Meinung 21.01.2016 | 09:44von WIM Fiona Steil-Antoni

10 Schachtiefpunkte im Jahr 2015

Im ersten Teil meines Rückblicks auf das Jahr 2015 habe ich mir meine persönlichen Schachhighlights des Jahres angeschaut. Es war ein sehr actionreiches Jahr im Schach, aber es gab nicht nur tolle Ergebnisse, fantastische Events und bemerkenswerte Züge. Im folgenden Artikel führe ich euch durch einige Ereignisse, die das Jahr meiner Meinung nach in einem negativeren Licht erscheinen lassen. Zur Erinnerung: wie die Highlights stehen die folgenden 10 Punkte nicht in einer bestimmten Reihenfolge.

1. Wesley Sos genullte Partie bei der US-Landesmeisterschaft

Wesley So verlässt benommen den Spielsaal des Sinquefield Cup

Die Tatsache, dass Wesley So aufgrund von ein paar Notizen genullt wurde, ist vermutlich nicht nur das bizarrste Ereignis des Jahres 2015, sondern auch das schockierendste, das ich je erlebt habe. In der 9. Runde der US-Landesmeisterschaft wurde Wesley So (der zu der Zeit Weltranglistenachter war) vom Hauptschiedsrichter nach nur sechs Zügen genullt, weil er sich für sich selbst Motivationshilfen aufgeschrieben hatte, zunächst auf seinem Partieformular und dann auf einem separaten Blatt Papier. Obwohl die Entscheidung, So eine Null zu verpassen, aus rein rechtlicher Sicht legal gewesen sein mag, ist meine persönliche Meinung, dass man auch eine andere, taktvollere Lösung und/oder Bestrafung hätte finden können.

2. Carlsens Verhalten bei der Blitzweltmeisterschaft in Berlin

Ich vermute, die meisten von euch kennen dieses Video von Magnus Carlsen (das von NRK Sport veröffentlicht wurde). Darin zeigt er sich ziemlich unzufrieden mit seiner Spielweise bei der Blitzweltmeisterschaft im Oktober 2015 in Berlin. Und das ist noch vorsichtig ausgedrückt. In dem legendären Video sieht man Magnus Stifte werfen, laut fluchen und seine Unzufriedenheit äußern, als das Publikum für Ivanchuk applaudierte. In einem gewissen Sinne finde ich es nett und sogar etwas beruhigend zu sehend, dass der Weltmeister auch nur ein Mensch ist, aber auf der anderen Seite: wenn sich alle Spieler so benehmen würden, nur weil sie ein schlechtes Turnier erleben, was würden sie dann für ein Bild von unserem Sport vermitteln und was für ein Vorbild wären sie dann noch für die jungen Spieler und Fans da draußen? Natürlich ist mir klar, dass das Video vermutlich nicht wenige auch amüsiert hat, aber ich hoffe, dass es das letzte Mal war, dass wir so einen Zornausbruch von dem führenden Schachvorbild der Welt erlebt haben.

3. Sanktionen gegen Kirsan Ilyumzhinov aufgrund mutmaßlicher Verbindungen zu Syrien

Am 25. November veröffentlichte das US-Finanzministerium eine Pressemitteilung mit dem Titel ‘Finanzministerium sanktioniert Netzwerke, die die Regierung von Syrien unterstützen, einschließlich dafür, Ölkäufe vom IS seitens der syrischen Regierung zu ermöglichen’. Ein Ausschnitt des Abschnittes über Ilyumzhinov lautet folgendermaßen: ‘Kirsan Ilyuminzhov wurde heute genannt, weil er die syrische Regierung, die Zentralbank Syriens, Adib Mayaleh und Batoul Rida materiell unterstützt oder in ihrem Namen gehandelt hat.’ Daraufhin veröffentlichte FIDE am 6. Dezember eine Stellungnahme, die besagte, dass Ilyumzhinov ‘sich von allen rechtlichen, finanziellen und geschäftlichen Tätigkeiten der FIDE zurückziehen würde’. Theoretisch bedeutet das, dass er Präsident bleibt, die FIDE aber offiziell von Georgios Makropoulos vertreten wird, während Kirsan ‘sich darauf konzentriert, die Situation mit dem US-Finanzministerium zu klären’. Es wird jedoch interessant sein zu sehen, wie sich die Geschichte entwickelt, da das Weltmeisterschaftsmatch 2016 ja in den USA stattfinden soll.

