Berichte 02.11.2015 | 23:56von Colin McGourty

7 Dinge, die wir beim Bilbao Masters 2015 erfuhren

Wesley So hat das Bilbao Masters 2015 für sich entschieden, nachdem er zuerst punktegleich mit Anish Giri vorne lag, dann aber Fehler desselben Gegners im folgenden Tiebreak ausnutzte. Ding Liren und Vishy Anand teilten sich den dritten (bzw. letzten) Platz, nachdem sie bis zuletzt keine Partie gewinnen konnten - doch zumindest kämpften sie bis zum Schluss in Gestalt eines 68-zügigen Remis weiter, welches länger dauerte als alle drei Partien zwischen Giri und So. Betrachten wir nun die sieben Dinge, die wir bei dieser Veranstaltung gelernt haben.

Die Siegermütze passt Wesley So | Foto: Bilbao Masters

1. Das 3-Punkte-System garantiert keine entschiedenen Partien

Das Wertungssystem mit drei Punkten für einen Sieg, einen für ein Remis und keinen bei einer Niederlage wird oft als das "Bilbao-System" bezeichnet, da es zum ersten Mal beim Grand Slam 2008 in Bilbao angewandt wurde. Es zielt darauf ab, ein Spiel auf Sieg zu ermutigen, jedoch gab es auch schon Kritik daran, da es z. B. drei Siege und eine Niederlage höher wertet als zwei Siege und zwei Remis (9 bzw. 8 Punkte).

Der Endstand sah Wesley So und Anish Giri mit 8 Punkten vorne (5 Remis, 1 Sieg), während Ding Liren und Anand nur auf 5 Punkte (5 Remis, 1 Niederlage) kamen | Foto: Bilbao Masters

Das war dieses Jahr kein Problem. Obwohl die Grand Slam Turnierserie nun eine ferne Erinnerung ist, gab es dieses Jahr die achte Ausgabe des Bilbao Masters... und das mit den bisher wenigsten Entscheidungen. Nur zwei von zwölf Partien mit klassischer Bedenkzeit sahen einen Sieger: So gegen Ding Liren 1:0, und Giri - Anand 1:0; die restlichen zehn Partien waren Remis. Ihr könnt alle Partien unterhalb mit dem Selektor nachspielen: 

Fabiano Caruana sinnierte:

2. Manchmal reicht schon eine großartige Partie

Wenn man ein Turnier mit nur einer gewonnen Partie für sich entscheidet, ist es hilfreich, wenn sie spektakulär ist! Die wunderschöne Zertrümmerung Ding Lirens Königsinder durch Wesley So war es würdig, jeden Wettbewerb zu gewinnen, und liess beide Spieler in gutem Licht da stehen. Solltet ihr es versäumt haben, gibt es hier nochmals Jans Zusammenfassung vom Geschehen auf Video:

3. Wesley So ist ein Katzenmensch

Nach seinem Remis gegen Anand in der dritten Runde verriet So im Interview nach der Partie, dass er zur Vorbereitung oft eine Katze auf dem Brett herumwandernd oder schlafend auf seinem Schoß hat. Wesley war überrascht, dass Leontxo García bei der Preisverleihung nach dem Wettbewerb zu diesem Thema zurück kehrte:

Hast du deine Katze während des Turniers vermisst?

Ja, das habe ich. Wir haben zu Hause zwei Katzen und ich verstehe mich mit dem Kater besonders gut, aber morgen kehre ich zurück!

Leontxo fügte später hinzu, dass So nächstes Jahr seine Katze mitnehmen könne. 

Das Hauptelement der Abschlussfeier (vom berühmten Hut abgesehen!) war Wesleys Rede, in der er das Wort "unglaublich" sehr oft verwendete, auch in einer bescheidenen Stellungnahme für einen jungen Star, der bereits unter den besten Zehn steht:

Es war wirklich eine unglaubliche Erfahrung, hier gegen die besten Spieler der Welt zu spielen, und natürlich hatte ich vor dem Turnier nicht damit gerechnet, hier zu gewinnent.

Ihr könnt die Abschlussfeier unterhalb nochmals mit verfolgen:

4. Anish Giri kennt seine Eröffnungen

Na gut, das ist vermutlich etwas, das wir schon vor dem Turnier wussten; aber Anish Giri zeigte erneut, dass er (beinahe) alles weiss, was es über die Anfangsphase der Partie zu wissen gibt. Das war natürlich sichtbar, als es ihm gelang, niemand anderen als Vishy Anand im siebenten Zug zu überraschen und bis zum zwölften Zug auf Gewinn zu stehen, aber es war auch in der letzten Partie mit klassischer Bedenkzeit sichtbar.

