Meinung 19.01.2016 | 14:12von WIM Fiona Steil-Antoni

10 Schachhighlights im Jahr 2015

Es war ein extrem aufregendes und ereignisreiches Schachjahr und es wurde schon viel darüber gesagt und geschrieben, einschließlich der Artikel mit dem Besten von 2015 und Shipovs Rückblick. Meine zehn Punkte sind nicht in einer bestimmten Reihenfolge aufgeführt, da ich alles bunt gemischt habe: Spieler, Mannschaften, Events und Partien.

1. Magnus Carlsen — Spieler des Jahres (wieder einmal!)

Letztes Jahr gelang Magnus Carlsen das unglaubliche Kunststück, alle drei Weltmeistertitel zu gewinnen. 2015 verlor er seinen Titel im Blitzschach, das hielt ihn aber nicht davon ab, nicht weniger als fünf klassische Superturnieren zu gewinnen: Tata Steel Chess, Grenke Classic, Shamkir Chess, London Chess Classic und dem Qatar Masters Open.

Nachdem er Mitte des Jahres einige Hindernisse überwand, war Magnus im Dezember wieder in Topform | Foto: Fiona Steil-Antoni

Als ob das nicht genug wäre, wurde er auch noch zum Schnellschach-Weltmeister gekrönt und gewann die Grand Chess Tour (im wahrsten Sinne des Wortes) im letzten Augenblick. Über Magnus' Leistungseinbruch bei einigen Events (insbesondere bei Norway Chess im eigenen Land und bei der Mannschafts-Schacheuropameisterschaft) wurde viel geschrieben, aber um es mit den Worten des Weltmeisters zu sagen:

‌"Ende gut, alles gut."

2. Andere herausragende Spieler

  • Hikaru Nakamura: Der Amerikaner kam nahe an Carlsens Rekord heran, da er vier Turniere gewann: Gibraltar, Zürich, die US-Meisterschaft und das Millionaire Chess Open. Abgesehen davon überschritt er zum ersten Mal in seiner Karriere die Grenze von 2800 und qualifizierte sich für das Kandidatenturnier 2016, indem er beim FIDE Grand Prix Zweiter wurde.
  • Sergey Karjakin: Das ehemalige Wunderkind gewann den vermutlich aufregendsten World Cup aller Zeiten nach einem spannenden Finale (bei dem nicht eine Partie von zehn remis endete!) gegen Peter Svidler. Im August besiegte Sergey außerdem im Alleingang die ganze chinesische Mannschaft bei einem Freundschaftsmatch zwischen China und Russland.
  • Pavel Eljanov: Ein weiterer Weltpokaltheld. Pavel, warf Spieler wie Jakovenko, Grischuk und Nakamura aus dem Turnier, bevor er selbst von dem späteren Sieger Karjakin in einem dramatischen Halbfinale gestoppt wurde. Falls ihr es verpasst habt, schaut euch dieses Interview mit dem sympathischen ukrainischen Großmeister an.
  • Anish Giri: Das Wunderkind aus den Niederlanden hat immer noch kein großes Turnier gewonnen, aber 2015 vollbrachte er die außerordentliche Leistung, drei Etappen der Grand Chess Tour lang ungeschlagen zu bleiben und insgesamt mehr Punkte zu gewinnen als alle anderen. Anish startet daher als Weltranglistendritter in das Jahr 2016, mit einer Elo von 2798.

Wer ist für euch der Spieler des Jahres 2015?


3. Doppel-Gold für Russland bei der Schach-Mannschaftseuropameisterschaft

Nach einer acht Jahre langen Flaute der Herrenmannschaft (die bekanntermaßen seit 2002 auch keine Olympiade gewonnen hat) haben sich die Russen vermutlich sehr über das historische Double in Reykjavik gefreut. Ein Spieler, der mit den Erfolgen der Mannschaft besonders zufrieden zu sein schien, war Alexander Grischuk:

Falls ihr ihn noch nicht gelesen habt, solltet ihr euch Peter Svidlers Bericht über den Weg der Russen zum Sieg anschauen. Übrigens, nachdem Judit Polgar sich im letzten Sommer aus dem Profischach zurückzog, feierte sie in Island ihr Debüt als Kapitänin und führte die ungarische Mannschaft zu einer Bronzemedaille.

Während sich Alexandra Kosteniuk vor der Partie konzentriert, machen Valentina Gunina und Aleksandra Goryachkina Scherze mit den Trainern der Damenmannschaft, Riazantsev und Rublevsky | Foto: Fiona Steil-Antoni


4. Gold für China bei der Schach-Mannschaftsweltmeisterschaft

Nachdem das chinesische Team die Olympiade 2014 in Tromso überraschenderweise gewann, setzte es seine Erfolgsserie mit einem Sieg bei der Mannschaftsweltmeisterschaft 2015 in Armenien fort. China hatte außerdem das jüngste Team des Events aufgestellt: Ding Liren, Yu Yangyi, Bu Xiangzhi, Wei Yi und Wang Chen. Es wird interessant zu sehen, wie sich die Chinesen bei der nächsten Olympiade in Baku schlagen werden.