4. Hexenjagden

Wie der Fall Gaioz Nigalidze (und viele andere, insbesondere der des berüchtigten Borislav Ivanov) gezeigt haben, wird Betrug in der modernen Schachwelt immer mehr zum Problem. Ein Phänomen, das jedoch leider Hand in Hand mit Betrug geht, ist die Hexenjagd, bei der Spieler zu Unrecht des Betrugs beschuldigt werden. 2015 gab es ein paar solcher Fälle, aber derjenige, über den (bei weitem) am meisten berichtet wurde, ereignete sich bei der Europameisterschaft der Damen. In Chakvi wurde Mihaela Sandu von einer Gruppe von Spielerinnen öffentlich des Betrugs beschuldigt, nachdem sie einen perfekten Start mit 5/5 hinlegte.

Mihaela Sandu bei der Europameisterschaft der Damen in Chakvi | Foto: Fiona Steil-Antoni

Als jemand, der vor Ort war, und als gute Freundin Mihaelas möchte ich mich hier nicht mitreißen lassen. Sagen wir einfach, dass ein paar Sachen, die in Chakvi geschahen, wirklich verabscheuungswürdig waren. Ich hoffe, dass die Leute in Zukunft gründlich nachdenken, bevor sie unbegründete Anschuldigungen machen, und dass Maßnahmen ergriffen werden, damit Spieler einander nicht leichtsinning beschuldigen können.

In der Hotellobby wurden zwei Beschwerdebriefe aufgehängt | Foto: Fiona Steil-Antoni

5. Konsequenzen der Einführung des K-Faktors 40

Seitdem die FIDE für Junioren bis 18 Jahre und mit einem Rating unter 2300 einen K-Faktor von 40 eingeführt hat, waren wir Zeugen einer unglaublichen Anzahl von sprunghaften Ratinganstiegen. Ich bin zwar dafür, die Fortschritte von jugendlichen Spielern zu unterstützen, denke aber, dass man das auch mit weniger drastischen Maßnahmen schaffen könnte. Dass ein Spieler sein Rating in nur drei Monaten von 1949 auf 2517 erhöhen kann ist einfach Quatsch. Einflussreichere Leute als ich haben sich darüber bereits im Laufe des letzten Jahres beschwert und ich hoffe, dass FIDE sich dieser Sache 2016 annimmt. 

6. Frankreichs unglücklicher 4. Platz bei der ETCC

Die Tatsache, dass Russland bei der Mannschafts-Europameisterschaft Gold gewann, findet in meinen Highlights von 2015 Erwähnung. Die Leistung war umso beeindruckender, als sie alleine auf dem ersten Platz landeten. Dabei befanden sich drei Mannschaften mit 13 Punkten gemeinsam auf dem zweiten Platz und das eine Team, das letztlich keine Medaille erhaschen konnte, war Frankreich. Wie im 4. Punkt unserer Rückschau auf die ETCC betont wird, hatte Frankreich nicht nur großes Pech, als das Team keine Medaille gewann, sondern Armenien und Ungarn waren tatsächlich überrascht, dass sie vor Frankreich lagen (das gegen Ungarn remis gespielt und Armenien geschlagen hatte). Ich bin mir jedoch sicher, dass die französische Mannschaft mit voller Kraft zurückkehren wird und bei der Olympiade in Baku im September wieder um die Medaillenränge kämpfen wird.