Anish Giri stellt seinen Gegnern in seiner üblichen Rolle Probleme zum Lösen aufs Brett | Foto: Bilbao Chess

Wesley So hatte Weiß und eine Gelegenheit, den Tiebreak zu vermeiden, aber es gelang ihm nicht, daraus einen Vorteil zu erreichen. Giri entzog der Stellung mit 17. ... b5! die ganze Energie


Auf den ersten Blick scheint das einen Bauern zu verlieren, aber Anish hat alles perfekt durchgerechnet, und alles, was Wesley noch übrig blieb, war die Art des Remis zu bestimmen. Das reine Ergebnis war, dass beide Spieler 90 Minuten Vorbereitungszeit für den Blitzschach-Entscheid hatten.  

5. Sogar Supergroßmeister machen unter Druck Fehler

Giris Angewohnheit, seine Partien gut zu beginnen, setzte sich im Tiebreak fort, und So gab auf Nachfrage hin an, was bei seinem Tiebreakerfolg der Schlüsselmoment war:

Ich brauchte Glück! Ich stand in beiden Partien schlechter und Anish spielte gut.

In der ersten Partie hatte sich Giris Vorteil in Luft aufgelöst, als kurz nach dem 40. Zug die Katastrophe hereinbrach, als er sich gedacht haben muss, dass 41. Txd5 von So ein Fehler sei:


Zuerst lenkte Giri den weißen König von der Deckung des Läufers auf d3 mit 41. ... b3+ 42. Kb2 ab, dann "entfesselte" er die Springergabel 42. ... Sf4, und dann gab er nach 43. Tf5+ auf - ups! Zur Verteidigung des Niederländers sollten wir daran erinnern, dass das 4-Minuten-Blitzschach mit 3 Sekunden Aufschlag pro Zug war.

Die Tiebreak-Entscheidung lockte ein großes Publikum vor Ort an | Foto: Bilbao Masters

Hier könnt ihr sehen, wie Giri sehr gute Arbeit leistet, seine Gefühle nach dem entscheidenden Fehler zu verbergen (weitere Videos aus Bilbao):

Das bedeutete, dass Giri die zweite Partie gewinnen musste, um eine letzte (Armageddon-)Partie zu gewinnen. Er unternahm einen beherzten Versuch, doch beide Spieler übersahen während einiger selbstmörderischer Springermanöver einen Kniff:


39. Lg8+! hätte die schwarze Dame gewonnen, da 39. ... Kh8 von Sg6+ beantwortet wird. Statt dessen folgte 39. Sxf5 Sxg2 40. Kxg2 Dxf5, und obwohl Giri bald einen Mehrbauern hatte und bis zum 98. Zug weiterspielte, konnte er dieses Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern nicht gewinnen.

6. Ding Liren ist mutig (tollkühn?)

Die chinesische Nummer Eins, Ding Liren, scheint keine Angst zu kennen | Foto: Bilbao Chess 

Es gibt verschiedene Arten von Mut; wie z. B. Jan Gustafssons Fragestellungen, als Kricket-Fan Peter Svidler zum Kommentar der sechsten Runde dazustieß:

Jan: Bist du ein Baseball-Mensch? Ich weiß, du bist Cricket-Mensch. Ist Baseball mehr oder weniger das gleiche Spiel?

Peter: Du hast gerade Glück, dass du nicht im gleichen Studio sitzt. Es gäbe Androhungen körperlicher Gewalt.

Ihr könnt das und noch viel mehr (was etwa unsere Großmeister über die 40 Minuten "klassischer" Bedenkzeit, die nächstes Jahr in Zürich geplant sind, denken) im folgenden Video sehen:

Jan ist vergleichsweise weniger für seine Tapferkeit am Schachbrett bekannt, aber Ding Liren beginnt damit, sich einen Ruf zu erarbeiten. Seine Wille, sich auf irrsinnige Komplikationen einzulassen, ließ ihn einen großen Anteil an Wesley Sos Erstrundensieg haben, und er überraschte unser Kommentatorenteam auch weiterhin mit dem Spielen auf eine hässlich aussehende Stellung. In der vierten Runde provozierte er Wesley So zu 17. ... f4, was ein Zug ist, den sich Schwarz oftmals erst erkämpfen muss.