5. Die 'Comeback Kids'

Meiner Meinung nach gibt es drei Spieler, die sich durch Leistungseinbrüche und beeindruckende Comebacks auszeichneten: Levon Aronian, Maxime Vachier-Lagrave und Vladimir Kramnik. Im August 2015 war Levon zum ersten Mal seit Januar 2009 aus den Top Ten der Welt gefallen. Ein Absturz seines Ratings auf 2765 brachte ihm in der Ratingliste von August 2015 den elften Platz ein. Auf derselben Liste war der als MVL bekannte Franzose auf einen schockierenden 24. Platz gefallen, mit einer Elo von 2731. Währenddessen hatte der ehemalige Weltmeister Kramnik das Jahr 2015 auf dem 8. Platz und mit einem Rating von 2783 begonnen. Seit dem 1. Januar 2016 sind jedoch alle drei Spieler wieder dort, wo sie hingehören: Kramnik an zweiter Stelle mit 2801 (der Russe ist abgesehen von Carlsen der einzige Spieler mit einem Rating über 2800), Aronian auf dem vierten Platz mit 2792 und Vachier-Lagrave an siebter Stelle mit 2785. Es ist der höchste Platz, den Maxime je auf der Ratingliste innehatte, und ich bin sehr gespannt darauf, was diese drei Spieler uns 2016 zeigen werden.

6. Qatar Masters Open — Turnier des Jahres

Ich hatte das Glück, bei diesem fantastischen Event zum Media Team zu gehören, aber ich glaube nicht, dass ich deshalb voreingenommen bin, wenn ich das Qatar Masters Open zu einem der außergewöhnlichsten Turniere erkläre, die je stattfanden. Setzlistenerster war kein Geringerer als Weltmeister Magnus Carlsen (übrigens, das letzte Mal, dass ein amtierender Weltmeister an einem offenen Turnier teilnahm, war Boris Spassky bei dem Canadian Open im Jahr 1971) und der Weltranglistenvierzehnte, Peter Svidler, kommentierte das Turnier und festigte damit seinen Titel als bester Kommentator der Welt: 

‌"Peter Svidler ist bei weitem der beste Schachkommentator. Schwer zu glauben, dass er tatsächlich auch noch ein sehr starker Schachspieler ist!"

Peter Svidler leitet die Live-Kommentierung mit Alejandro Ramirez | Foto: Fiona Steil-Antoni


Die Spielbedingungen waren perfekt und Turnierdirektor Mohamed Al-Modiahki gelang es sogar, Fußballspieler Xavi (Weltmeister und Legende vom FC Barcelona) dazu zu bringen, den Eröffnungszug der dritten Runde zu machen.

Obwohl Anish Giri auf den e2-Bauern zeigte, wollte Xavi die Partie mit 1.Ke3 beginnen | Foto: Fiona Steil-Antoni


Das Turnier war außerdem das stärkste 'Open' (also immerhin für Spieler über 2300 zugänglich) der Geschichte, das Feld der 132 Spieler hatte ein durchschnittliches Rating von 2529. Mehr als die Hälfte der Spieler waren GMs und 17 von diesen 71 hatten eine Elo über 2700. Alle Zahlen und Statistiken erfahrt ihr in diesem zusammenfassenden Video. Außerdem wurde ein umwerfendes Schlussvideo mit allen Turnierhighlights veröffentlicht.

Die Sieger des Qatar Masters Open 2015 | Foto: Fiona Steil-Antoni


 7. Ein Betrüger auf frischer Tat ertappt

Den Betrugsskandal um Gaioz Nigalidze hatte ich eigentlich auf die Liste der schlimmsten Momente gesetzt, aber nach einigen Überlegungen und den Ratschlägen von ein paar Freunden beschloss ich, dass das erste Mal überhaupt, dass ein Betrüger auf frischer Tat ertappt wurde, letztlich doch ein Highlight war. Es war tatsächlich das erste Mal, dass ein Betrüger in flagranti erwischt, von der FIDE Ethikkommission verurteilt und entsprechend bestraft wurde. Aber der Reihe nach: in der sechsten Runde des Dubai Open 2015 wurde GM Gaioz Nigalidze — der amtierende georgische Landesmeister — dabei erwischt, wie er sein auf der Toilette verstecktes Handy während seiner Partie gegen Tigran Petrosian verwendete. Hier auf chess24 erfahrt ihr alles über den Vorfall und könnt euch Vlad Tkachievs hochinteressante Meinung zu Betrügern durchlesen. Am 24. Dezember 2015 kündigte die FIDE Ethikkommission an, dass Nigalidze für drei Jahre gesperrt werden würde und seinen GM-Titel verlieren würde.