Die Kapitäne geben sich vor dem Auftakt Frankreich-Ungarn die Hände: Sébastien Mazé und Judit Polgar | Foto: Fiona Steil-Antoni

7. Carlsens Niederlage durch Zeitüberschreitung in der ersten Runde bei Norway Chess

Die Tatsache, dass Magnus Carlsen zum dritten Mal in meinem Jahresrückblick auf 2015 erscheint, zeigt, was für ein ereignisreiches Jahr es für den Weltmeister war. Um es mit Magnus' eigenen Worten zu sagen, 'die Höhepunkte waren ziemlich hoch, aber die Tiefpunkte tiefer als sonst'. Einer dieser Tiefpunkte war ein Verlust auf Zeit (auch noch in einer Gewinnstellung) gegen Topalov in der ersten Runde des Norway Chess, bevor er letztlich im eigenen Land auf einem unterdurchschnittlichen fünften Platz landete. Darüber, wem diese schockierende Niederlage zuzuschreiben war, ist schon viel diskutiert und geschrieben worden, aber eine Lektion, die man vielleicht von diesem Vorfall lernen sollte (und auf die sich die meisten Topspieler scheinbar einigen können), ist, dass es gut wäre, bei allen großen Turnieren ein- und dieselbe Zeitkontrolle zu verwenden.

8. Veselin Topalovs Talfahrt am Ende des Jahres

Nachdem Veselin Topalov in der ersten Runde von Norway Chess von Magnus' Unkenntnis der Zeitkontrolle profitierte, vernichtete er das Feld und landete klar auf dem ersten Platz mit 6,5/9. Er erzielte dann solide 50% beim Sinquefield Cup, aber danach ging alles bergab. Der Bulgarier war als Anführer der Grand Chess Tour und Weltranglistenzweiter (mit einer Elo von 2803) zum London Chess Classic gereist, aber ein letzter Platz mit einem tristen Score von 2,5/9 ließ ihn nicht nur auf den 6. Platz in der Schlussplatzierung der GCT abstürzen, sondern auch auf den 9. Platz in der Weltrangliste von Januar 2016, mit einem Rating von 2780. Ich bin mir jedoch sicher, dass Veselin sehr bald wieder in Topform sein und uns 2016 mit seinem fantastischen Angriffsschach verwöhnen wird.

9. Die Kontroverse um die Grand Chess Tour Tiebreaks

Im ersten Teil dieses Rückblicks habe ich erwähnt, dass die Tiebreaks zwischen Svidler und Karjakin mein persönliches Highlight von 2015 waren, was die Spannung angeht, aber das Play-Off am letzten Tag des London Chess Classic kam auch nahe dran. Ein paar Runden vor Schluss hätten wenige ein Play-Off prophezeit und noch weniger hätten auf ein Play-Off zwischen drei Spielern getippt. Dennoch passierte genau das und die Spieler waren Carlsen, Giri und Vachier-Lagrave. Da Carlsen die beste Feinwertung des Turniers hatte, wurde er vom ersten Mini-Match freigestellt, in dem MVL Giri nach einem fesselnden Kampf besiegte.

Das Play-Off zwischen MVL und Giri war ein Thriller für sich | Foto: Fiona Steil-Antoni

Carlsen gewann letztlich das 'Finale' gegen Vachier-Lagrave und damit sowohl das London Chess Classic als auch die Grand Chess Tour. Es gab jedoch Diskussionen darüber, dass MVL Giri zwar geschlagen hatte, in der Turnierplatzierung jedoch nur Dritter wurde. Aus diesem Grund verpasste er die Qualifizierung für die GCT 2016 um einen wirklich dünnen Hauch.