In der sechsten Runde gab es einen weiteren einprägsamen Ding Liren-Moment. Die chinesische Nummer Eins hatte soeben seine Dame von d4 auf e3 gestellt, als Anand 17. ... Sc4 spielte. Der offensichtliche Zug war, nun mit der Dame nach d4 zurück zu kehren, wonach wir auch ein Remis hätten sehen können, hätte Anand auch seine Züge wiederholt.


Nach einer Niederlage und vier Remisen für jeden wäre das vermutlich beiden Spielern recht gewesen, wie Peter Svidler anmerkte:

Für beide war das eine Art Reinfall, denke ich. Es war sicher kein Desaster, aber keiner dieser beiden Spieler hatte das volle Potential in diesem Turnier abgerufen, und da beide nicht mehr um den ersten Platz mitspielten wäre die Idee, es einfach abzuwickeln und zum nächsten Wettbewerb weiter zu fahren...

Dieser Gedankengang wurde unterbrochen, als Ding 18. Df2!? spielte, das selbstverständlich bald von 18. ... e3 beantwortet wurde, womit die Dame eingesperrt war. Svidler setzte fort:

Man soll nie den Kampfgeist der chinesischen Spieler unterschätzen. Ich mag diesen Zug nicht besonders, aber ich applaudiere dem Geist dahinter!

Einmal mehr gab es ein gutes Ende für Ding Liren, der später den Bauern e3 gewinnen sollte. Als er später noch einen Bauern einsammelte, spielte er sogar auf Sieg, aber die Möglichkeiten waren schon zu klein und es blieb beim Remis.

Man könnte behaupten, dass Ding Liren mit einem Hoch aus dem Turnier ging, während es für Vishy ein Turnier zum Abhaken und Vergessen war. Wie wir jedoch in den letzten beobachten konnten, hat der frühere Weltmeister ein wenig seiner früheren Konstanz eingebüßt, aber in Bestform kann er noch immer jedes Turnier gewinnen. Warten wir's ab, was bei den London Chess Classic im Dezember passieren wird!

Die Video-Autoren Vishy Anand und Paco Vallejo hatten beide anstrengende Turniere in Bilbao | photo: Bilbao Chess

7. Ein großartiges Turnier verdient bessere Technik

Das schnelle Remis zwischen So und Giri machte den Weg für einen faszinierenden Tiebreak zwischen zwei der größten Talente in der Schachwelt frei. Es hätte ein perfektes Ende für das Turnier sein können, bei dem Svidler eifrig darauf wartete, auf Englisch kommentieren zu können. Doch dann erfuhren wir, trotz einer 90-minütigen Pause zwischen dem Ende der Partie und dem Beginn des Tiebreaks, dass es wahrscheinlich nicht möglich sein würde, die Züge live zu senden - die Zuspitzung der Probleme mit den PGN-Files, die sich durch das Turnier hindurchzogen (wir ersparen euch die Details). Svidler war schockiert:

Mir hat es kurzzeitig die Sprache verschlagen, was bei mir nicht einfach ist, wie ihr wisst... Es ist sehr bedauerlich, da ich denke, dass es sehr interessant wäre, gleichzeitig dabei zuzusehen und kommentieren zu versuchen.

Es stellte sich später heraus, dass das sprichwörtliche Ziehen des Steckers auch nichts half... in jedem Fall konnten die Partien live nur über eine Quelle mit niedriger Auflösung ohne der Möglichkeit zurückzuspulen gesehen werden, und es war schwierig, die Züge zu erkennen. Die spanischen Kommentatoren erledigten ihre Arbeit sehr gut, was der großen Mehrheit der nicht-spanischsprachigen Schachfans keine große Hilfe war. Das Endergebnis war, dass das, was im großen Finale des Turniers stattfand, nur im Nachhinein rekonstruiert werden konnte.

Das Bilbao Masters und die Iberoamerikanische Meisterschaft finden im beeindruckenden Campos Elíseos Theater statt | Foto: Bilbao Masters

Hoffen wir darauf, dass solche technischen Fehler gelöst werden können, und - noch wichtiger, dass das Bilbao Masters nächstes Jahr zurück sein wird. Immerhin ist beinahe alles andere vom Feinsten, und Sopiko Guramishvili merkte in unserer Übertragung an, dass der Veranstaltungsort der Bilbao Masters zu den besten gehöre, die sie je gesehen habe. 

Vishy Anand wechselt mit seinem Nachfolger als Gewinner des Bilbao Masters einige Worte | Foto: Bilbao Masters

Eine Zusammenfassung der Geschehnisse präsentiert IM Nikolas Lubbe in diesem Video:


Weitere Links:


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