8. Mariya Muzychuk — Spielerin des Jahres

Obwohl Hou Yifan wieder einmal ein gutes Jahr hatte und die Ratingliste der Damen (nach Judit Polgars Rückzug) mit einem Vorsprung von 90 Punkten anführt, muss der inoffizielle Titel der Spielerin des Jahres definitiv an Mariya Muzychuk gehen. Die jüngere der beiden Muzychuk-Schwestern lieferte beim Weltpokal in Sotschi eine beeindruckende Leistung ab und wurde mit erst 22 Jahren zur Weltmeisterin gekrönt, nachdem sie Natalia Pogonina im Finale schlug. In der Damen-Ratingliste von Januar 2016 ist sie auf dem dritten Platz; sie wird ihren Titel im März in einem Match in Lwiw gegen keine Geringere als Hou Yifan verteidigen. Während Hou Yifan im Vorfeld dieses Events sehr beschäftigt ist, bestand eine Kuriosität des Jahres 2015 darin, dass Mariya Muzychuks Partien bei der ukrainischen Landesmeisterschaft (die Anfang Dezember stattfand) geheimgehalten wurden.

Maria Muzychuk neben ihrer Schwester Anna bei der ETCC in Reykjavik | Foto: Fiona Steil-Antoni




 9. Königsjagden — Partien des Jahres

Über diese Partien wurde schon viel gesagt und geschrieben und ich werde nicht groß ins Detail gehen, aber wenn ihr es noch nicht getan habt, sorgt dafür, dass ihr folgende drei Meisterwerke nachspielt:

  • Khismatullin - Eljanov: Khismatullins 44.Kg1! wurde von vielen als Zug des Jahres gefeiert und als Eljanov aufgab, stand sein eigener König auf h4.

Stellung nach 44.Kg1!
  • Navara - Wojtaszek: Bis zum 30. Zug hatte es Navaras (weißer) König bis hin zu h8 geschafft! 

Stellung nach 30.Kh8
  • Wei Yi - Bruzon: Ein taktisches Juwel - als Bruzon das Handtuch warf, hatte er einen Mehrturm, aber sein König war auf h3 etwas zu sehr in Gefahr.


Schlussstellung nach 36.Le1

10. Peter Svidler — die beste und zugleich die schlechteste Performance beim World Cup

Zu guter Letzt unser Peter Svidler. Der Russe vollbrachte das beeindruckende Kunststück, sowohl die beste als auch die schlechteste Leistung in einem einzigen Turnier zu zeigen. Beim Baku World Cup überraschte Peter viele dadurch, dass er überhaupt ins Finale gelangte und sich damit für das Kandidatenturnier 2016 qualifizierte. Danach schaffte er es jedoch nicht, in seinem letzten Match gegen Sergey Karjakin eine imposante 2-0 Führung zu verwandeln. Nachdem es Karjakin gelang, den Score in den klassischen Partien auszugleichen, trafen die beiden Spieler in einem der wohl aufregendsten Tie-Breaks der Geschichte und meinem persönlichen Highlight (in Bezug auf die Spannung) von 2015 aufeinander. Unglaublicherweise spielten die Spieler in keiner einzigen der zehn Partien dieses denkwürdigen Finales remis. Peter ist jedoch nie um Worte verlegen und akzeptierte seine Niederlage voller Würde:


‌"Immerhin habe ich jetzt eine lange Pause, um wieder zu lernen, wie man atmet. Oh, warte..."

"Außerdem möchte ich es nicht versäumen, meinen guten Freund Lawrence Trent (lobend) zu erwähnen. Schau mir in die Augen, Kleines."

"Wenn man so viele Schüsse auf ein leeres Tor vorbeihaut wie ich im Finale, verdient man den Sieg nicht"

"Glückwunsch an Sergey Karjakin, er behielt seine Nerven besser, als es ums Ganze ging - was am Ende den Unterschied ausmachte"

"... aber habt ihr euch nicht gut unterhalten?"

"Es sollte nicht sein"

Als nächstes folgen die "Lowlights"!

Das waren meine persönlichen Highlights für das Jahr 2015! Wenn ihr findet, dass ich etwas übersehen habe oder ihr eure Ansichten zu dem Thema mit mir teilen wollt, nutzt einfach den Kommentarbereich unter dem Artikel. 
Demnächst erscheint außerdem ein Anschlussbeitrag mit meinen zehn Tiefpunkten des Jahres.

Fiona Steil-Antoni

Fiona ist zur Zeit Autorin bei chess24. Sie fing im Alter von neun Jahren an Schach zu spielen, gewann 2010 den WIM-Titel und bei der Olympiade 2006 eine Goldmedaille an Brett Zwei. Sie hat beim Reykjavik Open, beim PokerStars Isle of Man International Tournament, bei der Mannschafts- Schacheuropameisterschaft 2015, dem London Chess Classic und dem Qatar Masters Open als Pressesprecherin, Kommentatorin oder Interviewerin gearbeitet.



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