Maxime war deutlich verwirrt, als er - kurz vor seinem Play-Off gegen Giri - herausfand, dass er sowohl Anish als auch Magnus schlagen musste, um sich für die GCT 2016 zu qualifizieren | Foto: Fiona Steil-Antoni

Sowohl Schachfans als auch andere Spieler drückten ihre Unzufriedenheit mit den geltenden Feinwertungsregeln aus und der erste, der seine Meinung kundtat, war kein Geringerer als GCT-Teilnehmer Hikaru Nakamura:

‌Die GrandChessTour ist eine interessante Idee, aber diese Tiebreaks sind nicht in Ordnung. Für Preise in dieser Größenordnung muss jeder gegen jeden spielen."

"Sehr enttäuscht davon, dass diese Tiebreaks vermeintlich um den ersten Platz gingen und Vachier-Lagrave nun vom 3. auf den 4. Platz und damit aus der GCT 2016 stoßen."

Insgesamt würde ich dennoch sagen, dass die ursprüngliche Grand Chess Tour ein großer Erfolg war und wenn die Regeln etwas justiert werden, verspricht uns die zweite Ausgabe noch mehr Weltklasse-Schach.

10. Schach schafft es aus den falschen Gründen in die allgemeinen Nachrichten

Im Allgemeinen sind Schachspieler glücklich, wenn unser Spiel der Könige es in die Nachrichten schafft, aber nicht, wenn das aus den falschen Gründen passiert (was leider zu oft der Fall ist). 2015 gab es vier notorische Beispiele dafür, von denen ich zwei bereits erwähnt habe: Nigalidzes ‘Toilettenskandal’ und Ilyumzhinovs mutmaßliche Verbindungen nach Syrien. Ein weiteres Beispiel, mit dem viele von euch vertraut sein werden, ist Nigel Shorts Artikel über Frauen im Schach (der von New in Chess veröffentlicht wurde). Er führte zu Überschriften wie ‘Nigel Short: Mädchen haben einfach nicht den Grips, um Schach zu spielen’ in großen Zeitungen in der ganzen Welt. Ohne im Detail auf das Thema eingehen zu wollen, finde ich Nigels Originalartikel gar nicht so falsch und ich denke eher, dass manche Leute aus einer Mücke einen Elefanten machen. Das ist jedoch nicht der Fall bei dieser letzten Kurzmeldung, die den Europäern vielleicht nicht bekannt ist: der brasilianische GM André Diamant soll seinen 6 Jahre alten Sohn dafür bezahlt haben, Alkohol zu trinken und floh dann in die USA, wo er in einem gut bekannten Universitäts-Schachteam eingeschrieben war.


Das waren also meine persönlichen Schach-Highlights und -Tiefpunkte aus dem Jahr 2015! 2016 können wir uns auf spannendere Events als vielleicht jemals zuvor freuen: zusätzlich zu den ganzen traditionellen Superturnieren wird es das Weltmeisterschaftsmatch der Damen zwischen Mariya Muzychuk und Hou Yifan, das Kandidatenturnier, die Schacholympiade und nicht zuletzt das Weltmeisterschaftsmatch zwischen Magnus Carlsen und seinem Herausforderer geben.

In dem folgenden Video schauen Jan und ich uns die wichtigen Events von 2016 an und treffen Vorhersagen darüber, wer die großen Gewinner sein werden.

Ich hoffe, euch hat die Show gefallen, und lade euch dazu ein, uns im Kommentarbereich zu sagen, ob ihr uns zustimmt oder wo ihr anderer Meinung seid (oder ob ihr eine Meinung zu meinen zehn Tiefpunkten - oder Highlights - habt).


Fiona Steil-Antoni

Fiona ist zur Zeit Autorin bei chess24. Sie fing im Alter von neun Jahren an Schach zu spielen, gewann 2010 den WIM-Titel und bei der Olympiade 2006 eine Goldmedaille an Brett Zwei. Sie hat beim Reykjavik Open, beim PokerStars Isle of Man International Tournament, bei der Mannschafts- Schacheuropameisterschaft 2015, dem London Chess Classic und dem Qatar Masters Open als Pressesprecherin, Kommentatorin oder Interviewerin gearbeitet.




Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 18

Guest
Guest 3404751708
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.