick Pelletier kommentierten für die zahlreichen französischen Fans vor Ort | Foto: Lennart Ootes

9. MVL ist ein echter Lokalmatador

Zurück aufs Schachbrett. Unterm Strich überzeugte neben den beiden Topspielern nur Lokalmatador Maxime Vachier-Lagrave. Der Franzose verlor weniger Partien als Carlsen, blieb am Schlusstag ungeschlagen und war der einzige Spieler, der außer Carlsen Nakamura besiegen konnte. Hätte er seltener remis gespielt, hätte er am Ende um den zweiten Platz kämpfen können. Auf jeden Fall hatte er den großen Beifall auf der Schlussfeier mehr als verdient.

Maxime enttäuschte seine Fans mit einem Platz auf dem Podium keineswegs | Foto: Lennart Ootes

10. Das Format ist knallhart

Der Kollaps, den ein grandioser Spieler wie Vladimir Kramnik am Schlusstag erlebte, zeigt, wie anstrengend das Turnier in Paris war. Vor allem der erste Tag mit fünf langen Schnellpartien war knallhart für die Spieler, Kommentatoren und Schachfans. Auch beim Blitzen dauerte alles länger, da nicht mit 3 Minuten + 2 Sekunden, sondern 5 Minuten + 2 Sekunden gespielt wurde. Einigen Beobachtern gefiel das gar nicht:

"Ich liebe Schnellschsch und Blitz wirklich, aber kann man die tägliche Übertragung nicht auf 3 bis 4 Stunden statt dieses 6 bis 8-stündigen Irrsinns begrenzen? Niemand hat so viel Zeit..."

Andererseits zeigen die Besucherzahlen auf chess24, dass die Anzahl der Leute, die gleichzeitig zuschauen, steigt, je länger eine Partie oder ein Turnier dauert. Zudem gibt es kein perfektes Format. Mit diesem wurde zumindest der Zufall auf ein Minimum reduziert, und wenn schneller gespielt worden wäre, wäre ein anderes Problem aufgetreten, nämlich, dass es unmöglich wird, mehr als eine Partie gleichzeitig zu verfolgen.

Wenn man nicht weiß, wo man hinschauen soll... | Foto: Lennart Ootes

Vlad Tkachiev, der einer der größten Befürworter kürzerer Bedenkzeiten ist, besteht darauf, dass nur eine Partie gleichzeitig auf der Bühne stattfinden soll – wie es in den goldenen Zeiten des Grand Prix unter der Ägide der PCA/Intel war. Das würde K.O-Turnier bedeuten, was ebenfalls Probleme aufwirft.

11. Die Spieler müssen sich vor Leuven etwas überlegen

Nach einer kurzen Pause geht es schon wieder weiter! Die zweite Etappe der Grand Chess Tour findet nächstes Wochenende in Leuven statt, von Freitag, den 17., bis Montag, den 20. Das Format wird mit dem in Paris identisch sein, aber dieses Mal werden Jan Gustafsson und Anna Rudolf alle Informationen rund um das Turniergeschehen liefern.

Während es bei Spielern wie Carlsen und Nakamura vermutlich nur um ein wenig Feinabstimmung geht, werden andere wie Wesley So und Levon Aronian sich die Frage stellen müssen, wie sie in den Kampf um den ersten Platz eingreifen können. Fast alle wissen nun, was sie erwartet, außer natürlich Vishy Anand, der mit seinen Blitz- und Schnellschachfähigkeiten normalerweise in den Kampf um den Sieg eingreifen kann.

Was ist Eure Meinung? Eure Prognose könnt ihr als Kommentar abgeben!

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